Tau und Regen. (Tal und Geschem.)

_Betrachtung._

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„Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“; „Du bist es, der den Windhauch

wehen und den Regen fallen läßt“; so beten wir während eines großen Teiles

des Jahres alltäglich im Morgen- und Abendgebete. Wir beten es nicht für

Israel allein, sondern für die ganze Menschheit in der ganzen weiten Welt.

Denn der Erde Grund ist einer, des Himmels Höhe eine, des Wassers Tiefe

eine für alle Menschenkinder. So weitet sich der Blick hinaus in die

Unendlichkeit, hebt das allumfassende Gefühl über beengende Grenzen.

Gottes Walten im Reiche der Natur erkennen und bekennen wir ehrfürchtig.

Grünende Fluren, rauschende Wälder, prangende Blumen, duftende Blüten,

wogende Saaten, nährende Früchte — die Erde spendet sie in unendlicher

Macht und Fülle. Mit berauschendem Entzücken weilt der Menschen sonniges

Auge auf gesegneten Triften und Äckern. Auf das Haupt des emsigen

Landmanns, der mit nervigen Armen die Pflugschar führt, die Körner streut,

die Egge zieht, fleht der dankbare Erdensohn den Segen des Himmels herab.

Und wenn die Arbeit getan, das Feld bestellt ist und durstige Halme den

Boden decken, blickt das Auge zum Himmel empor, die Hände falten sich und

fromme Lippen lispeln: „Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“. Zähme,

o Gott, die Kraft der Elemente. Des Donners drohendes Rollen, der Blitze

fahles Zucken, lasse sie nicht zum Verderben und Schrecken werden. Dämme

die Wasserflut, mildere die Sonnenglut. — Am ersten Tage des Peßachfestes,

wenn wir das Fest der Befreiung feiern, das uns den Frühling _unserer_

Geschichte kündet, vergessen wir selbstlos des eignen Geschickes und

gedenken in Liebe aller Menschenbrüder. Er, der uns wundertätig durch das

Meer geleitet hat, der Wüste Schrecknisse überwinden ließ, Er so beten wir

innig, möge die Winterfesseln der Natur in Güte lösen, die starre Scholle

lockern, der Keime Triebkraft wecken, damit den Menschen ihr unermüdlicher

Fleiß gelohnt und nährendes Brot zuteil werde. Die leuchtenden Tropfen,

die am taufrischen Morgen am Angergrase zittern, sie sind Sinnbilder der

Tränen der Sorge und der _Freude_. „Denn belebender, erquickender Tau ist

Dein.“ Wie aus dem Erdenmutterschoße sich das Körnlein aus Dunkel zum

Lichte ringt, so möge Gott auch uns das Werk gedeihen lassen, die Saat,

die wir am Morgen gesät und am Abend, uns dem Glücke entgegenführen.

Wenn wir im Herbstesgrau das Hüttenfest beschließen und die Festgedanken

zum Ergebnis sammeln; wenn der Winzer den Weinberg reich belohnt verläßt,

Kelter und Tenne gefüllt sind und aller Früchte Erntesegen unversehrt die

Speicher schmückt; dann wendet sich wieder unser dankbares Gemüt zum

himmlischen Vater. Wieder erweitert sich uns das _Volksgefühl_ zum

Menschentum, wird uns das geschichtlich-religiöse _Festgebet_ zum

Weltgebete. Die Stammväter, deren wir in Ehrfurcht gedenken, werden zu

Vätern der Menschen, die Mütter zu Menschenmüttern, der waltende Gott

Israels zum liebevollen Weltengotte. Die große Vergangenheit gliedert sich

bescheiden dem Ganzen der Geschichte an und mit erlösender Begeisterung

umschließt unser Festgedanke alle. Wie frischer Regenguß die duftende Erde

befruchtet und schlummernde Kräfte weckt, wie kühlender Windhauch

schweifende Wolken sammelt und scheucht, so wirkt die Menschenliebe auf

jegliches Menschenherz. Wie die gewaltige Kraft der Natur zu neuem Leben

in Ruhe- und Restzeit Atem schöpft, so mögen auch wir, wenn es Zeit ist,

in stiller Sammlung zu erneuter, sittlicher Tatkraft uns rüsten. All unser

Denken und Fühlen und Tun gedeihe unserem Volke und heiligen Glauben

„zum Segen und nicht zum Fluche

zur Sättigung und nicht zum Hunger

zum Leben und nicht zum Tode.“

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‎‫טַל‬

Frühlingsgebet am ersten Tage des Passahfestes.

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Bald ist nun der Kampf vorüber,

Und die milde Sonne siegt,

Darum ist mein Herz so fröhlich,

Meine Seele so vergnügt.

Nach dem Frühling war mein Sehnen.

O, nun ist es bald erfüllt!

Süße Lust der Frühlingsahnung

Zieht ins Herz mir warm und mild.

Bald ist nun der Kampf vorüber,

Und es bricht des Winters Macht!

Schon gewichen sind die Stürme,

Kürzer wird die kalte Nacht!

Nicht mehr strömen rauh hernieder

Feuchte Flocken sonder Zahl,

Durch der Wolken graue Decke

Bricht hervor der lichte Strahl!

Ach, es waren schlimme Tage!

Böse war die Winterzeit!

O, wir suchten scheu und schüchtern

Schützend Dach und warmes Kleid.

Ach, und wem der Güter Fülle

Nicht die schwache Hilfe bot,

Zehnfach bitter mußt' er fühlen

Wintershärte, Wintersnot.

Nun, Gottlob! es ist vorüber!

Und es kündet seine Spur

Tausendfach der holde Frühling

Freundlich an in Feld und Flur!

Droben nur noch trübe Schatten

Einzeln schnell vorüberflieh'n,

Und auf Erden keimt und sprosset

Lächelnd auf ein junges Grün.

Abgestreift von meinem Geiste

Wird der Fessel letzter Rest,

Jubelnd feiert meine Seele

Heute ein Befreiungsfest.

Neuer Mut und neues Leben

Sind im Busen mir erwacht,

So ist's Israel gewesen

Nach Ägyptens Winternacht.

O, es faßten die Befreiten

Der Befreiung Wonne kaum,

Also ist ein süß Erwachen

Nach dem bösen, langen Traum!

Darum eil' ich, Dich zu preisen,

Vater, vor Dein Angesicht!

Du verließest uns, die Deinen,

Auch in trüben Tagen nicht.

Wirst auch ferner uns bewahren,

Wirst uns stets ein Hüter sein!

Bringst den Frühling und den Sommer

Uns zum Segen und Gedeih'n!

Du wirst Tau und Regen spenden

Zu der Erde Fruchtbarkeit

Auch in diesem Jahre wieder,

Immerdar zur rechten Zeit.

Ja, wir wissen, daß der Vater

Alle seine Kinder liebt,

Daß er nimmermehr ihr Leben

Dem Verderben übergibt.

_Wir_, wir können es nicht schaffen,

Doch wir können _Dir_ vertrau'n,

Können auch in diesem Jahre

Hoffend auf den Sommer schau'n.

Du, o Herr! befiehlst den Wolken

Durch Dein göttlich Allmachtswort!

Daß sie kommen, daß sie gehen,

Uns zum Segen fort und fort,

Daß die Sonne sie verhüllen,

Wenn ihr Strahl uns wird zur Glut,

Daß sie schwinden, wenn zu lange

Niederströmt des Regens Flut.

Du, o Herr! befiehlst dem Strome,

Daß er bleibt in seinem Gleis!

Du, Du bist es, der dem Blitze

Seinen Weg zu zeigen weiß!

Du, Du bist es, der im Taue

Himmelsgnade niedersenkt,

Der auf reiche Segensbahnen

Wunderbar die Winde lenkt!

Darum zieht die Frühlingsahnung

Mir ins Herz so warm und mild,

Und mein Hoffen und mein Sehnen

Ist nun bald so süß gestillt.

Bald ist nun der Kampf vorüber

Und die milde Sonne siegt,

Darum ist mein Herz so fröhlich,

Meine Seele so vergnügt.

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2. Das Wochenfest.

‎‫שָׁבוּעוֹת‬

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Festbetrachtung am Wochenfeste.

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„Gott der Herr ist meine Kraft, meinem Fuße verleiht er Behendigkeit, er

läßt mich auf meinen Höhen wandeln.“

So kündet das Prophetenwort am heutigen Tage die Größe und Bedeutung des

Segens an, der uns in der Stunde zuteil geworden war, in der wir das

heilige Gesetz, die Thora, empfingen. „Gott der Herr ist meine Kraft, er

läßt mich auf meinen Höhen wandeln“; das ist der Wahlspruch, der uns zur

Selbstvollendung emporführt; das ist der Wegweiser zu sittlicher

Vollkommenheit. Zunächst sind wir von der Vorsehung dazu ausersehen

gewesen, dieses heilige Gesetz zu empfangen und zu verbreiten. In jener

feierlich-großen Stunde galt das große Wort: „Heute bist Du zum Volke

geworden Deinem Gotte.“ Wann ist dieser Geburtstag Israels? Das ist der

Tag, an dem der Ewige seinem Volke die „Kraft“ verlieh, den „Frieden“ gab.

