»Da liegt Poesie darin,« sagte er. »Ein Pferd bleibt doch immer ein

Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann

denn ein Cavalier sich auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes

Spinnrad klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?«

»Die Industrie denkt anders,« entgegnete Herr Ungermann. »Der durch das

Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist ein gewaltiger und wird sich immer

mehr steigern, trotz der Spöttelei der Feudalen.«

»Ich gehöre nicht zu den Feudalen,« wehrte Kliebisch ab.

»O doch, Hinnerich,« sagte die Kliebisch. »Hattest Du nicht auch einen

Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als der Landrath einen hatte, nur

daß von seinem mehr geredet wurde, weil er gefährlicher war als Deiner?«

»Und das Radfahren soll sehr gesund sein,« bemerkte die Ungermann.

»Das Reiten ist noch gesunder.«

»Das Rad ist das Roß des armen Mannes,« begann Herr Ungermann wieder.

»Auch der Minderbemittelte vermag sich eins zusammenzusparen und

braucht kein Geld für Heu und Hafer auszugeben.«

»Und das befürworten Sie?« brauste Kliebisch auf. »Wovon soll denn die

Landwirthschaft leben, wenn die verwünschten Maschinen die Pferde

verdrängen? Gerade am Hafer wird verdient. Hört das auch noch auf --

gute Nacht Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus Argentinien

und Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersäuft uns Sibirien mit

Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen genug herum, aber

die fressen es nicht.«

[Illustration: Radfahrer und Reiter]

Was sich nun ausbreitete, war Verlegenheit. -- Der Regen klatschte

gegen das Fenster. -- Die Herren rauchten.

»Ich möchte Rad fahren,« sagte Ottilie.

»Ich halte es für ungeeignet,« nahm ich das Wort. »Ist es eine Dame

oder ein Herr, was an einem vorüberstrampelt? Man unterscheidet es

kaum. Und manche Radlerin sieht nach der Tour täuschend aus, wie in

acht Tagen nicht rasirt. Dagegen zu Pferde gräfinnenhaft und elegant.«

»Prost! Frau Buchholz,« rief Kliebisch und leerte ein volles Glas auf

mein Wohl. »Welch ein Staat, die prachtvolle ungarische Radautzstute im

Musterstall; das ist ein Damenpferd; schlank, feiner Kopf, elastische

Fesseln, vorzüglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf möchte ich

Sie sehen, mein Fräulein, und nicht auf der Chausseestaubmühle mit

verbogener Figur in Pluderhosen...«

»Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen?« unterbrach ihn

die Ungermann mit verletztem Anstandsgefühl.

»Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel für Götter,« lachte Kliebisch,

dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. »Ich riskir' ein Auge daran.«

»Aber Mann!« rief seine Frau ihn zur Ordnung.

»Ach was; wie eine sich vorreitet, wird sie taxirt. Wenn sie sich auf

dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, aber schön sieht

anders aus. Möglich ist jedoch, daß die Schenkel sich mehr ausbilden,

wenn eine keine hat...«

»Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge,« fuhr die Kliebisch dazwischen.

Der Ungermann ward dies Gespräch sichtlich fatal. Sie mit ihren Gräten

hat natürlich gegen Sport, bei dem es auf einigermaßen Plastik ankommt,

solche Abgeneigtheit, daß sie nicht mal darüber reden hören mag.

»Man muß bedenken, daß für Radfahrer neue Trachten geschaffen werden;

schon jetzt beginnt ein gewisser Luxus in besseren und besten langen

Strümpfen sich bemerkbar zu machen,« sagte Herr Ungermann.

»Karl, hast Du gehört?« rief ich. »In besserer Waare. Nein, wenn die

Industrie dadurch gehoben wird, bin ich sehr für die Maschinenreiterei.

