1. Chanucka.
חֲנֻכָּה
Gebet am Chanuckafeste.
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Herr und Vater! Dank Dir! Du warst ein treuer Helfer Deines Volkes zu
allen Zeiten und wirst es bleiben in Ewigkeit. Als zu den Zeiten des
Hohenpriesters _Matthatias_, Sohnes des Hasmonäers Jochanan und seiner
Söhne, die tyrannische Regierung des Heidenkönigs _Antiochus_ wider Dein
Volk tobte, um in seiner Mitte Deine heilige Lehre zu unterdrücken, Deine
Verehrer abzuleiten von den Gesetzen Deines Willens und Deine Gebote der
Vergessenheit anheimzugeben, da standest Du auf mit Deiner großen
Barmherzigkeit, um ihnen beizustehen zur Zeit der Not. Du strittest ihren
Streit, Du saßest zu Gericht, um für sie Recht zu üben, Du übernahmst die
Vergeltung an ihren Widersachern. Damals hast Du die Schwachen siegen
lassen über die Mächtigen, die Wenigen über die Zahlreichen, die Gerechten
über die Frevler, über die Übermütigen — die demutsvollen Bekenner Deiner
Lehre. Aber wie Du Sieg und Heil verschafft hast dem gedrückten und
geknechteten Volke Israel, das, vertrauend auf Deine Hilfe, den Kampf der
Verzweiflung aufnahm, so hast Du auch Deinen heiligen Namen groß gemacht
in den Augen der ganzen Welt. Dankerfüllt wallfahrteten Deine Kinder in
die Hallen Deines Hauses, ergötzten sich an der Wiederherstellung des
Gottesdienstes im Tempel zu Jerusalem, reinigten die entweihte Stätte
Deiner Verehrung von den Götzenbildern der Heiden, erleuchteten festlich
die Vorhöfe Deines Heiligtums und bestimmten die acht Tage der Weihe zum
Freudenfest für alle Zeiten, zum Ruhm und zur Verherrlichung Deines
Namens. Immer will auch ich der Fürsorge eingedenk sein, mit der Du meine
Vorfahren geleitet hast durch die Zeiten, daß sie siegreich hervorgingen
aus allen Kämpfen, aus Leid und Drangsal. Wie Du ein Helfer bist dem
ganzen Volke, so bist Du auch ein Helfer jedem Einzelnen, der in Glauben
und Vertrauen zu Dir sich wendet. Gepriesen sei Dein Name in Ewigkeit!
Amen!
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2. Das Purimfest.
פּוּרִים
Gebet am Purimfeste.
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Herr und Vater! Du warst dem Volke Deiner Verehrer zu allen Zeiten ein
treuer Helfer in Not und Drangsal, Du wirst es auch ferner bleiben und die
Deinen nicht verlassen in Ewigkeit!
Auch der heutige Tag, für ewige Zeiten als ein Freudentag eingesetzt,
erinnert uns in seiner Veranlassung an Deine Liebe und Güte für Israel,
vergegenwärtigt uns Deine Weisheit, wie Du wunderbar wirkest auch ohne
anscheinendes Wunder, wie Du helfen kannst, wo alles verloren scheint,
auch ohne Eingriff in den natürlichen Lauf der Dinge. Denn in Deiner Hand
sind die Herzen der Mächtigen, die Gedanken der Könige; von Dir gezählt
und nach ihrem Zwecke geordnet sind die wirren Fäden in dem Knäuel
irdischer Begebenheiten.
Als zu den Zeiten des persischen Königs _Ahasveros_, dessen mächtiger
Günstling _Haman_, aus dem Geschlechte der seit Jahrhunderten Israel
feindlichen _Amalekiter_, voll Rache und Bosheit die Pläne schmiedete,
ganz Israel, Männer und Frauen, Greise und Kinder, in allen Provinzen des
weiten _Perser_- und _Mederreiches_ zu vernichten, als die Ausführung
seiner bösen Ratschläge schon zum Entsetzen nahe bis an die Grenze ihres
Zieles gerückt war, als selbst der freche Übermut den Tag des Mordes schon
durch das Los gewählt hatte und nach menschlichem Ermessen kein Ausweg der
Rettung dem Blicke der Verfolgten mehr sichtbar war, da tratest Du helfend
ein mit unvorhergesehener Fügung. Hamans Veranstaltungen wurden vereitelt,
er selbst erlitt den Tod samt allen Genossen seiner Bosheit und die
Unschuldigen gingen gerettet und siegreich aus der Bedrängnis hervor.
Und welches Werkzeug hat Deine Weisheit sich erkoren? Ein Weib war es, an
deren Mut das Haupt zertrümmerte, das Tücke und Arglist gesonnen.
Esther, das Kind ohne Eltern, der gehorsame Pflegling ihres väterlichen
Freundes _Mordechai_, vereitelte die Anschläge des Feindes und verwandelte
den gefürchteten Tag des Elends in einen Tag der Freude noch für die
spätesten Geschlechter.
Aber _Esther_ war kein blindes Werkzeug. Sie war bereit, Glanz und
irdische Größe der Pflicht zu opfern, sie setzte ihr Leben ein für das
Wohl ihres Volkes, sie hielt sich nicht für machtlos, denn sie vertrauete
auf Gott.
So wie damals, so hast Du Herr, noch oft Dein Volk Israel aus der Gewalt
mächtiger Feinde gerettet. Gar viele Männer sind im Geiste Hamans gegen
uns aufgetreten, aber Israel ist nicht untergegangen, und ist heute noch,
was es sein soll, ein _Gotteskämpfer_ auf Erden, um alle Herzen und
Geister zu gewinnen für Dein Reich, für die Verehrung des einzigen Gottes.
Mir aber soll Esther ein Muster und ein Vorbild sein in Mut und Stärke zur
Erfüllung der Pflicht, in treuer Liebe und Anhänglichkeit an mein Volk und
in unwandelbarem Vertrauen auf Deine Hilfe in den Tagen der Prüfung. Amen!
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V. Gebete am 9. Ab,
dem Gedächtnistage der Zerstörung des heiligen Tempels zu Jerusalem.
תִּשְׁעָה בְּאָב
———
Allgerechter Gott, der Du der Herrscher der Welt bist, Du bist auch der
König aller Völker auf Erden und der allweise Leiter ihrer Schicksale.
Dein Wille ist es, wenn sie emporblühen; Dein Wille ist es, wenn sie
vergehen; ihr Leben und ihr Wirken ist vorgezeichnet im Plane Deiner
Weltregierung. Voll Wehmut richte ich heute meinen Blick auf die Vorzeit
meines Volkes, voll Ernst und Andacht betrachte ich die wechselvollen
Schicksale Israels, und voll des Dankes schaue ich auf seine Gegenwart.
Ja Wehmut und Trauer erfüllen mich, wenn ich der Vorzeit meines Volkes
mich erinnere, wenn ich all' die verlorene Herrlichkeit vor mein Auge
führe, die einst der Anteil Deiner Lieblinge war. Finsternis und Irrwahn
erfüllten die Welt, sinnloser Götzendienst umstrickte den Geist der
Heiden, als in Israel allein das Licht der Erkenntnis Deines heiligen
Namens hell leuchtete, die Lehre der Wahrheit sein Gesetz war, und die
Gebete des Volkes und seine Lieder, sein Weihrauch und seine Opfer
geweihet waren dem Höchsten, dem Einzigen. Da war der Tempel zu
_Jerusalem_ der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der geheiligte und
heiligende Mittelpunkt der Gemeinschaft Deines Volkes und das froh
gesuchte Ziel ihrer Wallfahrt. Herrlich und gesegnet waren die Fluren des
Landes Israel, sichtbar waltete Deine Gnade über seinen Bewohnern. Fromme
Priester eiferten in Deinem Dienste, und von Deinem Geiste erleuchtete
Propheten verkündeten laut das Wort der Wahrheit. Aber ach! sie sprachen
auch von dem Verfall des Glaubens und der Sitten, von Deinem Zorne, von
Deiner Strafe und von den trüben Tagen der Zukunft. Und diese bösen Tage
sind hereingebrochen; das Volk ist abgewichen von Deiner Lehre, das
Anrecht auf Deine Gnade ging verloren. Der Feind tobte gegen Land und
Volk, die Edelsten und Besten vernichtete das Schwert, die Flamme
verzehrte den heiligen Tempel und der Rest des Volkes mußte hinwandern in
alle Welt. Ihr Los war Heimatlosigkeit und Zerstreuung unter die Völker
der Erde.
Wechselvoll, unheilvoll und wunderbar zugleich waren seitdem die
Schicksale der Zerstreuten. Arm und elend, machtlos und hilflos irrten sie
vereinzelt umher in der weiten Welt, nichts mit sich nehmend aus dem Lande
ihrer Heimat, als die Liebe zu Gott im Herzen und die unvergängliche, von
Geschlecht zu Geschlecht fortlebende, glühende Sehnsucht nach dem Lande
Israel, nach dem längst verblichenen Glanze ehemaliger Herrlichkeit. Und
wo im fremden Lande ein friedliches Plätzchen sich ihnen darbot, da
schlugen sie ihre Zelte auf, wie das Zelt eines Wandernden, nicht wie das
Haus dessen, der eine Heimat sich gründet. Doch das Bedürfnis, Gott dem
Herrn zu dienen, vereinigt zu ihm zu beten, und Glauben und Sitte der
Väter treu zu bewahren, vereinte die einzelnen zu Gemeinden, zu tausend
und abertausend Gemeinden, und nur ein einziges Band schlang sich um alle;
das Band gemeinsamen Unglücks und gemeinsamer Hoffnung. Überall und
überall, in unbedeutender Minderzahl, in der Mitte mächtiger, feindlicher
Nationen, stürmte tausendfältige Bosheit vernunftloser Dränger gegen sie
heran. Der Spott bespritzte sie mit seinem Geifer, die Habsucht riß das
Brot aus ihrer Hand, der Mutwille hetzte sie wie scheues Wild, Stolz und
Übermacht erniedrigten sie zur Knechtschaft, die Bürger der Staaten
stießen sie aus ihrer Gemeinschaft, und der blinde Eifer abergläubischer
Widersacher verfolgte sie ihres Glaubens willen mit Feuer und Schwert. So
ging es durch die Jahrhunderte. So war es aller Orten.