Denn die Thora ist die „Kraft“, die nie versagt und nie versiegt, sie ist

der unwandelbare, ewige „Friede“. Sie ist die „Kraft“, die sich

jahrtausendelang bewährt, der „Friede“, der durch nichts gestört wird, der

Geburtstag der Thora! Wir feiern ihn stolz, wir feiern ihn glücklich; wir

feiern ihn in demütiger Anerkennung der unerreichbaren Größe, der

unergründlichen Tiefe des Thorawortes, Thorageistes. Sie hat den Siegeszug

durch die Welt angetreten, hat Menschenherzen, Menschenseelen erobert und

bezwungen. „Du stiegest empor, nahmst gefangen, machtest Menschen zu

Deinen Geschenken.“ Mit dem Doppeldiadem des Gehorsams und der Tat wurden

nach alter Sage die Väter gekrönt, als sie die Heilsbotschaft Gottes mit

den Worten empfingen: „Wir wollen nach dem Gesetze handeln und gehorchen.“

Mit der Krone der Tugend und des Glaubens wird die ganze Menschheit

gekrönt durch die Thora. Zum Eigentum der gesitteten Menschheit ist sie

geworden. Erfüllt hat sich der alten Weisen Lehre und Deutung: „Die Erde

erzitterte und alle Bewohner, als das „Ich“ die Säulen der Erde

feststellte“ — jenes „Ich“, mit dem die zehn Gebote beginnen. Allumfassend

war die Botschaft; sie erfüllt die ganze gesittete Welt. Wie die Wüste, wo

sie zum erstenmal gehört war, niemandem eignet, so ist sie, diese Thora,

jedwedem zu eigen, der sie annimmt; wie das Weltmeer, so ist sie

weltumarmend; wie Wasser und Feuer nicht feil und käuflich sind, so sind

Moral und Glaube. Als Allgemeingut war die Thora gedacht. Dieser Tag ist

nicht allein der Geburtstag Israels; er ist der Geburtstag festgegründeter

Sittlichkeit. Und wir sollten ihn nicht festlich begehen? sollten nicht

die heilige Lade mit Kränzen umwinden? sollten nicht Blumen streuen auf

den Weg der Thora, deren „Pfade allesamt sind Lieblichkeit“? Wir sollten

nicht in inbrünstiger Dankbarkeit der Zeit gedenken, die uns zum

Lehrmeister der Welt gemacht, uns, die vielgeschmähten Stiefkinder der

Menschheit, zu den liebeerfüllten Spendern von Friede, Freude und Liebe?!

Die „Wüsten freuen sich und Steppen jubeln“; die Wüsten der Lieblosigkeit,

die Steppen der Menschenverfeindung, denn einzieht die Lehre der

Menschenliebe. Wir wollen Sendboten sein und bleiben dieser Lehre, im

Zeichen dieser „Kraft“ auf unseren Höhen wandeln.

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Gebet am Vorabend des Wochenfestes.

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Allgütiger! Das liebliche Fest der Erstlingsfrüchte begrüßt uns wieder mit

dem zauberischen Lächeln seines holden Angesichts. Da wird auch unser

Angesicht heiter, unser Herz fröhlich, und das Wort des Gebetes wird auf

unseren Lippen zum heiteren Jubelton innerer Fröhlichkeit. Was kann das

Herz des Menschen mehr entzücken als der Anblick der Natur, die da pranget

in ihrer ganzen Herrlichkeit! Das ist eine Freude, die höher steht, als

alle anderen Freuden, die gemeinsamer Anteil der Menschen sind, denn sie

ist unvergänglich, wenn auch dem Wechsel unterworfen; im Hinschwinden

dieser Schönheit liegt schon die Gewißheit des Wiederentstehens. Und wenn

sie eingetreten ist, diese Verjüngung, so hat sie nichts von ihrer Anmut

verloren, nichts von ihrer Kraft eingebüßt, keines ihrer Wunder ist

geringer geworden. Der aus Deinem Munde wieder gerufene Frühling ist

derselbe heitere Garten Gottes, der in den Tagen meiner Kindheit meine

jugendliche Seele ergötzte, der, immer wiederkehrend, jahraus jahrein mir

seine Freuden zum Genusse bot, und der mit süßem Schmeichelton noch in der

Brust des Greises und der Greisin die sanfte Empfindung inniger

Lebensfreude erweckt und das Bekenntnis hervorruft: Freue, Mensch, Dich

Deiner Erde, freue, Mensch, Dich ihres Schöpfers! Wie ist sein Werk so

schön!

Nicht wir Menschen allein sind es, die nunmehr ein Fest zu Deinem Preise

feiern, Allgütiger. Die ganze Natur hat festlich sich geschmückt, auch sie

stimmt ein in unsern Jubel; der heitere Morgen, der freundliche Abend, das

junge Grün des Waldes, die Fröhlichkeit der Tiere auf Erden, alles! alles

preiset Gott, alles spricht vernehmlich: Halleluja! Gott ist die Liebe,

Halleluja!

Wie aber? Ist es denn des Menschen würdig, nicht mehr zu wollen, nicht

mehr zu bedürfen, als alle Dinge ringsumher? Unterscheidet sich mein

Frühlingsfest nicht von dem Frühlingsfeste der Natur? Reicht es hin zu

meiner Befriedigung, wenn in der Schönheit der Erde meine Sinne ihr Genüge

finden?

O nein, mein Gott, ich feiere heute noch ein anderes, noch ein höheres

Fest der Erstlingsfrüchte!

Einst lag ein harter, starrer Winter auf den Ahnen meines Volkes, auf dem

Volke, das Du um ihrer frommen Väter willen bestimmt hattest, die

Verkündiger des Frühlings zu werden, der dem Menschengeschlecht anbrechen

sollte in der Welt des Geistes. Da hast Du, Allmächtiger, mit starker Hand

die Eisdecke der Sklaverei gespalten, da hast Du die Deinen erweckt aus

dem Winterschlaf geistiger Finsternis, da hast Du unter ihnen in Deiner

wunderbaren Erlösung die Saat ausgestreut, aus der das Heil der ganzen

Menschheit für alle Geschlechter auf Erden erblühen sollte, und als am

Sinai Dein Donnerwetter ertönte, da war das herrliche, unvergängliche,

menschenbeglückende Gesetz die _Erstlingsfrucht des anbrechenden

Frühlings_.

Ja, das ist das Fest, das ich feiere, daß ich Deiner Liebe mich freue, die

sich offenbaret in der Körperwelt und daß ich Deiner Liebe mich freue, die

sich offenbart in Deiner heiligen Lehre.

Und daß ich einzudringen versuche in die Weisheit Deiner heiligen Gebote

vom Sinai, daß ich betrachte, wie sie auch mir zum Heile und zur

Glückseligkeit gegeben sind, das sei die Aufgabe, die am morgenden Tage

des Festes mich beschäftigen soll!

Allgütiger, Deine Liebe ist mein Glück, Deine Zufriedenheit mein Streben.

Amen!

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Gebet am Wochenfeste.

(Vorher Nischmath Seite 19.)

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Urquell aller Weisheit! Du, mein Gott, der Du die Menschen beglückt hast

durch Deine heilige Lehre, Dir will auch ich danken, daß ich dieser Lehre

teilhaftig bin. Darum sei heut, am Feste der Gesetzgebung meine

Andachtsübung, daß ich mich beschäftige mit den Geboten, die Du am Sinai

verkündigt, die Du ausgesprochen hast unter dem Schalle der mächtigen

Posaune, die erweckend forttönt für jedes willige Menschenohr bis zu den

spätesten Geschlechtern.

Du wolltest es, o Herr, daß die Menschen nicht ferner in der Finsternis

wandeln, daß das Licht der Wahrheit sie erleuchte und ihnen den Blick

eröffne weit über die Zeitlichkeit hinaus. Du wolltest sie lehren, daß

nichts von allem, was entsteht und vergeht, ein würdiges Ziel ihrer

Anbetung sei und Du sprachst es aus: _„Ich, der Ewige, bin Dein Gott!“_

Du wolltest, daß die Menschen nicht bangen und zagen, sich dem Erhabensten

zu nahen, daß sie nicht glauben sollen: der Allmächtige ist zu groß für

mich, zu erhaben für meine Verehrung; zwischen ihm und mir liegen

Millionen Dinge, die Macht über mich haben und über mein Bestehen; all die

Kräfte der Natur, all die wunderbaren Erscheinungen am Himmel und auf

Erden, warum sollte ich sie nicht anbeten? Oder daß sie sprechen: Der

Erhabene, der Unkörperliche ist unfaßbar für mich, ich will ihn mir

darstellen im Bilde, und Du sprachst es aus: _„Du sollst keine andern

Götter haben vor meinem Angesichte!“_

Du wolltest, daß die Menschen, trotz der Gewißheit, daß Du ihnen nahe bist

und nahe sein willst, und es keinen Vermittler gibt zwischen Dir und

ihnen, sich dennoch mit allen Kräften ihrer Seele zu Dir erheben, und

nicht Deinen heiligen Namen aussprechen, als hätte Deine Herrlichkeit sich

herabgelassen zu ihrer Niedrigkeit, und Du sprachst es aus: _„Du sollst

den Namen des Herrn, deines Gottes nicht vergeblich führen!“_

Du wolltest, daß die Menschen Dich verehren als den Schöpfer der Welt, der

durch sein Schöpfungswort sie aus dem Nichts hervorgerufen, der noch fort

und fort in Ewigkeit sie regieret und leitet, Du wolltest, daß diesem

Gedanken ein Tag geweiht sei, der an die Vollendung Deines

Schöpfungswerkes sie erinnere, und der sie mahne, daß Du es bist, der für

sie sorgt und nicht ihrer Hände Werk, und Du sprachst es aus: _„Gedenk des

Sabbattages, daß Du ihn heiligest!“_

Du wolltest, daß die _Liebe_ herrsche unter den Menschen, und Du

pflanztest sie ein in ihr Herz, daß sie die Grundlage sei menschlicher

Güte und menschlicher Tugend, und Du wolltest, daß der Mensch ihr Dasein

und ihre Macht nimmer verleugne, darum schufst Du auf Erden ein sichtbares

Abbild Deiner eigenen Liebe in den Herzen der Eltern, und Du sprachst es

aus: _„Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!“_

Du wolltest, daß der _Frieden_ herrsche unter den Menschen, daß der eine

seine Kraft nicht mißbrauche, dem andern zu schaden an seinem Leibe und an

seinem Wohlsein, daß der Starke nicht Herr sei des Schwachen, der Mächtige

nicht vernichte den Machtlosen, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht

morden!“_

Du wolltest, daß die _Unschuld_ herrsche unter den Menschen, daß Sitte und

Selbstbeherrschung sie veredle, daß das Band der Liebe und Treue die

Menschen zu Familien eine, und die Familie zum Vorbild diene für die

Vereinigung aller Menschen untereinander, und Du sprachst es aus: _„Du

sollst nicht ehebrechen.“_

Du wolltest, daß _Redlichkeit_ und Vertrauen herrsche unter den Menschen,

daß nicht der eine rechtlos genieße, was der andere erworben, daß nicht

Bosheit und List sich bereichere und der Fleiß und die Rechtschaffenheit

darbe, daß nicht die Gewalt siege über die Gerechtigkeit, und Du sprachst

es aus: _„Du sollst nicht stehlen!“_

Du wolltest, daß die _Lüge verbannt_ sei und verachtet unter den Menschen,

daß der Tückische nicht schände den Namen des Unschuldigen, die

Gerechtigkeit nicht verhüllt werde von dem Gewebe des Truges, der Gerechte

sicher sei vor der Verleumdung des Lasterhaften, und Du sprachst es aus:

_„Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider Deinen Nebenmenschen!“_

Und Du wolltest, daß der Mensch _sorgsam achte_ auf sich selber, daß er

selbst der Wächter seiner Tugend sei, daß die bösen Leidenschaften nicht

über ihn Herr werden, daß er nicht der Genußsucht und der Habgier zur

Beute werde, sondern sein Anteil in Zufriedenheit genieße und nach seinen

Kräften Gutes wirke, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht begehren,

was Deinem Nächsten gehört!“_

Das sind Deine heiligen Gebote, o Herr! Sei mir gnädig und gib mir Kraft

und Willen, sie zu üben in allen Tagen meines Lebens. Amen!

