4. Auftritt.

Mux. Lisbeth. Der Knabe.

Knabe (klagend): Ach, Mutter, ist’s noch weit? Ich bin so müde

Und fürcht’ mich auch; schau, ein Gewitter kommt.

Lisbeth: Gar weit kann’s nimmer sein; wär’ es nur Tag,

Dann fänd’ ich Mut und Kraft, mich fortzuschleppen,

So kann ich nimmer weiter; komm’, mein Kind,

Laß uns nun ruhen unter einem Baume,

Mir fehlt der Atem und mir fehlt die Kraft,

Vielleicht geht’s später noch ein Stückchen weiter.

Komm, setz’ dich hier und lege deinen Kopf

In meinen Schoß, da kann dir nichts geschehen.

Knabe (im Begriffe, sich niederzusetzen, hält sich an dem Baum):

Greif’ her da, Mutter! Welch’ ein selt’ner Baum,

Der hat ja eine Rinde gar von Eisen,

Fühl’ nur, wie kalt!

Lisbeth (den Baum beleucht.): Wahrhaftig ja, er ist’s,

Der Baum, der noch in fernen, fernen Zeiten

Von meines Vaters Ruhme zeugen wird.

Weißt du es noch, was ich davon erzählte?

Knabe: O freilich weiß ich’s. Laß das Schloß mich sehen!

(Sie hebt den Knaben hinauf.)

Und diese vielen Nägel in dem Baum,

Hat sie Großvater alle eingeschlagen?

Lisbeth: Nicht alle, einen nur, sieh, dieser ist’s!

Die Anfangslettern von Großvaters Namen

Sind eingegraben in den Nagelkopf.

Er schlug ihn jubelnd ein an jenem Tage,

Da ihm das Meisterrecht verliehen ward,

Seitdem ist’s Handwerksbrauch in dieser Stadt,

Daß jeder, der sein Meisterstück gemacht,

Und jeder, der von draußen eingewandert,

Hier einen Nagel einschlägt zum Gedächtnis.

Da, sieh’ nur selbst, wie viele es gewesen,

Doch keiner hat Großvater je erreicht

An Körperkraft und an Geschicklichkeit.

Knabe: Ist er so stark?

Lisbeth: O, laß dir nur erzählen.

Ganz nahe hier steht ein gewalt’ger Dom,

Der Stephansdom; sobald es hell geworden,

Wirst du ihn sehn. Es schließt den Hauptaltar

Ein Gitter ab, Großvater hat’s geschmiedet;

Doch als er’s hinbracht’, war’s nicht lang genug.

Er war um einen Ausweg nicht verlegen:

Er faßt’ das Gitter auf der einen Seite,

Dein Vater mußt’ es auf der andern halten,

Mit seinen Händen zog er es zurecht, —

Das hat bis jetzt ihm keiner nachgetan.

Knabe: Doch hätt’ der Vater nicht die Hand verloren,

Er wär’ ihm gleich geworden, Mutter, gelt?

Lisbeth: Ei freilich wohl, doch auch nur er allein.

(Es blitzt so stark, daß die Gestalt Muxens, der horchend vorgetreten,

beleuchtet wird.)

Knabe (aufschreiend): O Mutter, sieh! Dort steht ein schwarzer Mann!

Lisbeth: Ei, schäme dich, du kleiner Hasenfuß!

Das bildest du dir ein.

Knabe: Nein, liebe Mutter,

Ich sah ganz deutlich ihn, dort muß er stehn.

Lisbeth: Von deinem Irrtum dich zu überzeugen,

Führ’ ich dich hin.

Knabe (sie festhaltend): Ach, bleibe lieber da!

Lisbeth: Du selber willst ein ruß’ger Schlosser werden

Und fürchtest dich vor einem schwarzen Mann.

(Sie nähert sich Mux mit der Laterne, plötzlich stößt sie einen Schrei

aus.)

Herrgott im Himmel!

Knabe (weinend): Mutter, laufe fort!

Lisbeth: Kann es denn möglich sein? Mein Vater, ihr?

Was habt ihr hier zu tun zu solcher Stunde?

Mux: Die Reih’ zu fragen ist zuerst an mir.

Ich frage dich: was hast du hier zu suchen?

Lisbeth: Hier nichts, mein Vater; ich war auf dem Wege,

Euch aufzusuchen.

Mux: So? hast du vergessen,

Was ich dir sagte, als du Abschied nahmst?

Lisbeth: Ich sollte euer Haus nie mehr betreten —

Ich hätt’s auch nicht getan; den Knaben nur

Hätt’ ich hineingeschickt; um euch zu rufen.

Mux: Was wolltest du von mir? Wo ist dein Mann?

Lisbeth: Mein Mann ist tot, schon länger als drei Jahre,

Er hat sich überschafft; mit einer Hand

Tat er viel mehr als andere mit beiden.

Als eine Seuche ausbrach in dem Lande,

Ergriff sie ihn und rafft’ auch ihn dahin.

Zwei Jahre lebt’ ich nun mit meinem Kinde

Von meiner Hände Arbeit; doch auch mich

Warf Gram und Mangel auf das Krankenbett;

Allein die Sorg’ um diesen armen Knaben

Gab mir noch einmal meine Kraft zurück.

Ich rafft’ mich auf, verkaufte meine Habe

Und machte micht zu euch nun auf den Weg.

Mux: Weil du in Not warst, dachtest du des Vaters.