Mächtige Völker, vereinigt unter mächtigen Herrschern, sind während dieser
Zeit entstanden und untergegangen. Ihre Spur ist von der Erde vertilgt,
ihre Erinnerung ist wie vom Winde verweht. Selbst das mächtigste aller
Reiche, das Reich, das Judäa vernichtete, ist längst dahin. Aber Israel,
das schwache, kleine, schutzlose und verfolgte, ist nicht untergegangen.
Das war die Wundermacht des göttlichen Willens. Mehr als Gewalt und
Drangsal droheten Verführung und Verlockung den Bekennern meines Glaubens,
sie abzuführen von der Lehre Gottes, von dem Wege der Väter. Sie ließen
sich ins Elend führen, aber nicht auf Abwege, sie stürzten sich ins
Unglück, aber nicht in die Schlinge der Versuchung, sie gingen in den Tod,
aber nicht in die Gemeinschaft der Glücklichen, die liebkosend sie
aufzunehmen bereit war für den Preis ihres Glaubens.
Und wohin hat bis heutigentages dieses wunderbare Schicksale uns geführt?
O wahrlich! nicht zur Hoffnungslosigkeit, nicht zur Entmutigung. Wir haben
es eingesehen, daß die Hand Gottes uns geführt hat, wir haben es
eingesehen, daß nicht Macht und Herrschaft unter den Völkern das Ziel ist,
das Gott unserem Wandel bestimmt hat eine Macht des Geistes zu sein, als
Träger der reinen Gotterkenntnis voranzuziehen den Geschlechtern auf der
Erde, bis aller Wahn und aller Irrglaube geschwunden sein wird unter den
Menschen, bis alle sich vereinigen werden in dem Bekenntnis Israels: _Der
Herr ist Gott, der Herr ist einzig!_
Siehe da, mein Geist! Schon tagt der Morgen! Die Nacht unserer Trübsal
beginnt zu sinken. Die grellen Flammen sind erloschen, die unsere Edlen
verzehrten, und das Licht der Menschenliebe und Menschenachtung leuchtet
freundlich. Das Schwert des Mordes hängt nicht mehr über unserm Haupte,
aber das Schwert der Wahrheit ist zum Kampfe erhoben in der Hand unserer
Besten. Unsere Nachbarn sind nicht mehr unsere Feinde, sie sind unsere
Genossen auf dem Wege zum Licht und zum Recht. Die Sehnsucht nach dem
Jerusalem des Morgenlandes ist innig verknüpft mit der Liebe zu dem
_Vaterlande_, in dem wir geboren sind. Dabei ist die Hoffnung auf ein
_gemeinschaftliches Jerusalem_ keineswegs erloschen. Ein neuer Tempel des
Friedens wird dereinst erbaut werden, in dem alle Menschen zum Dienste des
Herrn sich vereinigen werden.
Und dafür meinen Preis und Dank Dir, höchster Gott! Dir, Herr des Himmels
und der Erde, Dir, Lenker der Völker und ihrer Schicksale! Wir haben Dich
nicht verlassen, wir haben Deine Lehre nicht vertauscht. Darum bist Du
unser Helfer gewesen und Deine Lehre unser Schutz in den Zeiten der Not.
Fern sind wir noch davon, den heutigen Tag trauriger Erinnerung verwandeln
zu können in einen Tag der Freude. Aber die Trauer ist milder geworden,
sie ist in Wehmut verwandelt, und mit dem Schmerze um das verlorene Zion
dürfen wir den Dank verbinden für Deine wunderbaren Taten, die uns
aufrechterhalten haben in den Ländern einstiger Verbannung. Wir können
hoffen auf ein neues herrliches Zion im Reiche der Erkenntnis, des
Glaubens und der Sitte. O bringe uns denselben immer näher, und laß' uns
alle beitragen zur Verherrlichung Deines Namens auf Erden. Amen!
——————
צִיּוֹן
Klage um das verlorene Zion.
———
O, Zion! wollte Gilead
Dir seines Balsams Fülle
Gewähren, daß er deinen Schmerz,
Den bittern Schmerz dir stille.
Er reichte nicht, sei er dir ganz
Zur Heilung überlassen,
Dein Unglück ist so groß, so groß,
Das Meer kann es nicht fassen.
Als herrlich Land warst du erkannt
Ringsum von allen Heiden,
Wer wollte nicht an deinem Glanz
Entzückt sein Auge weiden?
Der Mittelpunkt der Köstlichkeit,
Des Erdballs schönste Stelle,
Der Garten Gottes, Edens Flur,
War deiner Ströme Quelle.
Des mag Naëman Zeuge sein,
Der zweifelnd seine Schritte
Zum Jordan lenkte und entstieg
Geheilt aus seiner Mitte.
Da mußtest du dem Heiden wohl
Im Wunderglanz erscheinen!
Was er bekannt, wie sollten's nicht
Bekennen wir, die Deinen!
Dem Staub von deiner Erde muß
Der Wert des Goldes weichen,
Dem Edelstein ist dein Gestein
Der Berge zu vergleichen.
Erst halb gereist bot deine Frucht
Ein liebliches Genießen,
Dein Bitt'res war dem Honig gleich,
Dem Honigseim, dem süßen.
Genesung brachte jedes Blatt
Und jedes Gras der Felder,
Es überströmten überall
Von Honig deine Wälder,
Nie ist der Otter wild Gezücht
Aus dem Geklüft geschossen,
Und mit dem Löwen war ein Bund,
Ein Friedensbund geschlossen.
In dir hat Gott allein regiert
Und seinen Thron begründet,
Durch deine Lieder ward sein Ruhm
Der ganzen Welt verkündet.
Wie herrlich war's, wie lieblich war's,
Der Stämme frohes Wallen
Dreimal des Jahres hin zu dir,
Zu deines Tempels Hallen!
Vom fernen Osten kamen selbst
Des Morgenlandes Söhne,
Daß deiner Bücher Weisheit dort
Ihr eignes Wissen kröne;
Die Richter wandelten im Recht
Und in der Wahrheit Gleisen,
Und deine Lehrer wurden dort
Die Lehrer aller Weisen.
Es konnte dort des Jünglings Geist
Prophetengeist bekunden,
Der Sterne Lauf, der Sonne Bahn,
Sie sind durch dich gefunden.
Wo bist du hin! wo bist du hin!
Wer zeigt zu dir die Pfade!
Wo ist der heilige Tempel hin,
Wohin die Bundeslade!
Wohin sind deine Priester ach'
Wohin sind die Propheten!
Und deine Fürsten alle sind
Tief in den Staub getreten.
Ob deiner Frevel ist's geschehen,
Um deiner Sünden willen,
Mußt also, ach! dein Ende sein,
Dein Schicksal sich erfüllen!
O, flehe doch zum Herrn! o fleh'!
Bis daß er sich erbarme,
Bis daß er Hoffnung dir gewährt
Und Trost in deinem Harme.
Wie würde meine Seele sich,
Die schmachtende, erquicken,
Könnt' ich, o Zion! deinen Glanz
Nur einmal noch erblicken!
——————
אֱלִי צִיּוֹן
Eli Zion.
———
Klage, Zion, laut im Leide,
Gleich der Braut im Trauerkleide,
Die den Jüngling, auserkoren,
Durch des Todes Macht verloren!
Ob des Tempels, dessen Hallen
Durch der Sünde Schuld gefallen,
Ob der Spötter frechen Horden,
Die des Tempels Herrn geworden.
Ob der Sänger, die gefangen
In die Sklaverei gegangen,
Ob des Blutes, das vergossen,
Das in Strömen hingeflossen.
Ob der Lieder, die verklungen
In den Städten, die bezwungen,
Ach! in ihren öden Kreisen
Flehen des Gesetzes Weisen!
Opfer werden nicht gespendet,
Die Geräte sind geschändet,
Und des Räucherwerkes Düfte
Sind verweht in alle Lüfte.
Und des Fürstenstamms Genossen,
Die aus Davids Haus entsprossen,
Sind von Finsternis umfangen,
Glanz und Herrschaft sind vergangen.
Ob des Ruhmes magst du trauern,
Der gesunken mit den Mauern,
Magst um all des Unglücks Willen
Dich in Leidgewänder hüllen.
Zahllos häuften sich die Plagen,
Daß die Edelsten erlagen,
Die der Säuglinge Gebeine
Sah'n zerschmettert am Gesteine;
Die geseh'n der Feinde Rotten,
Froh ob solchen Unheils, spotten,
Während tief im Drucke weinen
Die einst Freien, die einst Reinen.
Weil die Sünde sie erkoren,
Und der Tugend Pfad verloren,
Deines Zornes Glut verbrannte
Alles, was dein Volk sich nannte.
Und dein Jammer, laut erhoben,
Tönte durch der Feinde Toben,
Die des Tempels Hof erreichen,
Schreitend über tausend Leichen.
