ist menschliche Größe? Die Erde nicht und nicht der Himmel und nicht des
Himmels Himmel und nicht der Raum des Weltalls, den die Gedanken des
Sterblichen begreifen, umfassen den Abglanz Deiner Herrlichkeit. Nicht
_Dein Befehl_ ist's, dem die Welten dienen, nicht _Dein Wort_ ist's, dem
die Heere des Himmels gehorchen, _Dein Willen_ ist's allein. Wo ist ein
Willen, der dem _Deinem_ trotzt? Wo ist ein Wirken, daß nicht Du geordnet?
Wo ist ein Raum, und er wäre nicht im Gebiete _Deiner_ Macht? Wo ist ein
Anfang, der _vor_ Dir war? wo ist ein Ende, das hinausreicht über Deine
Dauer? Raum und Zeit sind nicht vor Dir vorhanden. Ja Du, Gott, allein
bist der Allmächtige, Du allein bist _König_, Du allein regierst, Du hast
regiert und wirst regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit!
_Gott, Du allein bist Richter!_ Laß ab, mein Geist, von dem vergeblichen
Streben, die Größe des Erhabenen zu erkennen; kehre zurück zur kleinen
Erde und preise Gott als den, der auch das Kleine schauet! Ja, Deiner
Allwissenheit ist nichts verborgen. Du kennst die Wesen alle und ihr Tun,
Du kennst auch mich. Vor Dir ist meine Seele offenbar, und die Gedanken
meines Herzens sind bekannt. Fern bist Du mir und unerreichbar, wenn ich
meinen Blick hinaussende in Deine weite Welt; aber nahe bist Du mir und
fühlbar, wenn ich ihn in mein Inneres richte. Wenn die Begierden in mir
streiten, wenn die Tugend mit der Sünde in mir um die Herrschaft kämpfen,
dann empfinde ich es, daß ich verantwortlich bin für meine Taten, daß ich
die Freiheit des Willens nicht erhalten habe zum Dienste der Leidenschaft,
sondern als Waffe gegen sie, auf daß ich bestehe vor dem prüfenden Auge
des Richters. Mein _Richter_ aber bist Du, Dein Urteilsspruch ist mein
Schicksal. O richte mich, mein Gott! Richte mich nach Deiner Gnade und
nicht nach meinem Verdienste.
_Gott, Du allein bist Lehrer._ Wollte ich auch mit der besten Kraft des
Willens meine Tugend einrichten nach meiner Weisheit, so würde ich im
Finstern wandeln. Du aber hast das nicht gewollt. Du hast den Weg des
Verdienstes mir vorgezeichnet in Deiner heiligen Lehre. Du hast den
Menschen Deinen Willen kund getan am Sinai. Dein Willen sei mein Gesetz!
Deine _Lehre_ sei meine Weisheit!
So möge denn das Horn ertönen, es wird mich vorbereitet finden, seine
Sprache zu verstehen. Fremdartig und wunderbar erklingt es vor meinem
Ohre, wie der Widerhall aus ferner, alter Zeit, als wollte es von den
Wundern erzählen, die Gott in grauer Vorzeit meinen Vätern erwiesen, und
dennoch spricht es zu uns und zu allen Geschlechtern in der verständlichen
Zunge gegenwärtiger Zeit: _Erwache, Menschengeist, erwache! Erhebe Dich,
Menschenherz, erhebe Dich!_ Es ruft Dich Gott! er ist Dir nahe. Bringe
Huldigung dem _Könige_, bringe Bekenntnis dem Richter, bringe Dank und
Ehrfurcht dem erhabenen _Lehrer_. _Herbei! Herbei_! es ist der Tag des
Herrn! Amen!
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns geheiligt
hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast zu vernehmen die Stimme des
_Schofars_!
——————
וּנְתַנֶּה תֹּקֶף
Unthanne tokef.
———
Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
Des Tages heut, erwäge seine Größe!
Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
Hast Du vor uns, auf Gnade ihn gegründet
Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein _Richter_ bist,
Der nimmer irren kann; Allwissenheit
Macht Dich zugleich zum _Geber des Gesetzes_,
Zum Zeugen und zum unfehlbaren _Richter_.
Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet.
Da tönet mächtig der Posaune Schall,
Und sie verhallt in feierlicher Stille,
Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
Sie laden zum Gericht und rufen aus:
„Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
So musterst Du, so leitest Du und zählest
Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst
Am _Neujahrstage_, da wird's aufgeschrieben
Und am _Versöhnungstage_ wird's beschlossen:
Wieviel der Wesen aus dem Leben scheiden,
Wieviel zur Welt gerufen werden sollen,
Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen,
Und wen die rohen Kräfte der Natur,
Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
Als ihre Beute sich erwählen werden,
Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
Wer unstät irren müsse durch das Leben,
Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
*Reue, Gebet und Liebeswerke*
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.
Fürwahr, Du bist der Schöpfer aller Menschen,
Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt:
So fliegt er hin vergänglich wie ein Traum.
*Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!*
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עָלֵינוּ
Olenu.
———
Wohl mag es uns gebühren, ihn, den Herrn der Welt zu preisen,
Ihm, der das Schöpfungswerk vollbracht, Anbetung zu erweisen.
Er hat uns nicht, den Heiden gleich, in Finsternis gelassen,
Und seiner Größe Herrlichkeit vermögen wir zu fassen.
Beneidenswert ist unser Los durch seiner Gnade Gaben,
Die uns der Wahrheit Licht gezeigt, daß wir erkannt ihn haben.
Es kennt ihn nicht den Herrn der Welt, der blöden Heiden Menge,
Wir aber nahen seinem Thron durch Dank und Lobgesänge.
Wir bücken uns, wir beugen uns vor seinem heil'gen Namen.
Der Heilige ist der Herr der Herrn, in Ewigkeiten! Amen!
Er hat den Himmel ausgespannt, er hat erbaut die Erde,
Auf daß der Abglanz seiner Macht geoffenbart uns werde!
Es thronet seine Herrlichkeit am hohen Himmel droben;
Er nur allein ist unser Gott, den wir in Demut loben,
Er nur ist König uns allein und außer ihm kein Wesen,
Wie wir es in dem heil'gen Wort der Gotteslehre lesen:
„So wisse nun und laß erfüllt dein Herz vom Glauben werden:
Der Ewige allein ist Gott im Himmel und auf Erden.“
Und darum hoffen wir auf Dich, es wird die Zeit erscheinen,
Daß alle Erdenkinder sich in Deinem Dienst vereinen;
Daß aller Wahn und aller Trug und Aberglaube schwinden,
Und alle Zungen Deinen Ruhm und Deine Macht verkünden.
