In seinem Turmzimmer ging Michael auf und ab, blieb hie und da stehen,
hob rasch den Kopf und lächelte schmal. Und früh am Morgen, him und
wieder, schritt er üher die nebeligen Felder.--
Inzwischen wurde der Bau der Eisenbahn im Landtag zum Beschluß erhoben.
Soweit ließ man sich noch ein, daß man Söllingers Haus umkreiste.
Dafür aber lief jetzt die Linie durch seine besten Getreideäcker.
Und war beschlossene Sache! Nächstes Frühjahr sollte die Strecke in
Angriff genommen werden.
Beim Söllinger liefen die amtlichen Schriftstücke über die
abzutretenden Grundstücke ein. Die Bauern standen vor den Anschlägen
mit verbissenen Gesichtern, brummten und fluchten. Eine furchtbare
Erbitterung hatte das ganze Dorf ergriffen. Aber es half alles nichts.
Alles nichts!
Und die Schätzpreise waren spottniedrig.
Es gab kein Zurück mehr. Mißmutig fügten sich die Bauern.
"Eine Bahn! Eine Bahn! hat alles geschrien!--Jetzt haben wir's!"
polterte der Gleimhans beim Lechl; "ich hab's immer schon gesagt: es
kommt nichts Besseres nach! Wo man mit der Regierung zu tun hat, ist
Schwindel!"
Und die anderen, die am Tisch saßen, sahen ihn finster an. Finster und
besiegt, überlistet und ratlos.
"Müssen ja doch! Hilft uns alles nichts!" brummte der Reinalther und
spuckte wütend aus. Und manchmal sagte ein Verärgerter: "Ach was,--ich
verkauf mein ganzes Zeug dem Jürgert und mach' ihm einen saftigen Preis!
Dann kann der sich mit der Regierung herumstreiten!"
Kaum einer--so schien es--hörte darauf. Aber dann wiederholte es sich
des öfteren. Schüchtern klang es erst. Allmählich erzeugte es
nachdenkliche Gesichter und dann--dann sah man eines Tages den
Reinalther aus der "Ferkelburg" herausgehen. Keiner fragte nach dem
Grund dieses Besuches. Zwei-, dreimal wiederholte er sich und wieder
einmal fuhr die schwarze Kutsche aus dem Tor der "Ferkelburg".
Reinalther und Michael saßen hinten drinnen, der Italiener auf dem
Bock. Es ging Greinau zu.
"Warum hast deine Alte nicht mitgenommen?" fragte Michael im
Dahinfahren.
"Brummt und brummt bloß! Hat keinen Verstand für so was!" antwortete
der Bauer mit leichtem Ärger.
"Hat's doch schön jetzt! Kann sich in die Stub'n sitzen und
privatisieren!" meinte Michael fast ermunternd.
"Freilich! Das hab ich ihr doch schon hundertmal gesagt! Aber sie
meint halt immer: 'Der Feschl! Der Feschl--wenn er von der Fremd'
kommt--könnt' eine schöne Metzgerei aufmachen und hat jetzt auf einmal
keine Heimat mehr!" redete der Reinalther in die Luft, als spräche er
mit sich selbst.
"Aber Geld hat er! Einen Batzen Geld!" erwiderte Michael darauf. Und
der Bauer nickte: "Das mein' ich eben auch!"
Nachdem sie das Notariat verlassen hatten, lag auf Michaels Gesicht
eine freudig erregte Farbe. Er lud den Reinalther sogar zu einem
richtigen Schmaus ein und der wurde nach dem zweiten Krug schon
gesprächig.
"Wären noch andere im Dorf, die ihr Zeug anbringen möchten, sag ich
dir, Michl, brauchst dich bloß dranmachen," schwatzte er vertraulich
über den Tisch.
"Brauchen bloß kommen,--alle nimm' ich!" gab ihm Michael zurück.
Über Reinalthers Gesicht huschte eine wohlige Röte. Offen und richtig
freundschaftlich betrachtete er seinen ehemaligen Knecht.
"Weiß dich noch, wie'st mein Knecht warst, Michl," erzählte er,
"hätt'st dir auch den Buckl krumm gearbeit', wenn dein Amerikaner
nicht ins Gras 'bissen hätt'!"
Und Michael nickte und schloß mit einem: "Jaja, so ist's auf der Welt
hie und da!" Dann fuhren sie wieder ins Dorf zurück.
Der Reinalther durfte in seinem Haus bleiben und saß von jetzt ab Tag
für Tag beim Simon Lechl in der Wirtsstube. Oft kam er angeheitert
nach Hause. Dann brummte sein Weib: "Wirst noch grad so wie der
ersoffene Jürgert."
"Hab'ns doch, Alte! Hab'ns doch!" gröhlte dann der Bauer bierselig
heraus.--