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Die Hallel-Psalmen.

(Seite 39.)

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Gebet beim Herausheben der Thora.

(Seite 44.)

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Die Gesetzgebung am Sinai.

(2. Buch Mose, Kap. 19 u. 20.)

[Vorlesung aus der Thora am ersten Tage des Wochenfestes.]

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Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israel aus dem Lande

Ägypten, an eben diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Sie zogen von

Rephidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste; also

lagerte Israel daselbst dem Berge gegenüber. Und Mose stieg hinauf zu

Gott, und es rief ihn der Herr vom Berge, sprechend: so sollst du sprechen

zum Hause Jakobs und verkünden den Kindern Israels: „Ihr habt gesehen, was

ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen,

und wie ich euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meiner Stimme

gehorchen und meinen Bund hüten wollt, dann sollt ihr mir ein auserlesenes

Volk von allen Völkern sein, denn mein ist die ganze Erde. Und ihr sollt

mir sein ein Reich von Priestern und eine heilige Gemeinde. Dieses sind

die Worte, welche du zu den Kindern Israels reden sollst.“ Und Mose kam

und rief die Ältesten des Volkes und legte ihnen alle diese Worte vor,

welche der Herr ihm geboten hatte. Da antwortete das ganze Volk einstimmig

und sie sprachen: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun“. Und

Mose brachte die Worte des Volkes vor den Ewigen zurück. Und der Ewige

sprach zu Mose: „Siehe, ich komme zu dir in einem dichten Gewölke, damit

das Volk es höre, wenn ich mit dir rede, daß sie auch dir glauben

immerdar“. Und es verkündete Mose die Worte des Volkes dem Ewigen. Und der

Ewige sprach zu Mose: „Gehe zum Volke, und sie mögen sich heilig halten

heute und morgen, und ihre Kleider sollen sie waschen. Und sie sollen

bereit sein für den dritten Tag, denn am dritten Tag wird der Herr sich

herablassen vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai. Du aber

sollst das Volk ringsumher abgrenzen sprechend: Hütet euch, den Berg zu

besteigen, oder sein Ende zu berühren; wer den Berg anrührt, soll des

Todes sein.

Keine Hand soll ihn berühren, er soll gesteinigt oder erschossen werden,

es sei Tier oder Mensch, es soll nicht leben; wenn aber das Horn lang

ertönt, dann können sie den Berg besteigen. Und Mose stieg hinab vom Berge

und heiligte das Volk und sie wuschen ihre Kleider. Und er sprach zum

Volke: seid bereit auf den dritten Tag, es nahe keiner einem Weibe. Und es

war am dritten Tage, als es Morgen wurde, da waren Donner und Blitze und

eine schwere Wolke auf dem Berge und auch die Stimme einer sehr mächtigen

Posaune, und es zitterte alles Volk, welches im Lager war. Und es führte

Mose das Volk dem Herrn entgegen vom Lager und sie stellten sich hin unten

am Berge. Und der Berg Sinai rauchte ganz und gar, weil der Herr sich auf

ihn herabgelassen hatte im Feuer, und der Rauch stieg von ihm auf, wie der

Rauch eines Ofens, und der ganze Berg bebte sehr. Und die Stimme der

Posaune hielt an und verstärkte sich mächtig, Mose redete, und Gott

antwortete ihm im Donner. Und es ließ sich nieder der Herr auf den Berg

Sinai, auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. Und der Herr

sprach zu Mose: steige hinab und warne das Volk, daß sie nicht

hinzudrängen zum Herrn, um zu schauen, es könnten sonst viele von ihnen

fallen. Auch die Priester, die da hintreten zum Herrn, sollen sich heilig

halten, daß der Herr nicht einbreche unter sie. Da sprach Mose zum Herrn:

Das Volk kann den Berg Sinai nicht besteigen, denn Du hast uns gewarnt,

sprechend: umzäune den Berg und heilige ihn. Da sprach der Herr zu ihm:

gehe hinab und steige hinauf, du und Aharon mit dir; aber die Priester und

das Volk sollen nicht hinzudrängen, hinaufzusteigen zum Herrn, daß er

nicht unter sie einbreche. Da stieg Mose hinab zum Volke und sagte es

ihnen.

Und Gott redete alle diese Worte, sprechend:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem

Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft.

Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesicht. Du sollst dir

kein Bild machen und keinerlei Gestalt weder von dem, was im Himmel oben,

auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an

und diene ihnen nicht; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifervoller

Gott, der da ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und

vierte Geschlecht bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweiset bis

ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen,

denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen

vergeblich führt.

Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du

arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten, der siebente Tag aber ist

ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Da sollst du kein Werk tun, weder

du, noch dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und

dein Fremdling, der in deinen Toren ist; denn in sechs Tagen hat der Herr

den Himmel und die Erde geschaffen, das Meer und alles was darin ist, und

am siebenten Tage hat er geruht; darum segnete der Herr den Sabbattag und

heiligte ihn.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß deine Tage lang werden auf der

Erde, welche der Herr, dein Gott, dir gibt.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren

deines Nächsten Weib, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen

Esel und alles, was deinem Nächsten gehört.“

Und alles Volk nahm den Donner und die Flammen wahr und die Stimme der

Posaune und den rauchenden Berg und es bebte und stellte sich von ferne.

Und sie sprachen zu Mose: „Rede du mit uns, so wollen wir hören, möge

nicht Gott mit uns reden, wir müssen sonst sterben“. Da sprach Mose zum

Volke: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen,

und damit seine Ehrfurcht auf eurem Angesicht sein soll, damit ihr nicht

sündiget“. Und das Volk stellte sich von ferne, und Mose trat in das

dichte Gewölk, woselbst Gott war.

Und der Herr sprach zu Mose: So sollst du sprechen zu den Kindern Israel:

ihr habt gesehen, daß ich vom Himmel mit euch geredet habe. Ihr sollt

nicht neben mir machen silberne Götter, und goldene Götter sollt ihr euch

nicht machen. Einen Altar von Erde sollst du mir machen und darauf opfern

deine Ganzopfer, deine Freudenopfer, dein Kleinvieh und dein Rindvieh; an

jedem Orte, wo ich meinen Namen preisen höre, werde ich zu dir kommen und

dich segnen. Und wenn du einen Altar von Steinen mir errichten willst, so

sollst du ihn nicht aufbauen von gehauenen Steinen, denn wenn du dein

Eisen über sie geschwungen, so hast du sie entweiht. Du sollst auch nicht

auf Stufen hinaufsteigen zu meinem Altar, daß deine Blöße auf ihm nicht

offenbar werde.

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3. Das Hüttenfest.

‎‫סֻכּוֹת‬

Festbetrachtung am Hüttenfeste.

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Das Fest der Hütten ist das Fest der Freude. An keinem anderen, wie an

diesem Jahresfeste, schreibt uns die religiöse Satzung die Freude vor.

„Freue dich an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht,

deine Magd, der Levite, der Fremde, Waise und Witwe.“ Wir erinnern uns in

kindlicher Dankbarkeit der göttlichen Gnadenwaltung, die unseren Vätern

bei ihrem Zuge durch die Wüste zuteil geworden war. Wie die schwanke Hütte

ihnen sicheren Schutz gewährte gegen Hitze und Kälte und das Zelt des

Wanderers stark genug war, feindlichem Angriffe zu widerstehen.

Wenn die Früchte des Herbstes eingesammelt werden, feiern wir das Fest der

Hütten, das gleichzeitig ein fröhliches Erntefest war und ist. Und als

Zeichen des Erntesegens bringen wir in den traulichen Kreis der Behausung

wie in den geweihten Kreis des Gotteshauses die Palmenblätter,

Myrtenzweiglein, Bachweiden und die goldige Ethrogfrucht, sie alle in

unseren Händen vereint zu einem Bunde, wie die Hausgenossen von einem

Familienbande umschlossen sind und zu gemeinsamer Freude sich friedlich

vereinigen. Die bescheidene Hütte ist uns nicht minder ein Zeichen der

Demut und der Zufriedenheit, des stillen Glückes, das die kampfgewohnten

Menschen beruhigt und vereinigt. So verkündet das „Fest der Freude“ mit

seinen sinnigen Zeichen den Frieden und die Eintracht. Ist die Palme das

Sinnbild der männlichen Kraft, dann ist die Myrte mit ihrem sanften Glanze

und würzigem Dufte, dem Weiß der vollen Blüte dem Frauenbilde gleich; und

der Weide bescheidener Zweig, vereint mit dem prunkvollen Goldgelb der

Ethrogfrucht, stellt den ersehnten Ausgleich dar zwischen Beglückten und

Bedrückten. Alle finden sich zusammen unter gemeinsamem Dache der Hütte,

über welcher der allen gleiche Himmel sich wölbt. Alles aber stellt uns

den Geist des Glaubens dar, den Geist der heiligen Lehre, der unser

jüdisches Leben durchdringt und umringt; der auch das Hüttenfreudenfest in

deutlicher Rede verkündet. Denn es erzählt von Gottes Liebe und

Beschirmung, von reiner, inniger Freude, die allen Menschen zuteil wird.