Und alles Fleisch wird demutsvoll zu Deinem Dienst sich wenden,
Und alle Bosheit wird vergehn an allen Erdenenden,
Und jedes Knie — es wird vor Dir, vor Dir allein sich beugen,
Und jeder Mund wird schwören Dir, Dir jedes Haupt sich neigen,
Und Preis allein wird Dir gebracht, Dir von den Menschen allen,
Und im Gebet zum Staub vor Dir der Staubgebor'ne fallen;
Und Deiner Herrschaft Allgewalt wird jeder Geist empfinden:
So wird auf Erden sich Dein Reich für Ewigkeit begründen,
So wie es heißt: „Es kommt der Tag, dann wird des Ewigen Namen
Von allen Menschen anerkannt: _Der Herr ist einzig!_“ Amen!
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2. Der Versöhnungstag.
יוֹם כִּפּוּר
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Die Versöhnung.
Festbetrachtung am Versöhnungstage.
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Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so
verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit
der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die
bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns
den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns
nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu
empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.
Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die
notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind,
wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen,
darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt
unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und
Abrundung.
Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er
weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott
und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die
Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch
den _Versöhnungstag_ das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und
unseren Leistungen aus.
Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein
Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters
empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon
bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee
der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen
wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen
wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung
nicht _verdienen_ können?
Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk
uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine
unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den
Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu
unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für
die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist
es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den
Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst
_nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben_. Das ist die
erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.
Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst,
denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für
Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange
zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese
Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise
schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein
fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen
gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen
kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein
_verlorener_ Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und
für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des
Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das
Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und
versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der
Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als
dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.
Der _verstockte_ Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der
Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der _gebrochene_ Sünder. Er
hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt,
wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis
die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus _jener_ Welt
verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden _dieser_ Welt
genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen
eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch
hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die
gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der
Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die
Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf
die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu
dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „_Ich
vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst._“
Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den
Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das _Verlangen nach
Versöhnung und den Glauben an sie offen_ aussprechen.
Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich
vergebe, wenn du _bekennst_. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert
sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm
vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein
schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht
umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir
verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.
Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht
ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken,
noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von
den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses
nicht bedarf, so doch _für uns_. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung
gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen
entschlüpft. Nur das _Bekenntnis_ macht die _Erkenntnis_ unserer Fehler
zur wirklichen Tat. _„Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und
rückhaltslos dich aussprichst.“_
In solcher Weise erkennen wir die _Versöhnung_, mit der Gott der Herr uns
alljährlich bedenkt, für ein Geschenk seiner Gnade, das uns ohne
Vermittelung vom liebenden Vater zuteil wird, und auch für _mehr_ als
dies: als eine Gabe, die wir _erwerben_ können durch _unsere eigene freie
Tat_. Amen.
——————
Am Vorabend des Versöhnungstages.
———
Wir beugen tief uns nieder,
O Herr, vor Deiner Macht!
Du hast den Tag uns wieder,
Den heiligen, gebracht.
O laß uns Gnade finden!
O schau' auf uns in Huld!
Ach tilge uns're Sünden,
Vergib uns uns're Schuld!
Laß uns'rer Bitte offen
Des Himmels Pforte sein:
Auf Dich ist unser Hoffen
Gerichtet, Herr allein.
Wie könnten wir bestehen,
Wenn Du nicht Gnade übst,
Wenn nicht auf unser Flehen
Die Sünden Du vergibst!
——————
Gebet am
Vorabend des Versöhnungstages.
———
Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im
Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im
inbrünstigen Gebete.
Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich
beginnen, wo soll ich enden!
Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner
Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu
bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin,
den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren
will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für
die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!
Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage
mein Verlangen. Wer ist _heilig_, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist
der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner
Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du
geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch,
wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann
wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den
Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer
neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz
Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher
Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und
betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine
ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des
Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so
erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen
Fußbreit Landes dahinfliegt. _Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest,
der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?_
Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner _Dich_ an!
Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid,
meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht.
Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „_Herr!
Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's
bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und
Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner
Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt._“ Darum ist es keine
Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar
vor Dich zu stellen wage, denn wie ein _Vater_ sich seiner Kinder annimmt,
so nimmst Du Dich der Menschen an. _O Vater!_ zu Dir will ich beten. Du
nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele
bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und
durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und
Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine
fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische
sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine
Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben
führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die
Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.
Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine
Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen,
wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist
in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht
des Lasters ankämpft.
O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu
beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche.
Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine
Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen
und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß
irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens
wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres
Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines
Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht
fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich
zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O,
mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu
zählen beginne?
Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum
erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein
Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein
ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange
nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von
Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will
dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als
wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese
Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz
teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue
zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der
hohen Bedeutung dieses Tages.
Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und
preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was
mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und
meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir
angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen
herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf
ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr.
Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!
——————
אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ
Owinu malkenu.
(Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)
———
Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.
H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.
H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.
H. u. V.! Laß das neue Jahr zum Glück und Heil uns herankommen.
H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.
H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns
gerichtet.
H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen
nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.
H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.
H. u. Vater! Verzeihe uns und vergib uns unsere Sünden.
H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.
H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.
H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.
H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.
H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.
H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich
leben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns
verziehen werde.
H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.
H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis
seiner Bedeutung.
H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.
H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.
H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.
H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.
H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserm Flehen.
H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.
H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem
Angesicht.
H. u. V.! Laß diese Stunde sein eine Stunde der Barmherzigkeit, eine
Zeit der Gnade vor Dir.
H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.
H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die
in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft
ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.
H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und
verbreitet werden.
H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner
Gnade. Amen!
——————
Morgengebet am Versöhnungstage.
(Vorher Nischmath Seite 19.)
———
O Herr! öffne meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs! Du bist der Allmächtige, der Erhabene, der
Ehrfurchtbare. Du bist der Vergelter aller guten Taten, Du bist es, dem
alles angehört, und der auch der Frömmigkeit der Väter gedenket, um zu
vergelten den Kindern um seines Namens willen in Liebe.
*O gedenke unser zum Leben, Du, König, der da Wohlgefallen hat am Leben,
und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.*
König, Beistand, Retter und Schirm bist Du! Gelobt seist Du, Ewiger Schild
Abrahams.
Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr! Du belebest die Toten und ernährest
die Lebendigen, Du stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest
die Gefesselten. Wer ist Dir gleich, Herr aller Mächte! wer kann mit Dir
sich messen! Du tötest, Du belebest, von Dir kommt alles Heil.
*Wer ist wie Du, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller
Deiner Geschöpfe, von Dir kommt ihr Leben.*
Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es,
Dich täglich zu loben.
O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen,
unseren Gott, alle Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf
der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle
einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um
mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie
wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in
Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein
würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der
Erde.
Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein
Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung
derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren,
sei immerdar die Rede: „_Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit
leuchten lassen über die ganze Welt._“ O tue es bald! O tue es bald!
Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten
es sehen und dessen sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in
Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht
und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.
Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt
Dein heiliges Wort:
„_Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ist's, der Gott, auf Zion,
angebetet, von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja_!“
O, Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Versöhnung uns zum Heile werden,
auf daß wir entsündigt werden von allen unseren Vergehungen.
Laß an dem heutigen Tage vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die
Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt sind,
auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das
Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze
Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wandel durch
die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Versöhnung unser gedenkest in
Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum
Wohlsein.
O, gedenke unser heut zum Glücke!
Erinnere Dich unser zum Segen!
Steh' uns bei, auf daß wir leben!
Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du
bist der Allgütige.
Unser Gott, und unserer Väter Gott! Vergib unsere Sünden an diesem
Versöhnungstage und lasse unsere Missetaten aus Deinen Augen schwinden,
wie Du verheißen hast: „_Ich, ich bin es, der ablöscht deine Missetaten um
meinetwillen, und deiner Vergehungen gedenke ich nicht_,“ und wie es
ferner heißt: „_Ich habe abgelöscht wie Gewölk deine Missetaten und wie
Wolkendunst deine Vergehungen._ Kehre _zurück zu mir, denn ich habe dich
erlöset_“, und wie es ferner heißt: „_Denn an diesem Tage entsühnt er
euch_, um _euch zu reinigen von allen euren Sünden, vor dem Ewigen sollt
ihr rein sein._“
Reinige unser Herz, daß wir mit Eifer und in Wahrheit Dir dienen. Du bist
es ja, der sein Wohlwollen nicht ablenkt von den Stämmen Jeschuruns, bis
an das Ende der Zeiten. An wen sollten wir uns auch wenden, da nur Du
unser König bist, der uns begnadigen kann. Alljährlich läßt Du unsere
Schuld dahinschwinden. So liebst Du Dein Volk Israel, und darum auch
schenktest Du uns den Versöhnungstag.
Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben,
das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns
erwiesen. Alles, was Du für uns tust, ist groß und wunderbar, wir könnten
nicht genügend Dir danken, wollten wir auch täglich vom Morgen bis an den
Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine
Grenzen.
O Herr! Laß unsere Bitte vor Dich kommen, wenn wir gleich auf unser Recht
nicht bauen können: wir wissen gar wohl, wie vielfach wir gesündigt haben.
Wir sind abgewichen von Deiner Lehre und von Deinen Vorschriften, die so
heilsam für uns sind, Du freilich bist gerecht, wir aber stehen beschämt
als Sünder vor Dir.
Was sollen wir sprechen vor Dir? Du wohnest in der Höhe und überschauest
das All. Was sollen wir Dir mitteilen? Dein Thron ist über den Wolken. Nur
vor uns gibt es Geheimes und Offenbares, Dir aber ist alles, alles
bekannt.
Du kennst die Geheimnisse der Welt und kennst sie seit Ewigkeit, und
ebenso die Verborgenheit, in der das kleinste Wesen lebt, Du
durchforschest die geheimsten Gedanken unserer Brust, nichts ist Dir
unsichtbar, kein Verbergen gibt es vor dem Auge Deiner Allwissenheit.
O Herr! Darum kennst Du auch mich, mein ganzes Wesen, mein ganzes Leben
und meine Fehler und Sünden. Ich aber flehe Dich an, o vergib! Verzeihe
und gewähre mir Versöhnung!
O Herr! Wie könnte ich denn Dir zu nahe treten, wie könnte ich Dich
beleidigen durch meine Sünde, nur mir, meiner Veredelung und dem Heile
meiner Seele kann ich schaden, denn ob ich gleich geboren bin, bin ich
immer noch ein Nichts. Staub bin ich bei meinem Leben, um wie viel mehr
nach meinem Tode, wenn ich nicht die Seligkeit des ewigen Lebens mir
erwerbe. Beschämt und vernichtet ich vor Dir, wenn ich die Geringfügigkeit
meiner Tugend mir bedenke. O, Herr! Laß meinen Willen erstarken, daß ich
fortan die Sünde meide, und was ich bis jetzt verschuldet, das laß
vergessen sein vor Dir. Reinige mich und läutere mich durch Deine Gnade
und Verzeihung, aber, o Herr! nicht durch Prüfungen und Strafgerichte.
*Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.*
*Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des
Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.*
Bewahre unsere Zunge vor trüglicher Rede und unser Gemüt vor Hochmut,
segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur
Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines
Mundes und die Gedanken meines Herzens, Du, mein Fels und mein Erlöser!
Amen.
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Sünden-Bekenntnis.
———
Herr und Vater! Du hast den heiligen Versöhnungstag für uns eingesetzt,
daß wir das Heil unserer Seele, die Vergebung unserer Sünden von Dir
erlangen. Wohl weiß ich es, daß ich keine Versöhnung für mich herbeiführen
kann ohne Reue und Besserung. Darum ist dieser Tag für mich eine Zeit der
Selbstprüfung und des eifrigen Forschens nach dem Zustande meines
innersten Wesens. So laß mich denn reuevoll das Bekenntnis meiner Sünden
vor Dir aussprechen.
Was könnte es mir auch nützen, wenn ich sie verbergen oder auch nur das
offene Eingeständnis derselben unterdrücken wollte! Ist Dir ja doch das
Geheimste offenbar. Du schauest den verborgensten Zusammenhang aller Dinge
im Weltall, und ebenso geöffnet vor Dir sind die Kammern meines Herzens,
meine Taten alle und alle meine Gedanken.
Herr und Vater, ich habe _gesündigt gegen Dich_.
Ich habe die falschen Vorstellungen von Dir nicht in dem Maße aus meiner
Seele verbannt, als ich es wohl vermocht hätte, wenn ich mit Eifer jede
Gelegenheit gesucht hätte, Belehrung zu empfangen, um den Glauben zu
befestigen und mich vom Aberglauben zu entfernen.
Ich habe nicht Dir allein gedient: habe mich des Götzendienstes schuldig
gemacht, wenngleich ich nicht gebetet vor Holz oder Stein, denn oft habe
ich mein Knie gebeugt vor dem Unwürdigen, um die Gunst der Menschen mir zu
erkaufen, oft habe ich auch ein Opfer dargebracht auf dem Altar des
Genusses, das Dir nicht wohlgefällig war.
Ich habe nicht Dir _allein_ vertraut und nicht Dir _über alles vertraut_;
denn ich gründete mein Hoffen oft einzig auf die Hilfe der Menschen und
noch öfter auf meine eigene Einsicht.
Ich habe Deine Liebe nicht anerkannt, denn ich habe Deine Gaben genossen,
ohne an Dich zu denken und Dir zu danken.
Ich habe Deinen Namen nicht heilig gehalten, sondern ihn leichtfertig und
unnötig ausgesprochen, und so die Ehrfurcht gegen Dich verletzt.
Ich habe den Sabbat nicht immer geheiligt, und oft versäumt, ihn
anzuwenden zur inbrünstigen Erhebung zu Dir im Gebete.
