Es gab Ärgerlichkeiten bei Krills. Dadurch, daß nun auch Johann seiner
Arbeit nachging, vernachlässigte der Haushalt. Anna, die oft erst
gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den
Mittag hinein. Schließlich meldeten sich die Wanzen. Man putzte,
schrubbte, streute übelriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es
war unerträglich zuletzt.
"Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschäft gehst und hier
muß alles verkommen," sagte Johann zu Anna.
"Für wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die
Löhne sind zum Verhungern."
Sie kam schließlich auf alles zu sprechen. Daß man sich doch nicht
umsonst von unten herausgewunden habe, daß man doch nicht zu den
Nächstbesten gehöre und man müsse jetzt eine neue Wohnung haben. Was
der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf.
"Warten hättest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so
nett. Du könntest da gut unterkommen."
Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die
ganze Rederei schon widerwärtig.
"Was du doch alles erzählst! Sind wir denn weiß der Teufel was?!"
sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet.
Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren früh um vier Uhr auf--und
wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Während
des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung.
Schließlich, als aller Spruch und Widerspruch allmählich erlahmte,
einigte man sich aber doch, und Johann willigte beiläufig ein, sich in
der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch
bezahle, vorzustellen.
Mit jedem Tag wurde er nun auch mißvergnügter. Es gefiel ihm nicht
mehr in seiner Fabrik. Er wurde mürrisch gegen jedermann und kam
zuletzt plötzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in
dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwürdig freundlich empfangen und
ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen.
Anna behandelte ihn zärtlicher als je, wenn er frühmorgens ankam.
Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des
Rienkeschen Hauses und alles machte einen glücklichen Anlauf. Sie
brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Hühnerschenkel, Blumen,
Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten,
einen Ring.
Sie war in der fröhlichsten Laune jedesmal und erzählte von diesem und
jenem Herrn, von den guten Gästen bei Rienkes und konnte sich nicht
genug tun, den Chef Johanns zu loben.
"Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist
für die Arbeiter. Er läßt leben neben sich," plauderte sie.
Und Johann lächelte hölzern und sah auf ihre Brüste, die schwammig und
verbraucht nach unten sich sackten.
"Ist für die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an.
"Ist ein anständiger Mensch. Keiner von den Ausnützern, gar nicht so
eingebildet und hochnäsig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich
danke, wenn der anfängt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna
und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges.
"Und--der gibt dir--so--solche Sachen?"
Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und
fand das Wort nicht gleich.
"Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte
rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir."
"So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum."
Dann legte er sich schlafen.
Am Abend schlüpfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die
Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in
die "Tip-Top"-Bar.
Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug saßen vorne
am Büfett auf den hohen Stühlen und saugten an den Strohhalmen, die in
schlanken gefüllten Gläsern mit glitzerndem Eis staken. In der einen
Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete
ihn. In den Nischen, die mit künstlichem Efeu zu Laubengängen
hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein
schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige
duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann
zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen,
Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hörbar.
Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten
Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines
Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau.
Die Köpfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs
ging Johann auf sie los und ließ sich in einen der gepolsterten Stühle
an ihrem Tisch fallen.
Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem
an. Nur Johann schien sicher zu sein.
"Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen
Höllendurst, ich könnt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche
Erregung und lächelte schnell. Das löste eine Entspannung aus. Man
atmete wieder und nahm langsam die gewöhnliche Haltung an. Der
Fabrikherr schnitt ein malitiöses Gesicht. Er suchte sich zu fassen
und griff zum Weinglas.
"Heiß ist's hier," sagte Johann wieder.
"Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die
Rienken erhob sich und verließ den Tisch.
"Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?"
fragte Johann den Fabrikherrn.
"Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen
heben--ich kann's verstehen,--ich drück' gern ein Auge zu--bei Ihnen,
Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlässig, da--da--da
übersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der
Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast ängstlich aus
ihm, so, als wären sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu
eine schützende Mauer um sich schließen könnte.
"Zu gütig," lispelte Anna bereits.
Und Herr Hochvogel goß das Glas der Rienken voll und schob es behend
dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!"
Die ärgste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den
allmählich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin
kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort.
Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht
weiter. Er trank in vollen Zügen und wurde immer lustiger, lachte und
machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna
kühner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte
ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden
Männern hin und her.
"Hab ich nicht gesagt, Hans, daß er ein netter Mensch ist?" sagte sie
übermütig und lachte piepsend.
"Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!"
brümmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt
das Geld so gemütlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und
rülpste ungeniert in den Tisch. Gläsern standen seine Augen. Die
anderen kicherten.
"Hat ihn schon mächtig," hörte er Hochvogels Stimme.
"Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken.
Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng
der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin
und her drückten.
"Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein
geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der
Wärter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurück.
"Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die
Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten
besänftigend. Schnell, überschnell mengten sich ihre flehenden Worte
ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann.
Mit herabhängenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann
auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch
nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht übel, Herr Hochvogel!"
"Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schläft ja schon! Seh'n Sie, seh'n
Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein
Ehrenwort!" alles zerfloß ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt,
ängstlich.
Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Geplätscher Johanns Kopf.
Als gieße irgend jemand kaltes Wasser üher ihn.
"Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas
Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh,
haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte
ruckweise, immerfort, glucksend.
Da wurde der Tisch weggestoßen und stapfend hasteten Schritte vorbei.
Wieder das Gezwitscher. Noch geschäftiger. Dann fiel eine Tür krachend
zu.
"Hans!" schrie Anna wütend und riß ihren Mann an der Schulter.
"Saustall!" stieß die Rienken heraus.
Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so
wunderschön auf der We--elt, haha--ha!"
Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung
zurück. Dünner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte
geräuschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird.
Unter wüstem Gezeter und Gejammer verließ Anna mit ihm die Bar. Sie
mußte ihn buchstäblich die Stiege hinaufschleppen.