Er kleidete sich schließlich an und ging sie suchen.
Ohne nachzudenken, wanderte er zur Fleischgasse und fand sie auch
dort. Bereits stand ein Herr in einem hellen Regenmantel vor ihr und
lispelte. Johann trat an die beiden heran und riß Anna weg: "Unsinn!
Komm!"
"Ich mag nicht!" knirschte sie eigensinnig und wollte sich losmachen.
Der Herr im Regenmantel ergriff ihre Partei und begann zu brüllen. Er
schwang schon den Stock und wollte auf Johann einbauen. Da kam ein
Schutzmann eiligen Schrittes angeflitzt, notierte den Namen des Herrn
und nahm die beiden mit auf die Wache.
Alles Gejammer Annas half nichts. Das Erklären Johanns war vergebens.
Sie mußten mit.
Häßlich, wie das Mißgeschick die Menschen gemein macht! Auf dem ganzen
Weg überschüttete Anna Johann mit den wüstesten Schimpfworten und
schließlich riß auch diesem die Geduld.
"Halt das Maul, dummes Vieh, dummes!" fluchte er, "hilft ja doch
nichts! Was läufst du denn davon, so mitten in der Nacht! Jetzt hast
du es."
"Vorwärts! Marsch-marsch!" knurrte der Schutzmann immer wieder.
V. Der Vorfall in der Fleischgasse hatte zur Folge, daß man Johann
wegen Zuhälterei in Untersuchung behielt. Ein Verfahren wurde gegen
ihn eingeleitet. Anna entließ man nach ungefähr zehn Tagen. Sie wurde
polizeiärztlich untersucht und erhielt die übliche Erlaubniskarte der
Prostituierten wieder. Als sie zu Hause ankam, war sie nicht wenig
erstaunt. Die Rienken, nun einmal rabiat geworden, hatte die
Gelegenheit benützt und pfänden lassen. Während der Haftzeit nämlich
war der Monatserste gekommen, der Dritte, der Fünfte und der Siebente.
So waren wenigstens die ziemlich eindeutigen Briefe der Bar- und
Hausbesitzerin, die im Kasten steckten, datiert. Man sah es den
schiefen, gekratzt-hingeflitzten Buchstaben der Schrift förmlich an,
daß Sylvia Rienke das Warten auf den Mietszins satt hatte, das Warten
und diese Mieter. "Diese, wo Kerle haben, die mir meine Gäste
verjagen, können bei mir ziehen," hieß es endlich im Kündigungsbrief
vom Achten. Und Recht behielt sie, die wackere Wirtin. Anna mußte
ziehen. Sie verkaufte, was übriggeblieben war, und bezog ein Zimmer in
der Nähe der Fleischgasse.
Die drohend gereckten Fäuste, die sie am Tage ihres Abzuges, plärrend
und keifend, mit weißem Schaum vor dem Munde, der Rienken
entgegenhielt, und das hämische, restlos rachsüchtige: "Das streich
ich dir noch an, Mistvettel!" waren ein Anfang für ihr weiteres
Verhalten. Jetzt gab es fast jeden Tag kleinere oder größere
Unannehmlichkeiten in der Bar "Tip-Top". Anna hetzte Polizei und von
ihr bestochene skandalsüchtige Gäste in das Lokal.
In der ganzen Fleischgasse war sie jetzt die Fleißigste. Mit einem
Eifer, ja, mit einer geradezu fanatischen Selbstvergessenheit, wie man
sie nur bei Verzweifelten oder Bohrend-Hassenden findet, verbiß sie
sich ins Verdienen.
"Die?! Hm, die schleppt auf Rekord," ließ sich nicht selten eine
andere Prostituierte vernehmen, wenn die Rede auf Anna kam. Und es
stimmte.--
Das Merkwürdigste aber war, daß sie nunmehr alle Hebel in Bewegung
setzte, um Johann frei zu bekommen. Sie warf das Geld weg an
Rechtsanwälte, verfaßte eine Eingabe um die andere, bestürmte die
Instanzen, rannte von Pontius zu Pilatus, ja, sie faßte zu guter Letzt
sogar dem romantischen Plan, ihn mit Hilfe einiger Männer zu befreien,
die ihr das Blaue vom Himmel herunterzuholen versprachen, ihr Geld und
wieder Geld abnahmen und eines Tages verschwanden.
Und Johann?
Er lag den ganzen Tag auf der Pritsche, wurde sogar dick von dem Essen,
das sie ihm schickte, und war stets ruhig und trocken, wenn sie ihn
besuchen durfte. Als sie ihm von dem Auszug aus dem Rienkeschen Hause
erzählte, hörte er stumm zu--dann, nach einer Weile, lächelte er
und sagte: "Hml Hm,--war doch schön an dem Abend mit Hochvogel,
hmhamhm!"
Er fand nichts Schlimmes daran, daß Anna manchmal klagte.
"Es ist--man müßte so was aufmachen, wie die Rienken hat," sagte er
ein andermal wie aus einem dumpfen Gedankenkreis heraus.
Und wieder einmal, als Anna jammerte, daß alles Essen so teuer wäre,
ließ er so etwas fallen wie: "Nuja, die Bauern machen sich jetzt
gesund. Hm, die Bauern und die, die was für'n Magen verkaufen--"
Man sagt, der Weise überwindet und kommt zur vollkommenen Ruhe.
Es gibt Menschen, die ohne Empfindungsvermögen geboren werden. Und es
sind welche, die, wenn die Schmerzen und Erschütterungen ihre Seele
in zu rascher Aufeinanderfolge zermürben, zuletzt in eine völlige
Stumpfheit münden. Zu diesen gehörte Johann Krill.