Ich habe Zeiten, die Dir geweiht sein sollen, zu weltlichen Geschäften
verwandt, weil ich mich freuete an der Frucht meiner Arbeit und sie nicht
betrachtete als ein Geschenk Deiner Gnade.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt _gegen meine Nebenmenschen_.
Ich habe oft gefehlt in der Ehrfurcht gegen meine Eltern.
Ich habe oft die Gefühle der Dankbarkeit verleugnet gegen die, die mir
wohlgetan.
(Ich bin meinen jüngeren Geschwistern nicht immer ein würdiges Vorbild
gewesen.)
Ich habe mich aufgelehnt gegen die, die ein Recht auf meinen Gehorsam
haben.
Ich habe die Gesetze der Obrigkeit verletzt und nicht beherzigt, daß das
Heil aller gegründet ist auf den guten Willen aller, die Ordnung der
menschlichen Gesellschaft zu hüten.
Ich habe mich versündigt am Leben meines Nächsten, weil ich ihn nicht
gewarnt, wo Gefahr ihm drohte, so daß er einen Schaden genommen, den ich
hätte verhüten können.
Ich habe oft unvorsichtig zerstört, was meinem Nächsten Freude gemacht
hat.
Ich habe mich hart abgewandt von dem Hungrigen.
Ich habe dem Leidenden meine Hilfe versagt.
Ich habe die, welche mir um Lohn dienten, mit Arbeit überbürdet und ihre
Schwäche nicht geschont.
Ich war mitleidslos, vielleicht auch grausam gegen Tiere.
Ich habe Sitte und Unschuld nicht immer in meinen Gedanken bewahrt.
Ich habe durch leichtfertige Reden die Unschuld beleidigt.
Ich habe eingestimmt in den Scherz, der die Sitte verletzt.
Ich habe das Eigentum meines Nächsten nicht geachtet und im Eigennutz sein
Recht vergessen.
Ich habe meinen Vorteil auch da gesucht, wo er den Nachteil eines andern
herbeiführte.
Ich habe dem Arbeiter seinen Lohn gekürzt und über die Gebühr ihn darauf
warten lassen.
Ich habe meinen Nächsten beleidigt und durch Wort und Tat gekränkt.
Ich habe hart geurteilt über die Handlungen anderer Menschen.
Ich habe durch üble Nachrede ihrem guten Namen geschadet.
Ich habe Lästerungen gleichgültig oder wohlgefällig angehört und nicht
zurückgewiesen.
Ich bin durch Übertreibung der Fehler anderer abgewichen von der Wahrheit.
Ich habe nicht Rücksicht geübt mit ihren Schwächen.
Ich habe auch ihren Taten oft falsche Beweggründe unterstellt und so den
Schuldlosen verdächtigt.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen mich _selbst_.
Ich war zu selten bestrebt, meine Gedanken und meine Sitten zu veredeln.
Ich habe mein Herz nicht rein gehalten vom Neide.
Ich habe Genüge gefunden an meiner eigenen Mittelmäßigkeit.
Ich habe dennoch der Zufriedenheit zu selten Raum gegeben in meinen
Empfindungen.
Ich habe oft die Stimme der Weisheit überhört und die Gesetze der
Mäßigkeit nicht geachtet.
Ich habe zu viel nach irdischen Gütern gestrebt und das Heil meist in
ihrem Besitze gesucht.
Herr und Vater! Alles dies habe ich getan und noch viel darüber:
Meine Wahrheitsliebe war zu gering, meine Treue zu wankelmütig, mein
Mitleid zu selten und zu untätig; meine Ordnungsliebe zu lau, mein Fleiß
war oft ohne Ausdauer, meine Mühe ohne Beharrlichkeit.
So habe ich selbst das Recht nur unvollständig geübt und auch vom
_Unrechten_ habe ich zu wenig mich fern gehalten.
Ich habe heuchlerisches Lob mit Wohlgefallen aufgenommen, habe der
Schmeichelei mein Ohr geneigt, ich habe den Tadel gehaßt, ich habe meine
Fähigkeiten überschätzt, meine Ansprüche zu hoch gestellt, meine Ehre oft
zu gering gehalten; ich habe meine Bequemlichkeit zu sehr geliebt und
meine Pflichten zu wenig.
Ach! ich könnte noch lange nicht enden, wäre ich imstande, meiner Fehler
große Zahl vor Dir zu bekennen. Je tiefer ich in mein Inneres schaue,
desto tiefer wird vor meinem Blicke der Abgrund meiner Sündhaftigkeit. Ich
könnte auf Deine Milde, Allbarmherziger, nicht hoffen, wolltest Du mir
vergelten nach Gerechtigkeit. Du aber wirst mich richten nach Deiner
unendlichen Gnade. Wo ist ein Mensch, der fehlerlos vor Deinem Angesichte
erschienen, denn: _es gibt ja keinen Gerechten auf Erden, der nur das Gute
tut und nicht sündigt_.
Darum, Herr und Vater, nimm das Bekenntnis meiner Sünden wohlgefällig auf
und schreibe mich in das Buch der Versöhnung und Vergebung.
Laß mich immer erfüllt sein von dem Streben, weiser und besser zu werden.
Halte fern von mir die Versuchung, und wo sie mir dennoch entgegentritt,
da gib mir Einsicht, sie zu erkennen und Kraft, ihr zu widerstehen.
Das ist mein Gebet, das ist mein Hoffen, das ist mein Vertrauen zu Dir,
der Du den heutigen heiligen und ehrfurchtbaren Tag bestimmt hast, daß er
ein Versöhnungstag für uns sei, denn Du hast es in Deiner heiligen Lehre
ausgesprochen: _An diesem Tage will ich euch versöhnen, euch zu reinigen;
von euren Sünden sollt ihr vor dem Herrn rein sein._ Amen.
——————
Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage.
———
*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig
und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins
tausendste* *Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den
Übeltäter losspricht*.
(Dreimal.)
Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem
Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib
erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die
mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine
Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein
von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere
Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns
Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der
Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid.
Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns
vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns
Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den
Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und
mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns
von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände.
Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns
drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz
unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel
hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es
wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
——————
Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.
———
Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns
allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins
Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer
in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum
Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite
Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen
und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher
Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos,
gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal.
Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen
sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir
wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren
Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen
Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren;
dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie
von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in
welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der
Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und
schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die
Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur
Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer
Gefahr bedroht.
Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres
Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser.
Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich
sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben
binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in
Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie,
keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft,
aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer
Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter
und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des
Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle
jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte
zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig
welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern
werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in
welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen.
Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer
Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung
gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude,
Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen
verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.
In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr
Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden
Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer
sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten
wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o
Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“
(Siehe „Totenfeier“ am Schlusse des Buches).
——————
Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage.
