Die Tage und die Nächte liefen davon. Viel zu schnell. Sie schwebten
vorbei, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Es war ein
unaufhaltsames Fließen. Es gab keinen festen Punkt, kein Nachdenken,
keinen Widerstand.
Allmählich, mit jedem Tag bemerkbarer, ließ der Beifall nach. Es brach
jetzt kein plötzliches Gelächter mehr aus. Es war keine Stille mehr in
der Zuschauergruft, wenn Högl auftrat. Man sandte auch kein resolutes
"Pst!" mehr aus aufmerksamen, lauschenden Tischen, wenn die Kellner
servierten. Gelangweilte Gesichter sah man ringsum. Es schwätzte
jedermann während des Vertrags. Wie ein böses Gewissen rieselte durch
den erschauernden Körper jene penetrante Peinlichkeit, die immer
einsetzt, wenn man sich hilflos einer stärkeren Macht gegenübersieht
und es sich nicht eingestehen will.
Es war acht Tage vor dem Ende des dritten Monats, und nichts wieder
hatte Krull von abermaliger Prolongierung erwähnt. Adam Högl stand
benommen hinter dem eben herabgefallenen Vorhang und wischte sich den
Schweiß von der Stirn. Es klatschte mäßig. Der Vorhang zuckte fast
mitleidig und wurde rasch noch einmal hochgezogen. Es klatschte etwas
mehr, als Högl dankte. Der Vorhang fiel wieder herab. Bagg--bagg--bagg
--bagg!--schon schwammen die Redegeräusche, das Klirren der Gläser,
das Stühlerücken und Surren der Ventilatoren darüber hinweg, und alles
verebbte zu einem gleichmäßigen Geplätscher. In acht Tagen vielleicht
stand Krull, der in der letzten Zeitmerkwürdig schüchtern auswich und
sich selten sehen ließ, vor ihm und sagte ungefähr: "Adam, du weißt!
Mein Publikum will Abwechslung. Ichbin Wirt, ich muß mich nach ihm
richten."
Man war ihn satt!--Er konnte wo anders hingehen?--Schließlich--er
hatte noch etwas Geld, Anzüge. Es ging eine Zeitlang. Dann?--
Der Boden schwankte, man glitt aus, man ließ sich dahintreiben, dumpf
und verbittert auf einen nächsten jähen Zufall wartend. Die fast
märchenhafte Leichtigkeit, mit der man üher Nacht so hoch getragen
worden war, hatte die Energie vernichtet.--Adam Högl knirschte und
sah scheu rundherum. Die Angst kam von der Magengegend zur Gurgel
heraufgekrochen. Mit einem Ruck riß er sich zusammen und schritt zur
Tür. Da kam der schlanke Kellner und bat ihn in die Loge des
Millionärs. Er atmete erleichtert auf. "Ich komme gleich," sagte er
schnell und ging in die Garderobe.
Nach einigen Minuten schritt er die Logenreihen entlang und hatte
schon wieder die breitlachende, humorvolle Miene, die man an ihm
gewohnt war. Aus verschiedenen Tischen nickten ihm Leute grüßend zu,
und scheinbar ganz in seligster Wonne erwiderte er.
Die Haarskerksche Loge war wie gewöhnlich gepfropft voll. Jeder der
Herren lachte bereits das knallige Lachen Adam Högls. Das gab Mut.
Noch war man also nicht ausgelöscht.--
"Ah--haha!!" krächzte der Millionär aufstehend und machte Platz.
"Was machst du?" fragte Yvonne den Angekommenen.
"Einen schlechten Eindruck," erwiderte Högl trocken. Die Unterhaltung
belebte sich, wurde aufdringlich laut.
"Psst! Psst!" zischte es aus den gegenüberliegenden Tischen, denn eben
trat die neuengagierte Sängerin auf und trillerte die ersten Laute.
"Ah--a--a--ah--ah--a--a--aa!" sang Högl boshaft mit angestrengtester
Kopfstimme nach und der ganze Tisch kreischte hellauf.
"Psst! Psst!" Adam Högl entdeckte mit einem flüchtigen Blick drüben in
einer dunklen Ecke Krull mit finsterem Gesicht, wandte sich schnell
wieder weg.
"Ein Türteltäubchen! Ein Täubchenturtel!" gröhlte er sehr laut.
"Ru--u--uhee! Psst!" brummte es noch energischer und empört gehobene
Gesichter tauchten auf.
"Mistkäfer! Schweinebande!" knirschte Yvonne dumpf in den Tisch und
rief lauter: "Anton zahl'! Wir wollen gehen! Sofort!"
Der Kellner kam eilends herangeflitzt. Sehr geräuschvoll bezahlte der
Millionär und die ganze Loge erhob sich. Alle tappten im Gänsemarsch
knatternd auf den Ausgang zu.
"Psst! Psst! Ru--uhe!" surrte es ihnen nach. An der Tür stand Krull,
verbeugte sich devot und wollte entschuldigen.
"Schon gut! Schon gut! Wir werden's uns merken!" schrie Yvonne und
befahl resolut: "Kommt! Laßt euch nicht aufhalten!" Der Trupp stürzte
hinaus. "Ich möchte heut' nur Högl, Kotlehm und Raming, Anton! Laß die
andern nach Hause fahren! Wir wollen unter uns sein!" sagte Yvonne vor
dem Auto. Der Millionär rannte auf die anderen Begleiter zu, sagte
ihnen dies, kam wieder zurück, stieg rasch ins volle Auto und gab das
Zeichen zum Abfahren.
"So sind alle Wirte, weißt du! Pack! Pack!" schimpfte Yvonne während
des Dahinfahrens.
"Eben! Eben!" brummte Högl in tiefem Baß.
"Ein solches Miststück mit ihrem Geplärr! Na, ich danke!"
"Eben! Eben!" sekundierte Högl befriedigt.
Der Maler Kotlehm lachte gewaltsam.
"Und diese Preßsackbrüste, pw! Diese Wurstfinger, äh!" zeterte Yvonne.
"Gulasch! Gulasch mit Kartoffel!" murmelte Högl. Man lachte
allenthalben. Yvonne warf ihre Arme hingerissen um Högls Nacken und
drückte ihr kaltes geschminktes Gesicht an seine Wange, küßte ihn
breit und feucht, daß es schnalzte: "Högl, Du bist mein Mann!"
Die Stimmung war wiederhergestellt.
"Was trinken wir?" fragte van Haarskerk.
"Sekt! Sekt!--Ich möchte heute schwimmen im Sekt--und dann Whisky!"
rief Yvonne emphatisch.
Das Auto fuhr surrend durchs Tor.