Die Zeit war weggeweht, alles schwirrte, rann, floh.--

Erst ganz langsam wieder festigte sich seine Gestalt, stückweise

beinahe. Und es schien, als seien es andere Teile, die sich nun

vereinigten. Ein immer klarer werdendes Begreifen keimte auf, wuchs

ohne Überstürzung, vermittelte Halt und Festigkeit. Alle Scheu, alle

Furcht und Unsicherheit wichen. Auf einmal war Johann Krill ein

anderer.

Jetzt erst kam ihm die Besinnung. Jetzt erst war er eigentlich

verheiratet, hatte ein Fundament, besaß Weib und Möbel und so weiter.

Er erinnerte sich genau. Es war nirgends anders. Im Dorf nicht. In der

Stadt nicht. Es war immer das gleiche. Der Bauer, bei dem er zuletzt

auf dem Dorfe war, hatte drei Töchter. Ringsum standen größere und

kleinere Häuser.

"Dahinein gehörst du, das ist was Handfestes," ließ er einmal beim

Abendessen fallen, der Bauer, und deutete dabei auf den mächtigen

Grillhof hinüber. Und die ältere Tochter sah ihn ohne Verblüffung an

und sagte: "Der Grillhans braucht bloß kommen." Zur Erntezeit ließ man

die ältere Tochter daheim und an einem Abend sagte sie: "Hat schon

geschnappt!" Etliche Wochen später gab es eine saftige Hochzeit.

"Ein' schöne Sach', Hans, ein schöner Hof. Der ist so einen Brocken

Weib wert," lachte der Bauer bei der Hochzeit und schaute seinem

Schwiegersohn in die Augen. Und: "Ja--ja, hast mir's ja auch leicht

gemacht," brummte der Grillhans bierselig.

Dann kamen die beiden anderen Töchter an die Reihe. Bei der einen

vollzog sich die Sache leicht, und bei der jüngsten, die etwas

hochnäsig war, ging es schwerer. "Herrgott, Rindvieh!--um so einen Hof

ziert man sich doch nicht so! Besinn dich nicht so lang', sag' ich!"

brüllte der Bauer sie an und als zufällig an einem der darauffolgenden

Abende der gewünschte Werber kam, sagte er zu diesem: "Bleib nur

beieinander mit der Zenz. Wir legen uns nieder."

Und Bauer und Bäuerin gingen schlafen.

"Ist's so weit?" fragte der Bauer beim Mittagessen andern Tags seine

Tochter. Und diese sagte nickend: "Im Frühjahr, meint er. Er will noch

den Stall bauen lassen."

"In Gottesnamen, die paar Monat' sind gleich vergangen. Meinetwegen!"

brummte der Bauer und die Sache nahm ihren gewöhnlichen Verlauf. Im

Frühjahr gab es wieder eine breite Hochzeit.--

Es war also nirgends recht viel anders. Johann Krill war mit dieser

Erkenntnis zufrieden. Das Neue, das Unerwartete, was ihn einmal in

Brand und Aufruhr gesetzt hatte, war verloschen. Ohne Staunen stand er

nunmehr auf dem Boden der Welt und achtete nichts mehr auf ihr.

Kurzum, er wurde--gemütlich. Kam eine angenehme Sache, war es gut, kam

sie nicht, war es auch gut.--

An einem Nachmittag, als sie beim Kaffeetrinken in der Küche saßen,

sagte Anna: "Es wird Zeit, daß wir wieder um Verdienst schauen."

Und Johann nickte stumm. Er begann wieder Stellung zu suchen.

Umsichtig und resolut wie sie war, machte sich aber auch Anna auf die

Suche und an einem Tag kam sie freudig an und sagte: "Die Rienken will

mich fürs Büfett. Ich kann gleich anfangen, sagt sie. S'ist ein gutes

Lokal.--Was meinst du?--Unser Geld ist weg und mit einer Stellung für

dich wird's noch eine Zeitlang dauern. Jetzt kannst du auch mit aller

Ruhe suchen."

Das leuchtete ein. Johann nickte wieder.

"Die Rienken? Wo ist denn das?" fragte er dann weiter.

Anna begann von einer Bar "Tip-Top" zu erzählen.

"In der Quergasse," berichtete sie geschäftiger, "die Rienken kenn'

ich schon lang. Ist eine nette Person. Es verkehren massenhaft Gäste

dort, nur bessere Leute. Nicht so allerhand, von Hinz bis Kunz. Lauter

Stammgäste... Na, was sag' ich--Fabrikbesitzer, Beamte und so Leute.

