II.

Ohne es selber recht innezuwerden, rückte Adam Högl in eine andere

Menschen schicht hinauf. Er trug nunmehr seidegefütterte Anzüge der

besten Schneider, ging mit gelassener Selbstsicherheit durch die

Straßen und grüßte mit ausnehmender Vorliebe auffällig gestikulierend

und so geräuschvoll, daß alles stehen blieb und lachen mußte, vornehme

Gäste des "Paradies-Kasinos". Fast jeden Abend nach seinem Auftreten

saß er an irgendeinem Tisch, inmitten einer fidelen Gesellschaft,

trank je nach der Art seiner Gastgeber entweder herablassend beiläufig

oder mit einigen Brusttönen lobender Aufmerksamkeit ältesten Wein,

Bekanntesten französischen Sekt, jeden Nerv kitzelnde Liköre und sog,

immer witzgerecht, mit geübt bäuerlicher, biederer Bescheidenheit alle

Bewunderung der Gäste in sich hinein.

Seine berechnete Natürlichkeit wirkte bestechend bei Damen, alten

Lebemännern und Industriellen. Er zotete, wenn ihn ein abfälliger,

herabmindernder Witz traf, üher alles hinweg mit jenerunerschütterlichen,

nie angreifbaren, hämischen Trockenheit, die entwaffnet. Mit dem ganzen

unterdrückten Instinkt eines Menschen, demdie Angst vor dem

Wiederzurücksinken in den Sumpf Spannkraft gibt, beobachtete er, erwog

die Möglichkeiten neuer Bekanntschaften, erlistetesich notwendige

Gebärden und Manieren, machte sich gutwirkende Kniffe zunutze

und galt bald als der gewiegteste Weinkenner und großartigste,

bewunderungswürdigste Zecher, mit dem es eine Lust war, Gelage zu halten.

Freilich, es gab auch Abende ohne Einladung, wo er am Künstlertisch in

der zerwetzten Nische saß und sich mit Kollegen und Kolleginnen, die

mit ihm das Programm ausfüllten, unterhielt. Artisten aus aller Herren

Länder, dicke Sängerinnen, zierliche Chansonetten und schwergebaute

Ringkämpfer waren da. Intrigen, Neid und Intimitäten gab es da,

Vertraulichkeiten und Klatsch. Mit teilweise unverhohlenem oder auch

leisem, verstecktem, stechendem Spott sahen diese weltbereisten, mit

allen Wassern gewaschenen Leute auf den Neuling herab. Es war

unerquicklich und feindselig in dieser Nische, alles deutete zurück in

die Misere.

Draußen, im Zuschauerraum, vertrugen sich die dickaufgetragenen

Freundlichkeiten vorübergehender Kollegen fast lächerlich leicht.

Während er nicht selten, wenn er spät nachts den Künstlertisch

verlassen hatte und heimwärts ging, zukunftsbesorgt und entmutigt war,

lebte er als Gast an den Tischen der Kasinobesucher stets auf, schaute

den vorübergehenden Kollegen kühn und dreist in die Augen, warf ihnen

treffsichere Zoten zu und lächelte unverschämt, wenn er auf ihren

Gesichtern die nur schwer zurückgehaltene Wut aufsteigen sah. Hier, in

diesem Meer, dessen Wellen ihn unausgesetzt emporhoben, fühlte er sich

völlig geborgen, unverfolgbar und mächtig.

Adam Högl war kein Optimist. "Nichts dauert ewig und jeder muß sich

nach der Decke strecken," sagte er bei jeder Gelegenheit mit leiser

Ironie, doch handelte er danach.

Gelegentlich eines wüsten Gelages mit dem Millionär van Haarskerk und

seiner Gesellschaft in einem abgedämpften Hinterraum des

Paradies-Kasinos ließ er sich kaltes Wasser kübelweise üher den Kopf

schütten, spielte mit Meisterschaft den völlig Betrunkenen, trank

gesalzenen Sekt ohne eine Miene zu verziehen, ertrug zur Steigerung

des Vergnügens viele, viele Stöße in den hingehaltenen Bauch und

tanzte zuguterletzt patschig und negerhaft wie ein Eunuch im Hemd

herum, daß sich die ganze Gesellschaft vor Lachen wälzte.

Von da ab saß er jeden Abend am Tische van Haarskerks, duzte sich mit

diesem. Der Millionär war eine besondere Art von Mensch, Er hatte der

kleinen Kabarett-Diva Yvonne eine Villa draußen an der Peripherie der

Stadt gebaut und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihren früheren

Bekannten Gelage zu halten, ausgesuchte Gerichte zu kochen und

Autotouren zu machen. Durch sein Verhältnis mit der Diva war er im

Laufe einer ganz kurzen Frist zu einer Art Stadtbekanntheit geworden.

Meistens kam er mit zwei oder drei vollbesetzten Autos im

Paradies-Kasino an. Allerhand zweifelhaft gekleidete Leute begleiteten

ihn, alles frühere Geliebte Yvonnes--: abgewirtschaftete Studenten,

die sich Dichter nannten, einige Kunstmaler, ehemalige Kabarettleute,

undefinierbare Witzbolde und schließlich noch einige Herren, die stets

neueste Mode am Leibe trugen, gepudert waren und das Einglas ins Auge

geklemmt hatten. Nach Schluß der Vorstellung fuhr man nicht selten mit

noch Hinzugekommenen, momentan die Langeweile vertreibenden

Eingeladenen nach Hause, um dort weiterzutrinken, zu diskutieren oder

Bakkarat zu spielen, his die Frühe fahl ihr Licht durch das dicke

Glasdach des Wintergartens auf die Zecher herabfallen ließ.

Adam Högl faßte festesten Fuß in diesem Hause, ja, zählte geradezu zur

Familie, lernte fabelhafte Tafeln kennen, überschüttete die gelassene

Gleichgültigkeit, mit der man hier Unsummen in die Spieltischmitte

schob und wieder wegzog, mit seinen herabmindernden Späßen, trank

ebenso wählerisch wie selbstverständlich Whisky pur wie Kognak von

1875, Mit dem ihm eigenen Geschick sekundierte er, wenn Yvonne ihre

tausendmal erzählten Bettgeschichten und anzüglichen Witze erzählte.

Sein trainiertes Gelächter riß jedesmal mit und erleichterte den nur

mit Mühe die Langeweile verbergenden, devot Beifall spendenden

Günstlingen ihre schwierige Aufgabe auf das angenehmste.

Oft und oft kam es vor, daß die überreizte Diva eine Vase durch eine

Glastür warf, Unheil stand drohend--da auf einmal trompetete das

Lachen Högls und glättete im Nu den Sturm.

Es gab Nächte in diesem Hause mit ihm, die begannen mit einem wüsten

Balgen zwischen Yvonne und van Haarskerk, mit einem Zusammenschlagen

kostbarster chinesicher Zierrate, mit einem Demolieren von Türen und

Möbeln und endeten wie etwa eine unvergleichlich lustige Sylvesterfeier.

Hier war ein reicher Fischplatz. Adam Högl warf vorsichtig seine

Angeln und Netze aus.--

"Denn nichts dauert ewig und jeder muß sich nach der Decke strecken!"

Zur freundlichen Erinnerung · 第 49 / 61 题