Lisbeth: Ich dachte eurer sonst auch; doch aus Furcht

Vor eurem Zorne hab’ ich’s nie gewagt,

Ein Lebenszeichen euch von mir zu geben.

Ich bitte nicht für mich, nur für mein Kind —

O, nehmt es auf, aus Mitleid nehmt es auf,

Nehmt’s wie ein fremdes, nehmt’s wie seinen Vater

In strenge Zucht, es wird ihm nützlich sein.

Ich will euch meinen Anblick gern ersparen,

Für immer Abschied nehmen von dem Kinde,

Bin ich doch bald ja allem Leid entrückt,

Ich wandle nimmer lang auf dieser Erde.

(Zum Knaben):

Komm’, Kind, und bitte doch! Sieh her, das ist

Dein Großvater.

Knabe: O nein, das ist er nicht.

Mux: Ich bin es doch; warum willst du’s nicht glauben?

Knabe: Großväter müssen gut sein, du bist’s nicht.

Mux: Weißt du das so gewiß?

Knabe: Das will ich meinen.

Ich hab’ schon einen Großvater gesehn,

Des Nachbars kleiner Peter hatte einen;

O, der war gut! Der nahm ihn auf den Schoß

Und wiegt ihn ein, den schlimmen, kleinen Peter,

Wenn er recht schrie und ungebärdig war;

Und dann .....

Mux: Was noch?

Knabe: Der sah ganz anders aus —

Großväter müssen weiße Haare haben.

Lisbeth: Allein der liebe Gott hat deinen lieb

Und läßt ihm seine schwarz.

Knabe: Ich weiß warum,

Weil jeden Abend ich für ihn gebetet.

Mux: Du hast für mich gebetet? Ist das wahr?

Knabe: Die Mutter sagte doch, ich sollt’ es tun.

Mux (mit bebender Stimme):

Was hast du denn gebetet? Sag’ mir’s einmal!

Knabe (die Hände faltend, in dem halb leiernden, halb innigen Ton,

in dem Kinder zu beten pflegen):

Ich bitt’ dich, lieber Gott, laß meine Mutter

Recht lange leben und gesund auch sein,

O laß den Vater, der von uns gegangen,

Im Himmel selig sein und steh’ uns bei;

Schenk’ auch dem Großvater, der ferne weilt,

Gesundheit, Kraft und ein zufried’nes Alter

Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich!

Mux (wiederholt ergriffen): Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich!

Das hast du wirklich jeden Tag gebetet?

Knabe: Wenn es die Mutter sagt, muß ich’s doch tun

Und tat es auch; sie hat mir’s vorgebetet

Solang ich klein war, jetzt kann ich’s allein.

Mux: Wie heißest du?

Knabe: Ich heiße Martin Joseph,

Doch Martin ruft man mich.

Mux: So sage, Martin,

Was solltest du beim Großvater denn tun?

Knabe: Ich sollt’ ihn bitten, daß er in sein Haus

Mich nehme und was Tücht’ges lernen lasse.

Lisbeth: Das bitt’ ich euch, gewährt die Bitte mir!

Welch eine Zukunft steht dem Kind bevor,

Wenn ihr’s nicht schützt! Ich bin so sterbensmüde,

Ich nahm die Reste meiner Lebenskraft

Zusammen, euch zu suchen; euer Dach

Soll meines Kindes junges Haupt beschützen.

Mux: Mein Haus ist nicht mehr mein, ich hab’s verkauft

Und wand’re fort.

Lisbeth: Ihr wandert fort, mein Vater?

Ihr gönnt in eurem Alter euch nicht Ruh?

O, nehmt das Kind mit euch, es wird euch stützen,

Ihr seid Beschützer und zugleich beschützt.

O, kettet doch an euch ein menschlich Wesen,

In einer Brust erwecket Lieb und Treu,

Und laßt in eurer Lieb’ und Treu’ erwecken!

Ich blieb euch fremd — vielleicht trug dran die Schuld,

Daß ich ein Mädchen war — dies ist ein Knabe,

Auf den ihr stolz sein dürft, denn eure Kraft

Wohnt in den jungen, ungeübten Gliedern —

So mögt als Kind ihr wohl gewesen sein.

Mux: Wär’ er ein Mann, ließ’ sich darüber reden,

Der Knabe fällt zur Last.

Lisbeth (flehend): So sorgt für ihn!

Ihr habt der Freunde viel und der Genossen,

Empfehlet einem euer Enkelkind,

Setzt eine kleine Summe für ihn aus —

Ihr könnt die Weisung ja ergehen lassen,

Daß ich von diesem Gelde nichts genieß’.

Erhöret mich, nehmt euch des Kindes an!

(Mux zieht den Knaben an sich, da erscheint an der Stelle, wo er das

Geld vergraben, eine gespenstige, blaue Flamme. Er erschrickt und

stößt das Kind zurück.)

Mux: Und sähe ich euch beide Hungers sterben,

Ich tue nichts für dich und deine Brut.

Lisbeth: Erbarmen, Vater! (Zum Kinde): Martin bitte du!

Knabe: Großvater, nimm’ mich! Ich will dir gehorchen

Und nie dich ärgern! Bitte, sei doch gut!

Mux (nach langem Kampfe mühsam hervorstoßend):

Nein, nein und nein!

(Ein greller Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgt; alle drei

sinken zu Boden, das Licht der Laterne erlischt. An der Stelle, wo

Mux das Geld vergraben, steht glutumstrahlt der Rothmantel.)

Der Teufelsschlosser · 第 48 / 53 题