V.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Veränderung der Sachlage

mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Dörfler ein. Die Kleinhäusler

fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre kärglichen Feldstreifen

trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und während

des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser

Verdienst war, wie man sich auszudrücken pflegte, "zum Leben zu wenig

und zum Sterben zu viel."

Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab erträgliche Löhne dort.

"Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!--Und brauch' nicht bitten und

betteln bei den Bauern," äußerte sich der Fendt, dessen baufällige Hütte

am Dorfausgang stand. "Ich bleib' überhaupt nicht mehr da," sagte der

Rieminger, "ich verkauf mein Häusl dem Jürgertmichl und mach' eine

Wäscherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!"

Und so geschah's auch.

Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthäusl

und den baufälligen Reishof gekauft. Die beiden Häusler bekamen eine

saftige Summe und konnten in ihren Häusern bleiben. Michael verlangte

nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr.

Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.--

Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens Äcker trampelten

die Arbeiter, dicht hinter dem Söllingergehöft, in den Weizenlanden

wühlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten

die Bauern auf ihre verwüsteten Äcker. Viel Fremdvolk war unter den

Arbeitern. Italiener und Böhmen. Es gab Einbrüche, nächtliche

Raufereien und Messerstechereien.--

Die Söllingerin bekam die letzte Ölung. Nach einigen Tagen starb sie.

Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab.

Die Glocken trugen ihr Läuten durch die Luft.

Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Söllinger:

"Was hast' von dei'm Leben, Bürgermeister? Deine zwei Söhn' sind ja

doch schon städtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den

Pflug!"

Finster sah der Söllinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine

zwei Söhne, der Martin und der Joseph, saßen da und schwiegen

gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr

bäurisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewußte

Gesichter, auf denen ein überheblicher Stolz glänzte.

Der Bürgermeister stand auf einmal auf und ging.

Es war Erntezeit. Die Straße führte an den ehemaligen Reinaltherfeldern

vorbei und an der Breite des Ignatz Reis. Da arbeiteten die Knechte

Michaels und der Italiener beaufsichtigte sie. Er war ein schweigsamer,

finsterer Geselle mit unheimlich tiefglimmenden Augen. Wenn er wo

auftauchte, griffen alle unwillkürlich hastiger zu. Der Söllinger blieb

einen Augenblick stehen, biß die Zähne aufeinander und schlug,

weitergehend, den Hirschgriffstock fester auf den Boden.--

Den Michael sah man jetzt tagsüber fast nie. Nur am Abend stelzte er

üher den Söllingerhügel, blieb manchmal stehen und sah wie prüfend der

Bahnlinie nach. Gebückt ging er. Er trug meistens einen breiten Mantel

und hielt einen Stock in der Rechten.

Manchmal wenn ein Heimkehrender an ihm vorbeiging, lag ein verglommenes

Lächeln auf seinen faltigen Zügen. Plötzlich aber verfinsterten sie sich,

sein Kopf senkte sich und hastig trottete er weiter.

Einmal traf es sich, daß er dem Söllinger begegnete. Er blieb fest

stehen und sah dem Bauern lauernd in die Augen. Es war gerade an der

Stelle, wo der Bahndamm sich hob, nah' am Bachbrücklein.

"Grad' deine schönsten Äcker haben's hergenommen," sagte Michael.

"Hm!" nickte der Bürgermeister und wußte nicht, wo er hinschauensollte.

"Wirst alt jetzt, Söllinger! Gib's her, dein Anwesen!" begann Michael

wieder.

Der Bauer schüttelte nur den Kopf störrisch und ging wortlos weiter.

Aber dieses Mal sah Michael noch tief in der Nacht die Stubenfenster

im Bürgermeisterhaus leuchten.

Einige Tage später geriet der Heustadel hinter dem Söllingerhof in

Brand und nur mit Mühe konnte die Feuerwehr das Überschlagen der

Flamme aufs Bauernhaus verhindern.

Der Italiener Rotti und der Böhme Zdrenka hatten es auf die

Bürgermeister-Magd abgesehen. In einer Nacht erstach der Böhme den

Italiener. Zwei Gendarmen von Greinau kamen. Unruhig wurde es im

Söllingerhaus.

Der Bürgermeister schlug wütend auf den Tisch: "Ich mag nicht mehr!"

Und resolut rannte er zur Tür hinaus, geradewegs auf die "Ferkelburg"

zu.

Michael empfing ihn freundlich und ruhig. Er bot eine Summe, daß der

Bauer seine Augen weit aufriß.

Der Handel kam zustande.

Der Söllinger gab sein Bürgermeisteramt auf und zog zum Schmied.

"Verkauf deine Kalupp'!" sagten jetzt jeden Abend der Reinalther und

er in der Lechlstube zum griesgrämigen Gleimhans.

"Hast deine Ruh' und einen schönen Batzen Geld und der Michl läßt dich

drinn, solang als du willst!" bekräftigte der Lechlwirt.

"Solang' ich leb, nicht!" gab der Gleimhans einsilbig zurück und

schüttelte beharrlich den Kopf.--

Zur freundlichen Erinnerung · 第 43 / 61 题