III.

Es gab Ärgerlichkeiten bei Krills. Dadurch, daß nun auch Johann seiner

Arbeit nachging, vernachlässigte der Haushalt. Anna, die oft erst

gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den

Mittag hinein. Schließlich meldeten sich die Wanzen. Man putzte,

schrubbte, streute übelriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es

war unerträglich zuletzt.

"Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschäft gehst und hier

muß alles verkommen," sagte Johann zu Anna.

"Für wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die

Löhne sind zum Verhungern."

Sie kam schließlich auf alles zu sprechen. Daß man sich doch nicht

umsonst von unten herausgewunden habe, daß man doch nicht zu den

Nächstbesten gehöre und man müsse jetzt eine neue Wohnung haben. Was

der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf.

"Warten hättest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so

nett. Du könntest da gut unterkommen."

Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die

ganze Rederei schon widerwärtig.

"Was du doch alles erzählst! Sind wir denn weiß der Teufel was?!"

sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet.

Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren früh um vier Uhr auf--und

wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Während

des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung.

Schließlich, als aller Spruch und Widerspruch allmählich erlahmte,

einigte man sich aber doch, und Johann willigte beiläufig ein, sich in

der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch

bezahle, vorzustellen.

Mit jedem Tag wurde er nun auch mißvergnügter. Es gefiel ihm nicht

mehr in seiner Fabrik. Er wurde mürrisch gegen jedermann und kam

zuletzt plötzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in

dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwürdig freundlich empfangen und

ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen.

Anna behandelte ihn zärtlicher als je, wenn er frühmorgens ankam.

Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des

Rienkeschen Hauses und alles machte einen glücklichen Anlauf. Sie

brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Hühnerschenkel, Blumen,

Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten,

einen Ring.

Sie war in der fröhlichsten Laune jedesmal und erzählte von diesem und

jenem Herrn, von den guten Gästen bei Rienkes und konnte sich nicht

genug tun, den Chef Johanns zu loben.

"Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist

für die Arbeiter. Er läßt leben neben sich," plauderte sie.

Und Johann lächelte hölzern und sah auf ihre Brüste, die schwammig und

verbraucht nach unten sich sackten.

"Ist für die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an.

"Ist ein anständiger Mensch. Keiner von den Ausnützern, gar nicht so

eingebildet und hochnäsig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich

danke, wenn der anfängt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna

und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges.

"Und--der gibt dir--so--solche Sachen?"

Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und

fand das Wort nicht gleich.

"Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte

rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir."

"So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum."

Dann legte er sich schlafen.

Am Abend schlüpfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die

Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in

die "Tip-Top"-Bar.

Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug saßen vorne

am Büfett auf den hohen Stühlen und saugten an den Strohhalmen, die in

schlanken gefüllten Gläsern mit glitzerndem Eis staken. In der einen

Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete

ihn. In den Nischen, die mit künstlichem Efeu zu Laubengängen

hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein

schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige

duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann

zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen,

Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hörbar.

Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten

Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines

Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau.

Die Köpfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs

ging Johann auf sie los und ließ sich in einen der gepolsterten Stühle

an ihrem Tisch fallen.

Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem

an. Nur Johann schien sicher zu sein.

"Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen

Höllendurst, ich könnt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche

Erregung und lächelte schnell. Das löste eine Entspannung aus. Man

atmete wieder und nahm langsam die gewöhnliche Haltung an. Der

Fabrikherr schnitt ein malitiöses Gesicht. Er suchte sich zu fassen

und griff zum Weinglas.

"Heiß ist's hier," sagte Johann wieder.

"Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die

Rienken erhob sich und verließ den Tisch.

"Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?"

fragte Johann den Fabrikherrn.

"Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen

heben--ich kann's verstehen,--ich drück' gern ein Auge zu--bei Ihnen,

Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlässig, da--da--da

übersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der

Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast ängstlich aus

ihm, so, als wären sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu

eine schützende Mauer um sich schließen könnte.

"Zu gütig," lispelte Anna bereits.

Und Herr Hochvogel goß das Glas der Rienken voll und schob es behend

dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!"

Die ärgste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den

allmählich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin

kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort.

Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht

weiter. Er trank in vollen Zügen und wurde immer lustiger, lachte und

machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna

kühner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte

ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden

Männern hin und her.

"Hab ich nicht gesagt, Hans, daß er ein netter Mensch ist?" sagte sie

übermütig und lachte piepsend.

"Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!"

brümmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt

das Geld so gemütlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und

rülpste ungeniert in den Tisch. Gläsern standen seine Augen. Die

anderen kicherten.

"Hat ihn schon mächtig," hörte er Hochvogels Stimme.

"Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken.

Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng

der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin

und her drückten.

"Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein

geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der

Wärter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurück.

"Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die

Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten

besänftigend. Schnell, überschnell mengten sich ihre flehenden Worte

ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann.

Mit herabhängenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann

auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch

nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht übel, Herr Hochvogel!"

"Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schläft ja schon! Seh'n Sie, seh'n

Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein

Ehrenwort!" alles zerfloß ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt,

ängstlich.

Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Geplätscher Johanns Kopf.

Als gieße irgend jemand kaltes Wasser üher ihn.

"Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas

Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh,

haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte

ruckweise, immerfort, glucksend.

Da wurde der Tisch weggestoßen und stapfend hasteten Schritte vorbei.

Wieder das Gezwitscher. Noch geschäftiger. Dann fiel eine Tür krachend

zu.

"Hans!" schrie Anna wütend und riß ihren Mann an der Schulter.

"Saustall!" stieß die Rienken heraus.

Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so

wunderschön auf der We--elt, haha--ha!"

Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung

zurück. Dünner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte

geräuschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird.

Unter wüstem Gezeter und Gejammer verließ Anna mit ihm die Bar. Sie

mußte ihn buchstäblich die Stiege hinaufschleppen.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 58 / 61 题