Könnte die Regierung nicht gesetzlich befehlen, daß alle

Reichsangehörige radfahren müssen und in einem Nebenparagraphen unsere

Wollsachen amtlich verordnen? Würde das den socialen Frieden nicht

gewaltig schüren?«

»Jawohl,« schrie Kliebisch. »Da haben wir wieder den Krämergeist. Die

Industrie muß unterstützt und gefördert werden; die Landwirthschaft

darf verhungern, das ist ihr angestammtes Recht. Aber wer soll den

Herren Industriellen ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein

Geld hat? Nur so weiter. Die Pferdezucht auch noch ruinirt und über

das verarmte Land rollt die alleinseligmachende Industrie auf einem

gottverdammten Unglücksrad in ihr eigenes Verderben. Zum Kuckuck mit

den Dingern. Verboten müssen sie werden.«

»Wie Sie auch schelten,« wandte sich Herr Ungermann an Kliebisch,

»das Rad ist dennoch von großer volkserziehlicher, sogar ethischer

Bedeutung. Der Radfahrer muß sich auf seinen Ausflügen der größten

Nüchternheit befleißigen; beherrschen ihn die Geister des Weines, ist

er nicht im Stande, sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst

und anderen gefährlich.«

»Das ist er schon ohne Kümmel,« höhnte Kliebisch ausfallend.

»Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der Mäßigkeit, gegen

die leider zu oft gesündigt wird.«

Das mochte Kliebisch sich wohl als persönliche Bemerkung zugezogen

haben oder sonst wie, genug, er blickte Ungermann spöttisch an und

sagte: »Tugendpredigen und den Weg der Tugend wandeln ist zweierlei.

Mir ist der Musterstall zehntausendmal lieber als hundert Musterknaben

und wenn auch blos Gäule drinn sind und keine Stadtväter. Wer auf die

Landwirthschaft schimpft, dem dien' ich.«

Mein Karl erhob sich, ging an die Uhr und wand sie auf. Wir wissen

althergebracht, daß dies der Wink zum Aufbruch ist, den die Gäste jetzt

auch ziemlich plötzlich begriffen.

Ottilie holte die verschiedenen Leuchter, die Kerzen wurden angebrannt

und unter mehr und minder wohlgemeinten angenehmen Ruhewünschen

vertheilte sich die Einquartierung in ihre respectiven Gemächer.

Ich räumte zusammen, der Dorette die Morgenarbeit zu vereinfachen.

»Was hat Kliebisch gegen Ungermann?« fragte mein Karl.

»Ich weiß es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts gesagt.«

»Der Streit und namentlich der hanebüchene Ton haben mich verdrossen,

ich kann noch nicht schlafen. Mir ist nichts zuwiderer als solcher

Zank.«

»Und Kliebisch's Wörterbuch! Aber das bauert auf dem Lande so hin

und wird etwas sehr gerade aus. Du hättest ihm nicht immer wieder

einschenken müssen. Herrn Ungermann lobe ich, der rührte den Wein kaum

an und Du mit gutem Beispiel an der Spitze desgleichen, mein Karl.«

»Die letzte Flasche schmeckte nach dem Kork.«

»Und das hat Kliebisch nicht gemerkt?«

»Er war zu sehr in Rage über die Räder und über Ungermann's

salbungsvolles Geschwätz.«

»Geht da nicht die Thür von der guten Stube?«

Wir lauschten.

Auch die Hausthür wurde vorsichtig geöffnet und geschlossen.

»Ungermann,« flüsterten wir Beide wie aus einem Munde.

[Illustration: Braut und Bräutigam]

»Er hat wohl noch Durst,« sagte mein Karl.

»Nach halbzwei, wo die Lokale zu sind?«

»Nicht alle. Wenn er nur die Hausthür nicht offen läßt.«

»Sei unbesorgt, Dorettens Schutzmann paßt auf unser Haus. Sie nimmt

sich neuerdings viel heraus, weil sie ihre Unentbehrlichkeit entdeckt

hat, aber ich übe Nachsicht, allein schon wegen der Sicherheit. Ist es

nicht romantisch, wie in der Ritterzeit, daß der Bräutigam die Burg

bewacht, die seine Braut als theuersten Schatz birgt?«

»Vollständig ebenso. Nur die Zugbrücke fehlt. Und das ist ein Glück für

Ungermann. Oder würdest Du sie herablassen, wenn er in aller Nacht Luft

schöpfen wollte?«

»In dem Regen? Es gießt ja mit Mollen. Weißt Du Karl... ich trau ihm

nicht mehr recht.«

[Illustration: Titel-Dekoration]

Nebenbuhlerei.

[Illustration: "Otilie ist eine gebrochene Lilie."]

