Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers,

oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen

Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des

vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig

gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen

sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten.

Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten!

Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten

Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren,

Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen

Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße

kleiner Wiesenblumen, -- Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen

und Aufsätze, -- Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht

als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen

Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich

abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines

jungen Mannes. -- Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche

die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner

Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch

einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer

jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. -- Alles war mit

sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der

fürstlichen Erzieherin Ulrikens.

Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten,

und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der

beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und

schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und

betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge,

die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den

Candidaten, -- »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. --

»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte

kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah

sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch

auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es

leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.

Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, --

am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme

Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden

Räume verlassen, -- der Anblick war ihr unerträglich.

Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten,

entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze

Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne

Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen

in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod

nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu

bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden,

diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.

Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte

sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre.

»Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses

bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick

auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie

ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn

deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott

mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß

des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die +Lösung+ dieses traurigen

Räthsels!«

»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen

Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld -- wenn

es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«

Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des

Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher

Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen;

»es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone

hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner

nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest --

komm setze Dich zu mir.«

Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie

hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen

Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu

wissen schien, davon zu reden; -- so hängt auch das edelste, zarteste

Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! --

»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe

ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen

Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip

des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in

unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit

der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen

in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im

Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und

sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen

überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man

auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen

versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und

eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde

Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe

überwuchert haben! -- Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem

Leibe inwohnende +Seele+ ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch

Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen

Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne,

sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen

Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf +einem+ ihnen allen

eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort

Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und +so+ wird denn Fluch und

Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt,

bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« --

Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter

Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten

eines Schwärmers?

»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des

vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende

Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen

brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des

Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten

Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch

zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum

wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über

unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der

leergewordenen Existenz zurückläßt!«

»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir.

Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner

Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und

zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich

+seinen+ Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die

Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin

Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte

sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel,

das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter

(der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der

jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche,

geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit

einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn,

unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.

Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte

er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann

aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt,

auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen!

Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen

der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen,

entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens;

war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer

kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr,

von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! -- Aber die Verblendung des

unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter

fort auf der entsetzlichen Bahn, auch -- dem eigenen Kinde, das diesem

Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der

Mutter gekostet -- dem Neugebornen +fluchte+ er. -- Der unnatürliche

Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns

Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder

versagen, als gebühre +uns+ die Buße seiner Schuld.

Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in

den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene

Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten

dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war

kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet,

wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und

Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn

nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn

endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige

Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen

Anblick vermeiden zu können. --

Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben --

selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte,

vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er

nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er

sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im

eigenen Vaterhause. --

Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren

düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste

Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang

ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum

damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur

Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière,

wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren

Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte -- ja es nicht einmal zu

wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille

und Abgeschiedenheit erstrebte. -- Als er mündig und durch seines

Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die

Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen

gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie -- hiermit

beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«

»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl

ward erwiedert.«

Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne

geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer

Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das

Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es

zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward

sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die

seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die

seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück

begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich

im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt;

ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch

auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen

unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer

Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! --«

* * * * *

Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben

Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes -- »aber die Tante,

wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller

Entsetzlichste! war sie denn --«

Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung

fortzufahren -- in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer

Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das

Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war

aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken

zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal -- zufällig

wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu -- sie

war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der

Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage

eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm -- wie der Blitz stand

Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er

gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in

dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen

derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen

Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt.

-- Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen,

von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der

Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr

zu geben. --

»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein

von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« -- Besinnungslos vor

aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten

herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber

keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die

Mündung des Gewehrs seitwärts. -- »Unsinniger!« rief sie mit strafender

fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der

willig sich mit Füßen treten läßt?«

Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das

zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee,

ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen

wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva

von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen,

was um Gotteswillen giebt es hier?« -- rief sie in namenloser Angst,

auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene,

»Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«

Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen

an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid,

Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere

Worte verließ er die Frauen -- Helene rang nach Fassung, ihre Augen

durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva

kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer

von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu

errathen, was eigentlich vorgefallen. -- »Unvorsichtige!« flüsterte

sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn

durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die

volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu

können wähnst! -- War Thorald hier im Schloß?«

»Nein, dort am Weiher.«

Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung

fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser

wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe +nie+ den auf einen Punkt

eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung

gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das

Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben,

obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch

lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts

thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« --

sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.

Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der

Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine

erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein

Adelstolz -- warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach

durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen

+Landes+, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und

dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten

auf denselben Punkt, +dies+ hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit

den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen --« Helene legte

das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See,

»mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«

* * * * *

»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst

Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich

aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien!

-- Ach, sie sind -- und vielleicht mit vielem Recht -- stolzer als

Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot

erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig

haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch +gleich+

gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen,

+dann+ erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren

ungeschmälerten Platz, erst +dann+ ihn mit Euch theilen. Das, meine

Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers -- und in so fern sein Kopf

klar genug, auch des Bauern!«

»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene -- das

Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.

Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die

blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der

Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer

noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor

allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! -- Eva sprach fast

niemals über sich -- Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten

Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht -- sie war selbst von

der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in +diesem+

Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch,

wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten

zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem

mächtigen Gefühl des Mädchens. --

Eine dänische Geschichte: Roman · 第 4 / 11 段