Es ruft uns mit lockender, sanfter Stimme in die vor Einsturz sichere

Hütte aufrichtigen Gottvertrauens, in der wir Schatten finden am Tage vor

der Sonnenglut, der Leidenschaft, der Mißgunst und Verirrung, Bergung in

der Nacht vor der Kälte liebloser Mitwelt und den Enttäuschungen des

ränkevollen, harten Lebens. Wir wollen freudig in Deinem Schutze uns

bergen, denn in Deinem Hause weilen Liebe und Freude.

——————

Gebet am Vorabend des Hüttenfestes.

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Herr der Welt, ewig gütiger Wohltäter der Menschen! In Deiner Liebe hast

Du uns, den Kindern Deines treuen Volkes, das _Hüttenfest_ eingesetzt,

_auf daß wir uns freuen sollen vor dem Herrn, unserem Gotte_. Und also

heißt es in Deiner heiligen Lehre: „_Am fünfzehnten Tage des siebenten

Monats, wenn ihr eingesammelt habt die Früchte der Erde, da sollt ihr ein

Fest feiern dem Ewigen, sieben Tage._“ Da sollen wir anerkennen mit

freudigem Danke, daß Du, Herr, wiederum unsere Speicher gefüllt hast mit

dem Ertrage der Felder.

Ach, wie so ganz stimmt dieses Gebot mit dem innigsten Bedürfnis unseres

Herzens überein! In wessen Seele könnte das Gefühl des Dankes und der

Freude unerweckt bleiben bei dem Beginn des Herbstes, wenn der Gedanke

sich auf die Größe Deiner Gnade richtet, die sich offenbaret in der Fülle

Deiner Gaben, mit der Du in dem nun schon hinschwindenden Sommer unsere

Felder gesegnet hast, auf daß wir getrosten Mutes auf die Zeit hinblicken,

da nicht Saat und Ernte sein wird.

Bedarf es denn aber eines besonderen Festes, einer absichtlich erregten

Stimmung, um uns diesen Dank und diese Freude lebhafter empfinden zu

lassen? Erinnert nicht jedes Brot, das wir genießen, das auch im Winter

uns nicht fehlt, daran, daß Du, o Herr, der Spender aller Gaben bist, die

uns Nahrung und Erquickung gewähren?

Freilich wohl bedarf es eines Festes; und auch hierin, daß Du es uns

eingesetzt, gibt sich Deine Liebe kund. Nur allzuweit entfernen die

verschiedensten Lebenswege, die verschiedensten Beschäftigungen mit all

ihren Gedanken und Sorgen von dem süßesten, reinsten Genuß auf Erden; der

Freude und der Erbauung an den Vorgängen in der Natur. Nicht wir alle

pflügen den Boden und ernten die Frucht der Saaten. Der Reiche labt sich

am gesegneten Tische, doch seine Hand hat keine Furche in die Erde

gezogen. Der Arbeiter wendet sich von seiner Werkstatt zum Mahle, aber der

Schweiß seines Angesichts galt nicht dem Acker, aus dem sein Brot

hervorgegangen ist; und auch derjenige, der den Boden des Geistes

fruchtbar macht im Reiche der Gedanken, er ißt das Brot des Feldes, dem er

die Frucht nicht entlockt hat durch die Arbeit seiner Hand. Da betrachten

wir bald in unserer Alltäglichkeit das uns so Naheliegende teilnahmslos

als ein Fernes, und mit der unmittelbaren Beschäftigung mit der

Erzeugungskraft der Erde geht uns die Freude verloren an ihrer

Fruchtbarkeit und Schönheit.

Da ruft uns denn das frohe Erntefest herbei von allen Grenzen unseres

Berufes und spricht zu uns: Kehret zurück, ihr Kinder der Erde! Seht, der

liebende Vater hat wieder für euch gesorgt, und wenn auch das Laub

herabrieselt von den Bäumen, ihre Früchte sind für euch aufbewahrt; und

wenn die Decke des Winters auch die Oberfläche umhüllt, euch verschließt

sie den Quell der Ernährung nicht, drum kommet herbei: _und freuet euch

vor dem Herrn, eurem Gotte._

Also danken wir Dir für Deinen Segen und für dies Fest, und erkennen

frohen Herzens, daß Du es bist, der jeder redlichen Aussaat ihre Ernte,

jeder rechtschaffenen Tätigkeit ihren Lohn gibt.

Und auch, wer den Frühling seines Lebens benutzt hat als eine Zeit der

Aussaat und den Sommer seines Lebens als eine Zeit der Arbeit, der sammelt

im Herbste seine Früchte und darf den Winter seines Erdenwandels nicht

fürchten.

O laß' mich, Herr, immer stark und fest sein in dieser Erkenntnis, daß

auch das Vertrauen auf Dich als Festesfreude das Hütten- und Erntefest mir

verherrliche. Amen!

——————

Gebet am Hüttenfeste.

(Vorher Nischmath Seite 19.)

———

Du, Herr der Welt, der Du in Deiner heiligen Lehre uns geboten hast, das

_Erntefest_ zu feiern sieben Tage und an demselben den _Feststrauß_ zu

binden aus Palmen und Myrten und Bachweiden und sie zu vereinigen mit der

Frucht des herrlichen Baumes, auf daß wir mit diesem Strauße uns freuen

vor dem Herrn, unserem Gotte, Du hast auch bestimmt, daß dies Ernte- und

Freudenfest gleichzeitig ein Erinnerungsfest für uns sei, damit, wie Du es

ausgesprochen hast, „_die spätesten Geschlechter es wissen, daß ich in

Hütten die Kinder Israels habe wohnen lassen, als ich sie herausführte aus

Ägypten, denn ich bin der Ewige, euer Gott_.“

Und diese Bedeutung des Festes, diese Erinnerung an jene geschichtliche

Tatsache, ist die schönste Ergänzung zur Feier des Erntefestes. Wir haben

Deine Vatergüte erkannt in den Gaben, die auf Dein Geheiß die Natur uns

hervorbringt, und nun sollen wir auch dessen inne werden, daß Du selber

über die Natur erhaben bist, daß ihre Gesetze von Dir ausgehen, Du aber

selber ihnen nicht unterworfen bist.

Der Winter naht heran, und wir fürchten nicht, denn wir haben Vorrat

eingesammelt für die unfruchtbare Zeit und schützen uns in festen Häusern

vor den Stürmen der rauhen Jahreszeit. Anders war es bei unseren Vätern in

der Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. Da war nicht Saat und Ernte und

selten genug ein Quell frischen Wassers; aber die Wanderer in der Wüste

haben nicht Mangel gelitten, Du hast sie gespeist mit dem Brote des

Himmels, Du schufst das Manna zu ihrer Nahrung, und stilltest ihren Hunger

vierzig Jahre, und der Fels verwandelte sich auf Dein Wort zum lebendigen

Wasserquell.

Und sie hatten kein festes Haus, keine sichere Wohnung, weil sie keine

Heimat hatten; aber die Hütten, die sie sich bauten in der Wüste, waren

ein hinreichender Schutz für sie, denn mehr als die Hütte schützte sie

Dein allmächtiger Wille.

Und als denjenigen, dessen Wille mächtiger ist als alle Gesetze und Kräfte

der Natur, sollen auch alle späteren Geschlechter Dich verehren, und als

denjenigen, dessen Schutz allein uns, den Menschen, Bürgschaft sein kann

für ihr Bestehen auf Erden.

O, wir wären töricht, wollten nicht auch wir das erkennen. Unser ganzes

Leben auf Erden ist eine Wanderung durch die Wüste. Die Kräfte der Natur

sind nur zum Teil für uns, zum Teil sind sie auch gegen uns. Von tausend

und abertausend Gefahren sind wir bedroht; Du aber, o Herr, schützest uns,

und Deine Fügungen für unser Heil sind nicht minder wunderbar, als Deine

Taten für unsere Väter.

Ja, unser Leib selber ist nur eine zerbrechliche Hütte, die jedes Unwetter

und jeder böse Zufall vernichten kann, so Du nicht mit Deiner Liebe ein

schützendes Zelt über uns ausbreitest.

Du aber hast es ausgesprochen: In Hütten sollt ihr wohnen, wie Eure Väter

in Hütten gewohnt haben, und trotzdem nicht fürchten: denn „_ich, der

Ewige, bin ja euer Gott!_“

So ist es gewesen bis heutigen Tages. Auch das Leben unseres Volkes war

eine Wanderung durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, durch die

traurige Wüste, aber Deine Hand hat uns bewahrt vor dem Untergange, und

endlich führtest Du uns dennoch in das gelobte Land, in das Reich auf

Erden, in dem alle Menschen, als Brüder vereint, Dich anbeten und den

Namen des Einzigen preisen sollen. Amen!

——————

Die Hallel-Psalmen.

(Seite 39.)

——————

Gebet beim Herausheben der Thora.

(Seite 44.)

——————

4. Das Schlußfest.

‎‫שְׁמִינִי עֲצֶרֶת‬

Festbetrachtung.

———

„Besser ist der Dinge Ende, als ihr Anfang.“ So lautet eines der

Weisheitsworte des Denkers, der in dem Koheleth-Buche zu uns spricht, das

wir im Verlaufe dieses Festes lesen. Es ist ein trostreicher,

herzstärkender, ermutigender Kernspruch, der uns schaffensfreudig und

zukunftsfroh machen soll. Am Tage des Schlußfestes zumal gewinnt dieser

Gedanke besondere Bedeutung. Die Reihe der Feste ist nun bald geschlossen.