Wie viel Wahres im Reimen liegt, das habe ich so recht an einem

eigengemachten Verse erfahren, der folgendermaßen geht:

Ottilie

Ist eine gebrochen Lilie.

Für »gebrochen« hätte ich gern ein hinziehenderes Wort, da sie noch

zusammenhält. Entblättert wäre insofern treffender, als sie die Kräfte

ihres Geistes unter den Tisch fallen läßt und die Perlen des Wissens

nicht mehr in die Unterhaltung rollen.

Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: »Wenn alle

Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten sie die Erde

siebenunddreißigmal« und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es?

Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was

Professoren so aushecken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer

kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut

den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist

schon schwieriger. Geflügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist

gänzlich Vertrauenssache.

Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken

gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebäude.

Herr Brauns führte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude

und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging.

Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe

freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer

Viertelstunde, man hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch

und klar ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, ein

Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem

Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und

deshalb steht ihm die Höflichkeit so gut, so ungezwungen.

Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein

und sie antworten mit sonnigem Lächeln, weiß ich, da drinnen steht

das Paradies der Kindheit noch in Blüthe. Sind die Augensterne

verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der

Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl

Schierling.

Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen

Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch -- gerade so wie

Ottilie -- und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben,

vergessen sie ihn nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Nacht

und versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche und

sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen

hinzuknieen in anbetender Seligkeit.

Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüsselchen zu dem

Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch

einmal so hübsch in Ottiliens Nähe, die Wangen rötheten sich tiefer,

die Augen strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, daß sie

auch ohne Worte redeten.

»Ein Paar wie gemalt,« mußte ich mir eingestehen, wenn ich sie

nebeneinander sah, »und ein goldener Rahmen dazu,« denn er kann ihr

eine glänzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie

sie ihn liebt und muß ihn abweisend behandeln und darf den Schlüssel

nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil es dem

unglückseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Cäsar: -- sie kam

-- er sah und wurde gefangen Und nun hackt er.

Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich

nicht hören wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste

vernagelt war.

Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt ihre nicht

heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die

Eifersucht und er drängt auf Verlobungskarten.

»Ich beauftrage sie nicht,« sagte ich. »Sie können doch unmöglich als

>Stellesuchender< darauf prangen?«

»Als Architekt.«

»Was besagt so'n Fremdwort? Und Baumeister sind Sie nicht. Also --

fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder vor.«

»Damit ein Anderer sie mir raubt? O nein. Ich weiche Keinem. Er stelle

sich mir gegenüber, drei Schritt Barriere und Kugelwechsel, bis einer

liegt.«

»Herr Kriehberg, einen solchen blutwürstigen Dietrich hätte ich nie in

Ihnen gesucht, und er paßt Ihnen auch nicht. Zu komisch.«

Ich lachte. Er wurde fürchterlich vergrätzt aussehend.

»Ich dulde keinen Hohn,« rief er. »Keinen, und von Niemand.«

»Wollen Sie mich am Ende fordern?«

»Sie nicht, aber Ihren Gatten.«

»Der hat so seine Ansichten über das Duell, mit dem werden Sie wohl

kein Glück haben.«

»Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir nicht. Der Gigerl,

der sich an Ottilie heranpirscht, der Laffe, der Schafskopf...«

»Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!«

»Also Brauns heißt die Canaille? Der soll mir vor's Messer. Ich danke

Ihnen für die Adresse!«

»Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind aufgeregt.«

»Mein Blut ist kalt.«

»Dann giebt es keine Entschuldigung für Sie. Und nun ist unsere

Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.«

Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buchgewerbes statt,

wo bei schönem Wetter die einsamste Einsamkeit herrscht, da die

Literaturhelden des deutschen Vaterlandes Einem blos den schimmernden

Rücken zeigen und ahnungslos dahin verschlagenes Publikum merkwürdig

rasch es ebenso macht.

»Also Sie weisen mich ab?« knirschte er.

»Nehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.«

»Was reden wir noch lange? Sie haben mir meine Ausarbeitungen bezahlt;

gut. Von der Verstümmelung meiner Geisteskinder schweige ich, sie war

haarsträubend. Ich war in Noth... Sie beuteten mich aus...«

»Nehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende Ihnen zu, was

mir die Zeitung bezahlt, und Sie werfen mir Wucher vor? Und was Sie

aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillirter Quatsch. So, nun

wissen Sie's.«

»Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der _p. p._ Brauns? Ei warte,

mein Junge!«

»Nein, das sage ich. Denn was man nicht verstehen kann, ist Quatsch.

Warum schreiben Sie kein reguläres Deutsch? Und Ihre Pläne können Sie

wieder abholen lassen, die waren überflüssig und sind überflüssig und

werden ewig überflüssig bleiben. Für Ihre weiteren Klamottenberichte

danke ich. Und nun denke ich, sind wir miteinander fertig.«

Er antwortete nicht.

»Mütterlich hab' ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so allein standen

und mit Ihnen herumgestoßen wurde, woran Ihre Ueberzogenheit Schuld

ist und Durchdrungenheit am verkehrten Platz. Aber ausbeuten?... Pfui,

schämen Sie sich.«

Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon Volks uns

einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt Goethen und Schillern

und den andern Prachtwerken näher zu treten.

Kriehberg preßte die Kiefer aufeinander. Dann brachte er mühsam heraus:

»Ich glaube,... Ihnen... Ihnen habe ich Unrecht gethan. Ich weiß es

nicht. Ich... ich kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse

ihn; ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie denken: ich

sehe ihn neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hübscher als ich, ich

muß es ihm lassen. Ich werde rasend. Für uns Beide ist die Erde zu

klein, viel zu klein.« Er war nach und nach so schreiig geworden, daß

immer mehr Gaffgesichter sich ansammelten.

»Mit uns ist es aus und damit Basta,« rief ich und bahnte mich durch

die Menge.

»Wat sagte sie von'n Paster?« hörte ich ein Weib.

»Natürlich Scheidung,« sagte eine andere. »Et nimmt selten en

fröhlichet Ende, wenn ne Olle sich'n Konfirmanden heranheirathet.«

»Jeschieht ihr janz Recht.«

Ich floh an den Möbelkojen vorbei, als hätte ich einen Eßtisch

gestohlen oder einen Kronleuchter in die Tasche gesteckt, so

unglaublich kam ich mir vor.

Ich bin auch wohl mal eifersüchtig gewesen in grundloser Dummheit

unerfahrener erster Ehestandsjahre, aber mit Weinen und Abbitte und

in wachsender Liebe zu meinem Karl, nie nicht mit Rachgierigkeit

und Mordgelüst. Meinen Mann fordern! Lachhaft! Wenn er kommt, mein

Karl ihm eine Backpfeife verabreicht, daß sie in Stücke fliegt. Aber

Herr Brauns, der kann sich in Acht nehmen. Kriehberg ist ja toll,

so verrückt, daß sie ihn in Dalldorf garnicht einlassen. Und mich

für wahnwitzig halten... ich Kriehberg's Gattin. Giebt es keinen

Schandpfahl für Weiber, die einem solche Verleumdungen nachschleudern?

Freilich, man ist weiß wie der Schwan, der blos untertauchen braucht,

wenn Gemeinheit ihn mit Stiefelwichse bewarf. Wo aber ist die

reinigende Fluth für den mit Unwahrheit bekleckerten Menschen? Wo

tauche ich unter, die Beschimpfung abzuspülen?

Wasser that es nicht. Doch ich weiß einen stillen See, der nimmt alle

Kränkung, allen Unglimpf hinweg und ist nicht größer, als daß er mich

gerade umfängt. Meines Karls Brust ist es, an die flüchte ich und er

schließt mich in seine Arme und ich tauche in seine Liebe. Dann kann

ich ihm alles sagen und, wenn ich Federn hätte: um neben mir nicht

abzufallen, müßte mancher Schwan nach Spindler.