Wer weiß, man kann ein gutes Geld machen, braucht sich nicht

abzuschinden und kann schließlich auch für dich was ausfindig

machen,--wie meinst du?"

Johann Krill glotzte stumpf in ihre Augen.

"Na, so hör doch, du--Patsch, hör doch!--Und die Rienken ist eine gute

Person, steht zu einem," redete Anna weiter und rüttelte ihren Mann

schmeichelhaft, begann wieder ihr siegendes Lachen und küßte ihn.

"Das ist--also wieder--das Alte," sagte Johann endlich. Nachdenklich,

schwerfällig.

"A--aber geh doch, Tolpatsch! Keine Rede davon! Wer sagt denn _davon_

was! Ich bin doch nur hinterm Büfett--nu ja, nu ja, wenn schon einer

mal zu tappen anfängt und mir ein Gläschen bezahlt, Herrgott--das ist

doch kein Weltuntergang," beruhigte ihn Anna und fuhr fort: "Sieh

mal--Ware sind wir nun ein für allemal, ob so oder so--ob du in die

Fabrik gehst oder ob ich--was anderes mache. Es kommt immer nur darauf

an, daß wir uns die Sache möglichst leicht machen, daß wir noch was

wegschnappen für unseren Komfort!"

Johann Krill hatte jetzt ein wenig klarere Augen. Es war etwas wie ein

aufgegangenes Licht auf seinem Gesicht. Er nickte.

"Stimmt schon," sagte er.

"Also sag' ich der Rienken, daß ich komme?" fragte Anna.

"Ich muß dann auch was suchen," gab Johann statt jeder Antwort zurück.

"Ach, du bist ja verdreht!--Ja freilich, freilich,--sofort denkt er,

er muß nun wieder rackern von früh bis spät und für die Familie

sorgen! Ach du, du!" lachte Anna und knüllte seinen Kopf in ihre Brust.

Jeden Nachmittag um vier Uhr ging Anna nunmehr zur Bar "Tip-Top" der

Sylvia Rienke. Spät in der Nacht kam sie stets nach Hause, roch nach

Zigaretten und Alkohol. Manchmal war sie auch leicht betrunken,

brachte allerhand zu essen und zu trinken mit, und dann saßen die

beiden Eheleute nicht selten his zum Morgengrauen in der besten Laune

beisammen und ließen sich's gut gehen.--

In der letzten Zeit war Johann Krill etwas einsilbiger. Er saß meistens

in Hemdsärmeln im Schlafzimmer und schien schwerfällig immer über das

gleiche nachzudenken.--

Ja, alles war ausgelöscht. Langweilig und trist vertropften die

Stunden. Es war ungemütlich. Wenn man den ganzen Tag in der Fabrik

arbeitete, verging wenigstens die Zeit schneller.

Aber Anna zerstreute ihn immer wieder.

Wenn sie nachmittags weggegangen war, verließ auch er die Wohnung und

lungerte entschlußlos in der Stadt herum oder setzte sich in

irgendeine Kneipe. Und jetzt, da er sich alleingelassen sah,

unterhielt er sich auch wieder mit seinesgleichen.

"Maschinenschlosser?" fragte ihn eines Tages ein älterer Arbeiter am

Kneipentisch.

"Ja," antwortete Krill. "Eventuell auch zum Maschinisten zu

gebrauchen?"

"Bei Schall und Weber war ich Maschinist."

"Mensch, bei uns sucht man solche. Geh hin. Du kannst sofort

anfangen," erzählte der Arbeiter und überprüfte Krill.

Der nickte.

Etliche Tage nachher schlief Johann schon, als Anna heimkam. Sein

Gesicht war rußig. Er schwitzte. Anna wollte ihn aufwecken, aber er

drehte sich schläfrig um und schnarchte weiter. Verärgert legte sie

sich ins Bett.

In der Frühe, als plötzlich der Wecker schrillte, schrak sie empor und

sah erstaunt auf ihren Mann, der sich eben wusch.

"Arbeitest du denn wieder?" fragte sie.

"Ja."

"Dumm!--Ich hätte jetzt etwas für dich.--Ein schöner Posten," sagte

sie und richtete sich vollends auf im Bett.

Einige Augenblicke stummten sie einander an.

"Der Fabrikmensch, der immer Schwedenpunsch schmeißt, hat mir's

versprochen ... Laß doch das andere fahren, da verkommst du ja bloß,"

begann Anna wieder und wollte eben aus dem Bett springen.

"Jetzt ist's schon wie's ist!" knurrte er und ging.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 57 / 61 题