Eine ernst-ehrliche Rückschau soll zu dem befriedigenden Ergebnis führen,

daß „das Ende besser ist als der Anfang“. Wie würde doch jede Kraft

gelähmt, jeder Plan zerstört, jede Hoffnung getötet werden, wenn nicht

diese Zuversicht uns erfüllte? Im Keime müßte jede Saat verderben und

ersterben, wenn nicht die beschwingende Kraft dieser Aussicht den Mut des

Sämanns heben würde. Alles Gedeihen, alle Arbeit, aller Fortschritt ruhen

auf dem fruchtbringenden Boden dieser Überzeugung. — Versöhnt mit Gott und

Menschen, gesühnt von Schuld und Fehlern hat uns die Zeit der Rückkehr,

der Buße und der gnadenreichen Fülle des Versöhnungstages. Reine

Herzensfreude und aufrichtende geschichtliche Erinnerung brachte uns das

Fest der Hütten. Denn es greift nach seinem Wesen und Festgedanken zurück

auf das Fest der ungesäuerten Brote, da es ja gleich diesem an den Auszug

aus Mizrajim gemahnt und auch an das Fest der Offenbarung, die dem Volke

Israel in der Wüste zuteil geworden war, in der unsere Ahnen in Hütten

gewohnt hatten. So steht das Schlußfest am Ende der Reihe und sammelt die

Gedankenernte aller Festeszeiten, heimst den Gefühlsertrag ein, den jene

schönen, guten Tage aufgehäuft haben sollen. Das sichere Ergebnis ist ein

wahrer, tiefer Segen für Israel. „Dies ist der Segen“; so beginnt der

letzte Abschnitt des fünften der Mosesbücher, das wir am Fest der

Thorafreude lesen. Das ist der Segen, der unseren Festen stetig entströmt.

Sie rufen große Tage großer Geschichte wach; festigen uns zu gestähltem

Gottvertrauen, hämmern unseren Charakter, adeln unser Volksbewußtsein und

erweitern es zu allumfassender Menschenliebe.

Um den aus Wolken quellenden Regen und Segen beten wir an diesem Tage. Er

befruchtet die Scholle und lockert das Erdreich. So strömt die heilige

Lehre in unser empfängliches Herz, träufelt das Wort Gottes Heilung und

Labung in alle schwachen Gemüter. Wenn der Fuß des müden Weltwanderers

über raschelndes, dürres Laub schreitet und Nebelschleier sich vom

feuchten Himmel zur Erde senken, Vogelsang verstummt und der Sonne sonst

wärmender Strahl nur fahl und kalt durch nebelfeuchtes Dunkel dringt; dann

verzagt mein Herz nicht und ist nicht bange. Denn: „Es ward Abend und es

ward Morgen“. Das Abendrot ist der Bruder des Morgenrots. Das „Ende der

Dinge ist besser als ihr Beginn“. Aber in dem Ende schlummert der Trieb zu

neuem Leben in nie versiegender Schaffenskraft, in unaufhörlichem

Kreislauf. Wie in dem Menschenkörper der Kreislauf des Blutes vom Herzen

zum Herzen das Leben bedingt, so wirkt der Feste Jahreskreislauf belebend

auf den Körper des Judentums. Sein Herz aber ist die Thora, die Lehre des

Lebens, seine Seele der feste Glaube an den einzigen Gott.

——————

Gebet am Schlußfeste.

(Vorher Nischmath, Seite 19.)

———

Herr und Vater! Der Feststrauß ist aus der Hand gelegt, die Hütte ist

verlassen, diese sinnbildlichen Darstellungen unserer Festgedanken sind

nicht mehr verknüpft mit der Feier des heutigen Tages. Mit kurzen Worten

hast Du uns unsere Aufgabe angedeutet, die für diesen Tag uns geworden:

„Und am achten Tage sollt ihr feierliche Festversammlung halten, ein

_Schlußfest_ soll es euch sein.“

Aber ich kenne den Sinn dieser Aufgabe; sie fordert von mir, daß ich am

Schlusse der heiligen Feiertage noch einmal die Andacht meines Herzens

erwecke, um die Gedanken, die an den heiligen Tagen meine Seele erfüllt

haben, noch einmal an mir vorüberzuführen, und den Gewinn, den mein Geist

in ihnen gesammelt hat, als bleibendes Gut mit hinüberzunehmen in das

Leben der Alltäglichkeit.

Es hat das heilige _Neujahrsfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den

allwissenden Richter, der die Handlungen der Menschen kennt und ihre

innersten Gedanken. Vor diesem Richter kann die Lüge nimmer bestehen, der

Trug zerfällt in nichts, und kein Schein kann vor ihm die Wahrheit

verhüllen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Fest in mir rege

wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß der Mensch nur dann weise

handelt, wenn in jedem Augenblicke seines Lebens das Bewußtsein in ihm

klar ist, daß Gott der Herr seine Wege kennt und seine Taten prüft. Wie

sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend bleiben,

der es nie vergißt, daß er Rechenschaft geben muß vor dem Allwissenden für

alle seine Schritte!

Es hat alsdann der große _Versöhnungstag_, mit seinem ganzen mächtigen

Eindruck auf unser Gemüt, Gott den Herrn mir gezeigt als den Gott der

Gnade, der die Sünden der Menschen vergibt, so sie in wahrer Reue ihn um

Vergebung anflehen. Aber dieser Reue mußte die strengste Selbstprüfung

sich verbinden, auf daß der Mensch sich des Unterschiedes bewußt werde

zwischen dem, was er in Wirklichkeit leisten kann, und dem, was er in

Wirklichkeit leistet. Wir sollen es kennen lernen, daß die Neigung zum

Bösen nicht zu den Naturnotwendigkeiten gehört, denen der Mensch

unterworfen ist, daß es vielmehr in unserer Kraft liegt, das Gute zu üben

und das Böse zu fliehen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Feste in

mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß strenge

Selbstprüfung die beste Führerin ist, dem Irrenden die rechte Bahn zu

zeigen, die beste Beschützerin ist gegen jede feindliche Macht der

Versuchung. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und

der Tugend bleiben, der bei allen seinen Schritten sich selber prüft, ob

nur die Neigung des betörten Herzens ihn leitet, oder ob Vernunft,

Religion und Gottesfurcht sein Bestreben billigen!

Es hat das fröhliche _Hüttenfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den

liebenden Vater, der für alle seine Geschöpfe sorgt, der ihnen Saat und

Ernte, Früchte und Labung gibt, damit es ihnen niemals an dem mangle,

dessen sie bedürfen, und daß sie viel des Guten noch darüber hinaus

genießen dürfen, auf daß ihr Herz fröhlich sei; der auch in den Zeiten der

Not den Menschen beisteht und seine Güte nie abwendet von denen, die auf

ihn vertrauen. Aus all' den Betrachtungen, die an diesem Feste in mir rege

wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß Gott der Herr Freude hat an

unserer Fröhlichkeit. Wie sollte auch der die Gleise der Rechtschaffenheit

und Tugend finden, wie sollte der beitragen zum Glücke seiner

Nebenmenschen und zu ihrer Freude, der nur trüben Sinnes einherwandelt auf

Erden, die Erde für eine Stätte des Jammers und der Finsternis hält, der

Freude keinen Vorzug gibt vor dem Leide, der Tugend keinen Vorzug vor dem

Laster, der Liebe keinen Vorzug vor dem Hasse.

Das sind die Lehren und die Vorteile, die ich aus den Tagen der Festzeit

mit hinübernehmen will in die Tage der Alltäglichkeit: daß Gott der Herr

alle meine Wege kennt, und daß ich vor ihm Rechenschaft ablegen muß, daß

die strengste Selbstüberwachung und Selbstprüfung die beste Führerin ist,

die den rechten Weg mir zeigt, und daß Gott der Herr es will, daß ich des

Daseins auf Erden mich freue und im Bewußtsein seiner Liebe fröhlich sei

und Frohsinn um mich verbreite.

Mein Gott! Gib zu all' dem mir Deinen Beistand und Deinen Segen. Amen!

——————

Die Hallel-Psalmen.

(Seite 39.)

——————

Gebet beim Herausheben der Thora.

(Seite 44.)

——————

‎‫גֶּשֶׁם‬

Herbstgebet am Schlußfeste.

Betrachtung über den Regen siehe Seite 45 „Tau und Regen“.

———

Nun am Fest, dem Schluß der Feste,

Die wir, Schöpfer, Dir geweiht,

Die uns ernst und freundlich brachte

Dieses Monats heil'ge Zeit,

Sei vor Dir noch eine Bitte

Uns'res Herzens dargelegt;

O, vernimm es wohlgefällig,

Was zum Bitten uns bewegt:

Ewig rollt das Rad der Zeiten

In dem sichern, festen Gleis,

Tage kommen, Tage schwinden

In der Jahreszeiten Kreis.

Kürzer wird die Bahn der Sonne,

Matter ihr belebend Licht,

Und schon zeigt mit trübem Ernste

Uns der Herbst sein Angesicht.

Und der Herbst, er wird vergehen,

Trüber noch, als er erschien,

Und der Winter wird die Schatten

Über uns're Erde zieh'n;

Und die Stürme werden toben,

Und der Tag wird seine Macht

Schüchtern eilend überlassen,

Weichend schnell, der strengen Nacht.

Und der Frost, er wird erstarren

Alles, was die Erde schmückt,

Wenn auf sie die weiße Hülle

Uns der Wolkenhimmel schickt.

Da ist Sprossen nicht und Keimen,

Nicht ein Wachsen und Gedeih'n,

Da wird nicht der Fluren Segen

Aller Menschen Freude sein.

Böse sind die kalten Tage,

Düster ist die Winterszeit!

O, wir werden sorgsam suchen

Schützend Obdach, warmes Kleid.

Doch wenn auch der Armut Bürde

Mit des Mangels Last bedroht,

Fürchten muß er, ach, mit Schrecken,

Wintershärte, Wintersnot.

D'rum, o Schöpfer, nimm in Liebe

Gnädig uns're Bitte auf:

Mach' uns freundlich auch den Winter

In der Jahreszeiten Lauf;

Laß' ihn nicht zu strenge walten;

Und sein ernstes Angesicht

Trübe uns're Lebensfreude,

Uns're Lust, zu hoffen, nicht.

Laß' der Speicher Vorrat reichen,

Daß wir ohne Furcht dabei

Wissen, daß am Tisch der Armen

Nicht der Hunger Herrscher sei;

Daß wir ohne Furcht und Zagen

Sorglos in die Zukunft seh'n,

Und dem Frühling und dem Sommer

Frohen Mut's entgegengeh'n.