Ich eilte mich und kam gerade rechtzeitig, Frau Kliebisch und Ottilie

in dem Stelldichein-Zelt zu treffen. Und wer war bei ihnen in

schlichtem hechtgrauem Anzug wie angegossen mit blendender Wäsche,

weißem Schlips, worin ein vornehmer Brillant, und grauem Hütchen,

das die braunen Augen und den schwarzen Schnurrbart noch eine Nummer

dunkler abstachen? Herr Rudolph. Was beginnen? Ihm von Kriehbergs

Nebenbuhlerkoller sagen, ihm Ottilien's Verplemperung mittheilen und

den Keim vernichten, worin das Glück zweier schöner Menschenkinder

dem Lichte zustrebt? Nein. Wenn aber Kriehberg angefaucht käme? Die

Schießröhren sind ja billig und überall feil, daß schon Klippschüler

sie zur Vertheidigung ihrer Ehre aus dem Maikäberverdienst anschaffen.

Also hat Kriehberg sicher Pulver und Blei in der Westentasche.

[Illustration: Duell]

Die geistige Volksküche im Chemiegebäude, wo ich letzt mit Ottilie

einem Vortrage über die Entwickelung des Klavierbaues beiwohnte, ist

ein trefflicher Platz, jemand zu vermeiden, aber nur von Sechs bis

Sieben. Der Klavierbau war sehr interessant. Ich fragte Ottilie, ob

sie spielen könnte? Sie sagte nein, aber sie thäte es doch manchmal.

»Das machen Viele so,« erwiderte ich, aber jetzt, da sie zum Drehen

eingerichtet worden, sind Klaviere nicht mehr die Qual der Kinder und

die Plage der Nachbarschaft. Alles Ueben ist schrecklich, nur nicht das

Ueben der Tugend. -- Ich gebe ihr zeitweilig solche Inschriften zum

Einmerzen ins Gedächtnis, aber seit Rudolph Brauns sind sie bei ihr

weggeworfen.

Herr Brauns lud uns zu einer Fahrt im Motorboot ein. Ich schützte

sofortige Seekrankheit vor.

»Das war doch in Italien nicht? Wissen Sie noch in Venedig?« sagte die

Kliebisch.

»Auf Salzwasser kann ichs ab,« flunkerte ich in meiner Angst.

Und Rudolph, der feinfühlige, verstand im Nu, daß ich eine Absicht

hatte und schlug die für den Ackerbau hoch wichtigen metereologischen

Apparate vor. -- »Pfeif' ich drauf,« sagte Kliebisch. »Mein großer

Schafbock ist der beste Wetterprophet. Greif ich ihm in die Wolle und

sie ist klammweich, wird's regnen, ist sie hingegen trocken, kann

ich einfahren. Ich denke, wir besichtigen die landwirthschaftlichen

Maschinen.«

Das ging nicht. Kriehberg schnob ja Wuth im Hauptgebäude, wo die Milch-

und Butterfässer sich langweilten.

Deshalb rief ich: »Ottilie, Du hast doch so unendliche Neigung für

Physikalisches.«

Rudolph Ottilien den Arm geboten und ab. Ich ärmelte seine andere Seite

unter und hielt meinen Sonnenschirm als Barrikade gegen den Todfeind

vor sein Gesicht. Befreiungsversuche waren erfolglos, bis wir im

Chemiegebäude aufathmen durften.

Was hat er uns Alles erklärt! Er weiß was und noch ein Ende mehr. Und

bei manchem sagte er trotzdem, daß jahrelanges Studium dazu gehörte,

um es voll zu verstehen und zu würdigen. Wo bleiben wir Frauen,

wenn ein Mann wie Brauns offen bekennt, ohne Mühe und Arbeit in

verschiedene Gebiete nicht eindringen zu können? Was Ottilie gelernt

hat, verschwindet gegen sein Wissen, wie ein Talglicht gegen den

Scheinwerfer. Und nun ich gar, die ich noch aus der examenlosen Zeit

stamme. Wie konnte ich so vermessen sein, Berichte zu übernehmen und

von Sachen schreiben zu wollen, die mir viel zu klug sind? Freilich

sollte Ottilie helfen, aber sie langt nicht, indem, was sie weiß,

keinen rechten Zusammenhang hat, sondern mehr auswendig gelernt und

blos so hergesagt. Und in Kriehberg täuschte ich mich gründlichst. Der

hat sich zu einem netten Alligator ausgewachsen.