———
Was können wir denn tun, Herr und Vater, um der Gnade würdig zu sein, um
die wir Dich anflehen. Der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der
heilige Tempel zu Jerusalem, ist nicht mehr das Ziel unserer Wallfahrt;
der Hohepriester betritt nicht mehr das Allerheiligste und sprengt nicht
mehr das Blut der Entsündigung an die Wände des Altars. Der Sündenbock
wird nicht mehr, beladen mit der Schuld des Volkes Israel, in die Wüste
gesandt, und die Flammen des Opfers lodern nicht mehr auf dem Altare.
Wohl weiß ich es, Herr und Vater, daß Du das alles heute noch nicht von
uns begehrst, und daß Du darum selbst in Deiner erhabenen Majestät nicht
aufgehört hast, in der Mitte der Deinen zu thronen, wo sie zu Deinem
Dienste sich versammeln an allen Enden der Erde. Du selbst hast es
ausgesprochen: „_Und ich werde gedenken des Bundes, den ich mit ihren
Vorfahren geschlossen, welche ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen
aller Völker, ihnen ein Gott zu sein, ich, der Ewige._“ Du selbst hast uns
die Versicherung gegeben: „_Auch alsdann, wenn sie sein werden im Lande
ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und verstoßen, sie nicht
vergehen lassen, so daß ich meinen Bund mit ihnen zerstöre, denn ich bin
der Ewige, ihr Gott._“ Auch für uns gilt das Wort, das Du durch Deinen
Propheten verheißen: „_Wenn eure Sünden auch wie Purpur sind, weiß wie
Schnee sollen sie werden._“
Und so weiß ich es, daß Du auch uns die Mittel gegeben hast, Deine Gnade
zu erwerben. Auch uns ist es nicht versagt, Dir Opfer zu bringen, die Dir
wohlgefällig sind. Wenn wir in aufrichtiger Buße unsere Sünden bereuen und
Dir geloben, mit allen unseren Kräften die Versuchungen zu bekämpfen und
die Fehler zu meiden, wenn wir in inbrünstigem Gebete zu Dir uns wenden
allezeit, und wenn wir, eingedenk Deiner unendlichen Güte und
Barmherzigkeit, wiederum gütig und hilfreich sind gegen unsere
Nebenmenschen, so oft sie unseres Beistandes bedürfen: das alles, Herr,
ist wohlgefällig aufgenommen in Deinen Augen, das steigt auf zum Throne
Deiner Herrlichkeit wie der liebliche Duft des Weihrauchs vom Altare.
Amen!
——————
Unsere Opfer.
———
Wenn auch nicht mehr der Opferduft
Entsteiget den Altären,
Wir können Opferfreudigkeit
Dir dennoch, Herr, bewähren:
Des Herzens sündige Begier,
Die bringen wir zum Opfer Dir.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
Und kann der Priester nicht für uns
Das Heiligtum betreten,
Wir können selbst im Heiligtum
Zu uns'rem Schöpfer beten.
Im Gotteshaus mit Lobgesang
Bekunden wir des Herzens Drang.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
Und können wir zum Opfertier
Auch keine Gaben spenden,
Auf daß wir unsere Sündenlast
Zum Wüstenfelsen senden.
Wir wollen uns're Gaben weih'n
Dem Dürftigen ein Trost zu sein.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen.
Das können nur die Opfer sein,
Die wir zu bringen haben:
Die wahre Buße, das Gebet
Und milde Liebesgaben.
So suchen wir des Schöpfers Huld,
So sühnen wir der Sünde Schuld.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
——————
וּנְתַנֶּה תֹּקֶף
Unthanne tokef.
———
Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
Des Tages heut, erwäge seine Größe!
Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
Hast Du vor uns, aus Gnade ihn begründet
Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist,
Der nimmer irren kann; Allwissenheit
Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes,
Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.
Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet,
Da tönet mächtig der Posaune Schall,
Und sie verhallt in feierlicher Stille,
Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
Sie laden zum Gericht und rufen aus:
„Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
So musterst Du, so leitest Du und zählest
Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst.
Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben
Und am Versöhnungstage wird's beschlossen:
Wie viel der Wesen aus dem Leben scheiden,
Wie viel zur Welt gerufen werden sollen,
Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen.
Und wen die rohen Kräfte der Natur,
Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
Als ihre Beute sich erwählen werden,
Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
Wer unstät irren müsse durch das Leben,
Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
*Reue, Gebet und Liebeswerke*
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
——————
Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.
Führwahr! Du bist der Schöpfer aller Menschen,
Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt,
So fliegt er hin, vergänglich wie ein Traum.
*Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!*
——————
סֵדֶר עֲבוֹדָה
Der Hohepriester am Versöhnungstage.
———
Glanzvoll und weihevoll, prächtig und erhebend war die Feier des
Versöhnungstages in jenen Zeiten, da der Hohepriester noch seinen heiligen
Dienst im Tempel zu Jerusalem verrichtete. Der Opferdienst des
Hohenpriesters am Versöhnungstage bot dem in Andacht und feierlicher
Stimmung erregten Volke das sichtbare Kennzeichen der Entsündigung dar.
Der Hohepriester war der Größe seiner Aufgabe sich bewußt und alle
Voranstalten zur würdigen Lösung derselben entsprachen der hohen
Heiligkeit des Tages.
Entsprossen aus dem Hause Aharons, und durch diese seine Abstammung zum
Priesteramte befähigt, sollte dennoch zu dem Vorzuge seiner Geburt der
seiner eigenen Würdigkeit sich gesellen. Darum unterzog er sich gern allen
Förmlichkeiten, die darauf abzielten, ihn zur Weihe des Tages
vorzubereiten.
Sieben Tage vor dem Versöhnungstage sonderten die Ältesten den
Hohenpriester von den übrigen ab, wie einst Aharon bei seiner Weihe. Man
besprengte ihn mit dem Wasser der Entsündigung, dann machte er selbst die
Sprengungen und Räucherungen und übte sich aufs beste in allen
Verrichtungen seines Dienstes.
Alte, angesehene und weise Männer bildeten ausschließlich seine Umgebung
und füllten seine Zeit mit Belehrungen und Ermahnungen aus. Am neunten
Tage des Monats Tischri wurden die für den Sühnetag bestimmten stattlichen
Opfertiere an ihm vorübergeführt. Um die Zeit des Sonnenunterganges durfte
er nur spärliche Speise zu sich nehmen, und die Greise seines Stammes
beschäftigten ihn mit Unterweisungen und lehrreichen Gesprächen, um ihn
bis Mitternacht wach zu erhalten. Alsdann beeilten sich die Priester, die
Asche vom Opferaltar und vom goldenen abzuräumen, um welche Verrichtung
viermal gelost wurde.
Sobald der Späher auf der Warte den Anbruch des Morgens verkündete,
spannten sie eine Byssusdecke aus, um den Priester zu bergen. Er
entkleidete sich, badete, legte die Goldgewänder an, wusch Hände und Füße
und schlachtete das tägliche Morgenopfer, fing das Blut auf und sprengte
es.