Tu's, um Deiner Liebe willen,

Die Du immer uns bewährt,

Du, Du bist ja unser Vater,

Der die Kinder gern ernährt.

Tu's, um Deiner Liebe willen,

Die Du immerdar geübt,

Denn es ist nicht uns're Tugend,

Die ein Recht, zu hoffen, gibt.

Tu's, um Deiner Liebe willen,

Wie Du stets uns wohlgetan,

Wie Du stets die Deinen leitest

Auf des Heiles rechter Bahn.

Ja, wir wollen auf Dich harren,

Stets auf Deine Liebe bau'n!

Du verlässest nie die Frommen,

Die in Demut Dir vertrau'n! Amen!

——————

Simchath-Thora.

‎‫שִּׂמְחַת תּוֹרָה‬

Festbetrachtung.

„Seid fröhlich und freudig am Simchath-Thora

Und Ehre verleihet der Thora.

Das Köstlichste ist sie der Güter,

Teurer als Gold- und Perlengeschmeide.“

Unerschöpflich scheint die Quelle, aus welcher Propheten, Dichter und

Sänger des Judentums ihre helle Begeisterung für die Thora schöpfen. Wenn

sie von der Thora künden, sprechen und singen, dann erfüllt die Rede

inbrünstige Andacht, die Dichtung höchster Gedankenschwung, den Gesang

wundersam ergreifende Melodie; alle sind von den reinsten, edelsten

Gefühlen getragen. Die Thora ist die Sonne, die das ganze jüdische Leben

erwärmt, durchleuchtet vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres, des

Lebens. — Sie ist Lehrerin, Erzieherin, Trösterin, ist Führerin, Warnerin,

Meisterin. _Sie gibt Haltung und Festigkeit dem Glücklichen; Regel und

Ordnung dem Leben._ Des Gesetzes starke Hand leitet durch die Irre und

Wirrnis; führt an Anstoß und Hindernis sicher vorüber. Handel und Wandel

weist es die Wege, Lieben und Meiden zeigt es den Pfad. Gutes und Böses

lehrt es scheiden, Recht und Unrecht mit Klarheit erkennen. Das Thorawort

ist tief und wahr, der Thorageist ist gerecht und milde. _Sie gibt Kraft

und Weisung dem Unglücklichen; Richtung und Zweck dem Leben._ Sie ist das

Leben. Seit uralten Tagen der Vorzeit hat sie sich dem Judentume als

lebenerhaltende Kraft bewährt. Im buntwechselnden Wogen der Völker, die

durch Jahrtausende der Geschichte kamen und gingen, ist das Judentum

aufrecht und im Wesen unverändert geblieben. Das will auch die Sage

erzählen, welche meldet, daß Gott selbst seine Thora zu allen Völkern der

Erde trug, sie ihnen anzubieten, sie aber die Gotteslehre als unannehmbar

zurückwiesen, bis endlich nach langer Irrfahrt Israel sich bereit fand und

erklärte, „die Last des Gesetzes“ zu tragen und die Sendung übernahm, den

Glauben an den Einzigen und Einen in der ganzen Welt zu verbreiten, und

mit diesem Glauben den friedenstiftenden Gedanken der Menscheneinheit,

Menschenliebe, Menschenerlösung. Denn von einem Menschenpaare läßt die

altehrwürdige Erzählung der heiligen Schrift alle Menschen stammen und

schafft so die Vorstellung gleicher Würde aller Menschenkinder, denen Gott

ein Allvater ist. Und nur auf diesem geweihten Boden konnte die

Wunderblume der unbedingten „Nächstenliebe“ wachsen; man hat sie zu

entwurzeln und als einem anderen Muttergrunde entsprossen zu bezeichnen

versucht. Vergeblich. Dieser Ruhm gebührt unserer Thora; diese Botschaft

hat sie der lauschenden Mit- und Nachwelt gebracht.

Deshalb auch freuen wir uns an diesem Tage, beglückt durch solche

Betrachtung und in allen Widerwärtigkeiten gestärkt durch diese

geschichtliche Überzeugung. Deshalb lesen wir das letzte und das erste

Wort der Thora am heutigen Tage der Thorafreude, den ewigen,

ungeschmälerten Wert der heiligen Lehre anzuerkennen, deren Anfang und

Ende Liebe ist. In festgeschlossener Kette reiht sich Sabbat an Sabbat im

Jahreslaufe. Ein gottesdienstliches Jahr schließt unmittelbar an das

andere. Wenn wir das Schlußwort der Thora hören: „Vor den Augen aller

Kinder Israel“, klingt uns schon vertraulich und bekannt die Botschaft

entgegen: „Im Anfange hat Gott Himmel und Erde erschaffen.“ Glücklich im

Besitze des Kleinods, hüten wir es treu und sorgsam. Und zum Zeichen, daß

die Thora uns auf allen Wegen sicheres Geleite gibt, tragen wir die

ehrwürdigen Rollen liebevoll in unseren Armen und umschreiten in

feierlichem Zuge den heiligen Schrein, in dem sie ruhen. Sie, die Thora,

ist Losung im Kampfe, Losung zum Siege.

„Freuen und jubeln lasset uns am Simchath-Thora,

Denn sie ist uns Kraft und Leuchte.“

——————

Gebet am Simchas Thora.

‎‫שִּׂמְחַת תּוֹרָה‬

———

Herr und Vater! Es heißt von Deiner heiligen Lehre: „_Sie soll nicht

schwinden aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Nachkommen in

Ewigkeit!_“ und eben darum machen wir an dem heutigen Festtage dieselbe

Stunde, in der wir die Vorlesung aus der Lehre Moses beendigen, zur Stunde

des Wiederbeginnens. Nie soll es in unserem Leben eine Stunde geben, die

uns außerhalb der Beschäftigung mit den heiligen Büchern der Thora fände,

eine Stunde, von der wir sagen können, wir haben die Durchlesung zwar

beendet, aber noch nicht wiederbegonnen. Und ist auch dies nur ein

äußerliches Werk, so ist es uns doch ein Zeichen und eine Mahnung, daß wir

nie aufhören sollen in der heiligen Lehre zu forschen, daß wir es nie

imstande sind, ihren ganzen Inhalt zu erschöpfen, daß wir nicht immer

wieder aufs neue Belehrung, Trost, Weisheit und Erbauung in ihr zu finden

vermöchten. Und das ist auch am heutigen Feste, dem Tage, den wir „die

Freude des Gesetzes“ nennen, der Sinn dieser Freude, daß in der Lehre ein

ewiger, nie versiegender Quell des Heiles uns gegeben ist, dessen Labung

eine immer süßere wird, je mehr wir aus ihm schöpfen.

Aber auch eine hiervon ganz verschiedene Betrachtung macht uns diesen Tag

würdig. Wie ein erhabenes Kunstwerk aus dem Reich der Töne, das bald ernst

und würdig, bald stürmisch brausend, bald süß und liebkosend, bald zürnend

und erschütternd, aber immer in gleicher Pracht und Herrlichkeit zu uns

geredet hat in den verschiedenen Melodien, wie ein solches Kunstwerk der

Töne endlich verhallt in leiser, zitternder Klage, so verhallt am heutigen

Tage der Inhalt des Gottesbuches in der Erzählung vom Tode des

herrlichsten der Menschen, des göttlichen Propheten. Aber auch dieser

Schluß, er enthält noch eine hohe unschätzbare Lehre der Weisheit. Mose,

der Mann Gottes, der sein Leben und Streben eingesetzt für das Glück

seines Volkes, für das Glück der Menschheit, er sieht das Ziel seiner

Taten von ferne, er selbst genießt keine Frucht seiner treuen Aussaat. Von

der Höhe des Berges schaut er das herrliche Land, in das sein Volk

einziehen soll, er selber aber zieht ein in die Heimat der seligen

Geister. Laß' dieses Leben, diesen Tod, o Herr, mir eine Lehre sein! Nicht

der Genuß sei das Ziel unseres Strebens, sondern die edle Tat. _Gutes

wirken, das allein heißt leben._ Die Bahn der Tugend ebnen für andere, das

heißt auch selber auf ihr wandeln. Nicht strebe meine Seele darnach, zu

herrschen über andere und zu glänzen vor Anderen, wohl aber ein

leuchtendes Vorbild zu sein für andere in edlem Wollen und Wirken, um

endlich in der Stunde des Scheidens aus der Erdenwelt das Bewußtsein

mitzunehmen in die Ewigkeit, keine Kraft, die der Herr mir gegeben,

unbenutzt gelassen, sondern sie angewandt zu haben zum Wohle der Menschen

und zur Ehre Gottes.

All' mein Lebtag möchte ich eine würdige Schülerin des großen Lehrers

sein, dem nie ein _Prophet geglichen, der die Herrlichkeit Gottes geschaut

von Angesicht zu Angesicht_. Amen!

——————

III. Gebete für die ernsten Feste.

‎‫יָמִים נוֹרָאִים‬

1. Das Neujahrsfest.

‎‫רֹאשׁ הַשָּׁנָה‬

———

Zwei Tränen.

Festbetrachtung am Neujahrsfeste.

———

Wenn es in irgend bedeutsamen Augenblicken geschieht, daß es uns an Worten

gebricht, uns auszudrücken und mitzuteilen — wie muß uns die Sprache nicht

ohnmächtig erscheinen in einem Augenblicke, der für unser Leben immer der

bedeutsamste bleibt, am Anfange eines neuen Jahres! Was da uns erfaßt, was

da uns bewegt, wie da von hinterwärts und vorwärts, aus der Vergangenheit

und Zukunft, Ströme von Empfindungen und Gefühlen in unser Herz sich

ergießen, wie da Erinnerungen und Hoffnungen in unserer Brust auf- und

niederwogen, wie könnte solch ein vielgestaltig Bild durch den langsamen

Griffel des Wortes wiedergegeben werden! Dafür aber hat uns der Schöpfer

eine andere Sprache gegeben: Was die Rede nicht meistert, was das Wort

nicht sagen kann, — es sagt's die _Träne_. Und ob sie in nicht verhaltenem

Gusse die Wange mag herniederperlen, oder ob wir, uns bewältigend, sie

nach innen weinen, wer den überwältigenden Gedanken dieses Tages denkt, er

weint die Träne, die Zeugin seiner Herzenswallung, _die Träne des Leides

und die Träne der Freude_.

