Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war

von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was

er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie

sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und

ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der

ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.

Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf

ein Canapee oder in eine ~Chaise longue~, -- sie saß ganz still und

ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes

eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter

herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf

sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie

betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im

Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine

Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus -- sie antwortete

eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -- Die Cousine war fest

eingeschlafen.

Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten

in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem

unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten

sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei

gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz

verkümmern kann!

Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte

sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse

in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen

Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden -- und seltsam,

und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja

vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der

Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt!

Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen,

den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus

entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes

aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in

Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther

Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, -- wenn

er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren

Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt

theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte

nicht weiter. --

In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große

Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! -- trostlos warf er sich auf

die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, -- etwas Bestimmtes zu

erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie

lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er

rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die

er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er

zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort

Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern

als er selbst -- und -- in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie

die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in

der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie

einem Andern angehören! --

Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken

ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn

der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es

schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte.

»Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie

aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre

Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island;

Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück!

Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen,

um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen,

vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu

sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem

Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja

nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das

Zimmer. --

Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein

abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel,

deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum

heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als

Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt!

-- Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben

sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine

Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte

Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden

Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem

geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich

Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des

bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen

umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch

dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von

zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen

überdeckt, -- den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild

aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken

Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom

Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige

Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt;

im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden

Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale

die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen

fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, --

vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe

in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter

trägt! --

Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten

Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß

hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein

schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen

Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in

strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer

innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und

Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.

Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von

plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt

auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er

die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine

Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand,

war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der

Geliebten leben sollte, -- abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne

Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen,

ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein

lang -- immer, immer so fort, bis in's Grab! --

Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum,

keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden

Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn

umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel,

die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre

Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur

einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort

begegnet! hätte nur +eine+ Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!

Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen

gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment

der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen,

+dem+, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot

die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen

dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus

dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch

er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft

flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu

mäkeln!« -- »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem

Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«

* * * * *

»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, -- denn kein

Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen

heiligen Schmerz berührt hätte! -- Als er fort war, erschien Ulrike

wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß

und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die

Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, -- er hielt sie für

krank und nannte das Uebel eine Erkältung.

Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner

Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite

Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem

auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er

dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare

Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß

in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu

verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.

Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage

unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges

Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen

Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch

dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm

gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und

Anmaßung des jungen Mannes. --

Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den

Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, -- am zweiten Juni

legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit,

von welcher sie erst nach vielen Monden genas. -- Genas? ja, sie

stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede

Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist

unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden

starrend, in ihren Zimmern sitzen, -- von einer Präsentation am Hofe,

von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.

Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer

Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit

Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.

Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an -- und

erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That

wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -- ihn

durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte

um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des

unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam

überwuchs!«

»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der

begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, -- sie wurde --«

»+Wahnsinnig!+« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte

ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der

ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß

verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem

stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't,

trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der

Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben

hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; -- ihr nicht mit in

das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin

großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.

Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings;

in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren

Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt

zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen

künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte

ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache

desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von

dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen,

Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur

einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr -- ach, nur selten

gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde

Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah,

war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang

sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett

die Tänze, die sie mit ihm getanzt -- oder bewegte sich im Rhythmus

derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister -- andere Male

hielt sie allein Stunde mit sich selber -- es lag eine so seelenvolle

Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten

konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen

Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben

mußte. -- Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die

Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter

war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen

bestimmten Posten im Hause bekleidete. -- Ach, nur zu bald gestattete

ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im

Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte

man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie

plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich

abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht

mehr.«

»Und der Großvater?« fragte Helene.

»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht

weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in

die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders

nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging

zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und

Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er +nie+, man glaubte dort,

sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun

erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer

seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte

+nie+ dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im

Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns

umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung,

wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch

mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und

Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen

Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, --

daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange

Jahre hindurch schön --«

»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert

vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest,

ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine

Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und

anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und

ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. -- Die

Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es

schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über

die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem

Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich

kann nicht mehr -- -- Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« -- Die Nordermule

hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen

sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis

der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen

schmerzlich berührte!

Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen

sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit

der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst

bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite

Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der

Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen,

Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und

durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu

verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen

einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den

nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb

immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus

anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte

vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber

angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder

andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn

auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon

auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante

Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft

dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst,

»auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister

er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche

Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um

vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund

nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«

Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt

aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm?

ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten

zu beginnen.

Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte

er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in

Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen

einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch

verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.

Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen

Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der

Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu

benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung,

daß sie dieselbe erhalten.

Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns

großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen

Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit,

fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit«

eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen

vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr

großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London,

Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche,

ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller

Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens

neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände

zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie

von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen

Sitten-Einfachheit der höhern Stände.

Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden

literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein

freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr

Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung

und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht

abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein

bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.

In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen,

welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei

weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität

war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen

Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich

überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische

Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf

das Hofleben einwirkte.

Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt

hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit,

und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück

Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde

ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein

besonderer Umstand zu statten.

Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon

gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei

seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich

machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin

die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich

in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in

den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. -- Während der häufig

drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb

die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer

stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie,

wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren

inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche

Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle

ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit

dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau

Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel

des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in

Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen

Personals.

Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch

sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad

Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende

Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan,

und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm

entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von

seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen.

Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art

Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein

»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.

Eine dänische Geschichte: Roman · 第 6 / 11 段