Nachdem er das ganze tägliche Opferwerk vollbracht hatte, wurde abermals
eine Byssusdecke vor ihm ausgespannt. In einem besonderen Gemache im
Heiligtum, der Kammer des Parwah, nahm er abermals Bad und Waschungen vor
und bekleidete sich mit kostbaren weißen Gewändern von Pelusischem Byssus.
Er trat alsdann hervor, legte seine Hand auf den bereitstehenden
Opferfarren, bekannte _seine Sünden_ und sprach:
„O, mein Gott! Ich habe gesündigt, gefehlt, gefrevelt vor Dir, ich und
mein Haus. O, bei Deinem heiligen Namen rufe ich: Vergib die Sünden, Fehle
und Frevel, durch die ich gesündigt, gefehlt und gefrevelt habe vor Dir,
ich und mein Haus, wie geschrieben steht in der Lehre Moses, Deines
Knechtes, aus dem Munde Deiner Herrlichkeit: „_Denn an diesem Tage wird er
euch sühnen, euch zu reinigen von euren Sünden vor dem_ *Ewigen*“.
Der Priester aber und das Volk, das in der Vorhalle stand, wenn sie
vernahmen den ehrwürdigen und erhabenen Gottesnamen, wie er klar und
deutlich gesprochen aus dem Munde des Hohenpriesters kam in Weihe und
Reinheit, knieten nieder und bückten sich, bekannten ihn und fielen auf
ihr Angesicht und sprachen: „_Gelobt sei der Name seines herrlichen
Reiches in Ewigkeit_“.
Und auch er (der Hohepriester) wußte es also einzurichten, daß er den
Namen des Ewigen aussprach im Augenblicke der Benedeiung^[2] und fügte
alsdann hinzu: „_sollt ihr rein sein_“. Du aber, Gott in Deiner Huld,
ließest Deine Barmherzigkeit rege werden und gabst Verzeihung Deinen
Frommen.
[2] Absatz 3, Schluß.
Alsdann schritt der Priester an die Morgenseite der Vorderhalle. Dort
standen die beiden, durch Gestalt und Ähnlichkeit gepaarten _Opferböcke_,
die zum eigentlichen Entsündigungsopfer am Versöhnungstage bestimmt waren.
Dieselben waren aus den Mitteln der Gemeinde angeschafft. Der Priester
nahete ihnen, um mit ihnen zu verfahren, wie es im Gesetze des Herrn (3.
Buch Mose, Kap. 16) vorgeschrieben ist. Er zog das Los und verkündete laut
nach demselben die Bestimmung der beiden Böcke, welcher von ihnen zum
Sündopfer dargebracht und welcher nach der Wüste gesandt werden sollte,
kehrte alsdann zu seinem Opferfarren zurück, bekannte abermals _seine_
Sünden vor Gott und die seines Stammes_, und Volk und Priester stimmten
ein nach voriger Weise:
„Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Deine Barmherzigkeit rege werden
und gabst Verzeihung dem Stamme Deiner Diener.“
Nun erst schlachtete er den Farren, beschritt das Allerheiligste, ließ
daselbst eine Weihrauchsäule aufsteigen aus goldener Schale, und sprengte
mit seiner Hand, zwischen den Stangen der Bundeslade stehend, von dem
Blute des Opfers, einmal nach oben und siebenmal nach unten.
Dann kehrte er zurück, schlachtete auch den zum Sündopfer bestimmten
Ziegenbock und nahm die Sprengungen vor wie mit dem Blute des Farren. Also
geschah es im Allerheiligsten.
Hierauf kehrte der Hohepriester zu dem noch lebenden Ziegenbocke zurück
und bekannte, auf denselben seine Hand legend, die Verirrungen _des
Volkes_ und seine wissentliche Schuld. Wiederum schloß er das
Sündenbekenntnis mit den Worten: „_vor_ dem *Ewigen*“, wiederum fiel alles
Volk auf das Angesicht und alle sprachen: „_Gelobt sei der Name seines
herrlichen Reiches in Ewigkeit_“, und der Priester fügte hinzu: „_sollt
ihr rein sein_“. „Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Dein Erbarmen
rege werden und gewährtest Verzeihung der Gemeinde Jeschuruns“.
Nun entsandte er den Sündenbock durch den dazu bestellten Boten in die
felsige Wüste, die Sündenmakel des Volkes in die Öde zu tragen. Von einer
Felsenzinne ward er hinabgeschmettert und sein Gebein zertrümmert. Der
Hohepriester verbrannte die Reste der Opfertiere, las alsdann mit lauter
Stimme die Ordnung des Tages aus der Thora vor und legte die goldenen
Gewänder an. Dann brachte er den für ihn und den für das Volk bestimmten
Widder dar und opferte die Fettstücke des Sünd- und Mussaf-Opfers in
üblicher Weise. Aufs neue mit den leinenen Gewändern bekleidet, trat er in
das Allerheiligste, holte die Rauchergerätschaften, die er beim ersten
Eintritt zurückgelassen hatte, heraus, vertauschte alsdann nochmals mit
den Goldgewändern die Leinengewänder, die nun für immer beiseite gelegt
wurden. Nun brachte er noch das tägliche Abendopfer dar, räucherte und
zündete die Lichter auf dem heiligen Leuchter an. Zum Schluß des Dienstes
wusch er Hände und Füße. Fünfmal hatte er gebadet und zehn Waschungen
hatte er vorgenommen.
Seine Gestalt strahlte in lichter Herrlichkeit, wie die Sonne in ihrer
Majestät. Frisch und fröhlich legte er nun die eigenen Kleider an, und die
ganze Schar der Andächtigen geleitete unter Jubel in feierlichem Aufzuge
den treuen Hirten heim in seine Wohnung.
Einen Festtag und ein Freudenmahl bereitete der Hohepriester allen seinen
Freunden, wenn er in Frieden hereingezogen und in Frieden herausgekommen
war aus dem Heiligtum.