"Es war doch schön an dem Abend mit Hochvogel--so gemütlich!" und "So
was wie die Rienken hat, müßt' man aufmachen." Das war er!--
Mittlerweile kam der Termin zur Verhandlung gegen ihn. Anna hetzte
noch mehr herum. Sie schlief nicht mehr, sie vergaß das Essen.
Im Gerichtssaal hustete sie die ganze Zeit. Unstet liefen die Pupillen
ihrer Augen von einem Winkel zum anderen. Auch die Rienken war als
Zeuge geladen. Dummerweise war einer von den letzten Anwälten, die
Anna genommen hatte, darauf gekommen, sie zu laden. Sie trug ein
schwarzes Seidenkleid, dessen schweres Spitzengewirr vom speckigen
Nacken kraus herabrann üher den hochgeschnürten, überquellenden Busen.
Ein blutrotes Granatkollier prangte patzig auf der gelben, welken Haut
ihres Halses, dessen blaue Äderung nur schlecht vom dick aufgetragenen
Puder verwischt war. Ihre Froschhände waren beteuernd auf den Magen
gepreßt und spielten manchmal mit dem Schildpatt-Lorgnon, das an einer
breiten goldenen Kette herabhing.
"Ich bin gleich fertig mit meinen Aussagen, Herr Amtsrichter, ich hab'
ein Geschäft und viel im Kopf," begann sie, als sie aufgerufen wurde.
"Die?!--Gott sei Dank, ich hab' immer anständige Bedienerinnen gehabt,"
fuhr sie fort, üher Anna befragt, und warf einen seitlichen, herablassenden
Blick auf diese, "aber nun, man tappt auch einmal herein.--Ich hab' es mir
aber--glauben Sie es mir, Herr Amtsrichter, ich bin fünfzehn Jahre auf dem
gleichen Platz und weiß, was der Ruf für ein Geschäft ausmacht--ich hab'
es mir geschworen: Rienken, sagt' ich mir, Rienken--von der Fleischgasse
nimmst du keine mehr, nicht um die Welt!" Sie kam immer mehr in Zug.
"Vettel!" schrie Anna schrill und wurde verwarnt. Die Rienken drehte sich
schnell um und dann wieder zum Richter. "Man soll sich nicht ärgern, Herr
Amtsrichter?" Und sie schnitt eine weinerliche Miene:
"Wie hab' ich den Leuten geholfen und was hab' ich davon!--Es ist bloß
gut, daß ich meinen Kopf nie verlier', es ist ja bloß gut, daß ich
mich nie auf die gleiche Stufe stelle mit--mit--so was."
Und endlich zur Sache gerufen, erzählte sie weitschweifig, daß Johann
die Stellung bei diesem Fabrikherrn nicht umsonst angenommen habe.
"Und Nachtschicht--er wird schon gewußt haben, warum. Man kennt
solche--Nachtschichten!" Und Herr Hochvogel?... Sie geriet etwas in
Verwirrung. Nun, der habe bald klar gesehen, ein solcher Herr ließe
sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.
"Der muß her! Der muß Zeuge machen!" schrie Anna, und ihr Rechtsanwalt
brachte es auch fertig. Nun wurde es aber noch ungünstiger. Obwohl dem
Fabrikanten die ganze Sache äußerst unangenehm war, obwohl er sich
außerordentlich zurückhielt und nichts gegen Johann eigentlich
vorbringen konnte, als eben jenen üblen Vorfall in der Rienkeschen
Bar--es machte alles einen schlechten, sehr schlechten Eindruck
--Johann Krill wurde verurteilt.
Anna bekam einen minutenlangen Schreikrampf. Sie stürzte vor und
wollte auf die Rienken los. Es mußten sie Schutzleute mit Gewalt
wegbringen.
Johann, der ohne Erregung den Auftritten zusah, nahm alles mit Ruhe
hin. Er lächelte fast verlegen, als ihn die Richter am Schluß fragten,
ob er noch etwas zu sagen wünsche.
"Dumm," brummte er und kratzte sich hinter dem rechten Ohr, "dumm,
Herr Richter, man tappt eben hinein und--und dann passiert allerhand."
Die steinernen Amtsmienen wußten einen Augenblick lang wirklich nicht,
sollten sie lachen oder einige beruhigende Worte des Mitleids aus ihren
Lippen lassen.
Damit war es zu Ende. Anna konnte Johann nun nicht mehr besuchen. Die
beiden waren auseinander.--In ihrer Wut schlug Anna einige Tage
später die zwei großen Fensterscheiben der Rienkeschen Bar ein und
konnte mit Mühe nur überwältigt werden. Das Beil wurde ihr abgenommen
und der herbeigerufene Schutzmann nahm sie mit.
Und wieder gab es einen Prozeß. Wegen Bedrohung und Sachbeschädigung
wurde Anna Krill zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.
Hier bricht der Faden ab. Es ist nichts mehr zu berichten.
Eine Million ist viel--eine Milliarde ist mehr.--Johann Krill ist
Legion.
Vielleicht arbeitet Johann Krill wieder irgendwo oder er trinkt, oder
er hat den Halt verloren und sitzt weiter in Gefängnissen.
Anna--Sie wird eines Tages krank sein, wieder gesunden, wieder krank
werden und so fort....
Das einzige, was bestehen bleibt, solange wie diese Gesellschaft,
ist--die Rienken!
Wie lange noch?!