Ob des Heil'gen Namens klage,
Der in dir entweiht, und sage
Bittend ihm von deinem Harme,
Daß er wieder sich erbarme.
Klage, Zion, laut im Leide,
Gleich der Braut im Trauerkleide,
Die den Jüngling, auserkoren,
Durch des Todes Macht verloren.
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B. Häusliche Andacht.
——————
Tägliches Morgengebet.
———
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott.
Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches in Ewigkeit!
——————
אֲדוֹן Es hat der Herr als König seit Ewigkeit regiert,
Noch eh' ein Körperwesen ins Dasein eingeführt,
Und als durch seinen Willen die ganze Welt entstand,
Ward Gott, der Herr, als König auf Erden anerkannt.
Und wollt' er sie vernichten, so wie sie schuf sein Wort
Er würde doch regieren für ewig, fort und fort.
So wie der Herr gewesen von je, so ist er heut,
So wird er immer bleiben in seiner Herrlichkeit.
Er ganz allein erfüllet das ganze Weltenreich,
Wo hätte Raum ein Zweiter? Kein Wesen ist ihm gleich!
Wer hat wohl Ziel und Anfang von ihm sich je erdacht!
Und alle Macht und Stärke ist Ausfluß seiner Macht.
Und dennoch! dem Erhab'nen, ich bin ihm nicht zu klein;
Er schaut auf meinen Wandel, sieht in mein Herz hinein;
Er ist mein Fels, mein Hoffen und meine Zuversicht;
Er überhört mein Bitten und meine Klage nicht.
Ich schlafe oder wache, er ist mir zugewandt,
Drum geb' ich meine Seele getrost in seine Hand.
Und auch mein Leib, er bietet dem bangen Zagen Trutz.
Was kann ich denn noch fürchten, ist Gott, der Herr, mein Schutz!
Allgütiger! Du hast wiederum den Schlummer nach süßer Ruh' von meinem Auge
verscheucht, hast mich wieder neu gestärkt erwachen lassen zum lichten
Tage. O segne mir auch diesen Tag, daß ich Gutes an ihm verrichte, daß ich
die Pflichten erfülle, die Du als mein Anteil mir zugemessen hast. Hüte
mich vor Unglück und Gefahren und laß auch heute mich weiser und besser
werden. Amen!
——————
Tischgebet.
———
Mein Gott! Du sorgest als ein Vater für alle Geschöpfe auf Erden und gibst
jedem Wesen seines Leibes Nahrung nach seinem Bedürfnis. Durch Deine Liebe
habe auch ich mich wieder gesättigt, und wie ich bisher nicht Mangel
gelitten habe, so wirst Du für und für mir Deine Gaben nicht versagen, daß
mir mein täglich Brot nicht fehle. O möge es Dein Wille sein, daß mein
Tisch, an dem ich esse, immerdar ein gesegneter sei, damit beim Genusse
Deiner Spende auch die Fröhlichkeit des Herzens mir nicht fehle. Laß mich
nie satt werden durch fremdes, unrechtmäßig erlangtes Gut, laß mich nie
satt werden von dem Brote menschlicher Mildtätigkeit, sondern ernähre mich
aus der Fülle Deines Segens. Versage mir, gütiger Gott, auch nie den
Überfluß in solcher Weise, daß der Dürftige hungrig von meiner Türe hinweg
gehen müßte.
Mein Gott, ich lobe Dich! Mein Gott, ich danke Dir! Mein Gott, ich hoffe
auf Dich! Du bist es, der da _öffnet seine Hand, und sättigt alles, was da
lebt, in Wohlgefallen_. Amen!
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Nachtgebet.
———
Mein Gott! Ich danke Dir für Deine Huld und Güte, die Du auch in des
heutigen Tages Stunden an mir bewiesen.
Ich lege mich nun getrost zum Schlummer nieder und übergebe meinen Leib
und meine Seele Deiner Obhut. Wahrlich, _Du schläfst nicht, Du schlummerst
nicht, Du Hüter Israels_. O, möge es Dein Wille sein, daß ich schlafe in
Frieden, und daß ich erwache in Frieden, daß nicht böse Träume mich
erschrecken und nicht kummervolle Gedanken die Ruhe von meinem Lager
scheuchen.
Auf Deine Hilfe hoffe ich, Herr, allezeit.
In Deine Hand befehle ich meinen Geist zur Zeit, wenn ich schlafe und wenn
ich erwache, und mit meinem Geiste auch meinen Körper; ist Gott mit mir,
so fürchte ich nichts. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
——————
Gebet am Sonntag.
———
Und Gott sprach: Es werde Licht!
Schöpfer des Himmels und der Erde! In sechs Tagen hat Dein Wink die Welt
aus Nichts hervorgerufen, und als Dein allmächtiges Wort am ersten
Schöpfungstage den Himmel und die Erde gebildet hat, da erschufst Du auch
das Licht. Ehe die Sonne ihre Strahlen zur Erde sandte, war es helle, denn
nicht sie ist der Urquell des Lichtes, Du allein bist es, Du hast es auch
ihr gegeben. Alles Leben in der Körperwelt strebt nach dem Lichte. Alle
Wesen freuen sich des Lichtes, doch höher als alle hast Du den Menschen
bevorzugt, daß er außer dem Lichte, das er aufnimmt durch sein Auge, auch
nach einem höheren Lichte strebe, nach dem Lichte des Geistes. Das Licht
des Geistes aber ist die _Wahrheit_. Ihr immer näher zu kommen, ist die
höchste Aufgabe der Sterblichen; sie mehr und mehr in sich aufzunehmen,
ist seine höchste Seligkeit. Darum ist es mein inbrünstiges Gebet am
ersten Tage der Woche, daß Du, mein Gott und Vater, auch mein Streben nach
Licht und Wahrheit segnen mögest, auf daß es nicht fruchtlos sei. Die
Unendlichkeit Deiner Größe zu fassen und zu ergründen, das freilich bleibt
dem schwachen Menschengeiste auf Erden versagt, aber streben darnach, das
kann ich und soll ich, das ist eine Aufgabe, des Menschengeistes würdig.
Und so will ich nicht gedankenlos vorübergehen bei den Wundern Deiner
Schöpfung, nicht die Kräfte der Natur, weil sie alltäglich vor mein Auge
treten, unbeachtet lassen, nicht den Himmel und die Erde betrachten, ohne
auf die belehrende Stimme zu hören, die aus ihnen zu mir spricht, sondern
alles dies soll der Quell für mich werden, aus dem ich Lehre und
Erkenntnis schöpfe, auf daß Licht und Wahrheit mir zuteil werde aus dem
Buche der Natur, damit ich in Demut mich selbst erkenne und im Staube Dich
anbete als den Herrn und Schöpfer der Welt. Amen!
——————
Gebet am Montag.
———
Und Gott schied das Wasser über
der Feste von dem Wasser unter
der Feste, und nannte die Feste
Himmel.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Himmel ausgebreitet über
die Erde. Das ist die endlose Ferne, in die der Blick des Menschen sich
verliert, wenn er sein Auge emporhebt vom Staube der Erde, dem er
angehört. Da ist kein Ende und keine Grenze, nicht für das Auge, und auch
nicht für die Gedanken.
Unendlich ist die Welt und sie ist _Dein_ Werk. Die Himmel und alle
Welten, die in ihnen schweben, sind Dir untertan. Mit welchem Worte soll
ich Dein Wesen bezeichnen! O Unfaßbarer! Nie wird der Blick, den ich
emporhebe, mich von Deinem ganzen Wesen belehren, aber von dem meinigen
belehrt er mich, und verwandelt meinen Stolz in Demut. Wie ist die Erde so
klein im Reiche Deiner Welt, nicht vergleichbar dem Tropfen im Meere, und
auf der Erde, was bin ich?
O Herr, mein Gott, segne mein Bestreben, diesen Gedanken in mir zu
befestigen, daß er auch die Grundlage meiner Handlungen werde. Der
schwache Mensch ist allzusehr geneigt, sich für den Mittelpunkt dessen zu
halten, was ihn umgibt. Wenn ich aber in Demut von meiner Niedrigkeit
überzeugt bin, alsdann wird die Selbstsucht aus meinem Herzen schwinden.
Nicht meinetwegen, Herr, mein Gott! hast Du die Welt erschaffen, nicht
meinetwegen wirst Du ihre Gesetze ändern, nicht ich bin imstande den Lauf
der Dinge zu hemmen, den Deine Allweisheit vorzeichnet, und
Unzufriedenheit ist Torheit.
Nicht mein Wille, sondern _Dein_ Wille geschehe, das ist der ganze Inhalt
menschlicher Weisheit, mit der er die Wünsche seines Herzens beruhigen
muß. Du hast ja in Deiner Vatergüte mich nicht minder bedacht als Deine
übrigen Wesen, Du hast ja auch mir die Kräfte gegeben, die ich zu meinem
Heile anwenden kann. So mir aber dies gelingt, so möge auch mein Herz
befriedigt sein. Mein Leben und mein Heil sind in der Hand Gottes; er, der
den Himmel ausgebreitet hat über der Erde, er hat auch meine Schritte
gezählt. „In seine Hand empfehle ich meinen Geist und mit meinem Geiste
auch meinen Leib. Ist Gott mit mir, so fürchte ich nichts.“
——————
Gebet am Dienstag.
———
Und Gott sprach: Es sammle sich das
Wasser unter dem Himmel an einem
Ort.