Und also lautete das Gebet des Hohenpriesters am Sühnetage, wenn er
wohlbehalten und ohne Unfall zurückgekehrt war aus dem Allerheiligsten:
„Es sei Dein Wille, unser Gott, und unserer Väter Gott, daß dieses Jahr,
das für uns und ganz Israel nun anhebt, ein Jahr sei, in dem Du Deinen
Segensschatz uns auftust, ein Jahr der Fülle, des Segens und heilvoller
Verhängnisse, ein Jahr des Getreides, Mostes und Öles, ein Jahr des
Gedeihens, Gelingens und des Bestandes, ein Jahr des Vereinens in Deinem
Heiligtum, ein Jahr des Überflusses und des glücklichen Lebens, ein Jahr
des Regens und der Sonnenwärme, ein Jahr der süßen Früchte, ein Jahr der
Sühne all unserer Sünden, ein Jahr der Blüte für Verkehr und Gewerbe, ein
Jahr der Förderung der Gottesfurcht und Tugend, ein Jahr des Friedens und
der Ruhe, ein Jahr, in dem der Starke nicht den Schwachen bedrücke, ein
Jahr, in dem der eine nicht die Mildtätigkeit des andern bedürfe, ein
Jahr, in dem Dein Volk Israel glücklich und ungefährdet wohne unter den
Völkern, ein Jahr, in dem Du Gedeihen gebest jeglichem nützlichen Schaffen
unserer Hände.“ Und für die Bewohner des Tales Saron betete er noch: „Es
sei Dein Wille, o Gott, daß ihre Häuser nicht ihre Gräber werden.“
Herrlich über alles war der Anblick des Hohenpriesters, wenn er
wohlbehalten zurückkehrte aus dem Allerheiligsten:
Gleich dem blauen Himmelszelte,
Wolkenlos und frei und licht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Blitze, der als Feuer
Glühend durch die Wolken bricht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Bogen, bunt sich wölbend
Durch der Lüfte höchste Schicht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich der Rose, die da pranget
Unter Blumen, hold und schlicht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Diadem des Königs,
Das den Blick mit Macht besticht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Bräut'gam, der die Liebe
Preist im herrlichsten Gedicht,
War des Priesters Angesicht.
Alles dies war also, als der heilige Tempel noch auf seinen Festen ruhete
und der Hohepriester des Dienstes waltete. Heil dem Auge, das dies alles
geschaut!
——————
Gebet zu Mincha am Versöhnungstage.
———
Herr und Vater! Das Ziel unserer Sehnsucht und unsere Bitte am heutigen
Tage ist Deine Gnade und Dein Erbarmen, Deine Milde und Deine
Freundlichkeit. Wir haben diese Bitte schon vielfach vor Dir
ausgesprochen, und hoffen, daß Du liebend sie gewähren wirst. Wohl aber
wäre es einseitig und fehlerhaft, wenn wir bei all diesen Gaben nicht
bedenken wollten, daß wir für ebendieselben Dir schon längst auch zu
danken haben. So möge sich denn auch mein Blick heut rückwärts wenden auf
die Tage, die vergangen sind, so daß ich bei diesem Rückblick nicht mich
betrachte, sondern Dich, Herr, Deine ganze Liebe und Barmherzigkeit, daß
meine Seele auch auf dem Altar des Dankes Dir opfere, die beste Spende
meiner innigsten Empfindung, das herzlichste Wort meines jubelnden Mundes.
Ja Du, Herr, bist ein Gott der Liebe! Was wäre ich ohne Dich!
Ich habe nicht nötig, um Deine Wunder zu rühmen, aufzuschauen zur
strahlenden Sonne, die die Welt erleuchtet, ich habe nicht nötig, mich zu
vertiefen in die Tage der Vorzeit, um Dich als den Wohltäter der
Menschheit zu preisen, ich habe nicht nötig, mit meinem Blicke die
Oberfläche des Erdballs zu durchmessen, um die unzähligen Zeugen zu
finden, die von Dir lehren, daß Du der allweise, allgütige Ernährer aller
Wesen bist. Ich kehre nur mit meinen Gedanken zurück in den engen Kreis
meines eigenen alltäglichen Lebens, und vermag auch da nicht Deine
Wohltaten zu zählen, die unendliche Größe Deiner Liebestaten zu
überschauen.
Wenn früh am Morgen der Schlaf von meinem Auge weicht, und ich gesund an
Leib und Seele von meinem Lager mich erhebe, dann frage ich mich: Wer hat
_für mich_, wer hat über mir gewacht? Habe ich selbst das neue Leben mir
zurückgerufen, habe ich selbst mein Auge ausgerüstet mit Kraft, das Bild
der Außenwelt in meine Seele zu führen, habe ich selbst meinem Ohre das
Reich der Laute eröffnet, habe ich selbst mich behütet vor jeglicher
Gefahr, die ungeahnt und unbewußt dem menschlichen Geiste, im Verborgenen
weilen kann? Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre
ich ohne Dich!
Und wenn ich an mein Tagewerk schreite und meiner Hand die rüstige Kraft
nicht fehlt, die nützliche Pflicht zu üben, und mein Geist das Urteil
anwenden kann, das er gewonnen in tausend Dingen, und lauter kleine
Freuden meiner warten, die ein jedes Gelingen und gutes Vollbringen in
ihrem Gefolge führen, dann frage ich mich: Wer hat das alles mir vergönnt?
Habe ich der Gesundheit gebieten können, daß sie meinen Leib nicht
verlasse? Habe ich meiner Seele befohlen, daß sie nicht zurückbleibe
hinter den Anforderungen der Einsicht und des Verstandes? Habe ich selbst
mein Herz von den Abwegen bewahrt, daß es fähig bleiben konnte, die
Süßigkeit vollbrachter Pflicht zu empfinden?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!
Und wenn ich mich umschaue im Kreise all der lieben Meinigen, wenn mein
Herz tausendfach die Seligkeit empfindet, sie zu besitzen, wenn sich die
Liebe und Zärtlichkeit (meiner lieben Eltern und Geschwister) (meiner
lieben Kinder) (meines teuern Gatten) hundertmal mir bewährt, dann frage
ich mich: Wer hat diese Güter mir geschenkt? Habe ich selbst das alles
erworben? Habe ich selbst durch meine Weisheit und Tugend die Wonne
verdient, Liebe zu genießen und Liebe zu fühlen?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du mir geschenkt, was wäre ich
ohne Dich!
Und so sei denn, Herr und Vater, die Anerkennung des innigsten Dankes
eines von den Opfern, die mein Herz Dir am heiligen Tage der Versöhnung
darbringt!
Das soll mir die Heiligkeit des Tages erhöhen, daß ich selbst dazu
beitrage, das Werk der Versöhnung zu vollziehen in dem Teile, der in
meiner eigenen Macht liegt. Versöhnt will ich sein mit meinem Schicksale,
daß ich nicht fürder ungerecht mit ihm rechte.
Die Unzufriedenheit sei aus meinem Herzen verbannt, und die Freude an
Deinen Gaben ziehe an ihre Stelle. Für Sünde will ich es halten, wenn ich
das Gute genieße, stets das Bessere zu verlangen. Wo hätte sonst
menschliches Wünschen und Begehren ein Ziel? Der Besitz der höchsten
irdischen Güter wird gleichgültig, wenn er alltäglich wird, und der Genuß
der friedlichen Alltäglichkeit hat ewig neue Reize, so ich alles
herzuleiten weiß aus Deiner Liebe, mein Gott.
Nur vor Unglück und Torheit, vor Sünde und Schande bewahre Du mich, o
Herr!
