Dieser unerquickliche Vorfall hatte schlimme Folgen. Am andern Tag,
sehr früh, schellte es. Krill schlief wie ein Sack. Anna schreckte auf
und lief halb angekleidet an die Tür. Der Ausgeher der Hochvogelschen
Fabrik brachte die Papiere und den Lohn für Johann. In einem sehr
kurzen, ärgerlichen Brief stand, daß sich Krill nicht mehr sehen
lassen sollte und entlassen sei.
"Ja, ja--ist schon recht!" sagte Anna verwirrt und warf die Tür zu.
Ohne Johann zu wecken, kleidete sie sich an und ging in die Fabrik
hinaus, um Hochvogel zu besänftigen. Auf dem ganzen Wege überlegte sie
sich die besten Worte und übte sich in der Art, wie sie den
Verärgerten wieder dazu bewegen wollte, daß er stillschweigend über
das üble Ereignis hinwegginge.--
Aber sie wurde nicht vorgelassen. Erbittert und erniedrigt trat sie
den Heimweg an.
"Da!--Das hast du gemacht mit deinen Dummheiten!" fuhr sie den
inzwischen erwachten, auf dem Bettrand sitzenden Johann an und warf
ihm das Schreiben Hochvogels him. Der blickte stumpfsinnig zu ihr auf
und sagte kein Wort. Dies erregte sie nur noch mehr. Sie stampfte
schimpfend aus dem Schlafzimmer und rannte zur Rienken hinunter.
Die Wirtin empfing sie sehr kühl.
"Herr Hochvogel hat mich wissen lassen, daß er nicht mehr kommt. Ich
kann Sie nicht mehr brauchen.--Das ist der Dank dafür, daß ich mich
so um Sie angenommen habe," schimpfte sie mit hochgehobenem Kopf. Anna
versuchte auf alle mögliche Art, sie umzustimmen. Vergebens.
"Und überhaupt--glauben Sie, ein solcher Mann wie Hochvogel läßt sich
derartige Schmutzigkeiten ins Gesicht sagen! Passen Sie mal auf,--das
hat noch ein gerichtliches Nachspiel. Und ich, was hab' ich von meiner
Gutmütigkeit?--Vor die Gerichte werde ich gezerrt. Mein Lokal verliert
den guten Ruf--ich hab' den Schaden und sitz' in der Patsche,--werden
Sie sehen, ob's nicht so kommt?--Sagen Sie es nur ihrem 'Kerl'--am
liebsten ist's mir, ihr zieht aus. Basta!" zeterte die Bienken immer
bestimmter.
Auch Anna wurde allmählich ärgerlich und schimpfte.
"Geh'n Sie bloß aus meinem Lokal, Sie--Sie! So eine krieg' ich alle
Tage!" fauchte die Wirtin wütend, rannte zur Tür und riß sie auf:
"Geh'n Sie bloß aus meinem Lokal!" "Geh'n Sie!" schrie sie, daß ihr
Kopf blau anlief: "Geh'n Sie! Sie--Sie Ludermensch!"
Auch in Anna platzte die angesammelte Wut nun vollends.
"Was sagen Sie da, was?! Sie Kupplerin, Sie dreckige!" schrie sie
schriller noch. "Solang man sich hergibt, ist man gut, dann kann man
gehen, Sie Dreckfetzen!"
"Geh'n Sie! Geh'n Sie!" pfiff die Wirtin erstickt: "Hinaus da,
hinaus!"
Keifend verließ Anna das Lokal. Zitternd vor Erregung kam sie in ihrer
Wohnung an. "Es ist Schluß mit allem! Ich mag nicht mehr!" stöhnte sie
erschöpft und sank in einen Küchenstuhl. Unter stoßweisem Weinen und
Vorwürfen erzählte sie Johann ihr Mißgeschick. Der hatte den Kopf
unter dem Hahn der Wasserleitung und ließ immerfort den kalten Strahl
üher ihn herabrinnen. Er drehte sich nicht um. Nicht im mindesten ließ
er sich stören. Annas Geduld riß völlig. Sie begann wüst zu schimpfen.
"Und du!--Du lungerst da heroben herum und läßt mich die Füße
ausrennen! Ich kann mich mit den Leuten herumschlagen und die Suppe
ausfressen, die du eingebrockt hast!" bellte sie ihn an. "Du! Du
Lump!"
Er drehte sich endlich um. Kein Wort kam aus ihm.
"So rede doch, Stock!" schrie sie, "was willst du denn jetzt machen?
Ich kann nichts mehr tun! Ich bin kaputt!" Er schwieg immer noch. Da
stand er, tatsächlich wie ein Stock. Sie zerbrach an seiner
Gleichgültigkeit und fiel in ein heftiges Weinen. Es schüttelte sie
gerade so. Johann sah ohne Niedergeschlagenheit auf ihre
zusammengekauerte, zuckende Gestalt nieder.
"Was ich tun will?" sagte er endlich leichthin, als sei gar nichts
vorgefallen,--"der wird mich schon nicht gleich herauswerfen. Ich gehe
einfach heute wieder zur Schicht und fertig. Und die Rienken--die wird
schon wieder aufhören mit ihrem Geschimpfe, wenn sie müd ist." Anna
blickte auf einmal auf zu ihm. "Ist doch ein netter Kerl, dieser
Hochvogel. Mit dem läßt sich doch reden," brummte er. Der arglose
Ernst, die Selbstverständlichkeit dieser Worte bezwangen. Tatsächlich
wurde sie vollkommen ruhig und glaubte zuletzt wirklich, daß dies der
einzig glückliche Weg sei, mit einem Schlag alles Mißliche beheben
würde.
