nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für
Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen
beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich
nicht länger bezwingen.
Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns
zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit -- er wußte ja nichts von
meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge -- und dann immer lebhafter
wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht
hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie
gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich
zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie.
Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.
»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie
müssen erst vertrauter werden.«
»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.«
»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.«
»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.«
»Sie ist arm.«
»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr,
unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begründete, führen wir
gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern
sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und
mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben,
was ihr Wünschen begehrt.«
»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl,
»sehe ich nicht ein...«
»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem
Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!«
»Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe
ich nicht ein...«
»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und
gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus
gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst
weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und
weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein
Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.«
»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an,
und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?«
Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst,
furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung
sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte
der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen.
Er brach auch bald auf. -- Wie that er mir leid.
Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig
war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und
Stahl brach, wenn er wollte.
Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und
der rechten Fußsohle, zurückzubleiben.
»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich
wiederkomme, dann... dann sind wir... älter.« -- »Aber Ottilie geht?«
»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.«
Ein Freudenschimmer überflog seine Züge.
»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?«
»Thorheit?« lächelte er, »Thorheit? Nein.«
»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß
und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es
ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen
und beträgt sich wie blind.«
»Verstehe ich Sie recht?« -- »Adieu, Herr Brauns.« --
Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu
überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. -- Darin ergab er sich.
Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause.
Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben,
wenn er sie verlangte?«
Sie sah ihn starr an, dann mich -- Ungermanns hatten sich gottlob
zurückgezogen -- als hätte sie nicht recht gehört.
»Er will Sie zur Frau.«
»Karl!« rief ich.
Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit
war ihr zu viel gewesen.
»Karl, wie konntest Du?«
»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will
nicht, daß Du mir draufgehst.«
»Wie egoistisch, Karl.«
Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und
wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. --
In der Nacht hörte ich sie weinen.
»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.«
»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie.
Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen
Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.
Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist
verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die
nur in der Theorie Bescheid wissen.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Titel-Dekoration]
Provinz-Erlebnisse.
Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine
Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn
der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare
auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön
und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber
mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat
Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und
Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld
bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer,
als in der Anbetung des Geldes.
Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz
sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so
vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur
selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel
ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich
Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich
berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte
ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und
von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich
nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich
unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und
es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren
werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?«
Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst
anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann
sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten
Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.
Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und
nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten,
eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck
erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren
Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des
Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow
hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied
zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden
nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen.
Die Verpackung ist dieselbe.
Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der
gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen
aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine
Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets
über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen
gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen
Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat
gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen
Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung
mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun.
So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die
Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.
Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu
hemmen.
Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein
gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau
hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die,
die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten
sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer
Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als
zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann
Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind?
Die Droschken waren ihnen zu theuer.
Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus?
Wer wußte denn, wo man damit hinkäme?
Man brauchte nur zu fragen.
Um sich Grobheiten auszusetzen?
Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig
Auskunft.
Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme.
»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.«
»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der
Mann. »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt
hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der
Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos
daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch
dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen
Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein.
Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde,
haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr;
und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die
ganze noble Gesellschaft ausgehoben.«
»Hat er seine Uhr wieder?« fragte Jemand.
»Nicht doch. Wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das
paßt ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung
steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf
ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu
enorm.«
»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die
übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind
Sie doch nicht am Ende selber?«
»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?«
»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!«
»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können
es mir glauben.«
»Wer glaubt, wird selig.«
»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen,
es war ein gewisser Ungermann.«
»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte
ich erstaunt.
[Illustration: Herr Ungermann]
»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?«
»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.«
»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?«
argwöhnte der Herr und fixirte mich.
Ich wurde verlegen.
»Und wo die Uhr geblieben ist?«
»Mein Herr!« fuhr ich auf.
»Ich kenne Berlin,« höhnte er.
»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann.
Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und
Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer
ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?«
»Ich verbitte mir jede Anspielung.«
»Ich mir dito!«
»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem
Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen
sich eben die Fremden.«
Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach
meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein
Schräg-_à-vis_ aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir
höflichst zu überreichen.
»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er.
»Das weiß ich nicht.«
»Merkwürdig!«
»Wieso?«
»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie
gebraucht werden?«
»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm,
das zu erfahren.«
»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf
springt sie.«
Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann
auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging.
Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht
wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?«
Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine
Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von
plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch
durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der
Polizei eingeliefert werden.«
»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.«
»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.«
»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich
klagbar werden?«
Er zögerte.
Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen
Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf,
Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das
Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?«
»Warum nicht? Patentirt wird vieles.«
»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer
Ecke.
»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei.
»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo
garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie
einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt
sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für
diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie
nicht damit auf. Das ist meine Meinung.«
»Aber wozu dient das Instrument denn?«
»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame.
»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen
Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer?
Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe
aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.«
»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken.
»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer
gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln,
weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. -- Danke!«
Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der
sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu
raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die
Industrie.« -- Und was der nicht wußte, ergänzten Andere.
Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft,
die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und
herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.
Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen.
Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst
Kommerzienräthen unmöglich.
Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt,
verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte
den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal
nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger
nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben
und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich
ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehört dazu,
Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie
molum gesehen wurde!
In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist
ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die
weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin,
wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert. Wir haben unsere
billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den
Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von
England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg.
[Illustration: Unterwegs mit dem Wagen]
Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern
auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man
vorüberfuhr in ländlicher Stille. Wie viele Menschen doch außerhalb
Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei
nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige,
was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen
Zufriedenen.
Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit
Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte. Waren denn Ruhe und Frieden
und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in
die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre
ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll
hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das
Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der
Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch'
unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann?
Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne
Unschuld. Den werd' ich abmalen!
Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der
Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte
um Gnade, so klang das Geblase.
Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und
waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie
aufzufinden ging ohne Adreßkalender.
Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den
Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen
wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?«
»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte,
setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit
Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth
es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen
konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre.
Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie
nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht
dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es
drei Häuser weit gehört haben.«
»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu
sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.
»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es
mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt
mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den
ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich;
darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«
»Aber Tante Lina!«
»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie
brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten.
Das hat Johannes auch gemußt.«
»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina,
aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«
»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben,
sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum
dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«
»Wovon sollen sie existiren?«
»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind
glücklich.«
»Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein
die Miethe. Und er hat nichts.«
»Oh, so viel wird er wohl haben.«
»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit
Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante
Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.«
»Sie lieben sich.«
»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will
Ottilie...«
»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet
glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für
alle Ewigkeit.«
»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich
nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen
wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde
gehen.«
Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so
hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente
bedenken würde, und das will ich auch.«
»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?«
»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.«
»Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.«
»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie
sagen wollte »und Du auch!«
Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können
sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen
eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas
keinen Platz.«
»Ich auch nicht. Was würden die Leute dazu sagen?«
»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und
hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den
schönen Worten hingehorcht haben.«
»Und was sagen die Leute immer?«
»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!«
»Was kann ich aber dabei machen?«
»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch
Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.«
»Nein.«
»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein.«
»Muß?«
»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh -- Sie
wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist
gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie
frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier.
Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?«
Sie schwieg geraume Zeit. »Wie ist das gekommen?« fragte sie.
Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich
will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt.
Vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier.
Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber
Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!«
Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging.
Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr
Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit
erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der
Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur
Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger
ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.
»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an.
»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden
und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur
Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.«
Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante
Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich
sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden
gekommen.
Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Titel-Dekoration]
Es kommt zum Klappen.
Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach
Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt
gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig
bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich
zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene
Thaten aufgebrummt kriegt, -- vielleicht daß man mal zu heftig gewesen
ist oder Nebenmenschen es besorgt hat -- mit Ausnahme der Krausen
-- oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch
steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den
Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon
vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert
ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie
aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück.