Vor zweieinhalb Monaten noch--hol der Teufel diese kalten, widerwärtig
regnerischen Herbsttage!--trottete Adam Högl verdrießlich durch die
dumpfen Straßen, überlas ein um das anderemal die Karte des
Arbeitsamtes, die ihm anbefahl, daß er sich beim Kranenwerk als
Erdarbeiter zu melden hätte, zerknüllte sie ebensooft in der Tasche
und trat gedankenlos in die Kneipe der engagementslosen Artisten "Zur
wilden Rosa."
Widerlich, wie er jetzt auf einmal noch quälender die kalte Nässe an
seinen Gliedern herabrieseln fühlte! Und ausgerechnet mußte noch dazu
die selbstspielende Geige unausgesetzt kratzen, daß es durch Mark und
Bein ging!
Die rauchige Luft war zum Schneiden dick hier und ein Lärm herrschte
an allen Tischen wie auf einem Jahrmarkt.
Knirschend und ohne sich um die geschwätzige Gesellschaft zu kümmern,
ließ sich der Eingetretene auf einen Stuhl fallen und schwang seinen
patschnassen Hut ein paarmal derart wütend him und her, daß die
herausgepeitschten Tropfen wie aus einem Weihwasserpinsel herumflogen.
"Pilsner oder Most?" schrie der Kellner üher die Köpfe hinweg.
"Pilsner!" brummte Högl finster zurück und machte sich breit. "Hoho!"
murrte jemand beinahe drohend am Tisch, und ärgerliche Gesichter hoben
sich. Auf einmal rief eine bekannte Stimme: "Mensch! Högl!" und Adam
Högl sah verwundert auf.
"Högl! Mensch! Adam!" schrie es abermals und ein Herr mit rundem,
lachendem Gesicht tauchte an der anderen Tischseite auf, beugte sich
behend in die gedrängten Leute: "Erinnerst du dich? Krull, vierte
Kompagnie, Zimmer achtundzwanzig!? Bauchreden!" Adam Högl faltete
schnell die Stirn.
Ja, es stimmte: Im Zimmer achtundzwanzig der vierten Kompagnie lag er
neben Ferdinand Krull und betrieb als Liebhaberei die gelegentlich
erlernte Kunst des Bauchredens. Er entsann sich ganz deutlich, und
unwillkürlich, fast von selbst entquollen ihm einige Laute. Er saß
gerade aufgerichtet da, mitten im plötzlich verstummten Kreis der
Gesichter, mit geschlossenem Mund--nur der herausgedrückte Punkt
seines Halses bewegte sich etwas auf und ab--und tief unten in seinem
Bauch redete es.
"Mensch, du kannst noch!? Komm sofort mit! Du wirst meine beste
Nummer!" jubelte jetzt der ehemalige Barkellner Ferdinand Krull, und
ehe die verblüffte Schar sich's richtig versah, trabten die beiden
eilsamen Schrittes aus der Kneipe, stiegen in das bereitstehende Auto
und weg waren sie.--
Am selben Abend schon stand Adam Högl auf der grell beleuchteten,
geräumigen Bühne des Krullschen "Paradies-Kasinos" und johlte seine
Bauchstimmen-Witze in das bunte, glänzende Publikum, das sich
allabendlich hier zusammenfand.
Flüchtig zurechtgemacht, im zu großen, faltigen Frack des beleibteren
Krull, mit viel zu weitem Kragen, der sich wie ein schmaler weißer
Kummet um seinen dürren, langen Hals wand, in einer karierten,
schnürenden Weste, einer billigen gestreiften Hose und den quälend
drückenden Lackschuhen des Wirtes--so stand Adam Högl, eine beachtete,
wichtig gewordene Einzelperson,--wie aus einer tiefen sumpfigen
Finsternis plötzlich auf einen strahlenden, weithin sichtbaren Gipfel
gehoben--inmitten der sorglosen, großen, prächtigen Welt.
Musik fiel ein, säuselte süße, schmeichelnde Melodien durch den Raum,
tuschte, brach ab--der Vorhang peitschte in die Höhe. Vereinzeltes
Stühlerücken noch, leise verschwingendes Gläserklirren und andächtige
Stille minutenlang. Adam Högl riß die Augen weit auf. In der
blauüberleuchteten, abgedämpften Zuschauergruft tauchten puppige
Herrenrücken auf, kühngekleidete Damen, ebenmäßige, gepflegte,
wunderbar abgetönte Gesichter und lange, glitzernd beringte Hände
mit Elfenbeinfarbene Nacken bogen sich waghalsig.
Herausfordernde, runde, nackte Arme bewegten sich lässig
undentblößte, leicht gerötete Brüste hoben und senkten sich wie
weiche, märchenseltsame Lichtflächen, die ein fächelnder Wind
arglos um schwirrte.--
Mit Gewalt mußte Adam Högl an sich halten. Der Atem stand ihm still.
Schweiß war auf seiner Stirn. Mühsam preßte er endlich die ersten
Laute heraus.
Es räkelte.
Sein Herz klopfte auf einmal wie im Galopp. Mit ganzer Kraft straffte
er sich, gröhlte unbeholfen den ersten Witz heraus, begann ohne
Zwischenpause den zweiten.
Es räkelte schon wieder. Seine Knie begannen zu schlottern. Er biß die
Zähne fest aufeinander, preßte--preßte die Laute, die auf der Kehle
saßen, wieder zurück, hinunter in den Bauch und hatte endlich den
zweiten Witz.
Das Räkeln verstärkte sich, verflachte zu einer allgemeinen
Bewegung. Schon drohte er umzufallen--da brach ein berstender,
frenetischer Jubel üher ihn her, ein Gelächter wie aus einer
vielstimmigen Riesentrompete, ein betäubendes Klatschen, als sei hoch
auf einem Berge die Schleuse eines gehemmten Flusses mit einem Male
jäh aufgerissen worden und die ganze Wasserlast falle sausend in die
Tiefe.
Er war gerettet.
Er atmete auf, hielt inne, ließ den Jubel verrauschen und jetzt floß
sein ganzer Mut und Witz berückend sicher aus ihm heraus, hinab in die
Gruft und wieder zurück an seine schweißnasse Brust wie
verhundertfachter, brausender Dank.
Er hatte gesiegt.
Einen solchen aus allen Geleisen geratenen Beifall hatte das
"Paradies-Kasino" noch nie erlebt.--
Vollkommen erschöpft schleppte sich Adam Högl am Arm seines ehemaligen
Regimentskameraden immer wieder durch die getürmten Blumenhaufen, vor
bis an die Rampe, kaum noch fähig, sich zu verbeugen. Und immer, immer
wieder zuckte der Vorhang, fuhr sausend auseinander und in die Höhe.
Zuletzt sah es aus, als hätten sich alle Menschen da unten
übereinandergeworfen und in das wüste, kreischende Plärren mischte
sich endlich die Musik undschwoll an zu einem mächtigen Choral. Und
regelmäßiger, breit und den ganzen Raum erbeben lassend sang es aus
allen Kehlen zur Höhe: "Ooo du Pa--a--aradies! Pa--a-aradies
--Kasi--ino--o--o!" daß Adam Högl buchstäblich wie halbtot seinem
Kameraden in die Arme sank und aus tiefstem Glück erschüttert auf
johlte: "Pa--a--aradies!"--
Einige Tage später konnte er an allen Litfassäulen in halbmetergroßen
Buchstaben seinen Namen lesen und darunter stand: "Die große Nummer".
Und jeden Abend erntete er den gleichen Beifall. Schon in der Mitte
des zweiten Monats war auf allen Plakaten, quer üher "Die große
Nummer" geklebt, zu lesen: "Zum dritten Male prolongiert!"--