"Herrgott, ich bin ja auch so dumm! Ich laß mich von jedem ins
Bockshorn jagen," schalt sie sich selbst, wischte sich schnell die
Tränen ab und stellte Kaffeewasser auf. Ganz munter wurde sie wieder.
Als sie dann wieder am Tisch saßen, begann sie über die Rienken zu
schimpfen und über Hochvogel und erzählte im Laufe des Gesprächs alles
mögliche von den beiden.
"Es war ganz richtig, daß du ihm mal heimgeleuchtet hast," sagte sie,
"die ganze Sippschaft glaubt immer, sie könnte Schindluder mit einem
treiben!--Was hat er mir nicht alles angetragen, wenn ich mit ihm
schlafen würde! Und wie hat die Rienken gekuppelt und jetzt--jetzt
spielt sie sich auf, diese Sau, diese alte!"
Sie blickte immer wieder wie verlegen zu Johann herüber, wurde aber,
da er vollkommen ruhig war, immer weitschweifiger und erzählte mehr
und immer mehr. Sein Gleichmut quälte sie. Sie berichtete dreister,
anzüglicher.
"Er hat das Geld gerade so weggeworfen. Die Bluse hat er mir
aufgerissen, einmal. Er hat immer seine Hand unter meinem Rock gehabt,
der Drecksack! Von den Hosen hat er einmal ein halbes Dutzend
dahergebracht und wollte, daß ich's vor ihm anziehen soll--und die
Bienken half mit und verschwand immer, wenn er anfing," sagte sie und
fuhr fort: "Einmal wollt' ich ihn schon heraufnehmen in der Frühe und
abwarten, bis du von der Fabrik kämst."
Johann verzog keine Miene.
"Jaja--das Loch und das Geld," brummte er beiläufig. "Es geht immer
rundum."
Ihre Hände bewegten sich in einem fort. Nervös zerrieb sie die
Brotkrumen mit den Fingern. Sie erzählte nichts mehr. Sie schwieg. Als
er fortgegangen war, fiel ihr Kopf auf den Tisch und ein wüstes
Schluchzen brach aus ihr.--
Johann kam ohne Hindernis durch die Fabrikpforte. Im Umkleideraum
trafen ihn bereits befremdende Gesichter. Keiner sprach ihn mehr an
und als er in den Maschinenraum hinuntersteigen wollte, kam der
Schichtmeister rasch auf ihn zu und rief: "Sie sind doch entlassen,
was wollen Sie denn noch hier?" Einige Arbeiter blieben mit
verwunderten Mienen stehen. Das rüttelte ihn aus der Fassung. Er sah
beklommen auf den Schichtmeister, auf die Arbeiter und hilflos im Raum
herum.
"Sie sind nun einmal bestimmt entlassen, das weiß ich," rief der
Schichtmeister resoluter, "ich kann gar nicht verstehen, daß Sie der
Pförtner hereingelassen hat, der hat es doch gewußt! Hat er Sie denn
nicht darauf aufmerksam gemacht?"
Johann schüttelte stumm den Kopf, blieb beharrlich stehen, dumm und
kindisch. Die beiden anderen Arbeiter trotteten weiter.
Der Schichtmeister holte den Portier. Zeternd redete er auf denselben
ein, als er mit ihm ankam.
"Wie konnten Sie denn den Mann hereinlassen. Der Chef hat's doch
ausdrücklich gesagt, daß er entlassen ist," bellte er.
Der Portier sah verärgert auf Johann und sagte ebenfalls: "Jaja, ich
hab' Sie nur nicht gesehen. Sie sind entlassen. Sie haben hier nichts
mehr zu suchen."
Johann knickte zusammen.
"Ja--ja, nu ja, dann muß ich gehn," stotterte er endlich heraus, ging
in den Ankleideraum und entfernte sich. Niedergedrückt, fast beschämt
trat er durch das große Fabrikportal ins Freie. Zermürbt kam er zu
Hause an.
"Ja," sagte er tonlos zu Anna, "man hat mich rausgesetzt!"
"Da hast du es nun!" stieß diese heraus, "Trottel!" Die Vorwürfe
begannen von neuem.
"Ich muß mich eben wieder um was anderes umsehn," brummte er
ärgerlich.
"Und ich?! Wenn die Rienken uns hinaussetzt, was ist dann! Glaubst du,
ich hab' mir umsonst meine Füße ausgerannt, daß wir ein wenig
anständiger leben konnten! Du keine Arbeit, kein Geld, ich nichts zu
tun--ich danke!" belferte sie.
"Nu ja, in Gottesnamen, es wird schon wieder werden!" schloß er und
legte sich zu Bett. Machtlos stand Anna vor diesem Stumpfsinn. Vor
Verbitterung zitterte sie am ganzen Körper und faustete in einem fort
die Hände.
"Herrgott, es ist ja zum Davonlaufen!" schrie sie auf einmal:
"Meinetwegen--ich geh!" Sie schmiß heftig die Tür zu. "Dummes
Frauenzimmer!" Er stieg aus dem Bett, rief ihr nach, aber es
antwortete niemand mehr.
Wegen solcher Dummheiten war man plötzlich aus der Ordnung
gerissen.--Er schloß die Tür wieder.