Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder

der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu

begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren

Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und

Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! --

Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die

jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich

geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener

Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch

waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden

von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem

jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten

Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer,

die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres

heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche

Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes

Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem

Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.

Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem

Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten

Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren

Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich

mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige

Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.

Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme.

Seit Christian ~VII.~ Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt,

so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs

Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte

schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle

seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern

überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem

edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die

gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen

und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut

gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner

bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs ~VI.~

erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater,

dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe

in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine

unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die

ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der

beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn

länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit

des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so

bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.

Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes

Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger

Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen,

deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden

Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im

täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und

resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und

leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. -- All diese kleinen

Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend

einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall

aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald,

jede begütigende Vermittlung versagte.

Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem

Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das

in der Wiege verwais'te Kind, -- die Mutter war in Wochen gestorben

-- fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter,

prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend

erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders

aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte,

waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß

auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß

jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der

plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu,

ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im

zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen.

-- Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine

Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich

und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut

stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine

unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen

Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß

sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit

etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der

Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in

Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit

der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen

Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen

heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen

Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt

haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald

vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor

der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die

Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen

Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.

So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren

Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen

Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur

von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen

träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte

das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit

eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde

Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren

Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen

Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden

Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der

Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.«

Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. -- Helene war sogar

einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung

zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben

ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren

Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.

Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte

damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn;

sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie

vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von

denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«

Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der

seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen

voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und

nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble

Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen

Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen

Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine

sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden.

Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum

geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern

Bildern füllt -- ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben,

ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche

mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar

bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es

kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über

einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder

immer nur der Bauern +Rechte+ und seine eigenen während +des Unrechts+

vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz

miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine

entsetzliche Sclaverei! -- Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel

unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben

Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen

jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es

ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich

schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann

also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief

in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich

nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf,

Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin

sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag

seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und -- schwieg.

Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war

verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte

unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die

innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das

Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich

ihr die Sehnsucht in den Frühling.

Die Nordermule seufzte noch schwerer -- Helene wies ihre Bewerber bloß

auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift

meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen

Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie

komisch-ernst.

»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule

entsetzlicher als die Sieben vor Theben.

»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in

Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle

gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie

mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie

gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals

gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und

einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war

bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit

Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten

in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar

nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme

Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren

Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als -- die

Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher

Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen,

durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert,

wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der

alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende

Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter,

und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie

lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang

und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern

zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie

endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam,

hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres

Familienschlosses.«

»Und die Mutter?« -- die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein

Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und

Regenguß, zu gleicher Zeit.

»Ach, ~ma bonne~, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter

starb, ~au beau milieu de ses succès~, als es ganz unmöglich war zu

verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen -- erwachsen wären!«

»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen,

sie fanden nie einen Mann und --«

»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen

Mann -- im Mond? Den man nicht heirathen +kann+, weil er bürgerlich

ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht

mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht

vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die +ganze+ ihn natürlich

+mitheirathende Familie+ ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre

wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie

aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch --«

»Helene!«

»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben

jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu

backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind

wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die

milde, geduldige Eva --«

Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres

Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die

Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.

Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die

Portraits der drei Fräulein machen -- und die Liebenden sahen einander

zum ersten Mal.

Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein

Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet

beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich

zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen

durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das

keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen

der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie

das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen

der Natur aufruft aus dem Schlummer -- alle anderen Empfindungen

der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden,

der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in

Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein

tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt:

der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen -- o, wer ewig an

dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche +nie+ die Sonne der

Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den

fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der

Erde verbinden! --

Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber

dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens.

Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur

Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem

Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die

vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last;

mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er

gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener

Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich

selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich,

daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang;

nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht

gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher.

Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit,

die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher,

aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die

gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit

sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm

natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von

der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen

eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht

ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in

Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden,

nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, -- trotz seines Kummers

war Thorald unbeschreiblich glücklich!

Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man

war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille

zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in

keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall

sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der

einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe

ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute;

Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute.

»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen-

und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.

Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man

nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge

Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit

auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den

arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen.

Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, -- die alle ihn von

Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber

nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu

den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd

den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim

Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine

Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; -- man konnte

ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu

vertreiben.

Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen

Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens

schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.

Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten

beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen

bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben;

eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die

Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur

Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und

nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen;

seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte

seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur

sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie,

sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante

zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst

fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe,

bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,«

sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir

zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin

Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem

einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung

zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern

Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«

Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig

und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über

Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines

Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen

stets von neuem träumte. -- Die kleine Nordermule schwamm in Thränen,

welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.

Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte

eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang

seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer

Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher

lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind

Unterricht empfangen, -- etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand

ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten

kleinen Webstühle, -- »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen

ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der

Stunden, in welcher --«

Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den

Mund. -- Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel

bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder

zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen

Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen

Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch

weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten

ebenfalls dorthin.

Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern

Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches

Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen

Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin

gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult

ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß

getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große

geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue

Porcellan-Kachelofen, -- das Alles paßte weit eher zum Aeußern des

Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete

Großmuth Alexanders, -- ein Eckschrank die kleine Hausapotheke,

und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher,

poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine

isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses

nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber

frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte,

mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, -- sie nehmen

allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer

Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum

andern Gemach führenden Gängen. -- Wie es schien, hatte man sie aus

dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der

Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten

Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. --

Eine dänische Geschichte: Roman · 第 3 / 11 段