O nimm nun meines Herzens Dank
Für jede Gnadengabe,
Die ich, o Herr, mein Leben lang
Von Dir empfangen habe.
Dies sei es, was die Heiligkeit
Mir dieses Tages kröne,
Daß mich mein Dank — Dir, Herr, geweiht —
Mit dem _Geschick versöhne_.
Zufriedenheit, es sei dein Platz
Im Herzen mein, im Innern;
Die Liebe Gottes ist mein Schatz.
Des will ich mich erinnern,
Und wachen will ich, daß der Neid
Nie Deine Macht verhöhne,
Daß mich Dein Geist, Zufriedenheit,
Stets mit _mir selbst versöhne_.
Das Gottvertrauen sei mein Glück!
Und freudig Gott zu loben,
Das sei mein Stern, zu dem mein Blick
Im frohen Dank erhoben.
Der leuchtet mir in Lieblichkeit,
In wunderbarer Schöne,
Er glänzt mir, daß ich jederzeit
Mich mit der _Welt versöhne_. Amen!
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נְעִילָה
Vor Sonnenuntergang am Versöhnungstage.
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Herr! o Gott! schon sinkt die Sonne,
Und es wendet sich der Tag,
Und noch steh'n wir hier und beten,
Wie's die schwache Kraft vermag!
Noch einmal im Staube flehen
Wir, o Herr! um Deine Huld,
Gnadenreicher! o versöhne,
Mach' zunichte uns're Schuld.
Noch einmal, bevor wir scheiden,
Sei vor Dir das Knie gebeugt
Und der Blick zu Dir erhoben,
_Herr, bevor der Tag sich neigt_.
Dieses Tages kurze Stunden
Waren reich und inhaltvoll,
Und sie brachten, was der Seele
Sabbatfeier bringen soll:
Demut, Glauben, Trost und Hoffen
Und der Tugend neuen Mut,
Und Erkenntnis manches Fehlers,
Der verborgen in uns ruht.
Und der Dünkel ist verronnen,
Und des Stolzes Stimme schweigt,
Und der Hochmut sank hernieder,
_So, wie jetzt der Tag sich neigt_.
Ja, wir haben uns're Blicke
In die Herzen tief versenkt
Ach, da haben tausend Dinge
Vor die Seele sich gedrängt:
Kummer, Sorgen, Gram und Schmerzen,
Alles, was das Herz bedrückt,
Und wir haben die Gebete
Hoffnungsvoll zu Dir geschickt.
Und es hat in dem Gemüte
Sich die Zuversicht erzeugt:
Daß, o Herr! nie Dein Erbarmen
_Schwindet, wie der Tag sich neigt_.
O verlösche, o vernichte
Was das Herz uns noch bedrängt,
Heute hat es all sein Sehnen,
Vater, nur zu Dir gelenkt;
Dich gesucht in diesem Hause,
Ja, mein Gott! das haben wir,
Und wir waren eng vereinigt,
_Du bei uns, und wir bei Dir_,
O, wir sah'n, daß zu den Deinen
Gern Dein Geist herniedersteigt,
Und wir fühlen Deine Nähe
_Jetzt noch, da der Tag sich neigt_.
Doch, o Herr, wo eine Seele
Noch in ihrem Schmerze weilt,
Wo noch eine Herzenswunde
Nicht des Tages Macht geheilt,
Wo noch nicht der Himmelsfrieden
In die Brust sich eingesenkt,
Wo ein Geist noch unbefriedigt
Traurig seines Kummers denkt,
O, da sende, Gott der Liebe,
Dem Gemüte, tief gebeugt,
Deinen Trost und Deine Gnade
_Jetzt noch, da der Tag sich neigt_.
Laß versöhnt den Gramerfüllten
Mit dem Schicksal wieder sein,
Daß der Hoffnung Sonnenschimmer
Strahle ihm ins Herz hinein,
Daß er mit Vertrauen richte
Mutvoll auf den freien Blick,
Daß die Kraft ihm wiederkehre
In den matten Geist zurück,
Daß er ferner nicht mehr meine,
Von des Harmes Last gebeugt,
Daß der Tag der Lebensfreude
_Sich für immer ihm geneigt_.
Laß versöhnt den Schuldbewußten,
Gnäd'ger Gott, von hinnen geh'n,
Laß der Tugend Kraft in Fülle
Wiederum in ihm ersteh'n,
„Nicht verloren, nicht verstoßen
Bin ich“, das sei sein Gefühl,
„Mir auch gibt ein neues Streben
Mit der Unschuld gleiches Ziel,
Fühl' ich's doch, daß nicht die Stimme
Des Gewissens in mir schweigt,
Heute bin ich neu geboren,
_Jetzt schon, da der Tag sich neigt_“.
Laß versöhnt den Zweifler scheiden,
Vater, aus dem Vaterhaus,
Daß er gehe — Gott im Herzen —
Wieder in die Welt hinaus.
Wenn Dein Wesen ihm, Dein Walten
Immer auch ein Rätsel war,
Nicht ergründen, nein! _empfinden_
Laß' es ihn unmittelbar.
Hier, im Kreise all der Deinen,
Fühlt das Herz sich überzeugt:
Du, im Himmel und auf Erden,
_Bist's, vor dem der Tag sich neigt_.
Laß versöhnt den Bruder eilen
Zum verkannten Bruder hin:
„Reiche, Freund, mir Deine Rechte.
Weil ich nicht dein Feind mehr bin,
Laß uns wandeln eine Straße,
Laß uns gehen Hand in Hand,
Einigkeit und Lieb' und Frieden
Sind der Menschheit schönstes Band,
Laß den Hader nimmer währen,
Bis empor die Sonne steigt,
Laß ihn schwinden und vergehen
_Stets, bevor der Tag sich neigt_“.
Laß uns nimmer, nimmer weichen
Einen einz'gen Schritt von Dir,
Wenn wir Dich im Herzen haben,
Sind wir glücklich für und für;
Laß zurück uns freudig blicken
Auf des Lebens Wechselzeit,
Wenn wir an der Pforte stehen,
Einzugeh'n zur Ewigkeit;
Wenn in Ruf: „_Der Herr ist einzig!_“
Uns're Lippe noch bezeugt,
Daß noch dann auf Dich wir hoffen,
_Wenn der letzte Tag sich neigt_.
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Owinu malkenu.
(Siehe Seite 122.)
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Zum Schluß des Versöhnungstages.
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Herr und Vater! Der heilige Tag ist vorüber! Dank Dir für die Andacht, die
mein Herz gelabt! Dank Dir für die Erhebung, die mein Geist gefunden, und
für die Hoffnung, die meine Seele gestärkt hat. Laß mich noch einmal das
heilige Bekenntnis vor Dir aussprechen:
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
(einmal.)
בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
(dreimal.)
יְהֹוָה הוּא הָאֱלֹהִים
(siebenmal.)
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