Das vergangene Jahr, es will sein Recht. Und ob man gleich die Zeit eitel

und flüchtig nennt, für den hat sie eine eiserne Gegenwart, dem sie wehe

getan, ihm schwebt das Bild seiner trüben Erfahrungen vor den Augen, als

wäre es mit ewigem Griffel gezeichnet, und oft ist der Schmerz noch so

wenig vernarbt, daß es nicht einmal der Erinnerung bedarf, um die Träne

des Leides in sein Auge zu drängen.

Wer aber hätte sich nicht einmal von der Hand des Geschickes unsanft

erfaßt gesehen, oder wer hätte nicht die oft noch unsanftere Berührung

empfunden, mit welcher Menschen unser innerstes Gefühl verletzend

antasten? Ob das Geschick, oder ob die Menschen sie uns erpreßt, sie

fließt, die _Träne des Leides._

Ob wir durch Sorgen uns hindurchgewunden, um das tägliche Brot, ob wir zu

den Füßen erblicken die Trümmer von Hoffnungen, Wünschen und Entwürfen,

oder ob wir als leer und nichtig erkennen, was wir einst fest und sicher

glaubten, die Freundschaft, die Treue, die Hingebung, die alles kündigt,

dies alles umschließt eine _Träne_.

Aber nicht bloß des Schmerzes Zeugnis ist sie, diese _Träne_, sie ist auch

des Trostes Erweckerin. Ist es doch dem Weinenden, als ob er mit ihr auch

seinen Schmerz ausgösse, denn sie erweckt in uns den Gedanken, daß Gott es

war, der über uns entschieden. Wie traurig wäre es, wie könnten wir es

ertragen, wenn sich zu dem Schmerze auch noch der Zweifel gesellte, wenn

unser trostbedürftiges Herz der Gedanke umstrickte: Es war alles nur des

Zufalls Spiel. Eine kalte Naturnotwendigkeit hat das Liebste uns vom

Herzen gerissen, ein blindes Geschick hat der Sorgen Last über uns

ausgeschüttet. Darum spricht dieser Tag mit seinen schmerzlichen

Erinnerungen uns den Trost zu: Er, der die Zeiten dahinrauschen läßt, ist

es auch, der der Zeiten Ereignisse bestimmt. Wohl gibt es ein Festes, ein

Notwendiges, demgegenüber all unser Wollen und Streben ohnmächtig sich

erweist, aber es ist nicht die erklärungslose Festigkeit eines Fatums,

nicht die starre Notwendigkeit der Natur, es ist vielmehr der zweckvolle

Wille einer höheren Weisheit. So ist die _Träne des Leides_ zugleich die

Erweckerin des Trostes. Und wenn wir nicht nur um uns, sondern auch in uns

schauen, und in dem niederdrückenden Gefühl unserer Schwäche, in dem

Bewußtsein unserer Fehler und Mängel auch die Träne der Schuld vergießen,

so ist sie allerdings auch die des Leides, aber, wer Tränen vergießt, ob

seiner Schuld, der fühlt die Sehnsucht nach Vervollkommnung, der hat das

Streben nach Besserung, und mit dem Streben nach Besserung kommt das

Selbstvertrauen und die Träne wird zur Quelle des Trostes.

Aber auch eine _Träne der Freude_ haben wir zu weinen! War denn ein Tag im

hingeschwundenen Jahr, dem nicht auf die Nacht das Morgenrot gefolgt wäre?

Und hat sich nicht mit jedem Morgen die Güte des Herrn neu an uns

bewiesen? Ruft doch selbst jener Sänger, der den schmerzlichen Fall

Israels gesehen unter Klagen aus: „_Ja, die Güte Gottes, sie hört nicht

auf, seine Gnade schwindet nicht, wie von neuem stets der Morgen tagt, so

erneuert sich Deine Güte._“ Und wer hätte selbst, wenn ihm die Hand des

Herrn noch so wehe getan, von derselben Hand nicht auch der Wohltaten

Fülle empfangen? Hat er nicht vielfach den Lohn seines Fleißes, das

Gedeihen des Werkes seiner Hände erblickt? So manches von dem, was er

erstrebt, gewünscht, versucht, hat sich verwirklicht und erfüllt. Und dann

vor allem, erblickt er nicht diesen Tag? Hat er nicht das Leben? Wer aber

Leben hat, der hat auch Hoffnung. So fließet denn in der _Träne der

Freude_, wie sie der dankbare Erguß unseres Herzens ist, zugleich der

Quell der Hoffnung. Und wann bedürfen wir der Hoffnung mehr, als heute, da

wir ein neues Jahr beginnen, da unser Auge sich auf die Zukunft richtet,

die vor uns liegt, umhüllt von dem dichten Schleier des tiefsten

Geheimnisses. Die Hoffnung allein gibt uns den Mut, der Ungewißheit nicht

zu achten und getrost den Fuß auf unbekannten Pfad zu setzen, sie ist die

Stimme, die zu uns spricht mit fast überzeugender Kraft der Beruhigung.

Und was ist es, das wir hoffen! Sollten nicht, wie in dem

dahingeschwundenen Jahre, so viel Denkmale aufgerichtet stehen, von Gottes

Gnade und Güte, als wir Stunden durchlebt haben, sollte nicht ebenso in

dem kommenden die Kette der Gnadenzeugnisse sich fortsetzen? Und wenn wir

auch hier nicht um uns, sondern in uns schauen und, in dem Bewußtsein, daß

Gott trotz unserer Fehler und Schwächen und Sünden dennoch uns seine Güte

nicht entzogen hat, eine _Träne der Reue_ weinen, und wenn sich dabei die

Zuversicht kräftigt, daß Gott uns auch bei dem Werke unserer Veredlung

beistehen wird, dann ist auch diese Träne eine _Träne der Freude_ und auch

sie erscheint als ein frischer Lebensquell der Hoffnung.

Und so treten wir getrost in das neue Jahr, denn wir hoffen auf den, der

in der Zeiten Wandelbarkeit allein unwandelbar ist. Beherzigen wir, was

mit der Vergangenheit uns versöhnt, für die Zukunft uns stärkt. Tröstlich

ergeben in die Vergangenheit, die Gottes war, mutig hoffen auf die

Zukunft, die Gottes sein wird, das ist die Lehre dieses Tages — die Lehre

_zweier Tränen_. Amen!

——————

Am Vorabend des Neujahrsfestes.

———

So sinke nun hernieder

Du letzter Tagesrest,

Des' letzter Schimmer wieder

Ein Jahr uns enden läßt!

Das neue wird erscheinen

Nun bald im Abendstern,

Der ruft, uns zu vereinen

In Demut vor dem Herrn.

Wir trauen Deiner Liebe

O, Herr, und fürchten nicht,

Du, Vater, uns! o übe

Mit uns ein mild' Gericht!

All' uns're Lebenspfade

Bestimmst Du, Herr, allein,

O, schreib' ins Buch der Gnade,

Allgütiger uns ein.

——————

Gebet am Vorabend des Neujahrsfestes.

(Zum Jahreswechel.)

———

Allmächtiger! So oft ich nachdenke über mein Verhältnis zu Dir, so oft

erfüllt die Betrachtung Deiner Größe und Ewigkeit, gegenüber meiner

Hinfälligkeit und Vergänglichkeit, meine ganze Seele mit Demut und Zagen,

aber das Bewußtsein Deiner Liebe richtet sich wieder auf, und im Gebete zu

Dir finde ich mich wieder als Dein _Kind_, finde ich _Dich_ wieder, als

meinen Vater.

Das ist mein wahres Verhältnis zu Dir, und im Gefühle desselben will ich

auch jetzt die Gedanken und Wünsche meines Herzens vor Dir offenbaren, wie

ein Kind mit dem Bekenntnis seiner Empfindungen vertrauensvoll hintritt

vor seinen Vater, jetzt, da der Ernst einer weihevollen Stunde zum Gebete

mich mahnt, jetzt, da die letzten scheidenden Strahlen der Sonne nicht

bloß einen Tag, sondern ein ganzes Jahr beschließen.

Was ist ein Jahr vor _Dir_? „Tausend Jahre sind vor Dir dem gestrigen Tage

gleich, der schnell vorüberzog._“ Was aber ist ein Jahr vor _mir_? Ein

großes Stück meines Lebens. „Denn uns'rer Jahre hohe Zahl ist siebenzig,

und ausgezeichnet ist's, wenn deren achtzig werden._“ Darum gleitet die

Stunde des Jahreswechsels dem denkenden Sinne nicht unbeachtet vorüber,

und der wache Geist vernimmt den Zuruf: Steh' still, Wanderer, auf der

Lebensbahn, steh' still und schaue um dich!

Und so richte ich denn meinen Blick zurück auf die Tage des verflossenen

Jahres. Mancher von ihnen ist hingegangen, und er ragt nicht hervor aus

der Reihe der übrigen, seine Ereignisse sind meinem Gedächtnisse

entschwunden; mancher hingegen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt

und einen bleibenden Denkstein hingestellt auf den Pfad meiner Erinnerung;

alle haben wie die Glieder einer Kette sich an einander gereihet, die

abgelaufen ist von dem Rade meines Erdenwandels. Wiederum habe ich den

Ernst des Lebens mehr erkannt, und neue Änderungen sind eingetreten in

meinem Streben und in meinen Neigungen, neue Spuren der Erfahrung haben

sich eingegraben auf die Tafel meiner Weltanschauung. Und hervorgegangen

aus allen diesen Veränderungen ist mehr und mehr das Bewußtsein, daß es

nur ein Glück gibt auf Erden, das des Ringens und Strebens würdig ist, das

ist ein friedliches Gewissen, ein reines Gemüt, das freien Mutes hintreten

kann vor Dich, seinen Schöpfer.

Viel des Guten habe ich erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres.

