Ohne es selber recht innezuwerden, rückte Adam Högl in eine andere
Menschen schicht hinauf. Er trug nunmehr seidegefütterte Anzüge der
besten Schneider, ging mit gelassener Selbstsicherheit durch die
Straßen und grüßte mit ausnehmender Vorliebe auffällig gestikulierend
und so geräuschvoll, daß alles stehen blieb und lachen mußte, vornehme
Gäste des "Paradies-Kasinos". Fast jeden Abend nach seinem Auftreten
saß er an irgendeinem Tisch, inmitten einer fidelen Gesellschaft,
trank je nach der Art seiner Gastgeber entweder herablassend beiläufig
oder mit einigen Brusttönen lobender Aufmerksamkeit ältesten Wein,
Bekanntesten französischen Sekt, jeden Nerv kitzelnde Liköre und sog,
immer witzgerecht, mit geübt bäuerlicher, biederer Bescheidenheit alle
Bewunderung der Gäste in sich hinein.
Seine berechnete Natürlichkeit wirkte bestechend bei Damen, alten
Lebemännern und Industriellen. Er zotete, wenn ihn ein abfälliger,
herabmindernder Witz traf, üher alles hinweg mit jenerunerschütterlichen,
nie angreifbaren, hämischen Trockenheit, die entwaffnet. Mit dem ganzen
unterdrückten Instinkt eines Menschen, demdie Angst vor dem
Wiederzurücksinken in den Sumpf Spannkraft gibt, beobachtete er, erwog
die Möglichkeiten neuer Bekanntschaften, erlistetesich notwendige
Gebärden und Manieren, machte sich gutwirkende Kniffe zunutze
und galt bald als der gewiegteste Weinkenner und großartigste,
bewunderungswürdigste Zecher, mit dem es eine Lust war, Gelage zu halten.
Freilich, es gab auch Abende ohne Einladung, wo er am Künstlertisch in
der zerwetzten Nische saß und sich mit Kollegen und Kolleginnen, die
mit ihm das Programm ausfüllten, unterhielt. Artisten aus aller Herren
Länder, dicke Sängerinnen, zierliche Chansonetten und schwergebaute
Ringkämpfer waren da. Intrigen, Neid und Intimitäten gab es da,
Vertraulichkeiten und Klatsch. Mit teilweise unverhohlenem oder auch
leisem, verstecktem, stechendem Spott sahen diese weltbereisten, mit
allen Wassern gewaschenen Leute auf den Neuling herab. Es war
unerquicklich und feindselig in dieser Nische, alles deutete zurück in
die Misere.
Draußen, im Zuschauerraum, vertrugen sich die dickaufgetragenen
Freundlichkeiten vorübergehender Kollegen fast lächerlich leicht.
Während er nicht selten, wenn er spät nachts den Künstlertisch
verlassen hatte und heimwärts ging, zukunftsbesorgt und entmutigt war,
lebte er als Gast an den Tischen der Kasinobesucher stets auf, schaute
den vorübergehenden Kollegen kühn und dreist in die Augen, warf ihnen
treffsichere Zoten zu und lächelte unverschämt, wenn er auf ihren
Gesichtern die nur schwer zurückgehaltene Wut aufsteigen sah. Hier, in
diesem Meer, dessen Wellen ihn unausgesetzt emporhoben, fühlte er sich
völlig geborgen, unverfolgbar und mächtig.
Adam Högl war kein Optimist. "Nichts dauert ewig und jeder muß sich
nach der Decke strecken," sagte er bei jeder Gelegenheit mit leiser
Ironie, doch handelte er danach.
Gelegentlich eines wüsten Gelages mit dem Millionär van Haarskerk und
seiner Gesellschaft in einem abgedämpften Hinterraum des
Paradies-Kasinos ließ er sich kaltes Wasser kübelweise üher den Kopf
schütten, spielte mit Meisterschaft den völlig Betrunkenen, trank
gesalzenen Sekt ohne eine Miene zu verziehen, ertrug zur Steigerung
des Vergnügens viele, viele Stöße in den hingehaltenen Bauch und
tanzte zuguterletzt patschig und negerhaft wie ein Eunuch im Hemd
herum, daß sich die ganze Gesellschaft vor Lachen wälzte.
Von da ab saß er jeden Abend am Tische van Haarskerks, duzte sich mit
diesem. Der Millionär war eine besondere Art von Mensch, Er hatte der
kleinen Kabarett-Diva Yvonne eine Villa draußen an der Peripherie der
Stadt gebaut und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihren früheren
Bekannten Gelage zu halten, ausgesuchte Gerichte zu kochen und
Autotouren zu machen. Durch sein Verhältnis mit der Diva war er im
Laufe einer ganz kurzen Frist zu einer Art Stadtbekanntheit geworden.
Meistens kam er mit zwei oder drei vollbesetzten Autos im
Paradies-Kasino an. Allerhand zweifelhaft gekleidete Leute begleiteten
ihn, alles frühere Geliebte Yvonnes--: abgewirtschaftete Studenten,
die sich Dichter nannten, einige Kunstmaler, ehemalige Kabarettleute,
undefinierbare Witzbolde und schließlich noch einige Herren, die stets
neueste Mode am Leibe trugen, gepudert waren und das Einglas ins Auge
geklemmt hatten. Nach Schluß der Vorstellung fuhr man nicht selten mit
noch Hinzugekommenen, momentan die Langeweile vertreibenden
Eingeladenen nach Hause, um dort weiterzutrinken, zu diskutieren oder
Bakkarat zu spielen, his die Frühe fahl ihr Licht durch das dicke
Glasdach des Wintergartens auf die Zecher herabfallen ließ.
Adam Högl faßte festesten Fuß in diesem Hause, ja, zählte geradezu zur
Familie, lernte fabelhafte Tafeln kennen, überschüttete die gelassene
Gleichgültigkeit, mit der man hier Unsummen in die Spieltischmitte
schob und wieder wegzog, mit seinen herabmindernden Späßen, trank
ebenso wählerisch wie selbstverständlich Whisky pur wie Kognak von
1875, Mit dem ihm eigenen Geschick sekundierte er, wenn Yvonne ihre
tausendmal erzählten Bettgeschichten und anzüglichen Witze erzählte.
Sein trainiertes Gelächter riß jedesmal mit und erleichterte den nur
mit Mühe die Langeweile verbergenden, devot Beifall spendenden
Günstlingen ihre schwierige Aufgabe auf das angenehmste.
Oft und oft kam es vor, daß die überreizte Diva eine Vase durch eine
Glastür warf, Unheil stand drohend--da auf einmal trompetete das
Lachen Högls und glättete im Nu den Sturm.
Es gab Nächte in diesem Hause mit ihm, die begannen mit einem wüsten
Balgen zwischen Yvonne und van Haarskerk, mit einem Zusammenschlagen
kostbarster chinesicher Zierrate, mit einem Demolieren von Türen und
Möbeln und endeten wie etwa eine unvergleichlich lustige Sylvesterfeier.
Hier war ein reicher Fischplatz. Adam Högl warf vorsichtig seine
Angeln und Netze aus.--
"Denn nichts dauert ewig und jeder muß sich nach der Decke strecken!"