Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie

dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt,

daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente.

Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab.

»Feine Leute,« schwaddronirte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld

spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit

Bildung zu thun haben. -- Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen?

Oder haben Sie noch Zimmer leer?«

»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in

der Fabrik.« -- Und das war der Wahrheit gemäß. -- »Wir persönlich

schränken uns auch ein,« fuhr sie fort.

»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer

Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein

geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der

Mann auch was hat.«

Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet,

vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte

polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's

jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte.

Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige

Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann

seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen

ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die

Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein

Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als

Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle

halbe Jahre eine neue?

Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und

Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine

auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig

und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine

Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu

stürzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.

Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie

schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit

der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit

und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie

aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde,

worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht

gut gehen lassen konnte.

»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts

im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau

macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den

mehrsten Verdruß...«

»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort,

»bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön

ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß

gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst

Zweie.«

»Nicht wahr?« freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das

Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne

Pendants.«

Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine

Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde,

sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.«

Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter

Pendants, meine Beste?«

Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die

blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein

Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube

auch in der Mode hat.«

»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich

in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft

machen. Wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn.

Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den

Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen,

Notabene wenn wir Glück haben.«

»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du

helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand

ganz verlegen und glücklich. So glücklich.

»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort,

»es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und

bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft,

der schmeißt sein Geld weg.«

[Illustration: Türme]

Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie

verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich.

In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung

angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die

Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite

dagegen.

»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum

Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu

verspotten.«

»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.«

»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die

Oeffentlichkeit treten für unweiblich.«

»Man muß es nur können.«

»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn

mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der

Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu

profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und

Butter versorgt.«

»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte

ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie

mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und

neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist,

nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern

ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade

gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die

Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften

und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie

heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das

Erfinderische gethan hat.«

»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »Willst Du auch einen Cognac

auf das kalte Zeug, Kathinka?«

»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.«

Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene

in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und

die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange

verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist

doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht

seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als

Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur

lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft

man es auch anstaunt.

Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen

gereizt.

»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem

Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick,

ich bin gleich wieder zurück.«

Sie nickten Einverständniß.

»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.«

»So?«

Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie

in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie

ahnte etwas.

»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.«

»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen.

Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse

reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen

beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.

Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder

Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann,

aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden

da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die

Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.

Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei

von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft,

kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns

erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung

aufheitert, wurden wir bald recht fidel.

Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in

Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist

halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!«

»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.«

»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,«

lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch

bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.«

Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn

Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es

war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an

denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben,

die sich an Vergiftung gewöhnen.

Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz

unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie

konnte und konnte nicht davon bleiben.

»Was ist darin?« fragte sie endlich.

»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine

Ahnung, wie mühsam die sind.«

»Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es

doch unmöglich so schwer?«

»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler

an.«

»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und

meckerte. Das sollte ein Witz sein.

Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die

Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie

weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner

Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und

aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.«

-- Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen

mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des

hohen Berufes der Presse.

»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen.

»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich. »Vorlesen!«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf

das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer

Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön.

Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten

Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf

sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies

ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch

hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht

mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der

Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des

Hauses Buchholz und Sohn.«

Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es

Ihnen auch recht?«

»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit

lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.

»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist

zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das

Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in

unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben. Wir ersuchen Sie,

einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. --

Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist

dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.«

Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie

hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine

Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem

früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Kann man sich

denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?

»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug

umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste

Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle müssen corrigiren.«

»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius

sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein

Ehrgeiz.«

»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir

fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser.

Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen

augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr

nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu

den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen

hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.«

Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen

kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu

aufgeräumt wurde.

Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen

gemüthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder

treffen wollten?

»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.«

An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie

ich es meinte, nämlich nicht in die _la main_. Nun war sie zufrieden,

nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden

war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine

Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die

Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht

durch die Finger, aber nicht ewig.

Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft

dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die

Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?

»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.«

»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg

entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken

zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.«

Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es

wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins

Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein

nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten

Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.

Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist

nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.«

»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat,

hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist

noch mein Tod.«

»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke

vornehmer als sie, Wilhelmine.« -- »Das thu' ich lange.« -- »Beweis

es mit der That und ärgere Dich nicht.« -- »Ueber so Eine nicht im

Geringsten.« -- »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.«

»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann

nie wissen, wie es kommt.«

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Eingeregnet.

»Verliere Deine Geduld nicht, es hebt sie Niemand auf,« sagte mein Karl.

Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie beim Photographen

kam nicht heraus und auch nicht länger. Irgendwo las ich einmal

etwas von Lachgas. Das wäre die einzige Stärkung für mich gewesen,

aber Dorette kam mit leerem Fläschchen wieder und sagte, in der

Drogenhandlung hätten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenöl nehmen

wollte, das wäre auch gut gegen Zahnschmerzen.

Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch nicht einsieht, sind

sie doch zu bewältigen; wo aber wohnen Aerzte, die Einem den Kummer

ausziehen und Aerger und Verdruß?

Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante

Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, -- sie war beim Abschied

wehmüthig wie an einem Begräbnißtage -- stand das Fremdenzimmer wieder

frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls

Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft

hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum

Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Töchterchen Anna

mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich

wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da sie für häusliche

Arbeit außergewöhnlich veranlagt sei.

Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die

Kliebischen mit Tochter übernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's,

die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird

geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, daß

die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon

Schmidt auf Reisen gehen mußte, um mit Lieferanten abzuschließen; er

kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wäre auch nichts für seine

Gesundheit, zu so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause.

Auf meine Bemerkung, daß der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei,

entgegnete Herr Ungermann, er wäre aufgeblieben, um die Brodträger am

frühen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des

Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände erwartet würde.

Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit

Kliebisch.

Dorette hat mir nämlich erzählt, daß wenn Ungermann's unter sich sind,

die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit

Liederjahn traktirt.

»Dorette,« beschönigte ich, »sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo

er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders

als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.«

»Det is man so duhn,« bestand Dorette. »Wat er der Ungermann is, er is

'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller

Satan.«

»Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone über meinen

Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die

Luft am frischesten ist.«

»Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte.

Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Straße

in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhändig den

Klatthammel abrubbelt un de Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind? Un

denn mir vorjeworfen von jründlich Reinemachen? Nee, et is hier schon

nich mehr scheen.«

»Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen,

das ist naturgesetzlich.«

»Sonne Jesetzer ästimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n

dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer

ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de

Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.«

»Dorette, ich lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja jetzt Hilfe an

Fräulein Kliebisch.«

Dorette lachte. »Komm die Frau 'mal mit,« sagte sie vertraulich und

führte mich in Herrn Kliebisch's Zimmer. »Det hat se von alleene

besorgt. Seh een Mensch blos det Bett an. Und da soll der eijene Vater

drin jeschlummert werden. Det is ja Umjehung von's vierte Jebot, >auf

daß es Deine Eltern wohljehe und se lange leben uf Erden.<«

Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind vollführt

hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thälern und Schluchten, die

Morgenschuhe standen auf der Kommode, den Vorleger hatte sie unter das

Spinde gefegt.

»Un ausjejossen hat se jar nischt,« höhnte Dorette. »Un det nennt det

Wurm en fertijet Schlafzimmer.«

»Sie ist noch jung,« nahm ich der Abwesenden Partei, »und das sind wir

Alle gewesen.«

»Aber man nich in solchen Jrade. Will des Fräulein Thuverkehrt mir

dajejen in der Küche helfen, bin ick nich abjeneigt, ihr Anleitung

zur Vervollkommnung in's Kartoffelschälen zu jewähren. Seit wir die

Kliebischen's in Kost haben, sind mir die Hände schon en Endecken

kürzer jeworden.«

Sie hatte nicht Unrecht, Kliebisch's alle Drei leisten Bedeutendes in

Erdfrüchten. Ob es davon kommt oder woher sonst, weiß ich nicht, aber

die Kliebischen ist bequem geworden, wie sie früher nicht war. Und

alleweil verzagt.

»Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und die Kinder wachsen

heran,« klagt sie, aber rühren ist nicht und thätig eingreifen und

Töchterchen zurechtstoßen auf Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie

ich meine Beiden nie versäumt habe. Wo die Tage gleichmäßig auf- und

untergehen, wird der Mensch zuletzt auch flachweg und fett und sitzt,

wo er sitzt. Mich wundert, daß sie sich aufraffte, ihren Schwerpunkt

nach Berlin zu verschieben.

Den großen geräucherten Schinken, den sie mitbrachte, und den Korb Eier

und das Geflügel nahm ich als ländliche Zartsinnigkeit von ihr dankend

entgegen. Ein Sack Kartoffeln, der als Handgepäck zu umständlich war,

ist als Angebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt

Kliebisch's daher mit mittlerem Wohlwollen. Was sie über Ungermann's

sagt, mag zutreffen, obgleich sie weiß, daß ich das Thürenhorchen nicht

haben will. Indes kann ich der Nätherin, wenn sie mit Dorette zusammen

ist, nicht den Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann müßte viel

Geld haben, so viel Watte wäre an ihr; wegen ihrer Figur hätte sie

knapp einen Mann gekriegt oder er hätte sie schleunigst wieder retour

gegeben. Und so eitel! Alles sollte sitzen, als wäre sie im Loth wie

eine Probiermamsell Nummer Gelbstern.

Nun war mir erklärlich, warum das Anpassen immer abgeriegelt geschieht

und ohne meinen Rath.

Ob der Mann solche vertrauliche Ausputzer wirklich verdient? Halb

Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestandsbowle, wenn ein bischen

Schönheit als Zucker nicht fehlt. Aber blos Geld und keine Liebe und

nicht eine Spur Süßigkeit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus.

Spielt sie Komödie, hat er es von ihr gelernt. Sie giert, in der

Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung hervorzuragen.

Hätten sie ein Kind gehabt, würden sich ihre Küsse auf dem

Engelsmündchen begegnet haben und das kleine Bündel Liebe wäre zum

Talisman gegen die bösen Geister des Hauses geworden. Es war aber keins

da.

Mein Karl theilt meine Ansichten nicht. »Laß' sie sich haken,« sagte

er, »das kommt in den besten Familien vor.«

»Doch nicht bei uns?«

»Dazu gehören zwei. Ich passe.«

»Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten Sanftmuth ästimirst Du

als Zanktippe? Karl, Du verwilderst, seit Du in der Fabrik schläfst.

Aber warte, die alte Ordnung kehrt wieder.«

Er lachte: »Ich sehne mich nach ihr. Alles nimmt ein Ende, blos

Ungermann's können das ihre nicht finden.«

»Hat er denn schon bestellt?«

»Noch nicht. Die Waare gefällt ihm, bis auf die Preise. Er versucht

abzuhandeln.«

»Das darf er nicht. Die gute Stube muß neu gemacht werden, sagt

Dorette, und dazu die Näherei, und mess' mal Deinen Weinkeller nach.

Nein, drücken darf er nicht. Das wäre unanständig. Er muß mindestens

doppelt so viel nehmen als sonst. Und Du schlägst auf. Verstehst Du?«

Mit dem Weinkeller sah es trübe aus. Je mehr Wasser vom Himmel stürzte,

um so weniger wurde der Wein; der Regen zwang zur Häuslichkeit und

geselligem Beisammensein und mein Karl ist nobel.

Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine Zunge merkte das

Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tischwein in die Lafitte-Flaschen

umgegossen hatte. Kliebisch versteht sich nicht in gleichem Maaße

auf Jahrgänge, ihm schmeckt der Billige wie der Theure, so lange

eingeschenkt wird.

Ich gönne es ihm. Wenn er einen Kleinen sitzen hat und man bringt ihn

nicht darauf, vergißt er die agrarischen Kalamitäten und es ist ihm

einerlei, ob die Margarine blau oder grün gefärbt werden soll oder

garnicht. Dann ist der Ausstellungs-Musterstall sein Trost, den er mit

Vorliebe beschreibt als das Erfreulichste für den Landwirth.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 9 / 16 段