IV.

Dieser unerquickliche Vorfall hatte schlimme Folgen. Am andern Tag,

sehr früh, schellte es. Krill schlief wie ein Sack. Anna schreckte auf

und lief halb angekleidet an die Tür. Der Ausgeher der Hochvogelschen

Fabrik brachte die Papiere und den Lohn für Johann. In einem sehr

kurzen, ärgerlichen Brief stand, daß sich Krill nicht mehr sehen

lassen sollte und entlassen sei.

"Ja, ja--ist schon recht!" sagte Anna verwirrt und warf die Tür zu.

Ohne Johann zu wecken, kleidete sie sich an und ging in die Fabrik

hinaus, um Hochvogel zu besänftigen. Auf dem ganzen Wege überlegte sie

sich die besten Worte und übte sich in der Art, wie sie den

Verärgerten wieder dazu bewegen wollte, daß er stillschweigend über

das üble Ereignis hinwegginge.--

Aber sie wurde nicht vorgelassen. Erbittert und erniedrigt trat sie

den Heimweg an.

"Da!--Das hast du gemacht mit deinen Dummheiten!" fuhr sie den

inzwischen erwachten, auf dem Bettrand sitzenden Johann an und warf

ihm das Schreiben Hochvogels him. Der blickte stumpfsinnig zu ihr auf

und sagte kein Wort. Dies erregte sie nur noch mehr. Sie stampfte

schimpfend aus dem Schlafzimmer und rannte zur Rienken hinunter.

Die Wirtin empfing sie sehr kühl.

"Herr Hochvogel hat mich wissen lassen, daß er nicht mehr kommt. Ich

kann Sie nicht mehr brauchen.--Das ist der Dank dafür, daß ich mich

so um Sie angenommen habe," schimpfte sie mit hochgehobenem Kopf. Anna

versuchte auf alle mögliche Art, sie umzustimmen. Vergebens.

"Und überhaupt--glauben Sie, ein solcher Mann wie Hochvogel läßt sich

derartige Schmutzigkeiten ins Gesicht sagen! Passen Sie mal auf,--das

hat noch ein gerichtliches Nachspiel. Und ich, was hab' ich von meiner

Gutmütigkeit?--Vor die Gerichte werde ich gezerrt. Mein Lokal verliert

den guten Ruf--ich hab' den Schaden und sitz' in der Patsche,--werden

Sie sehen, ob's nicht so kommt?--Sagen Sie es nur ihrem 'Kerl'--am

liebsten ist's mir, ihr zieht aus. Basta!" zeterte die Bienken immer

bestimmter.

Auch Anna wurde allmählich ärgerlich und schimpfte.

"Geh'n Sie bloß aus meinem Lokal, Sie--Sie! So eine krieg' ich alle

Tage!" fauchte die Wirtin wütend, rannte zur Tür und riß sie auf:

"Geh'n Sie bloß aus meinem Lokal!" "Geh'n Sie!" schrie sie, daß ihr

Kopf blau anlief: "Geh'n Sie! Sie--Sie Ludermensch!"

Auch in Anna platzte die angesammelte Wut nun vollends.

"Was sagen Sie da, was?! Sie Kupplerin, Sie dreckige!" schrie sie

schriller noch. "Solang man sich hergibt, ist man gut, dann kann man

gehen, Sie Dreckfetzen!"

"Geh'n Sie! Geh'n Sie!" pfiff die Wirtin erstickt: "Hinaus da,

hinaus!"

Keifend verließ Anna das Lokal. Zitternd vor Erregung kam sie in ihrer

Wohnung an. "Es ist Schluß mit allem! Ich mag nicht mehr!" stöhnte sie

erschöpft und sank in einen Küchenstuhl. Unter stoßweisem Weinen und

Vorwürfen erzählte sie Johann ihr Mißgeschick. Der hatte den Kopf

unter dem Hahn der Wasserleitung und ließ immerfort den kalten Strahl

üher ihn herabrinnen. Er drehte sich nicht um. Nicht im mindesten ließ

er sich stören. Annas Geduld riß völlig. Sie begann wüst zu schimpfen.

"Und du!--Du lungerst da heroben herum und läßt mich die Füße

ausrennen! Ich kann mich mit den Leuten herumschlagen und die Suppe

ausfressen, die du eingebrockt hast!" bellte sie ihn an. "Du! Du

Lump!"

Er drehte sich endlich um. Kein Wort kam aus ihm.

"So rede doch, Stock!" schrie sie, "was willst du denn jetzt machen?

Ich kann nichts mehr tun! Ich bin kaputt!" Er schwieg immer noch. Da

stand er, tatsächlich wie ein Stock. Sie zerbrach an seiner

Gleichgültigkeit und fiel in ein heftiges Weinen. Es schüttelte sie

gerade so. Johann sah ohne Niedergeschlagenheit auf ihre

zusammengekauerte, zuckende Gestalt nieder.

"Was ich tun will?" sagte er endlich leichthin, als sei gar nichts

vorgefallen,--"der wird mich schon nicht gleich herauswerfen. Ich gehe

einfach heute wieder zur Schicht und fertig. Und die Rienken--die wird

schon wieder aufhören mit ihrem Geschimpfe, wenn sie müd ist." Anna

blickte auf einmal auf zu ihm. "Ist doch ein netter Kerl, dieser

Hochvogel. Mit dem läßt sich doch reden," brummte er. Der arglose

Ernst, die Selbstverständlichkeit dieser Worte bezwangen. Tatsächlich

wurde sie vollkommen ruhig und glaubte zuletzt wirklich, daß dies der

einzig glückliche Weg sei, mit einem Schlag alles Mißliche beheben

würde.

"Herrgott, ich bin ja auch so dumm! Ich laß mich von jedem ins

Bockshorn jagen," schalt sie sich selbst, wischte sich schnell die

Tränen ab und stellte Kaffeewasser auf. Ganz munter wurde sie wieder.

Als sie dann wieder am Tisch saßen, begann sie über die Rienken zu

schimpfen und über Hochvogel und erzählte im Laufe des Gesprächs alles

mögliche von den beiden.

"Es war ganz richtig, daß du ihm mal heimgeleuchtet hast," sagte sie,

"die ganze Sippschaft glaubt immer, sie könnte Schindluder mit einem

treiben!--Was hat er mir nicht alles angetragen, wenn ich mit ihm

schlafen würde! Und wie hat die Rienken gekuppelt und jetzt--jetzt

spielt sie sich auf, diese Sau, diese alte!"

Sie blickte immer wieder wie verlegen zu Johann herüber, wurde aber,

da er vollkommen ruhig war, immer weitschweifiger und erzählte mehr

und immer mehr. Sein Gleichmut quälte sie. Sie berichtete dreister,

anzüglicher.

"Er hat das Geld gerade so weggeworfen. Die Bluse hat er mir

aufgerissen, einmal. Er hat immer seine Hand unter meinem Rock gehabt,

der Drecksack! Von den Hosen hat er einmal ein halbes Dutzend

dahergebracht und wollte, daß ich's vor ihm anziehen soll--und die

Bienken half mit und verschwand immer, wenn er anfing," sagte sie und

fuhr fort: "Einmal wollt' ich ihn schon heraufnehmen in der Frühe und

abwarten, bis du von der Fabrik kämst."

Johann verzog keine Miene.

"Jaja--das Loch und das Geld," brummte er beiläufig. "Es geht immer

rundum."

Ihre Hände bewegten sich in einem fort. Nervös zerrieb sie die

Brotkrumen mit den Fingern. Sie erzählte nichts mehr. Sie schwieg. Als

er fortgegangen war, fiel ihr Kopf auf den Tisch und ein wüstes

Schluchzen brach aus ihr.--

Johann kam ohne Hindernis durch die Fabrikpforte. Im Umkleideraum

trafen ihn bereits befremdende Gesichter. Keiner sprach ihn mehr an

und als er in den Maschinenraum hinuntersteigen wollte, kam der

Schichtmeister rasch auf ihn zu und rief: "Sie sind doch entlassen,

was wollen Sie denn noch hier?" Einige Arbeiter blieben mit

verwunderten Mienen stehen. Das rüttelte ihn aus der Fassung. Er sah

beklommen auf den Schichtmeister, auf die Arbeiter und hilflos im Raum

herum.

"Sie sind nun einmal bestimmt entlassen, das weiß ich," rief der

Schichtmeister resoluter, "ich kann gar nicht verstehen, daß Sie der

Pförtner hereingelassen hat, der hat es doch gewußt! Hat er Sie denn

nicht darauf aufmerksam gemacht?"

Johann schüttelte stumm den Kopf, blieb beharrlich stehen, dumm und

kindisch. Die beiden anderen Arbeiter trotteten weiter.

Der Schichtmeister holte den Portier. Zeternd redete er auf denselben

ein, als er mit ihm ankam.

"Wie konnten Sie denn den Mann hereinlassen. Der Chef hat's doch

ausdrücklich gesagt, daß er entlassen ist," bellte er.

Der Portier sah verärgert auf Johann und sagte ebenfalls: "Jaja, ich

hab' Sie nur nicht gesehen. Sie sind entlassen. Sie haben hier nichts

mehr zu suchen."

Johann knickte zusammen.

"Ja--ja, nu ja, dann muß ich gehn," stotterte er endlich heraus, ging

in den Ankleideraum und entfernte sich. Niedergedrückt, fast beschämt

trat er durch das große Fabrikportal ins Freie. Zermürbt kam er zu

Hause an.

"Ja," sagte er tonlos zu Anna, "man hat mich rausgesetzt!"

"Da hast du es nun!" stieß diese heraus, "Trottel!" Die Vorwürfe

begannen von neuem.

"Ich muß mich eben wieder um was anderes umsehn," brummte er

ärgerlich.

"Und ich?! Wenn die Rienken uns hinaussetzt, was ist dann! Glaubst du,

ich hab' mir umsonst meine Füße ausgerannt, daß wir ein wenig

anständiger leben konnten! Du keine Arbeit, kein Geld, ich nichts zu

tun--ich danke!" belferte sie.

"Nu ja, in Gottesnamen, es wird schon wieder werden!" schloß er und

legte sich zu Bett. Machtlos stand Anna vor diesem Stumpfsinn. Vor

Verbitterung zitterte sie am ganzen Körper und faustete in einem fort

die Hände.

"Herrgott, es ist ja zum Davonlaufen!" schrie sie auf einmal:

"Meinetwegen--ich geh!" Sie schmiß heftig die Tür zu. "Dummes

Frauenzimmer!" Er stieg aus dem Bett, rief ihr nach, aber es

antwortete niemand mehr.

Wegen solcher Dummheiten war man plötzlich aus der Ordnung

gerissen.--Er schloß die Tür wieder.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 59 / 61 题