geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thätigkeit,
von Arbeit derart breitgedrückt, daß er an Ottilie zu denken selbst
Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt.
Der hat natürlich eine Tochter, die ihn anfangs übersieht, schließlich
aber durch den Vater auf Kriehberg's Tüchtigkeit hingewiesen, ihn
von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich
schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: »Arbeit ist
die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glückshafen gelotst hat«
und führe zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wäre, wenn
er Ottilie gezwungen hätte, mit ihm die schmale Leiter der Karrière zu
besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schluß
dann, schöne, gediegene Segenswünsche mit dem scherzhaften Hinweis auf
Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der fröhlich heranwachsen
möge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath.
Aber man muß sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast
gebeten ist. Vorläufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die
Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mußte ja mit Kriehberg's
Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden
Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persönlich
selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh
würde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch
uneinverstanden.
»Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel
gethan,« sagte er. »Richtiger wäre gewesen, ich hätte ihm ein Attest
ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Männersache.«
»Das wäre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer
aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren,
hat der Betreffende durch Fleiß und Ausdauer sich Kenntnisse in
seinem Fache erworben, die ihn befähigen, einen Posten selbstständig
auszufüllen u. s. w.< So was läßt kalt. Ich hingegen habe den alten
Ypsilon angewärmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist,
die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mündliche Angriffe und er ist
erlegt.«
»Und wenn Kriehberg sich nachher unzulänglich erweist, wer trägt die
Verantwortung?«
»Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann muß wissen, wen er
sich aufladet. Uebrigens glaube ich, daß Kriehberg sich zusammen nimmt
und der würdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde
ist Kriehberg nicht schlecht.«
»Das Wenigste, was von einem anständigen Menschen verlangt wird. Nicht
schlecht ist lahmes Lob und heißt in Wahrheit >taugt nichts.<«
»Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Güte, wie
beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du
Dich glücklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch
jung und er hat seine guten Seiten.«
»Hat er? Und die wären? Bitte heraus damit.«
»In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf
besinnen.«
»Wäre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?«
»Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefährlich. Bedenke, wenn er
Dich zum Zweikampf forderte.«
»Das würde mir riesigen Spaß machen.«
»Karl,« rief ich entsetzt. »Weißt Du denn nicht, wie ungesund das Duell
ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn
drinn?«
»Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist
er eine bloße Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?«
»Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele
abknallen; man liest ja täglich, daß der, der keine Schuld hat,
immer der ist, der fällt, wodurch die Ehre des Beleidigers völlig
wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln,
sei es wegen einer Dame oder daß die Getränke zu stark waren, -- je
betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefühl -- oder daß einer
nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so
Unehrensachen sind...«
»Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist
und Körper zu sehr an. Das Beste für Dich wäre eine Erholungsreise.«
»Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhütet Mord
und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien
walte?«
»Du phantasierst.«
»Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen
Umständen zu schießen?«
»Mit wem?«
»Zum Beispiel mit Kriehberg.«
»Dem haue ich eine herunter, daß ihm vier Wochen der Hut nicht paßt.«
»So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz ähnlich gerade so. Das
beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der
Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehören. Viel
wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen
wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl?
Auf der Ausstellung bietet sich die schönste Gelegenheit dazu.«
Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getränk, wie
Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen
werden, theils von Natursängern, theils vom Wurzelsepp, der am
unverfälschtesten umhergeht und jeden mit dem im Höhenklima zuhausenen
Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort
zeigt, daß er süddeutsche Gemüthlichkeit nicht nur dem Namen nach
kennt, sondern, da sie hauptsächlich in der herzlichen Sprache liegt,
sie auch auszuüben versteht und womöglich gleich losjodelt.
Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten
Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch
und die Herren mit bloßeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist,
nur das Tirolerische radebrechen sie, daß die Gemsen abstürzen,
wenn sie's hören. Warum hat noch niemand ein Büchlein verfaßt:
»Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen,« das viel
Segen stiften würde und zur Ausstellung fertig hätte daliegen müssen,
die Risse zwischen Süden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten
Bräue allein versöhnt nicht, das gegenseitige Verständniß, das einigt
und mein Karl hat die Erlaubniß, mit den Münchener Kellnerinnen sich
für den nächsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es
sind armforsche ältere Jahrgänge, fleißig und eifrig im Bedienen, daß
es mit dem Anbandeln nichts ist.
[Illustration]
»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit
Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische
bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua.
Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und
Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum
Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch
>schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran,
wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert
werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden
braucht.«
»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich.
»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht
Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater.
Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer
gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.«
»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die
net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.«
»Punktum!«
»Woso?«
»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es
heißen müssen.«
»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« --
»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum
Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren
Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die
sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.«
»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen
Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das
läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins
Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das
Fest im Winter zerstreuen Dich.«
Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden
Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und
aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. --
Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen
länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen
der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten,
Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf
die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern,
wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre
Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der
Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.
Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man
ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel
hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf
Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man
wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist,
woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles
und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und
Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es
wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen
und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut
und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh,
wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.
Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die
Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist
der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer
lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher
Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte
und wie man an ihnen vorbeirast.
»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den
Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«
»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am
Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug
ist eine optische Täuschung.«
»So'n Schwindel!« rief ich empört.
»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir
den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins
Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach
Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im
Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«
Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus,
-- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten
durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des
Ochsners.
Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen,
hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle
und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die
Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.
Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein
Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als
Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den
Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen
Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster,
Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen
wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer
Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie
fallen, fallen sie der Medicin in die Hände.
Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in
Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der
Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt
hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die
überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das
eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?
[Illustration: Absturz im Gebirge]
»Wie beim Duell -- um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön
die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu
schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein
Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der
Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch
in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der
Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« --
Nicht schön das.
Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst
gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.
Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und
begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er
stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit
rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen.
»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber
hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie
großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr
Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.«
»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?«
»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.«
»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.«
»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen
mit einem Begleitschreiben...«
»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?«
»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...«
»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg.
Nein, nein.«
»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.«
»Weiß er, daß Sie es sind?«
»Nein.«
Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene
Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu
thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.
»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn...
denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr...
Morgen ist es auch noch Zeit?«
»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte
ich.«
»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte
Ottilie nicht übermorgen abreisen?«
»Mir hat sie nichts gesagt.«
»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre
Tante würde sich sehr freuen?«
»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein
sagen,« lachte er.
Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht.
Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein
Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Titel-Dekoration]
Auswärtige und innere Angelegenheiten.
Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer
zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen
solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen
auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen
dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun
die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere,
wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist,
das nämliche.
Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien
und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir
zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen
gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles
machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet
können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen
Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine
Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann
jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben
und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an
und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche
Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.
Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens
kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.
»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.
»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir,
Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du
nur eben watscheln könntest.«
[Illustration: Mandarin und Untergebene]
»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund
geworden.«
»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«
»Wie grausam!«
»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«
»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz,
ich bin sehr, sehr unglücklich!«
»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue
Richtung gelesen und willst mitmachen?«
»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun
erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.
»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen
Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«
»Ich kann kein Blut sehen.«
»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine
Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was
sagt denn Dein Mann dazu?«
»Das Schlimmste weiß er nicht?«
»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«
»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie
endigt.«
»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«
»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen,
nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«
»Wer? Ottilie?«
»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der
verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die
öffnet sich umsonst.«
»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen
gehen täglich zurück.«
»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«
»Dann laß sie ihn heirathen.«
»Sie liebt aber den anderen.«
»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden
zusammengekobert?«
»Wenigstens stark nachgeholfen.«
»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat.
Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst
hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie
so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie
weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«
»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich
mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich
abwesend bin?«
»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es
ohne Dich schwerlich.« -- »Fritz!«
»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du
siehst schon ganz spack aus.«
»Meine Talje wird mir zu weit.«
»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich
an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«
»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs,
des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird
einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine
mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit
echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der
chinesischen Wappenkulör.«
»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree
nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«
»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«
»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß
China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich
kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag
ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.«
»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...«
»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«
»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender
Politiker sein.«
»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die
Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der
Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte
Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen
Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«
»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«
»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt.
Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen
sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu
zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es
lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«
»War es denn halbtodt?«
»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen.
Augenblicklich träumt es chinesisch.« --
Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in
Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der
Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß
er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.
Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung,
wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem
Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und
Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn
auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es
wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt
wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede
Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt.
So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen«
Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die
Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel
so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde,
als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste
draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest,
um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt
goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der
Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu
sehen. Es triefte zu sehr. --
Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch
mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit
herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für
nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England
und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche
Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er
sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.
Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so
gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man
irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern.
Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte.
Denn dieser Kriehberg -- man sollte es nicht für denkbar halten --
wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde
Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger
zu verweigern.
Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war
und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Pustkarte, daß
N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde,
sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin
pocht er auf Aussichten. Unglaublich.
Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen,
so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm
fehlte Ottilie; mir nicht.