Und Gott sprach: Die Erde lasse
hervorsprießen Gras und Kraut und
alles, was Samen hervorbringt.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du gebotest dem Wasser, daß es sich
sammle in den Tiefen der Erde, Du bestimmtest den Kreislauf der Gewässer,
daß sie aus den Quellen sich ergießen in die Bäche und die Bäche sich
vereinigen zu Flüssen und Strömen, und „_alle Ströme gehen in das Meer und
füllen es nicht_“, und die Dünste, die aufsteigen aus dem Meere, bewässern
wiederum das Land, daß es fruchtbar werde. So gibt das Wasser Nahrung dem
Menschen und den Tieren und wird nicht weniger in Ewigkeit. Und die
Oberfläche hast Du bedeckt mit Gewächsen aller Art, die Samen
hervorbringen und Früchte tragen in tausendfältiger Abwechselung für die
Bedürfnisse des Menschen. Ehe der Mensch auf Erden wandelte, war sein
Tisch ihm bereitet. Du hast Deine Gaben ihm gespendet, noch ehe er ihrer
bedurfte, denn Du wolltest, daß er lebe und sich des Daseins freue, Du
bist ein liebender Vater aller Deiner Geschöpfe, Du willst nicht, daß sie
Mangel leiden. Wie sollte ich fürchten, daß Du mich vergessen werdest, das
meines Leibes Nahrung mir fehlen könnte. Du segnest unserer Hände Werk,
bald in reicherer Fülle, bald in geringerem Maße, aber was ich auch
erwerbe, es ist nicht die Frucht _meiner_ Anstrengung, sondern die Spende
Deiner Gnade. „_Du öffnest Deine Hand und sättigst alles, was da lebt, mit
Wohlgefallen._“ Dir allein gebührt der Dank meines Herzens für den Segen,
mit dem Du mich begnadigst, denn „_Dein ist die Erde und was sie füllet_“.
Mit diesen Gedanken will ich Deine Gaben genießen und Deine Güte preisen.
Aber auch Du sei bei mir allezeit und gib Gedeihen dem Werke meiner Hände.
Nicht meines Fleißes will ich mich rühmen, nicht meiner Weisheit und
Geschicklichkeit will ich vertrauen, aber wenn Du dabei in meiner Hilfe
bist, so wird der Segen mir nimmer fehlen. Amen!
——————
Gebet am Mittwoch.
———
Und es machte Gott die beiden
großen Lichter, das größere Licht,
daß es den Tag regiere, und das
kleinere Licht, daß es die Nacht
regiere, dazu auch die Sterne.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Das Werk des vierten Schöpfungstages
prangt in erhabener Majestät am Himmel und predigt von Deiner Größe, und
seine vernehmliche Stimme spricht: _„Was ist der Mensch, daß Du noch sein
gedenkest? Der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?“_ Und dennoch hebt
sich der Blick in unnennbarer Sehnsucht zu den Sternen empor. Der Himmel
mit der Sonne, dem Monde und den Sternen, er ist das heiligste Buch Deiner
Offenbarung. Kein Sterblicher vermag seinen ganzen Inhalt zu erforschen,
aber das Wenige, das wir zu lesen vermögen, reicht hin, uns mit dem
erhabensten Gedanken zu erfüllen. Um die Erde wandelt der Mond, um die
Sonne wandelt die Erde und alle Wandelsterne mit ihren Begleitern, und
zahllos ist das Heer der Sonnen und alle, alle bilden eine Welt, und
zahllos ist das Heer der Welten. Gott, Gott! Unaussprechlicher! wo ist der
Mittelpunkt Deiner Herrlichkeit? Und alle Welten sind entstanden, und alle
Welten werden vergehen, und Du warst früher als alles Geschaffene, und Du
wirst es überdauern. Der menschliche Geist hat kein Maß für die Räume und
die Sprache keinen Ausdruck für die Zahl der Jahre Deiner Herrschaft, und
nur die eine Erkenntnis ist der Zielpunkt menschlichen Wissens: Raum und
Zeit sind nicht vor Gott vorhanden, sie sind nur menschliche Begriffe.
Doch die Sehnsucht nach einer höheren Erkenntnis wird nicht ewig
ungestillt in mir bleiben. Mein Körper gehört der Erde, aber mein Geist
gehört der Welt. Einst wird er nicht mehr gefesselt sein an die irdische
Hülle, und wenn er gelöst sein wird von dem Staube der Erde, dann vermag
er sich aufzuschwingen, vielleicht von Stufe zu Stufe zu neuen Kreisen der
Erkenntnis, vielleicht von Leben zu Leben zu höherem Range in der
Reihenfolge Deiner Geschöpfe, aber jedenfalls näher zu Dir; und mehr zu
wissen von der Welt und von dem Schöpfer, das ist Seligkeit. Wenn ich
meinen Geist vervollkommene hier auf Erden, so reift er zur Seligkeit
heran. Laß mich einst ihrer teilhaftig werden, mein Gott und Vater! Amen!
——————
Gebet am Donnerstag.
———
Und Gott sprach: Die Erde bringe
hervor lebendige Wesen nach ihren
Arten, Vieh, Gewürm und Gewild der
Erde nach ihren Arten! Und es
geschah also.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Ehe das Menschengeschlecht auf Erden
lebte, war diese schon ein Wohnsitz der Tiere. Die unvollkommensten
Gattungen hast Du zuerst geschaffen, ihnen folgten solche, die Du mit
Äußerungen höherer Lebenstätigkeit begabtest, und, aufsteigend von Stufe
zu Stufe, waren sie die Vorläufer des vollkommensten der Erdenbewohner:
des _Menschen_. Mein Gott und Vater! Wie sollten diese Betrachtungen nicht
den Gedanken in mir erwecken, daß auch der Mensch nicht der vollendete
Inbegriff Deiner Schöpferweisheit sei! Freilich wohl weiß ich es, daß auf
Erden kein Wesen höher steht als der Mensch, aber unendlich sind die
Mängel, die an ihm haften, und jede höhere Vollkommenheit, die meinem
Geiste denkbar, wenn auch unerreichbar ist, bezeichnet höhere Wesen, die
Dein Willen zu erschaffen vermag. Solange ich auf Erden bin, werde ich die
Rätsel Deiner Schöpfung nicht lösen, und die Menschennatur einzig und
allein bleibt das für mich Bestimmte und ihre höchste Ausbildung das
Erreichbare. Und ist das wenig? O nein! ich weiß es, es ist sehr viel.
Nicht die Fähigkeiten allein, die den Menschen seinem irdischen Wesen nach
vom Tiere unterscheiden, sind sein Vorzug, sondern die Fähigkeit, die Du
ihm gegeben hast, auch sich selber zu vervollkommenen. Nur durch diese
steht er höher als seine Mitgeschöpfe. Die vollkommene Menschenwürde kann
entwickelt oder vernachlässigt werden. Das ist die freie Tätigkeit des
menschlichen Geistes. Du selber bist sein Urbild und sein Vorbild. O,
segne, gütiger Vater, mein Bestreben, Dir immer näher zu treten. Du bist
die höchste _Weisheit_, so will auch ich nach Weisheit ringen. Du bist
_allgütig_, darum will auch ich gütig sein und meine Kräfte zum Wohle
meiner Nebenmenschen gebrauchen. Du bist _allgnädig_, darum will auch ich
denen vergeben, die mich beleidigen. Du bist _allgerecht_, darum will auch
ich Gerechtigkeit fördern helfen unter den Menschen. Du bist die
_Wahrheit_, bei Dir ist nicht Trug und Wahn, darum will auch ich mich mehr
und mehr entfernen von Schein und Eitelkeit, auf daß ich meine menschliche
Natur immer mehr ausbilde bis zu dem Grade der Vollkommenheit, dessen sie
fähig ist. Amen!
——————
Gebet am Freitag.
———
Und es bildete Gott der Herr
Menschen aus Staub von der Erde
und blies in seine Nase einen
lebendigen Geist.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Menschen am sechsten
Schöpfungstage aus Staub von der Erde gebildet, und einen lebendigen Geist
ihm eingehaucht, also daß er ein lebendiges Wesen wurde. Staub von der
Erde ist der Urstoff seines Daseins und dennoch hast _Du ihn in Deinem
Ebenbilde geschaffen_, daß er Dir ähnlich sei. Wie könnte ich bei dieser
Betrachtung noch Zweifel hegen, daß Du den Menschen als ein Doppelwesen
geschaffen hast, das eine Verbindung ist von Körper und Geist. „_Der Staub
kehrt wieder zur Erde zurück, davon er genommen ist_“, der Geist aber ist
lebendig und unsterblich und „_kehret wieder zu Gott zurück, der ihn
gegeben hat_“. O möge es Dein Wille sein, mein Gott und Vater, daß ich
nicht abweiche von der Lebensbahn, die diese Erkenntnis mir vorschreibt.
Eingedenk will ich immerdar dessen sein, daß mein Leib nur Staub ist.
Vergänglich ist die Hülle wie alles Irdische, ihre Tage sind gezählt, und
ihr Wesen ist leicht zerstörbar. Und daß ich nicht töricht mit meinem
Leibe verfahre, dazu hast Du den Geist als seinen Wächter eingesetzt. Ich
will seiner Stimme gehorchen, denn sie ist die Stimme der Vernunft, die
mich warnt, dem Genusse zu fröhnen, der Trägheit und der Unmäßigkeit
anheimzufallen, auf daß ich nicht Schaden leide. Mehr als dies kann ich
für das Wohlsein meines Leibes nicht tun; daß er außerdem gesund und
rüstig bleibe, das hängt von Deiner Gnade ab, die Du mir gewähren wollest
gütiger Vater!
