sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand
durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn
man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen
Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!«
abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die
Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein
unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl
in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden
Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte.
Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich
aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so
unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des
Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche
Popularität in Seeland erworben.
* * * * *
Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner
trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern
und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des
Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes
der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das
Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am
Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu
gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der
Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur
Seite gestanden.
Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden
Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe
und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben
sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein
Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine
ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen
Arbeitszimmer zog; -- auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt,
also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu
denken!
Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter -- »sie muß einen
wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.
Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in
Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze
Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer
Aller Ankunft beschleunigt hatte.
»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend
machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur
Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts
als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«
»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die
Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu
hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen!
Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr
zu bieten.«
»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann
doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«
»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen
Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage,
hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes
in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene
anderes Sinnes zu machen!«
Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und
Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend
dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den
Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der
mißfälligen Vermählung für sie.« -- Alslev war traurig geworden, im
Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und
betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, +jede+ nicht
standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder,
welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich
aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche
Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war,
keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen
gestellt!
Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend
um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen;
natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau
vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück,
während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller
äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der
unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein
fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht
Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer +Mutter+ Kind; an
Reichthum ist ihr ganz und gar +nichts+ gelegen, obschon sie dessen
bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie
versteht zu +wollen+! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte
der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen
und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es
angemessen!«
Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene
schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide
Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus
Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem
dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«
»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er
der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen
Fingerspitze da in meiner Hand!«
»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine
Brüder Ihnen gesagt und -- folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«
»Die Brüder haben recht, Helene!«
»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder
Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt
war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter
Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel
erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist
indessen Geschmackssache) -- als nun vor kurzem mein dritter Bruder
eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er -- o
da fandet Ihr +Alle+, daß er +recht+ hatte; denn eine junge Frau ist
liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht
beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder
profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? -- Ich habe doch wahrhaftig
+den+ Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie
nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine
sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht
gegeben, weil sie ihm den Apfel -- --«
»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht
heirathen --«
»Und warum?«
»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau
zu ernähren! Und bis dahin --«
Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen
Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie
vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest
und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem
Hause bin. Lesen Sie einmal hier --«
»Helene!«
Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich
kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu
befehlen, gar nicht -- auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«
Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz
schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich
und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in
die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen!
Helene! Helene!«
Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.
Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie
ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten
Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.
Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen
und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den
erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger
Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und
Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen
Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der
Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu
regieren, +meine+ Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist
mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die
ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«
* * * * *
Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an,
von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog
die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der
Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast
jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten
Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich
um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der
gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung
standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen.
Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen,
und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen,
als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen
verspäteten Gast verkündete.
Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die
Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.
Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig
verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es
schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet
nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«
»-- Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie
ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich,
Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen
Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei
uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich
für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und
er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und
uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm
erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn
heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr
Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte
immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der
Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas
zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«
»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« -- In diesem
Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein,
den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten
Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen,
der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch
gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer
Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in
Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich
ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und
Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's
eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch
zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht,
lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren
über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«
»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und
Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten
seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es
denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem
Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu,
in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen!
Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes
Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen
Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk
schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf
und zwanzig Jahren uns!«
»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus
Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr
dem Vater übergabt!« --
»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den
die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn
begrüßen aus Herzensgrund.«
Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer
entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel
mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren
Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer
sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er
sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie
hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie;
»doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt,
fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen -- --«
»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß
+Alles+ noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche;
ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr
Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«
»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau --
»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die
Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen;
sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis
auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt,
wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der
Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -- »Ach, auch ich
weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den
Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und
ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen
werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen;
dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren
Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«
Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne
des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern
Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »+das+ ist das Büchlein,«
und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die
beschriebenen Blätter, »+das+ ist Großvaters Hand,« -- »dies Mutters
Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie,
Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! --
»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal
geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der
Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, -- dann
fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der
hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« --
»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als
Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten
uns zu lieb zu tragen.« --
»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl
erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er
die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie
jubelnd und jauchzend den Kindern -- dichter und dichter umdrängten ihn
diese. --
»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und
dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig
Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele,
viele Meilen umfaßt!«
Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er,
»allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch
nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber
Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich
ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe!
Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und
breit, -- wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre
mir das Leben! -- Bücher fehlen mir sehr! +die+ sind theuer, denn zu
Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -- und das ist
die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«
»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. -- »Ei nun, seit dem
die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und
Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den
herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna,
ohne Säen und Pflanzen!«
Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den
Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden
Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger
und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die
+Natur+ an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des
Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich
gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor
der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht
hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«
»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den
Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er
vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand,
hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev
vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen,
Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt
lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue
Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«
Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung
und ging bald über auf's Allgemeine. --
Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem
wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch
zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als
daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die
Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium
an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges
Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies
war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich
überwältigend. Er stand +noch+ mit trauernder Seele am Grabe der jungen
schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und
die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle
geendet.
Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen
Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln
und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln
und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes
individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian ~VII.~ durch
Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit
sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach
Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister
damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und
fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am
Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen
Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen
gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt,
beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter
der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des
Augenblicks.
Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf
seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die
Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht
wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in
ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens
reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns
selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um
Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und
durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr
erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden
und die Brandstätte des Gammel-Holms, -- seit drei Monaten liegt ein
Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, -- nun Ehrwürden, ist's nicht
wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen
zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im
Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch
mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock,
den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem
alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder
hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit,
während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu
uns redet!«
Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre
Hände an seine Lippen. --
Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene
Christian auf sie, -- er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald
plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte
Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und
Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie
ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen,
+sie+ wird glücklicher sein!« -- Die kleine Nordermule aber warf sich
innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und
Leiden, -- »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise,
vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner
in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache
Schleier gehüllt!
Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island
im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein
im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte
sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts
über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter.
Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch
Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor
Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die
alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen
Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden,
vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill
möglichst sicher zu sein.
Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen
Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens
zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher
Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr
mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal
ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein
schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig,
ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen,
er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro
Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel:
Schach! --