Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute,

die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und

bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche

Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das

Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth

allerdings auch nichts. Und Fehler -- wo ist völlig Vollkommenes? Man

muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute

gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen

Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.

Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu

stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.

Ich sagte: »Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen

müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo

oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach

dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit,

da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen

Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach

Einundsiebzig anschwellen würde.

Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze

große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und

Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.«

So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung

fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über

hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären?

»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so

sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte

hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen

Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling

bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch

ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur

Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht

als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer

von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und

wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen,

die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit:

vierzig.«

»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein

langer Magerer, »das ist ja enorm billig.«

»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich

seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie

für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus

den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.«

Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in

aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im

Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten?

Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt

hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei

Bekanntschaften unter,« sagte ich. -- »Das würde doch wohl lästig,«

meinte eine Dame. -- Ich seufzte.

»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen

noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu

pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für

sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie

ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.

Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde

auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die

Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich

nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um

nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod.

Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher

und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck

heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so

in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch

lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er

sich eilt, wenn man mit will.

Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als

die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als

meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.

Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht,

aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie

bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch

Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf

der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf

und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität.

Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo

sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei

weih!

Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz

freuen.

Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit

seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie

dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja

auf die eigenen Hacken.«

Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte

er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war

früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu

jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.«

[Illustration: Droschkenpferd]

»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone.

»Nach'n Stall will er.«

»Also dalli!«

»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is.

Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen

jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um

mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.«

Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige

Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften

allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch

feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie

und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung

sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich,

wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder

Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes

Jahrhundert, worin wir leben.

Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster.

»Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem

Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik

oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stören, und mein

Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete.

Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder

sonst was, wonach man noch kränker wird.

Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand.

»Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der

Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm

zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem

verkehrsmüden Wettklepper a. D.

Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte?

Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon

schauderhaft. Ob ich schrie?

Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel

paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte.

Keinerlei Schnarchung.

»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin

es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.«

Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist

auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.«

Er rührte sich nicht.

»Karl, mach' auf!«

Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse.

Sehr böse; verstehst Du mich?«

Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein.

Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab.

Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein.

Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer.

Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß

mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die

Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's

Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die

Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen

matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.

[Illustration: Dorette und Schutzmann]

Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber

strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die

Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug

gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und

Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die

Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war.

»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge.

»Aus.«

»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?«

»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er.

»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch

seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?«

»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen

weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.«

Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und

schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es

hatte tüchtig geschafft.

Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene

Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte

fangen Orgien an!

Also mein Karl war aus. Recht heiter!

Nun zu Ottilien.

»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt

Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.«

Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird

sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. --

Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.

Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag

Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie

heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer

zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das

Kind.

Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie

plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.

Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich

wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.

»Wo ist Mama?« fragte ich.

»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.

»Anna, werde doch munter. Wo Mama ist?« frage ich.

»Im Bett.«

»Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?«

»Im Bett.«

»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes

Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.«

Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die

war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt

Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.

Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war

geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind

und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf.

»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht

länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist.

Erstens die Ungermann?«

»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich

jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de

Billijen.«

»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?«

»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.«

»Von wo?«

»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr

heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie

sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so.

Jenau konnt ick't nich verstehn...«

»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?«

»Der? Der sagte jarnischt.«

»Der mußte doch wieder antworten.«

»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.«

»Der nicht? Welcher junge Herr dann?«

»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick

an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir

verkieken.«

»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich

Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen...«

»Se hat schrecklich jebarmt.«

»Und er weggerannt?«

»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un

wat die Kliebischen is, mit ihn.«

»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?«

»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um

den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un

es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu

behalten.«

»Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?«

»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick

alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward

se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode

jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.«

»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn

Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.«

»Och Jotte nee!«

»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht,

was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?«

»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu

finden!«

»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und

setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den

zieh ich Ihnen vom Lohn ab.«

»Et war ja keen Anderer da.«

»Wozu ist denn die Wasserleitung?«

»Da jeht keen Schutzmann ran.«

Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts

Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein

Zeichen.«

So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends.

»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar,

se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's

letzte Lebewohl sagt.«

»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.«

»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein

Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de

richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.«

»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen

Grogh?«

»Zwee.«

»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich...?«

»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.«

Was nützte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte

ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar

verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu

Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch

mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen

mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie

geflohen sein und warum?

Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr

Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht

gehabt.

»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen

Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?«

»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind,

ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir

doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is

ja so jut.«

Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren

Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.«

Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich

und auswendig aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet man den Rücken

und die Welt geht unter.

Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht

blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten?

Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel

eingerichtet?«

Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein.

Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür.

Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac

ist gut.« -- Das war Kliebisch's Stimme.

»Mir recht.« Das war mein Karl.

»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann.

Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend

zwischen Kliebisch und Ungermann.

Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der

Schreck.

»Du hier, Wilhelmine?«

»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht

wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren,

namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater

so väterlich für meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten

mitgenommen haben, während ich weg war.«

Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum

Schluß... weil ich morgen abreise,« stammelte er.

»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl.

»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie,

Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann

verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts

mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein.

»Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.«

»Die ist längst aus.«

»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch

fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.«

»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und

Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.«

»Was ist das?«

Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich

ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt,

war ihre Antäubung so gut wie verflogen.

»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die

etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.«

»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch.

»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht,

meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel

mitzutheilen.«

»Ich schlafe doch in der Fabrik.«

»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist

abgedreht. Komm nur.«

Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber

in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren

bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Alt-Berlin.

Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz

nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der

Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die

Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer

Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren,

Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit.

Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.

Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein

Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter

Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was

die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle

sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn

Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde,

muß er erst beweisen, was er sagt. -- Für mich ist es Berlin, schon

allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über

den Straßen hängen.

Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt -- ganz allein

-- vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich

besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob

die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow

toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren

die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt?

Verstorben?

Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte

Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in

niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.

In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen

war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein

trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem

Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.

An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben

wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das

alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte

ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet.

Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die

Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen

Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel

Spielzeug aus den Kindertagen.

Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche

Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich

fällst Du irgendwie und wachst auf.«

Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer

Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.

»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin

ich eigentlich?«

»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.

»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«

»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in

seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.

»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.

»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?«

»Welches Moos?«

»Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines

Grün? Wie?«

»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber

wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.«

»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips.

Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.«

Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als

wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf

sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden.

Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.

»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu

fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«

»Sie sind wirklich ein Künstler!«

Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach

er, »meine Kollegen denken anders.«

»Haben denn die das Moos gesehen?«

»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit

Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...«

»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 13 / 16 段