Eingedenk will ich aber auch immer dessen sein, daß _mein Geist nicht_
sterblich ist, daß er nicht der Erde angehört, daß er bestimmt ist, zu Dir
aufzustreben, Dich als Inbegriff aller Vollkommenheit zu verehren und
immer mehr und mehr Dir ähnlich zu werden. Mein Körper wird in Staub
zerfallen und im Haushalte der irdischen Natur zu neuen Zwecken dienen;
dann aber wird der Geist frei sein von den Fesseln des Körpers und des
Ranges teilhaftig werden, dessen er sich würdig gemacht hat durch Weisheit
und Tugend auf Erden. Darum soll meine Seele nicht meinem Leibe untertänig
sein, wohl aber sollen die Kräfte meines Leibes dem reinen Begehren der
Seele dienen, zu sammeln Lehre und Erfahrung, Tugend und Weisheit. Amen!
——————
Gebet am Neumondstage.
רֹאשׁ חֹדֶשׁ
———
Großer, erhabener Lenker der Welten! Die Erde wandelt dahin in ihrer Bahn,
und der Mond begleitet sie nach jenen unabänderlichen Gesetzen, die Du
ihnen vorgeschrieben hast, und wenn sie tausend- und abertausendmal ihren
Kreislauf durchmessen, so wandeln sie dennoch fort in junger Kraft und
ewiger Schönheit. Daß auch sie altern und einem Ende entgegengehen, ist
für ein menschliches Auge nicht ersichtlich. Wie anders ist es mit mir!
Des Menschen Dasein auf Erden ist vergänglich und hinfällig; und selbst
der Glückliche, der in Fülle der Gesundheit und in Kraft der Jugend seines
Lebens sich erfreut, wird durch das Erscheinen des wieder sichtbar
gewordenen Mondes daran erinnert, daß abermals ein Zeitabschnitt hinter
ihm liegt, daß er näher gerückt ist dem Ziel seiner Tage, daß die Zeit
unwiederbringlich für ihn dahingeht und ihr Wert nur in dem liegt, was er
Gutes in ihr verrichtet. Darum betrachte ich den Wechsel des Mondes mit
ernsten Gedanken und bitte Dich, mein Gott, laß meinem Geiste die Einsicht
und meiner Hand die Kraft, die Zeit zu nützen nach Deinem Wohlgefallen.
Wenn mir dies gelingt, das fühle ich wohl, so bin ich mehr als Mond und
Erde. Du hast ihnen ihren Weg bezeichnet, den sie wandeln _müssen_, und es
liegt nicht in ihrer Macht und in ihrem Willen, davon zu weichen, es ist
kein Verdienst für sie, wenn sie fortschreiten nach Deinem Gesetze. Auch
mir hast Du die Bahn der Religion und Tugend vorgeschrieben und dennoch
mir es überlassen, sie zu wählen oder zu verlassen: ich kann das Verdienst
der Tugend mir erwerben. Mond und Erde können Dich nicht preisen, Dir
nicht danken und nicht zu Dir beten, ich aber kann mein Herz zu Dir
erheben, kann zu Dir mich wenden, wie das Kind zu seinem Vater. Ich weiß
es, daß Du der Lenker meines Schicksals bist, daß Du mich beschützest und
behütest.
Darum flehe ich denn auch zu Dir, mein Vater! Beschütze und bewahre mich
vor Leid und Trübsal, vor Krankheit und Gefahr. Sei in Deiner Gnade mit
mir und den Meinigen allen auch im Laufe dieses Monats. Amen!
——————
Gebet beim Anzünden der Sabbat- und Festlichte.
———
בָּרוּך אַתָּה יְיָ אֱלֹהֵינוּ מֶלֶך הָעוֹלָם אֲשֶׁר קִדְּשָׁנוּ בְּמִצְוֺתָיו וְצִוָּנוּ
לְהַדְלִיק נֵר שֶׁל שַׁבָּת ^[3]׃
[3] An Festtagen spricht man statt der letzten drei Worte: נר שֶׁל יוֹם טוֹב.
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt! der Du in Deiner
heiligen Lehre den Sabbat (heutigen Feiertag) eingesetzt hast, daß er uns
sei eine Zeit des Friedens und der Freude. Ich grüße seinen Eintritt, so
wie ich einen lieben Gast begrüße, der mit freundlichem Angesicht meine
Schwelle betritt. Ich habe die Räume meiner Häuslichkeit geschmückt und
die Lichter angezündet, auf daß es nicht düster und trübe um mich her sei
am heiligen Sabbat (Feiertag). Möge es auch Dein Wille sein, mein Gott,
alle trüben und düstern Gedanken fernzuhalten von meinem Gemüte, laß mich
Freudigkeit und Freundlichkeit um mich her wahrnehmen bei allen die ich
liebe, und für deren Ruhe und Wohlsein und Frieden ich voll Inbrunst zu
Dir bete. Amen!
——————
Sabbat-Einzug.
(Freitag Abend.)
———
לְכָה דוֹדִי
Auf, auf! mein Freund, und säume nicht,
Sie kommt mit holdem Angesicht!
O, laß' uns mit Verlangen
Die süße Braut empfangen!
Ihr Angesicht ein Engelsbild,
Ihr Blick ein Strahl so licht und mild
Ihr Mund, er ladet Dich zum Kuß
Ihr Kuß, der Wonne Hochgenuß!
Ihr Lächeln grüßt wie Sonnenschein,
Der leuchtet tief ins Herz hinein.
Das ist ein Gruß, ein treuer;
O, heil'ge Sabbatfeier.
Auf, auf! usw.
Als Gott das Schöpfungswerk vollbracht,
Da ist ins Dasein sie erwacht;
Sie ist so alt, wie Sonn' und Mond
Und alles, was auf Erden wohnt.
Und bleibst doch jung für alle Zeit
In ew'ger Kindeslieblichkeit,
Wie täglich jung die Sonne,
O, heil'ge Sabbatwonne!
Auf, auf! usw.
Sie bringt Dir einen Labetrunk,
Der macht das Herz Dir frisch und jung,
Daß Du der Sorgen böse Last
Vergessen und verloren hast,
Wenn nur Dein Mund den Kelch berührt,
Den sie an Deine Lippen führt,
Daß Dich sein Geist erfülle.
O, heil'ge Sabbatstille!
Auf, auf! usw.
Es ruht die Arbeit meiner Hand.
Ich kleide mich ins Festgewand,
Ich breite meine Arme aus,
Die Königin zieht in mein Haus!
Dort strahle heller Kerzenglanz,
Wie ihres Hauptes Strahlenkranz!
Das Licht ist ihr Geschmeide.
O, heil'ge Sabbatfreude!
Auf, auf! usw.
Was klingt so lieblich an mein Ohr?
Sie ist's, sie ruft den Klang hervor!
Der ruft mich in mein Gotteshaus,
Dort zieht des Herzens Leid hinaus,
Dort ist die Seele ungetrübt
Beim Vater, der die Kinder liebt;
— Er schuf sie nicht im Grimme —
O, heil'ge Sabbatstimme!
Auf, auf! usw.
——————
Freitagabend-Lied.
———
Preise Gott nun, meine Seele!
Preise ihn, den Herrn der Herrn!
Wenn ich seine Wunder zähle,
Hört es Gott der Vater gern;
Reichen nimmer die Gedanken
Auch für seine Größe hin,
Gott kennt meines Geistes Schranken,
Weiß, daß nur ein Mensch ich bin.
Schöpfer ist er aller Dinge,
Und er bleibt es fort und fort;
Daß er eine Tat vollbringe,
Reicht sein Wille hin, sein Wort.
Schöpfer, doch erschaffen nimmer,
War er da vor aller Zeit,
Unverändert bleibt er immer
Bis in alle Ewigkeit.
Er ist Herr, und seinem Willen
Sind die Welten untertan,
Seine Vorschrift zu erfüllen,
Rollen sie auf ihrer Bahn.
Sterne, Monden, Erden, Sonnen
Wandeln hin auf sein Geheiß,
Seit zu wandeln sie begonnen;
Er bestimmte ihren Kreis.
Helfer ist er allen Seinen
Alle liebt er, groß und klein;
Wenn wir uns verlassen meinen,
Ist er Stütze uns allein.
Darum will ich nie verzagen,
Wenn mich Harm und Leid bedroht,
Fröhlich ihn zu bitten wagen,
Der da hilft aus aller Not.
Heilig ist er. Ihn verehren
Ist des Menschen Heiligkeit,
Ihm nur sei nun mein Begehren
Und mein Sabbat ganz geweiht.
Fröhlich ist mein Geist erhoben,
Seines Wertes sich bewußt;
Kann ich meinen Schöpfer loben,
Das ist heilige Sabbatlust.
——————
Psalm 67.
(Zum Sabbat-Ausgang.)
———
O, sei uns gnädig, Herr, mein Gott!
Und gib uns Deinen Segen,
Laß' leuchten uns Dein Angesicht
Auf unsern Lebenswegen,
Daß wir erkennen Deinen Weg,
Den rechten, auf der Erde,
Daß Deine Hilfe anerkannt
Von allen Völkern werde;
Auf daß, o Gott, Dir dankend naht
Der Nationen Menge,
Daß jedes Volk vor Dir erhebt
Die höchsten Lobgesänge,
Daß Deiner Allgerechtigkeit
Sie jauchzen voll Entzücken,
Daß sie der Welt Regierung nur
In Deiner Hand erblicken.
Bis endlich Deiner Größe Lob
Aus jedem Mund erschalle,
Bis dankend sich vereinigen
Vor Dir die Menschen alle.
Du bist es, der des Feldes Frucht
Der Erde läßt entsprossen;
So ist, o Gott, aus Deiner Huld
Der Segen uns geflossen;
So wird auch ferner Gott allein
Uns seine Gaben senden;
D'rum sei ihm Ehrfurcht dargebracht
An allen Erden Enden.
——————
Sabbat-Ausgang.
(Lied.)
———
Du, Hocherhabener! wählst
Die Wolken Dir zum Sitze
Und schau'st auf uns herab
Und bist uns Fels und Stütze.
Du warst der Väter Hort
Und bleibst es auch den Kindern,
Und Deine Liebe kann
Sich nie und nie vermindern.
Es dunkelt nun die Nacht,
Und sie umhüllt die Erde,
Auf daß nach kurzer Rast
Es wieder Morgen werde;
Der heil'ge Sabbat weicht,
Der Labetag der Frommen,
Auf daß zu neuem Werk
Der Woche Tage kommen.
O laß uns neu gestärkt
Zurück zur Arbeit kehren,
Und Weisheit und Verstand
Durch Tätigkeit vermehren,
Und wie Dir wohlgefällt
Der Tag, den wir Dir weihen,
So gibst Du auch dem Fleiß
Gelingen und Gedeihen.
O, stärke uns're Kraft,
Daß Gutes wir vollbringen;
Von Dir kommt alles Heil,
Gedeihen und Gelingen.
So wie bisher die Kraft
Wir Dir zu danken hatten,
Laß' ferner uns're Hand
In Schwäche nicht ermatten.
So sinke nun hinab,
Du letzte Sabbatstunde,
Begleitet von dem Lob
Des Herrn aus uns'rem Munde
Er bringt der Woche Lauf
Uns wiederum zum Segen
Und führt aufs neue uns
Der Sabbatruh' entgegen.
——————
Gebet am Tage der Konfirmation.
———
Gütiger Gott! Mit ehrfurchtsvoller Erwartung habe ich seit langer Zeit dem
Tage entgegengesehen, der heute für mich gekommen ist.
Ich soll nun heute hintreten vor Dein Angesicht, um im Bewußtsein Deiner
Allgegenwart und vor den Augen vieler Zeugen das Gelöbnis auszusprechen,
daß ich treu bleiben will der heiligen Religion, in der ich geboren und
belehrt bin, treu bleiben will dem Wege der Tugend und Dich anbeten will
im Geiste und nach der Lehre Moses, Deines Propheten, bis an das Ende
meines Lebens.
Eine lange und ernste Vorbereitung ist diesem Tage vorangegangen, und
alles hat darauf hingedeutet, daß er ein Tag von hoher Wichtigkeit für
mich sein soll, _daß er mannigfache Empfindungen in mir erwecken, heilige
Scheu in mir hervorrufen und Gedanken höherer Natur in mir anregen muß_.
Meine Empfindungen sind: _Dank und Freude, Hoffnung und Zaghaftigkeit_.
Ich will sie vor Dir offenbaren, mein Gott.
Ich _danke_ Dir aus tiefster Seele für das Glück der Kindheit, das ich
genossen. Ich _danke_ Dir aus tiefster Seele dafür, daß Du liebende,
zärtliche Eltern mir gegeben hast, die den Pfad meiner Jugend so herrlich
geebnet, die kein Opfer gemieden haben, mein Glück zu begründen, meinen
Geist zu bilden. Und auch die _Freude_ belebt mein Herz. Ich vermag heute
öffentlich ihnen recht von Herzen zu danken und sie in der Hoffnung auf
das Wohlgedeihen ihres Kindes glücklich zu machen. Auch die _Hoffnung_
erfüllt meine Brust, denn ich hege die Zuversicht, daß ich unter dem
Schirme der Tugend, wie Dein heiliges Gesetz sie vorschreibt, glücklich
sein werde. Aber auch der _Zaghaftigkeit_ kann ich mich nicht entschlagen!
Ob ich immer Kraft genug besitzen werde, allen Versuchungen Trotz zu
bieten? Ob ich immer besonnen genug sein werde, über mich selbst zu
wachen? — —
Und eine _heilige Scheu_ ist es, die den heutigen Tag mir weihevoll macht.
Es ist die Scheu vor der Sünde. Das Beispiel gottesfürchtiger Eltern, der
Unterricht treuer Lehrer haben die Erkenntnis der Sünde in mir erweckt,
die Liebe zur Tugend und zur Wahrheit in mir wach gerufen, und das
Bewußtsein in mir gekräftigt, daß die Tugend das Glück, die Sünde das
Unglück in sich birgt.
Und die _Gedanken höherer Natur_, die heute mich beleben, das sind die
Gedanken an Dich. Wie glücklich fühle ich mich, erkannt zu haben, daß Du
allein Gott bist im Himmel und auf Erden, daß Du ewig bist und
unbeschränkt im Raume und in der Zeit, daß Du ein gerechter Richter bist,
der das Gute belohnt und das Böse bestraft, daß Du ein liebender Vater
bist allen Menschen, und allen Wesen gibst, was für sie zum Heile ist, daß
Du allwissend und allweise bist und zu den besten Zwecken die besten
Mittel wählst, daß Du der Schöpfer der Welt bist, und alle Kräfte der
Natur Dir untertänig sind. Wie glücklich fühle ich mich, daß es mir
vergönnt ist, Dich anzubeten, mein Hoffen und Vertrauen auf Dich zu
gründen. O, so erhöre auch Du mein Gebet:
Du großer Gott, Du Herr des Lebens!
Steh' gnadenvoll mir Schwachen bei,
Auf daß ich heute nicht vergebens
In Deinen Bund getreten sei.
O führe mich auf eb'nem Gleise
Durch dieses Erdenleben hin,
Und mache mein Bestreben weise
Und fromm und edel meinen Sinn.
Ich möchte gut vor _meiner Seele_,
Wenn ich mich selber prüfe, sein,
Erkennen, wo und wann ich fehle,
Und jeden Fehler schnell bereu'n.
Ich möchte gut und wohlgelitten
Vor _allen Menschen_ sein, und reich
An allen angenehmen Sitten
Und immer nur den Besten gleich.
Ich möchte wandeln _Deine Pfade_,
Weil dort nur Heil ich finden kann,
Das gib mir, Herr, in Deiner Gnade,
Ich flehe Dich in Demut an.
Amen!
——————
Gebet am Verlobungstage.
———
Mein Gott! Hinweg aus der lebendigen Aufregung, die mich umgibt, und die,
obschon hervorgerufen durch Liebe und Güte aller, die mir nahe sind, mich
dennoch nicht die Ruhe inbrünstiger Sammlung finden läßt, flüchte ich mich
auf einen Augenblick zu Dir, mein Gott, um, abgezogen von allem
Weltlichen, einsam und ungestört, nur im Bewußtsein und im Gefühle Deiner
Nähe mein tiefbewegtes Herz vor Dir zu offenbaren.
Der Ernst des Lebens tritt heute in seiner ganzen Größe an mich heran und
verlangt von meiner schwachen Einsicht die Reife höchster Überlegung und
die Festigkeit des ernstesten Entschlusses.
Mir würde bangen vor dieser Aufgabe, und ich wüßte keinen Ausweg, als ihr
auszuweichen, wenn Du nicht, o Herr, Kräfte in mein Herz gepflanzt
hättest, die da wohl vermögen mich mutig zu machen und meine Leiter zu
sein, daß den bedeutungsvollen Schritt ich wage, den ich heut gehen soll
und will.
Ja, in meinem Herzen wohnen die Kräfte, und als freundliche Engel stellen
sie sich lächelnd vor mein Auge; sie heißen _Liebe_ und Vertrauen.
_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich zu Dir, mein Gott. Erzogen in den
Lehren der Religion, fühle ich mich als Dein Kind, das nicht unerhört sich
zum Vater wendet. Ich _liebe_ Dich als meinen Wohltäter von Jugend auf,
und lege _vertrauensvoll_ mein Schicksal in Deine Hand. Was Du über mich
beschlossen hast, das wird zu meinem Heile sein.
_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich zu meinen Eltern, ihren Willen achte
ich selbst da höher als meine Neigung, wo diese mit jenem nicht eins ist,
um wieviel mehr muß ihr Wille mir heilig sein, wo er mit meinen Wünschen
übereinstimmt. Was sie über mich beschließen, ist nur Liebes und Gutes,
was sie von mir begehren, ist nur zum Segen für mich. So war es von je.
_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich endlich auch gegen ihn, der mir seinen
Willen offenbart hat, mir ein Schutz und eine Stütze zu sein in allen
Tagen, solange es Dir wohlgefällt, daß wir vereint die Wege des Lebens
gehen, gegen ihn, der von mir begehrt, daß ich ihm die Hand zum Bunde
reiche, um als treue Gefährtin seines Lebens ihn nie zu verlassen in Glück
und Unglück.
Wenn aber dies alles auch geeignet ist, mich frohen Mutes die Pflichten
der Braut und bald die der Gattin übernehmen zu lassen, so bangt meine
Seele dennoch, weil ich mir meiner Schwäche und Mangelhaftigkeit bewußt
bin, weil ich es für gar leicht erachte, durch meine Fehler mir das Glück
meines Lebens zu zerstören. Darum bitte ich Dich, mein Gott, verlasse mich
nicht, wie Du bisher mich nicht verlassen hast. Laß mein aufrichtiges
Streben gelingen, meinen Geist verständig, mein Herz duldsam, mein Wesen
angenehm und meine Lebensansprüche bescheiden zu machen. In Deine Hand
befehle ich mein Leben heute und allezeit, weil ich Dich liebe und auf
Dich vertraue. Du bist mein Wohltäter, meine Stütze und Zuflucht. Amen!
——————
Gebet während des Brautstandes.
———
Gütiger Gott! Näher und immer näher rückt der entscheidende Tag für mich
heran, an dem ich das Haus meiner Eltern, die liebe Umgebung verlassen
soll, in der ich gelebt habe von den Tagen meiner Kindheit bis jetzt. Der
Tag naht heran, an dem ich einziehen soll in das Haus des Mannes, dem ich
treu anzugehören gelobt habe für die ganze Zeit, die Du, mein Gott, für
unsern gemeinsamen Lebensweg auf Erden bestimmt hast.
Je näher mir dieser Tag entgegentritt, desto mehr auch beschleicht mich
das Gefühl der Bangigkeit. Ich weiß nicht, ob ich leicht oder schwer mich
in die neuen Verhältnisse finden werde, ich weiß nicht, ob meine Kräfte
und meine Einsicht ausreichen werden, den Pflichten der Hausfrau sogleich
zu genügen, oder ob ich erst mit Mühe und Ausdauer mir die Fähigkeit, eine
solche zu sein, werde erwerben müssen. Ich weiß nicht, ob ich mit Freude
und Fröhlichkeit oder mit Sehnsucht und Bangen auf die Tage meiner
Vergangenheit zurückblicken werde. Ich weiß nicht, ob mehr Wohlergehen
oder mehr Leid und Trübsal mein Anteil sein werden. Denn wie der Würfel
aus der Hand entrollt, so fällt das Los aller, die ihre Zukunft abhängig
machen von dem Bündnisse der Ehe. Nicht Weisheit und Überlegung, nicht
Reichtum und Erfahrung bürgen für das Glück, ja selbst die Liebe der
Gatten zueinander vermag nicht Bürgschaft zu leisten für Wohlsein und
Zufriedenheit.
Dennoch will ich freudig der entscheidenden Stunde entgegengehen. Denn Du,
gütiger Gott, warst mein Schutz und meine Hilfe bis heute, Du wirst es
auch ferner sein. Du hast bisher meine Bahn geebnet; wie sollte ich
glauben, daß Du später mich verlassen wirst. Nein, gestärkt und ermutigt
war ich stets, so oft ich mein Herz im Gebete zu Dir erhob, und diese
Wohltat kann ja auch ferner mir nicht fehlen. Auch in diesem Augenblicke
empfinde ich ihre Süßigkeit, denn ich fühle, daß Du in meiner Nähe bist,
daß ein Tempel für Dich errichtet ist in meinem Innern, in dem ich alle
Zeit Zuflucht finde, ich fühle, daß ich Dich liebe und von Dir geliebt
werde.
Und sollte die Anerkennung Deiner unendlichen Güte und Huld mich nicht
immer mehr und mehr zum festen Glauben bestimmen, daß ich geborgen sein
werde unter Deiner Fürsorge?
Du weißt es, daß ich nicht leichtfertigen Sinnes oder aus eitlem Verlangen
nach erträumtem Glücke, dem Manne meiner Wahl Treue gelobt, sondern daß
nur das Gefühl mich bestimmt hat, daß Du, mein Gott, es bist, der meinen
Schritt billigt, und der von mir verlangt, daß ich ihm nicht ausweiche.
Darum empfehle ich Dir meine Zukunft. Was Du tust, das ist wohlgetan!
Amen!
——————
Gebet einer Braut am Hochzeitstage.
———
Allgütiger Vater im Himmel! Erbarmungsvoll schauest Du hernieder auf Deine
Kinder auf Erden; Du wendest Dein Angesicht auf alle, die inbrünstigen
Sinnes sich Dir nahen, und unerhört bleibt keine Seele, die in
aufrichtiger Demut vor Dir sich neigt, kein Herz, das hoffend und
vertrauend im Gebete zu Dir sich wendet.
O, so sei auch jetzt mir nahe, da ich, wenn auch in schlichten Worten,
mein übervolles Herz durch die Sprache des Gebetes vor Dir erleichtern
will.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß dieser Tag ein Tag des Heils für mich
werde.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß meine teuren Eltern all die Freuden
erleben, für die sie mit den höchsten Opfern der Liebe diesen Tag sich
erkauft haben.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Gatte in den Tagen der Zukunft die
Stunde segne, die mich zu seiner Lebensgefährtin gemacht hat.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich immerdar lichten Auges und willigen
Herzens des Weges gehe, auf dem ein tugendhaftes Weib die Pflichten der
Gattin und Hausfrau übt.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß nicht des Schicksals Bürde allzuschwer auf
meinen Schultern laste, wenn nach dem Rate Deiner Allweisheit es mir
bestimmt ist, Zeiten der Prüfung zu ertragen.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Dein nicht vergesse, wenn der süße
Klang der Fröhlichkeit und der Freude mich umrauscht.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Mut und Ausdauer nicht verliere, wenn
Mühe und Arbeit mein Anteil sind.
Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Sinn frei bleibe von Stolz und
Übermut, wenn Glanz und Wohlstand meine Tage sorglos machen.
Alle diese Bitten und unzählige andere drängen sich heut in meinem Herzen,
und ich vermag nicht ihre Zahl zu bestimmen, ihre Innigkeit in schwachen
Worten zu offenbaren. Du aber, mein Gott! schaust in mein Inneres, vor Dir
sind meine Gedanken offenbar, und die Gefühle der Betenden sind Dir nicht
verborgen. Darum fasse ich sie alle in das eine Flehen: Sei meine Hilfe,
sei mein Hort, wende Deine Liebe nicht von mir, wie Du sie bisher mir
nicht versagt hast.
Ach! schon drängt die Zeit, daß ich mich schmücken lasse, um als Braut
lieblich zu erscheinen dem Blicke des Bräutigams, der meiner harrt, daß
der Segen der Religion das Siegel drücke auf den Bund unserer Herzen. Auch
er erwartet das Glück seines Lebens von dem Segen dieses Tages, auch er
ist gleich mir bereit, fortan all sein Denken und Tun dem Bunde der Liebe
zu weihen, den unsre Herzen geschlossen haben; o, sei auch mit ihm, daß er
finde, was er sucht: Glück und Zufriedenheit, Frieden im Hause und Freude
an seiner Tätigkeit. Laß ihn den Lohn finden für all sein Streben, mit dem
er die Selbständigkeit sich erworben, für all den Fleiß, mit dem er sich
emporgearbeitet, daß er nun ein Haus sich gründe.
Und dieses Haus, laß es sein eine Stätte der Tugend und der Gottesfurcht,
lieblich in Deinen Augen und angenehm in den Augen der Menschen.
Ach, Herr mein Gott! ich fühle, daß Du bei mir bist, ich danke Dir für die
Erhebung, die Du im Gebete mir zugewandt. Ich trockne die Träne der
Andacht und eile hin, wo ich die der Freude vergießen will. Du bist mein
Trost und meine Zuflucht, Deiner Liebe will ich heute mich erfreuen, o,
wende nie sie von mir ab. Amen!
——————
Gebet einer Neuvermählten.
———
Gütiger Vater aller Menschen! Deine Gnade hat mich begleitet von meinem
ersten Tage auf Erden bis hierher. Du hast mir beigestanden in den ersten
Tagen meiner Kindheit, aus Gefahren mich errettet, vor Not und Kummer mich
behütet und, geführt von Deiner Hand, bin ich nunmehr zu der Aufgabe
gelangt, als treue Gattin, als sorgsame Hausfrau mich zu bewähren. Welch
anderes Gefühl, als das des kindlichen Dankes könnte ich Dir jetzt
entgegenbringen, wenn mein Herz mich aufruft, daß ich im Gebete mich Dir
nahe! Aber alle Worte des Dankes würden nicht hinreichen, ein würdiger
Ausdruck der Erkenntlichkeit zu sein für die tausend und abertausend
Wohltaten, die Du mir erwiesen hast. Darum will ich still in meinem
Innern, doch unverborgen vor Dir, das Gelöbnis tun, durch Taten, nicht
durch Worte, Dir, meinem gütigen Vater, zu zeigen, daß ich ein dankbares
Kind bin. Ich will mich aufraffen mit aller Kraft, die Fehler zu erkennen,
die an mir haften, und will sie ablegen. Ich will alle Mängel des
Flattersinnes, die ich herüber gebracht habe aus dem Stande der Jungfrau
in den der Gattin, bekämpfen in meinem Wesen, daß ich mit Ernst das Gebiet
meiner Pflichten überschauen und in dasselbe mich hineinleben kann. Noch
umspielt und umtändelt mich die Sorglosigkeit des jungen Ehelebens, aber
ich weiß es wohl, daß es von Tag zu Tag mehr und mehr sein ernstes
Angesicht mir zeigen wird. Mein Gatte wird, in Anspruch genommen von den
Obliegenheiten seines Berufes, mir nicht immer mit dem Angesicht der
Zärtlichkeit entgegentreten können; dann will ich es ihm nicht für
Lieblosigkeit deuten, sondern meine Zuvorkommenheit verdoppeln, um ihm das
Leben in seinem Hause angenehm zu machen. Ich will zu den Lasten seines
Tagewerkes nicht noch die häufen, meine Launen ertragen zu müssen, ich
will ihn nicht beschweren mit solchen Dingen, die ich allein verrichten
kann, und mir Mühe geben, sein Leben angenehm zu machen und seine Bürde
ihm zu erleichtern. So will ich bestrebt sein, ein Weib zu werden, wie
Lemuël es beschrieben: „_Das ihrem Gatten Liebes und kein Leides tut ihr
Leben lang_“, denn „_trüglich ist die Anmut, nichtig ist die Schönheit,
nur ein gottesfürchtiges Weib ist rühmenswert_.“
Und so Du in Deiner Allwissenheit es bestimmt hast, daß Tage der Prüfung
über ihn kommen, so will ich treulich ausharren, liebend und helfend an
meines Mannes Seite, ich will nicht murren, wenn ich Entbehrungen erleide,
Not und Kummer mit ihm tragen muß.
Du aber, gütiger Vater! sei mit ihm, mache die Sorge für das Haus ihm
leicht, und seine Wohnung zur Stätte seiner Lust und Freude, daß er seine
Schritte nicht unmutig von ihr abwende, wenn er eine Stunde der Erholung
sucht, daß nie es ihm drückend werde, die Sorge für mein Wohl auf seine
Schulter gelegt zu haben.
Erhöre, gütiger Vater! all' diese meine Bitten, zu welchen ich die
Veranlassung zu überschauen vermag; wohin aber mein beschränkter Blick
nicht reicht, was meiner geringen Erfahrung noch nicht wahrnehmbar ist,
auch das lege ich mit Vertrauen in Deine Hand, denn Dir empfehle ich mein
Leben und mein Heil; was Du tust, ist wohlgetan! Amen!
——————
Gebet einer Wöchnerin.
———
Gnädiger Gott! Du mein himmlischer Wohltäter! Aus der Tiefe meines Herzens
steigt mein Dank zu Dir empor, da ich in Freude zurückblicke auf die Zeit,
die, noch vor kurzem von mir erwartet, mich mit Bangen erfüllte. Deine
Hilfe ist mir nahe gewesen, durch Dich bin ich erlöset und unendlich
reicher geworden, da Du ein holdes Kind mir (wiederum) geschenkt hast.
(Wieder lausche ich mit Muttersorge und Mutterlust auf seine Atemzüge,
wiederum treten die Bilder einer schönen Zukunft vor meine hoffende
Seele.) Ich lausche mit nie geahntem Mutterglück auf seine Atemzüge, und
die Bilder einer schönen Zukunft treten vor meine hoffende Seele, wenn ich
daran denke, daß ich mein liebes Kind erziehen, seine Entwicklung
beobachten und leiten und an seinem Gedeihen mich ergötzen soll.
Du weißt es, mein Gott, daß ich meine Pflicht erfüllen, die reinste
Mutterliebe betätigen und nicht ruhen und rasten will in der Sorge um das
Gedeihen meines Lieblings.
Aber alles menschliche Wollen und Streben reift nur zum Segen, wenn Du, o
Gott, Deinen Beistand gibst. Darum flehe ich zu Dir: O, stehe mir bei in
meinem Vorsatze. Erhalte mein Kind gesund an Leib und Seele, erhalte auch
mich gesund zu seinem Heile, segne auch meinen Gatten, daß er immer in
Freude und Fröhlichkeit für sein Haus zu sorgen vermöge. Schenke uns
beiden die süße Lust, unser Kind kräftig emporwachsen zu sehen, daß es
angenehm sei in Deinen Augen und in den Augen der Menschen. O, wie freue
ich mich heute schon der Zeit, daß ich es werde anleiten können, selbst zu
Dir zu beten, Dich zu lieben und zu verehren, Dich von ganzem Herzen Vater
zu nennen, wie ich Dich Vater nenne.
O sei mir gnädig und bleib in meiner Hilfe. Amen!
——————
Gebet einer Mutter während der Aufnahme ihres Sohnes in den Bund Abrahams.
———
Lob und Preis, Dank und Anbetung widme ich Dir, Allbarmherziger! Du hast
mir beigestanden zur Zeit der Not und hast mein Herz erfreut durch Dein
himmlisches Gnadengeschenk, da Du (wieder) einen Sohn mir gegeben, und
meine Seele (aufs neue) erfüllt hast mit dem Glücke mütterlicher Sorge und
mütterlicher Liebe. Und harren auch meiner (wiederum) in der Pflege meines
Kindes Kummer und Mühsal hundertfach, so werden sie dennoch tausendfach
aufgewogen durch die Lust und das Entzücken, die der Besitz und der
Anblick meines lieben Kindes mir bringen muß. Darum bin ich auch in
Fröhlichkeit damit einverstanden, daß er nunmehr durch das Opfer seines
Blutes aufgenommen werde in den Bund, den Du mit Abraham geschlossen hast.
O laß, mein Gott, ihn auch im Geiste und in der Wahrheit ein treues
Mitglied dieses Bundes werden, daß er frei und gern sich zu ihm bekenne in
der Zeit der Reife seines Geistes. Vor allem aber laß den Begründer des
Bundes sein frei erwähltes Vorbild sein. Wie Abraham seinen Blick zu den
Sternen erhob, und die Seligkeit des Glaubens an Dich gewann, so möge auch
mein Sohn sein Auge zum Himmel erheben in seinen heiligsten
Angelegenheiten, und Gottes Walten im Geiste erkennen und im Herzen
empfinden. Wie Abraham dem Menschen ein Vorbild wurde, so laß meinen Sohn
reif werden, daß auch sein Beispiel geeignet sei, den Irrenden den rechten
Weg zu zeigen. Wie Abraham die Neigungen und Wünsche seines Herzens
unterdrückt hat, wo es galt, sie Dir zum Opfer zu bringen, so laß auch ihn
bereit sein, sich selbst zu verleugnen um seines Gottes willen. So wie
Abraham als ein Muster der Nächstenliebe gelebt hat unter seinen
Zeitgenossen, so möge auch mein Sohn es werden unter den seinigen,
übertrage auch auf ihn den Segen, den Du Deinem Liebling Abraham
zugeteilt, daß er selbst ein Segen sei unter den Menschen.
Aber auch das flehe ich, Allbarmherziger! Wie Du warst mit Abraham, dem
Vater unseres Volkes, wie Du ihn begnadigt hast mit Glück und Freude,
Leben und Wohlsein, so sei auch mit meinem Sohne immerdar. Erhöre mein
Gebet, Allgütiger! Amen!
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Gebet einer Wöchnerin bei ihrem ersten Besuch des Gotteshauses.
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Mein Gott! „_Durch die Fülle Deiner Gnade betrete ich Dein Haus, bücke
mich vor Dir in Deinem Heiligtume in Ehrfurcht._“ Wie schön und lieblich
ist diese Stätte! Wie fühle ich hier doppelt die Nähe meines Gottes! Ja,
mein Gott! ich danke Dir, daß Du meinen Fuß wieder geleitet hast, die
Schwelle Deines heiligen Tempels zu überschreiten.
Du hast in Deiner Liebe und Güte (aufs neue) ein heiliges Gut mir
anvertraut, daß ich es treu bewahre nach Deinem Willen. O, so höre auch
mein Gelöbnis, daß ich es so halten und hüten will, um jederzeit mit
freudigem Bewußtsein Rechenschaft vor Dir ablegen zu können. Du hast mir
(wieder) ein holdes Kind geschenkt und mit dieser Gabe mein Herz beglückt,
darum will ich nun Dir geloben, daß ich es erziehen will in Deinen Wegen.
Du hast (wiederum) meine Kraft gestärkt, darum will ich sie anwenden in
Deinem Dienste, in Tugend und Frömmigkeit.
O, sei auch Du ferner mit mir! Laß das Kind zu meiner und zu seines Vaters
Freude wachsen und erblühen, und wenn es einst herangewachsen ist, so
mache es angenehm vor Dir und den Menschen. Möge es immerdar in Deinen
Wegen wandeln und sein Name . . . . . . . ehrenvoll genannt werden.
Dich preise ich, mein Gott, Dir danke ich, und zu Dir bete ich.
Alles Gute kommt von Dir, Du warst mein Wohltäter, Du bist es und wirst es
bleiben fürderhin. Amen!
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Gebet einer Mutter am Tage her Konfirmation ihres Sohnes.
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Du hast in Deiner Liebe, Allgütiger! mir heute (wiederum) einen Tag
geschenkt, an dem ich Deine Gnade lebhafter erkenne und tiefer empfinde,
weil er ein Tag ist, den mein Herz ersehnt seit langer Zeit. Mein lieber
Sohn . . . . . , den ich in Liebe zu Dir und zur Kenntnis Deines Wesens
und Deines Willens zu erziehen bestrebt war, ist nunmehr so weit gediehen,
Dich selbständig und aus eigenem Antriebe verehren und Deine heiligen
Gebote ausüben zu können, und ist heute bereit, durch feierliches Gelöbnis
sich seinen Pflichten als Israelit zu unterwerfen. Dank Dir, mein Gott!
daß Du mir (und meinem Gatten) die Freude vergönnt hast, Zeuge dieser
Handlung zu sein. An das Gedeihen meines Sohnes knüpfen sich meine
schönsten Hoffnungen. O, gib, daß diese nie und nimmer getäuscht werden,
daß mein Sohn bei meinem (unserem) Leben und über dasselbe hinaus auf der
Bahn der Tugend und Redlichkeit bleibe, und auch als ein Israelit nicht
aufhöre, Dich vor Augen und im Herzen zu haben. Beschütze ihn auch,
Allgütiger, auf seinem Lebenswege, behüte ihn vor Versuchung und Sünde,
laß ihn mit Ehren einen Platz finden unter den Menschen, auf dem er
imstande sei, Dir wohlgefällig, den Nebenmenschen nützlich, und zu seiner
eigenen Zufriedenheit zu leben. Gib seinem Geiste Einsicht, seinem Herzen
Mut zu allen guten Handlungen, die er auszurichten vermöge, und begnadige
ihn mit Leben und Gesundheit und jeglichem Segen, der hervorgeht aus der
Fülle Deiner Vaterliebe. Amen!
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