kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen
kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten
Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine
ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's
tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein
gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, -- unter Bauern ein
Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den
Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt,
blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand
seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten.
Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern
Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie
eine Wunderblüthe -- war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos
geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der
immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft
Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang,
riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das
Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.
Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen
Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener
Kenntniß zu brüten.
Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung
von den Seinen -- allein er vergaß auch seine Frau; er versank in
tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. --
Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei.
Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren
Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester
umschlossen -- sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine
Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten
Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva -- er merkte es
nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet
genug sei für ihren Christian!
Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen
abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen.
Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen
sich angeeignet, -- er aber hatte schon wieder andere Interessen
gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente -- und
Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens
ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen.
Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich
bemerkte er es.
-- Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit
Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß
seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm
gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem
eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte!
An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in
der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer
geschaut, -- wie eben jetzt Helene! --
Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des
Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt;
die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz
an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen,
fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des
ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich
bewußt -- sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin,
der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte
es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der
furchtbarste Feind ihr erwachse.
Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches
Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem
seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten
in Verbindung stand, -- das Urtheil der ganzen Familie betrachtete
damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von
den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen,
niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern
Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt,
waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine
Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne,
war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn
erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit
Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines
leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz
gesteckt -- dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen.
Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst +Du+ es,
Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals
um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der
Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an
unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein
Bürgerlümmel machte +sie+ zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht
verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.
So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle
Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende -- --
»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast
Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns
erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann,
geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten
Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage
Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in
seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken -- ich
warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer!
Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was +ich+ gegen diesen Zuwachs
unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du
Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer
für Dein Wohl zu. -- Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn
genügen, nun -- vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn
die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht
an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der
sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn
hemmende, sein Talent zerdrückende Last -- hüte Dich, daß der zu seiner
Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele
davon.« -- Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen,
stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus.
»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr
+wahr+ auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht
in beide Hände und schluchzte convulsivisch. -- Endlich sprang sie auf,
ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit,
mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch
und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an
Thorald Eynerssen.
»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies
Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben
Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig
die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie
hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten
Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen,
Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. -- Und doch weil ich nun in
der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen,
muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues,
noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in
mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich
so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit,
daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt
und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die
aufgegangene Freiheitssonne ruft +alle+ Lebenskeime an's Licht -- sogar
in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser
Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter
Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen
Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen
einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem
Augenblicke schmachtet. --
In +diesem+ Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich +will+ und
+werde+ frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle
binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir
aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen,
welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit
nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand
darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns
haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten
Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth
uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer
im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und
mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer
achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die
allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann
bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche
in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent
sucht -- und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll
nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und
zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden
Hülfe bedürfen!«
+Helene.+
»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend,
»Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf
mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben
harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«
Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht,
wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer
traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen
verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe
hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie
Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern,
an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten
sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen
Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen.
Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so
hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend
gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber
Kinder, wie +selten+ geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten
werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest
zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und
zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und
klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie
viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen
Ehe, in der sie eigentlich eben -- bloß keine Prügel bekommen! Darum
kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche
sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth,
keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen
genug zu vergießen haben!« -- »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt
und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht
Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche.
In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber
niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte,
saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und
Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem
an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit
langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum
Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von
der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu
den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie
freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige
Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch,
der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte
Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und
Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch
in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben
eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im
letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne.
Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende
Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre
bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur
Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd
bereits angezündet.
Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder
schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen,
nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote
über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber
spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen
tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte
stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen
Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und
singend vortrug; -- auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen,
er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch
schreiben.
Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas
aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde
auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und
dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock
von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich
der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die
Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so
daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, -- die Grundherren aber
gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und
immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:
»Erstlich gingen die Morsinger fort,
Sodann die Verräther von Thy;
Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch
Und diese wollten nicht fliehn!
Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch,
Und diese wollten nicht fliehn;
Bauten eine Wagenburg sich,
Ließen Alle ihr Leben dort!«
Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler -- als aber
Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang
stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter
zu.
»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners
Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und
bestellen!«
Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer
Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen
war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob
er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange
dazu!
Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von
neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt
Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der
Revolutionairen. -- Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet
-- »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes
unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt
den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder
kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und
gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie,
theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons
als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu
Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie
blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und
Frische.«
»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas
farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle
wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten
Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten
zugleich meine Hochzeit zu feiern.«
Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und
benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter
als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der
längst skizzirten Idylle zu schreiten! --
Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte
unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten.
»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte,
sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei
an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« --
»Um Himmels willen, ~ma bonne~,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand
einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man
in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern
bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz
eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«
»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr
Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch
unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte
vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«
»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden,
wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige.
»+So+ ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen
Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie
in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor
ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch
einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht
viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter
entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir
nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre
heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«
»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt
ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie
niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange
todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie
dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.
Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre,
daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle
sechs und funfzig Jahre!«
»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde
die drei Schwestern.
»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten,
allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als
Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu
Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das
Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing.
Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit
gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange
ihr ansehen. -- Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine
Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele
des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei,
wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide
hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über
die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so
blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit
gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie
dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib
und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte
zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen
mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder
sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern
Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods
Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren
dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang,
und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar
hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang
bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die
Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone
sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem
strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge
trocken im weiten Kreis.« --
»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die
Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend
hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als
wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war
denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«
Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange
gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen
Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen,
sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich
innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte
sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir
das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit
vergessen.«
Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.
Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem
Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren
seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen
in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit
seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, -- was
davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall
gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte
die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat
und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und
Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus,
denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger
Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die
sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten
umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten.
Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es
oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen
Gewöhnung.
Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank
ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und
keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief
ihn dahin zurück.