Die Dienerschaft war zu Bett gegangen. Es war still. Überall herrschte
ein Geruch nach Zigaretten, Parfüm und Alkohol. Man ließ sich in die
tiefen, nachgiebigen Fauteuils um den offenen Kamin im Rauchzimmer
fallen. Jener Punkt war erreicht, wo alles öde, langweilig, dumm und
trist zu sein scheint. Die Stimmung war zweideutig und unentschieden.
Es hieß geschickt eine Krise zu vermeiden, die scharfen, vorgeschobenen
Riffe der Überreiztheit gewandt zu umsegeln. Noch zwei oder drei
schweigende Minuten und man stand vielleicht auf, gähnte dösig und ging
zu Bett--oder aber auch Yvonne stieß zufällig mit dem Fuß wo an,
knirschte gehässig und schmiß eine Vase kaputt. Es gab Skandal und alles
war verloren, verhunzt. "Ich hab' Hunger," sagte Yvonne bereits bedrohlich.
Adam Högl ergriff die Gelegenheit und brummte trocken: "Ein frugales
Mittelstück! Sehr richtig! Weder Früh--noch Nachtstück--ein Mittelstück,
ein Stück in der Mitte!" Man lachte lahm. Der Maler Kotlehm und der Lyriker
Raming bewegten sich etwas aufgefrischter: "Ja, das wäre nicht dumm!"
"Geht!" befahl Yvonne Högl und dem Millionär. Die beiden waren
aufgestanden. "Komm! Kommen Sie, Herr Küchenchef! Wir wollen--Na, die
Herrschaften, na--na!?" trompetete Högl in seinem breiten Baß, als er
mit van Haarskerk in die Küche ging. Während der Hausherr eineinhalb
Dutzend Eier kochte, schmierte Högl Butterbrote, strich Kaviar darauf,
schnitt Schinken und Seelachs.
Der Sekt war bereits abgekühlt.
Als er die Gläser und das Tablett mit den Speisen in das Rauchzimmer
trug, hatte sich Adam Högl wieder ganz in der Gewalt und bediente
behend wie ein Servierkellner. Man griff gierig zu, schmatzte. Die
Stimmung hob sich.
"Und ick?!--Ick hock mir ins Klosette rin und kotze alle Spucke
rinn!--rinn!--rinn!--" johlte Högl wie ein Grammophon mit wässerigem
Mund. Und: "--rinn!--rinn!--" wiederholte der ganze Chorus.
Zufällig warf der Millionär seine Eierschalen in großem Bogen zur
Decke. Sie fielen in den Spiegel oberhalb des Kamins und zischten
auseinander. Belustigt darüber schleuderte Yvonne ihr Ei in die
glitzernde Fläche. Benng! klatschte es spritzend auseinander. Einen
Moment gafften alle unschlüssig.
"Hoi--j! Hoi--j!" brüllte Högl unverblüfft wie ein Ausrufer und warf
ebenfalls sein Ei in den Spiegel. Das gefährliche Riff war umschifft.
Alles gröhlte mit einem Male mitgerissen. Patsch--Patsch--Patsch!
Jeder warf sein Ei in den Spiegel. Es klatschte um die Wette. Yvonne
schüttelte sich berstend. Adam Högl hüpfte vor Vergnügen. Wie doch
alles einfach ist!--"Das ist--um es richtig zu sagen--der Kampf mit
dem Spiegel oder der verspritzte Eidotter auf dem Kamingesims!"
plapperte Raming rülpsend.
"Hahaha--ha! Der Lyriker wird witzig!" stichelte der Millionär.
"Der Spiegelkrieg! Das Krieglspielchen! Das Spielchen mit dem
Kriegl-Spiegl!" gluckerte Högls Bauchstimme. Ein hemmungsloses
Gelächter peitschte auf. Man trank überschnell und mit vollstem
Behagen. Adam Högls Gesicht glänzte triumphierend. Sehr gewandt
spuckte er seinen Mund voll Sekt zur Decke. Ein dicker Strahl war's.
Im Nu folgten die ändern.
Die Stimmung hatte einen ersten Höhepunkt erreicht. Es galt, ihn zu
halten. Adam Högl begann zu zoten.
--Dem Lyriker Raming gab der Millionär seit einem Jahr ein Stipendium,
weil Yvonne dessen bastardhaft verfaltetes Gesicht gelegentlich einmal
als "angeilend" bezeichnet hatte. Des Malers Kotlehm vulgäre Schönheit
entzückte die Diva dergestalt, daß sie van Haarskerk veranlaßte, ihm
ein Atelier zu bauen. Von anderen noch wußte Adam Högl, daß sie
beträchtliche Summen wegen eines Witzes oder dergleichen erhalten
hatten.
Und er hatte sich Wasser kübelweise üher den Kopf schütten lassen.
In den Bauch treten lassen!