Unausgesetzt hat die Liebe der Meinigen mein Herz erquickt, oft habe ich

mich des Abends zur Ruhe gelegt mit dem süßen Gefühle erfüllter Pflicht,

oft ist mir die Gelegenheit geworden, das Herz meines Nebenmenschen zu

erfreuen, oft habe ich mit Freuden beobachtet, wie das ganze

Menschengeschlecht fortschreitet auf der Bahn der Erkenntnis und der

Einsicht, oft genug habe ich mit Stolz es wahrgenommen, wie mein Volk, das

Haus Israels, seine Fähigkeit offenbart und seine Bestimmung nicht

verleugnet, voranzuleuchten als Licht des Glaubens und der Gotteslehre

allen Völkern auf der Erde. All diese Freuden aber sind Dein Werk, all

diese Süßigkeiten sind ein Ausfluß Deiner Liebe.

Viel des Trüben habe ich auch erfahren in den Tagen des verflossenen

Jahres. Ach, nicht immer war mein Haupt frei von Sorge, mein Herz frei von

Kummer! Oft trat die Gefahr an mich heran, die grimmig die Hand

ausstreckt, die Zufriedenheit, die Freude und viele andere Schätze des

Lebens mir zu rauben. Oft sah ich Leid um mich her und konnte es nicht

beseitigen, oft sah ich Bosheit an meiner Seite und konnte ihren Weg nicht

hemmen, oft sah ich Not bei meinen Nebenmenschen und konnte sie nicht

lindern, oft sah ich auch das Gebäude meiner eigenen Hoffnungen in Trümmer

sinken, und noch öfter erkannte ich die Torheit meiner Wünsche und

vermochte nicht, sie zu bannen. Alles aber hast Du, mein Gott, so gewollt

und durch Deine Gnade hast Du mich erhalten, daß ich jetzt am Schlusse des

Jahres, auch für diese Prüfung Dir danken kann.

Und so richte ich meinen Blick nun auch auf die Tage des Jahres, die da

kommen sollen. Doch was ich schaue, ist nichts als ein dichter Nebel, mit

dem Deine Allweisheit den Blick des Menschen verschleiert, daß er die

Zukunft nicht durchdringe, und dieser Nebel der Unwissenheit lehrt uns

mehr als alle Betrachtung der sichtbaren Dinge, daß wir Dir allein

unterworfen sind, Dir allein unser Schicksal anheimstellen müssen und nur

das eine Recht besitzen, in inbrünstigem Gebete zu Dir das Heil für uns zu

erflehen.

Darum bitte auch ich Dich, mein gütiger, himmlischer Vater, jetzt am

Beginne des Jahres um Deine Gnade für mich in den Tagen des Jahres.

O Herr, mein Gott! gib meinem Geiste Einsicht und meinem Herzen den

Willen, das Gute zu finden und die Tugend zu üben. Erhalte mir die

Gesundheit des Leibes und der Seele, sei mit den Meinigen allen und laß

täglich Deine Liebe an uns offenbar werden, schütze uns vor Gefahren und

halte die Versuchung von uns ferne. Vergib uns unsere Sünden und begnadige

uns mit einer milden Gesinnung, daß auch wir Nachsicht üben mit den

Fehlern unserer Nebenmenschen.

Auf Dich will ich hoffen, Dir will ich vertrauen, Du warst mein Beschützer

und Leiter bis zu dieser Stunde, Du wirst es auch ferner sein, mein Gott

und Vater! Amen!

——————

Morgengebet am Neujahrsfeste.

(Vorher Nischmath, Seite 19.)

———

Mein Gott! Mit Andacht öffne ich meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm

verkünde.

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, Gott unserer Väter, Gott Abrahams,

Isaaks und Jakobs! Du bist der Große, der Mächtige, der Ehrfurchtbare, Du

bist der erhabene Wohltäter und Vergelter aller guter Handlungen. Du

gedenkest auch der Frömmigkeit unserer Vorfahren, die in Treue vor Dir

gewandelt sind, und vergiltst ihre Tugend noch ihren Kindeskindern, um

Deines heiligen Namens Willen in Liebe.

*O gedenke auch unser darum am Neujahrstage mit Deiner Liebe und bestimme

uns zum Leben; Du, o König, hast ja Wohlgefallen am Leben! O schreibe uns

ein in das Buch des Lebens, um Deiner Liebe Willen, Du Herr des Lebens.*

König bist Du über die Welt, Helfer, Retter, Schild und Beistand allen

Deinen.

Ja, Du bist der Allmächtige in Ewigkeit! Deine Gnade gegen die Erdenkinder

erstreckt sich über ihr Leben auf Erden hinaus, denn auch denen, die

entschlafen sind zum Tode, bist Du ein Helfer in den Gefilden der

Ewigkeit. Auf Erden aber ernährst Du die Lebendigen, stützest die

Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die, so gefesselt sind in den

Banden des Unglücks.

*Wer ist Dir gleich, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller

Deiner Geschöpfe, Dein Geschenk ist ihr Leben.*

Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es,

Dich täglich zu loben.

O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen,

unseren Gott, alle Deine Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen

auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß

alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in _einem_ Bunde sich

vereinigen, um mit freudigem Herzen _Deinen_ Willen zu üben; daß sie es

erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle

Macht nur in _Deiner_ Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß

Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für

alle Geschöpfe der Erde.

Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein

Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung

derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren,

sei immerdar die Rede: „_Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit

leuchten lassen über die ganze Welt._“ O tue es bald! O tue es bald!

Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten

es sehen und sich dessen freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in

Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht

und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.

Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt

sein Dein heiliges Wort:

„_Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ists, der Gott auf Zion,

angebetet von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!_“

O Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der _Erinnerung_, diesen Tag des

Posaunenschalles zu unserem Heile werden.

Laß heutigen Tages vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden,

auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt, auch das

Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken

an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk

Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wege durch die

Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Erinnerung unser gedenkest in Milde

und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum

Wohlsein.

O, gedenke unser heut zum Glücke!

Erinnere Dich unser zum Segen!

Steh' uns bei, auf daß wir leben!

Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du

bist der Allgütige.

O Du, unser Gott und Gott unserer Vorfahren! Reinige auch unser Herz von

Sünde und Irrtum, daß wir in Aufrichtigkeit und Wahrheit Dir dienen. Wenn

wir uns sättigen an den Gaben Deiner Liebe, so laß uns auch wandeln in den

Wegen Deiner Gebote, daß wir Deine Lehre als unser liebstes Anteil achten,

damit auch wir vollkommen würdig werden jener seligen Zeiten, da alle

Werke es wissen werden, daß Du der Meister bist, alle Geschöpfe es

verstehen werden, daß Du der Schöpfer bist, und alles, was Odem hat, es

aussprechen wird: „_Der Ewige, der Gott Israels ist König und seine

Herrschaft reicht über das Weltall.“_

Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben,

das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns

erwiesen hast. Alles was Du für uns tust, ist groß und wunderbar. Wir

könnten nicht genügend Dir danken, und wollten wir auch jeden Tag vom

Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine

Liebe hat keine Grenzen.

*Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.*

Laß Deinen Frieden walten über uns, und laß uns allezeit wandeln in Deinem

Lichte.

*Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des

Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.*

Bewahre unsere Zunge vor böser Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns

mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer

Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes, Du, mein

Fels und mein Erlöser! Amen.

——————

‎‫אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ‬

Owinu malkenu.

Gebet für das Neujahrsfest, den Versöhnungstag und die 10 Bußtage.

(Dieses Gebet wird am Sabbat nicht gesprochen.)

———

Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.

H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.

H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.

H. u. V.! Laß das neue Jahr zu Glück und Heil uns herankommen.

H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.

H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns

gerichtet.

H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen

nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.

H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.

H. u. V.! Verzeihe und vergib uns unsere Sünden.

H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.

H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.

H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.

H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.

H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.

H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.

H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich

leben.

H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns

verziehen werde.

H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.

H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis

seines Berufes.

H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.

H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.

H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.

H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.

H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserem Flehen.

H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.

H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem

Angesicht.

H. u. V.! Laß diese Stunde eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit

der Gnade vor Dir sein.

H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.

H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die

in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft

ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.

H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und

verbreitet werden.

H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner

Gnade. Amen!

——————

Beim Herausholen der Thora am Neujahrsfeste.

———

*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig

und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins

tausendste* *Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und

Übeltäter losspricht.*

(Dreimal.)

Herr des Weltalls! o erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem

Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte! Vergib

erbarmungsvoll alle meine Missetaten, und vergib Fehl und Sünde allen, die

mir nahe stehen, und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine

Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein

von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlwollen, erinnere Dich

unser zu unserm Heile, schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns

Frieden, Nahrung, Zufriedenheit, und sorgenfreie Befriedigung der

Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid.

Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns

vergönnt sei, diese Güte anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns

Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den

Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und

mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns

von den Leiden, die uns drücken, und segne die Taten unsrer Hände.

Verhänge über uns das Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die

uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das

Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen daß nie wieder über Israel

hereinbrechen Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es

wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!

‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד‬

——————

Gebet vor dem Schofarblasen.

———

Wiederum ist die kurze, ernste und feierliche Spanne Zeit uns gegenwärtig,

die in den Tönen des Schofars uns verkünden wird, daß Du, o Gott, der

_Weltenkönig_ bist von Ewigkeit bis in Ewigkeit, daß Du, o Gott, der

_Richter_ bist, der alle Wesen vor seinen Thron fordert, damit ihr Urteil

ihnen werde, daß Du, o Gott, der _Lehrer_ bist, der mit Donnerstimme am

Sinai den Weg verkündiget hat, der zur Wahrheit führt.

Noch schweigt das Horn, und feierliche Stille vergönnt mir einen

Augenblick der Sammlung, daß ich die Kräfte meines Geistes und die

Empfindungen meines Herzens alle wach rufe, um jene erhabenen Gedanken zu

fassen.

Ja, aufraffen will ich mich und erheben im Gebete zu Dir, und niederbeugen

will ich mich zum Staube vor Dir, und hinwenden will ich alle meine

Gedanken zu Dir, mein _König_, mein Richter, mein _Lehrer_!

Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen · 第 21 / 28 题