Herr Brauns machte uns auf den berühmten Spektralapparat aufmerksam,

durch den die Gelehrten wahrnehmen, was auf anderen Weltkörpern

gekocht wird und zwar merkwürdigerweise mit Gas, wenn ich ihn recht

verstand. Mir waren ja noch sämmtliche Pulse in Aufruhr. Und zu den

Sternphotographieen führte er uns. Millionen weiße Tippel, aber in

Wirklichkeit viel größer als die Erde.

»Sind die alle bewohnt?« fragte ich.

»Wenn nicht alle, so doch gewiß viele.«

»Von Wesen, so wie wir? Giebt es da auch Rauhbeine, die auf Mord und

Todschlag sinnen?«

»Aber Tante!« rief Ottilie. »Wie schrecklich!«

»Glücklich, wer frei von Schuld ist,« sagte ich beziehungsvoll, »und

sich nicht auf einen entfernten Himmelsglobus zu wünschen braucht, wenn

es los geht.«

[Illustration: Chemiker]

Ottilie zuckte die Achseln; Herr Brauns trat an den nächsten Schrank.

»Sehen Sie diese Wage,« sagte er, »darauf kann man den zehnten Theil

eines Flohbeines wiegen.«

»Wird denn so was in Ausschnitt verkauft?« fragte ich.

Er lächelte. »Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie empfindlich solche

Wagen sind, mit denen die Chemiker ihre Analysen machen. Und sehen Sie

hier dieses Jenaer Glas, eines der ruhmvollsten Resultate deutscher

Wissenschaft und Technik.«

»Ich sehe nichts daran. Wodurch ist es so hervorragend?«

»Jede Sorte hat ihre vorherberechnete Brechung.«

»Die hängt doch von den Philippinen ab; manche zerbrechen viel, manche

gehen schonender mit den feinen Gläsern um. Sehr gerissen, das Alles

vorher zu berechnen.«

»Unter Brechung verstehen wir die Dispersion des Lichts, und da

eben diese Glassorten verschiedene Brechungscoëfficienten besitzen,

lassen sich achromatische Linsen von erstaunlicher Leistungsfähigkeit

schleifen. Früher war Deutschland in optischen Apparaten von Frankreich

und England abhängig, jetzt sind sie unsere Kunden. Und nicht wahr, das

freut Sie doch auch?«

»Als wenn Sie meine Gedanken gelesen hätten,« gab ich zurück.

Und einen solchen Prachtmenschen will Kriehberg umbringen.

Mir war der Boden heiß, auf dem ich wandelte. Mein einziges Trachten

war: weg, sobald als möglich weg!

Auf mein dringendes Befürworten fuhren wir mit dem nächsten

Schiffe stadtwärts, ich und Ottilie und er. Ich hielt unter diesen

Verhältnissen die Spreedampfer für weniger lebensgefährlich als das

Ausstellungsgebiet mit Kriehberg als Kain und Herrn Brauns als Abel,

weil sie so schön leer waren.

Ich sah ihm an, daß er nur eine Gelegenheit abwartete, eine Frage an

Ottilie zu richten und sah ihr an, daß sie die Frage fürchtete. Und so

kam es zu keiner Näherung. Sie war einsilbig bis zur Unart und mußte so

sein.

Deshalb ist Ottilie eine gebrochene Lilie. Und dabei verhehle ich ihr

das Schlimmste, nämlich Kriehberg's Verrücktheiten.

Wenn ich nicht vorsichtig die höchste Schläue aufböte und die Pfade der

Unvernunft sperrte, ich glaube, wir lägen schon alle miteinander auf

dem Kirchhof.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

In den Kunstalpen.

Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das

am grünen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von

Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und

von innen Tausend Fuß höher sein soll als von außen, gelangte, das ist

einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdruß und trübe Aussicht in die

Zukunft, war für die Alpen daher ungeeignet.

Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke

nämlich auf eine Anzeige: »Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit

praktischen Erfahrungen für N 44 Köpenickerstraße Nr. so und so.«

Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Baupläne waren

noch gegenwärtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch

einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles

Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, daß er genommen werden

mußte, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rühren sein

eigen nannte. Er mußte, es war nicht anders denkbar.

Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schlußwort:

»Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glück vorbei, man muß

ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der

Andrang zu groß. Vertrödeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich

wünsche Ihnen das beste Fortkommen.«

Ob ich es wünschte! -- Wär' er nur erst weg.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 10 / 16 段