fort, »wie nach Graf Owens Tod --« sie vermochte noch nicht »mein
Schwiegervater« zu sagen -- »nachdem ich schon fast ein Jahr hier
auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine
Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es
wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und
Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender
Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen -- es war
darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste
Stellung zwischen den Bauern und +seiner+ Familie, besonders den
Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein
Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt;
ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich
in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -- so
lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im
fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen,
von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in
meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, -- ihre Absicht
Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen
verlierend, -- »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war
so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu
immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite
und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit;
-- nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz,
als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war
stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die
man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin
vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche
Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir
nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer
großen Milcherei umgewandelt; -- als wir in den viereckigen Hof traten,
blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer
gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang
das Brüllen des reichlichen Viehstandes -- an einer andern Stelle
sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im
Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf -- jetzt
öffnete sich die Thüre, mein Vater -- er war ein Greis geworden --
erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte
über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum
vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt
Ihr mich noch?« -- mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne
Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging
er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er
bewillkommnend küßte -- mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem
Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den
versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte
mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an;
jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren
sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen
mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den
Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu
treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! -- Mir
schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und
führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles
geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten
Sessel -- Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt.
Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in
eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen
des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich
rief; -- beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort
mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur,
daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater
und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie
wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine
Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre
gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche,
setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige
Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! -- Christian
versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und
ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben
sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm
im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen
Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach
heute.« -- Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete
mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen,
als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im
Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater
und Brüder dem Wagen -- o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge
so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich
ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig
wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der
beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den
Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch
und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders
großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und
entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr.
Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -- ach Gott!
dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian
zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite -- die Pferde zogen an, wir
rollten fort; -- als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager
erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es
habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« --
Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und
empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für
einen Moment in den Hintergrund gedrängt.
Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf
zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe
Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten
den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch
zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei
der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung
als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen
Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß
zu dem Mädchen das man +heirathen+ will, mit einer Heimlichkeit des
Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von
Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so
schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde
er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben,
die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art
von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig
frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer
Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle
sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren,
wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich
gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren
über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel
und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes
zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei
ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu
sein durch eigene Schuld.
Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde
der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert
sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die
Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach
wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges
zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse
gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht
nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle,
wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer +andern+ Verbindung
sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine
Art Bürgschaft, ein ~bonheur allemand~, daß das hereinbrechende
Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren
sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an;
aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und
augenblickliche Rückreise Thoralds.
»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits
gesehen haben,« sagte der Künstler, -- ihn verletzte der Stachel
geheimen Mißtrauens, -- »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen
nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«
Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er
einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur
Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu
bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht
von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte
er scharf. -- Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg,
den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht
verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen
-- er zögerte einige Secunden -- --
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse
die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde,
schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -- es war
dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht -- mein
Herr? Nein, ich muß einen Boten --«
Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog
bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und
in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der
Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu
verhindern -- »ich werde ihr das Billet +senden+,« sagte er kurz.
Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und
schrieb.
Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als
Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des
Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen
seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht
fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn
indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht,
denn das Blatt ging ohne Siegel; -- Christian hatte sich in anständiger
Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb,
waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die
Solution eines naturhistorischen Problems -- fast hatte er die ganze
Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete
es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende
verließ sich darauf, daß Helene +zwischen+ den Zeilen durch zu lesen
verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen
anvertraut.
Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen
Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu
gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein
Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann
wandte er sich dem Schlosse zu.
Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen
das Billet überbrachte -- sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva
die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.
Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte
sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen
-- daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur
Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir
Entschluß und Handlung auf! -- Was können sie mir denn thun, diese
hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante -- nein,
nein, +die+ Zeiten sind vorbei!«
Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug
ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen.
Sie trat an das noch offene Fenster -- der Wind erhob sich eben, es
war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den
Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen
aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern
des Schloßbaues -- es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es
ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen
Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem
tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen
Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann
urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit
dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die
See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen
zu entgehen gemeint; -- Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein,
drüber hin ras't eine Welle, -- wieder eine -- so fort Woge um Woge!
Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde
tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht
nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; -- wie ein
Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth -- und
mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der
klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften
Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur
See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender
Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen
Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle,
glückliche Fahrt.
* * * * *
Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem
Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen.
Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht.
Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen;
der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig
sein Kommen ganz einzustellen. -- Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr
schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem
Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel
erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht -- im Hause schien
Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu
Bette geschickt.
Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut --
endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie
wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; -- plötzlich
erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr
gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der
Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.
Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an
den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute,
wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer
angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine
prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem
niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken
Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich
in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem
seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben,
ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.
Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern
kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief
herunter, daß es fast die Knie berührte.
»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante
Ulrike Seele!« -- hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand
auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger
Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer
gewahrte.«
Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine
liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck
gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte
Scheu, lächerlich zu erscheinen; -- alle von der Natur stiefmütterlich
behandelten Menschen haben sie. -- Die Alte hob die Hände vom Gesicht
und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. -- »Bist Du
unwohl?« fragte sie besorgt.
»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht
schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden,
aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren,
erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so
schmerzlich hängt -- sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur
wir vielleicht eben vertilgen!«
In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter
auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie
zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich,
»ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles
eigentlich der Familie --«
»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese
Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue
Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines
ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«
»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.
»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des
Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen
zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte,
bitte.«
Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die
Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst
versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber
mit höchster Begeisterung erzählte.
»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf
Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf
Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei
welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge
bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen
Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte
seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der
alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein
die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz
zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen
Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt,
wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen
vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen
aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie
der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über
Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber
war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen -- er
durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.
Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig
Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der
Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern
Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie
kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in
die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit
Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest.
Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern,
und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art
Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug,
qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der
Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden,
kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete
er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer
nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten
entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse
studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine
gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu
erzürnen.
Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten;
eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte
desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an
der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet.
Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen,
der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen
Informator bekannt machen könne« -- das war das erste Mal, daß er über
eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen,
der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen
Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen
Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht
gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den
farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das
zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung
-- man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses
gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit
des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer
Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter
Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.
Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie
umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden
ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen
Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die
Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich
nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr
eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den
Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich
zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
Draußen brach sie in helle Thränen aus -- ihr war unsäglich glücklich
zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet.
-- Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem
Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der
alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die
Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des
Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres
Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und
den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt,
in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte
gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn
Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das
Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine
Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken,
und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling
zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der
Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch
Jahre vergehen, -- meinte er selbst, -- ehe ihm eine Pfarre zugetheilt
würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß
noch Gelehrtere, Würdigere als er -- und allerdings regte sich damals
noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.
Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes
Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas,
das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war
der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde
gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!
Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich,
sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der
lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an
welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der
Bürgerkrieg, der sich um Christian ~II.~ willen bis auf diese schon
damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen
Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt
lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum
Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte
-- ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild
in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen
Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die
schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt
gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie
wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.
Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist
-- dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr
harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist
niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der
Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz
ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in
äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es
nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald
diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren,
welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um
sich sah -- ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken
einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die
ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu
Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern
Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete
Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie
still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von
Raubthieren und Schlangen uns erzählen.
Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb
Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer
zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift
Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum
zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft,
der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und
gebrechlich. --
Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen;
Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste
am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß
untergebracht, der neue Unterricht begann. -- Um die üblichen Tänze
einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden
werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch
deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten
zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie
waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben
ihrem Glück keinen Namen.
So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ
das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines
Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit
überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren.
Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken
gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -- er runzelte die Stirn und
schwieg.
* * * * *
Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang,
-- zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im
Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. -- Einmal begegnete er
Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen
großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug --
Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch
finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit
dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein
geheimes Grauen.
Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten
und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen,
Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre
Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste
auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt
zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als +Braut+ wieder
heimzuführen.