III.

Die Tage und die Nächte liefen davon. Viel zu schnell. Sie schwebten

vorbei, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Es war ein

unaufhaltsames Fließen. Es gab keinen festen Punkt, kein Nachdenken,

keinen Widerstand.

Allmählich, mit jedem Tag bemerkbarer, ließ der Beifall nach. Es brach

jetzt kein plötzliches Gelächter mehr aus. Es war keine Stille mehr in

der Zuschauergruft, wenn Högl auftrat. Man sandte auch kein resolutes

"Pst!" mehr aus aufmerksamen, lauschenden Tischen, wenn die Kellner

servierten. Gelangweilte Gesichter sah man ringsum. Es schwätzte

jedermann während des Vertrags. Wie ein böses Gewissen rieselte durch

den erschauernden Körper jene penetrante Peinlichkeit, die immer

einsetzt, wenn man sich hilflos einer stärkeren Macht gegenübersieht

und es sich nicht eingestehen will.

Es war acht Tage vor dem Ende des dritten Monats, und nichts wieder

hatte Krull von abermaliger Prolongierung erwähnt. Adam Högl stand

benommen hinter dem eben herabgefallenen Vorhang und wischte sich den

Schweiß von der Stirn. Es klatschte mäßig. Der Vorhang zuckte fast

mitleidig und wurde rasch noch einmal hochgezogen. Es klatschte etwas

mehr, als Högl dankte. Der Vorhang fiel wieder herab. Bagg--bagg--bagg

--bagg!--schon schwammen die Redegeräusche, das Klirren der Gläser,

das Stühlerücken und Surren der Ventilatoren darüber hinweg, und alles

verebbte zu einem gleichmäßigen Geplätscher. In acht Tagen vielleicht

stand Krull, der in der letzten Zeitmerkwürdig schüchtern auswich und

sich selten sehen ließ, vor ihm und sagte ungefähr: "Adam, du weißt!

Mein Publikum will Abwechslung. Ichbin Wirt, ich muß mich nach ihm

richten."

Man war ihn satt!--Er konnte wo anders hingehen?--Schließlich--er

hatte noch etwas Geld, Anzüge. Es ging eine Zeitlang. Dann?--

Der Boden schwankte, man glitt aus, man ließ sich dahintreiben, dumpf

und verbittert auf einen nächsten jähen Zufall wartend. Die fast

märchenhafte Leichtigkeit, mit der man üher Nacht so hoch getragen

worden war, hatte die Energie vernichtet.--Adam Högl knirschte und

sah scheu rundherum. Die Angst kam von der Magengegend zur Gurgel

heraufgekrochen. Mit einem Ruck riß er sich zusammen und schritt zur

Tür. Da kam der schlanke Kellner und bat ihn in die Loge des

Millionärs. Er atmete erleichtert auf. "Ich komme gleich," sagte er

schnell und ging in die Garderobe.

Nach einigen Minuten schritt er die Logenreihen entlang und hatte

schon wieder die breitlachende, humorvolle Miene, die man an ihm

gewohnt war. Aus verschiedenen Tischen nickten ihm Leute grüßend zu,

und scheinbar ganz in seligster Wonne erwiderte er.

Die Haarskerksche Loge war wie gewöhnlich gepfropft voll. Jeder der

Herren lachte bereits das knallige Lachen Adam Högls. Das gab Mut.

Noch war man also nicht ausgelöscht.--

"Ah--haha!!" krächzte der Millionär aufstehend und machte Platz.

"Was machst du?" fragte Yvonne den Angekommenen.

"Einen schlechten Eindruck," erwiderte Högl trocken. Die Unterhaltung

belebte sich, wurde aufdringlich laut.

"Psst! Psst!" zischte es aus den gegenüberliegenden Tischen, denn eben

trat die neuengagierte Sängerin auf und trillerte die ersten Laute.

"Ah--a--a--ah--ah--a--a--aa!" sang Högl boshaft mit angestrengtester

Kopfstimme nach und der ganze Tisch kreischte hellauf.

"Psst! Psst!" Adam Högl entdeckte mit einem flüchtigen Blick drüben in

einer dunklen Ecke Krull mit finsterem Gesicht, wandte sich schnell

wieder weg.

"Ein Türteltäubchen! Ein Täubchenturtel!" gröhlte er sehr laut.

"Ru--u--uhee! Psst!" brummte es noch energischer und empört gehobene

Gesichter tauchten auf.

"Mistkäfer! Schweinebande!" knirschte Yvonne dumpf in den Tisch und

rief lauter: "Anton zahl'! Wir wollen gehen! Sofort!"

Der Kellner kam eilends herangeflitzt. Sehr geräuschvoll bezahlte der

Millionär und die ganze Loge erhob sich. Alle tappten im Gänsemarsch

knatternd auf den Ausgang zu.

"Psst! Psst! Ru--uhe!" surrte es ihnen nach. An der Tür stand Krull,

verbeugte sich devot und wollte entschuldigen.

"Schon gut! Schon gut! Wir werden's uns merken!" schrie Yvonne und

befahl resolut: "Kommt! Laßt euch nicht aufhalten!" Der Trupp stürzte

hinaus. "Ich möchte heut' nur Högl, Kotlehm und Raming, Anton! Laß die

andern nach Hause fahren! Wir wollen unter uns sein!" sagte Yvonne vor

dem Auto. Der Millionär rannte auf die anderen Begleiter zu, sagte

ihnen dies, kam wieder zurück, stieg rasch ins volle Auto und gab das

Zeichen zum Abfahren.

"So sind alle Wirte, weißt du! Pack! Pack!" schimpfte Yvonne während

des Dahinfahrens.

"Eben! Eben!" brummte Högl in tiefem Baß.

"Ein solches Miststück mit ihrem Geplärr! Na, ich danke!"

"Eben! Eben!" sekundierte Högl befriedigt.

Der Maler Kotlehm lachte gewaltsam.

"Und diese Preßsackbrüste, pw! Diese Wurstfinger, äh!" zeterte Yvonne.

"Gulasch! Gulasch mit Kartoffel!" murmelte Högl. Man lachte

allenthalben. Yvonne warf ihre Arme hingerissen um Högls Nacken und

drückte ihr kaltes geschminktes Gesicht an seine Wange, küßte ihn

breit und feucht, daß es schnalzte: "Högl, Du bist mein Mann!"

Die Stimmung war wiederhergestellt.

"Was trinken wir?" fragte van Haarskerk.

"Sekt! Sekt!--Ich möchte heute schwimmen im Sekt--und dann Whisky!"

rief Yvonne emphatisch.

Das Auto fuhr surrend durchs Tor.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 50 / 61 题