Und dabei stehen in der großen Halle im Schatten, als vertrügen sie

weder Sonne noch Regen, die schönsten Thore, die man sich denken kann,

der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur

siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch

mit dem berühmtesten Mittelalter. »Wie man sich so im Lichte stehen

kann!« hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend.

[Illustration]

Und was sagte er da?

»Es ist das Unglück der Comités, daß sie die Wahrheit nicht hören

wollen.«

Draußen war er.

Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine

Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. --

Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht

leben, es gehört das tägliche Brot dazu...

Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben.

Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab,

als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung.

»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die

Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt

mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die

Art etwa zu viel geredet hast?«

»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des

Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen

Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der

Industrie.«

»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu

bewundern.«

»Wer sagt das?«

»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und

immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache

nämlich.«

Sie that schnippisch.

»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die

Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.«

»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes

Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er

Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch

der Eltern nicht die Seine nennen durfte.«

»Ob sie das selber gewesen ist?«

»Ich glaube fast.«

»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht;

natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und

Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich

garnichts.«

»Er hofft.«

»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere

Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein

leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben

ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du

nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst

Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen

und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?«

»Das würde er doch nicht verlangen?«

»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie

miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und

fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber

Uebereilung ist eigene Schuld.«

So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger

als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die

Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle

Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.

Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach

steigen und ich -- ich nehme Tante Lina in die Beichte.

Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu

widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein

großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Meine Einquartierung.

[Illustration: Hausflur]

Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im

Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist

in die Fabrik verdrängt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's?

Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die

Mädchenkammer verfügt wird und Dorette auf dem Boden schläft. Das

will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr

schlaflose Nächte nicht zumuthen. Sie sagt, es wäre auf dem Boden

nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, daß sie

kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf

Schudderigkeiten hätte sie sich nicht vermiethet.

»Dorette,« sagte ich, »Spuk ist überwunden. In unserer aufgeklärten

Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den

Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.«

»Uf'n Boden is et duster,« entgegnete sie.

Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken

wären bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt,

und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr,

wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagerstätten aus und was drauf und

drunter gehört, aber über ihre Schwelle steigt kein Fremdling.

»Ich bin nicht so blödsinnig, ein Hotel aufzumachen,« sagte sie

theilnehmend.

Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur

aus Geschäfts- und Freundschafts-Rücksichten mit Hinblick auf das

Allgemeine. Jeder Einzelne ist für die Ausstellung verantwortlich, und

für den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils daß er heran-,

theils daß das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle

Eisbären und Rutschbahnen alleine bezahlen.

Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten

Morgen sagte sie: »Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr

gewohnt,« und er sagte, »meine liebe Frau frühstückt Cacao, wenn es

Ihnen keine Mühe macht,« und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen,

bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rührte diese Zärtlichkeit,

denn sie sind Beide keine Jünglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie

ihm im Taufschein bedeutend über, dagegen ist er würdevoller, als

Männer in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom

ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen,

selbst wenn er Elemente nicht vermeiden könnte, deren Berührung zu

falschen Schlüssen Anlaß gäbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die

Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trüge.

Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, »der wird Ihnen

angeben, wo Sie Bauernfänger an der Quelle beobachten können, und das

Asyl für Obdachlose und Plötzensee und die Armenpflege und was sonst

gefällig ist.«

»Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser

Bürgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadträthe müssen gut

unterrichtet sein, damit wir die Bürgerschaft vor Mißgriffen schützen.«

»Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath,« erwiderte ich.

»Wenn mein lieber Mann nicht wäre, es ginge drunter und drüber,« nahm

Frau Ungermann das Wort. »Aber wir bilden uns nichts darauf ein und

überlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so groß

ist. Man weiß ja doch, was man ist.«

»Ganz meine Meinung, Frau Stadträthin.«

»Die Frau Bürgermeisterin käme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird

den Leuten zu kostspielig. Sie müssen im Winter repräsentiren und da

bleibt für den Sommer höchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja,

jeder Stand hat seine Last.« --

Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleißig, aber immer nur das

Gewerbliche; das Vergnügliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau,

hatte weder Sinn für das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitläufig

draußen und zu mühsam.

Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus,

wozu sie mich ausersehen hatte.

Ich ließ sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte,

sagte ich: »Meine verehrte Frau Stadträthin, das geht nicht. Eine

Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon längst nicht mehr an der

Tagesordnung.«

»Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.«

»Es fehlt mir an Platz.«

»Das große Eßzimmer ist doch da.«

»Im Berliner Zimmer wird _table d'hôte_ gehalten, wie Sie selbst

wissen.«

»Es ist ja bald wieder aufgeräumt.«

»Dazu hat das Mädchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren,

sehen Sie sich in der Ausstellung die über alle Begriffe schöne Gruppe

>Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom

einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend

Mark.«

»Ich möchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden

haben und aller Welt bekannt sind. Außerdem habe ich meinen eigenen

Geschmack.«

Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht,

sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt

dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich

indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen,

und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte.

Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat,

läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste

Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster

eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren

Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich

»kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte

ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.«

»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.«

Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit

Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu

behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir

eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel

ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.

»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten.

Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen

Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im

Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das

regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven

etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu

erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber

mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin,

ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja.

Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann

und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal

gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.«

»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen

Gerson.«

Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber

als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren

Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die

Confection zu stürzen.

Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war

rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die

Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das

Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort

und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte

und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen

Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender

Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit

wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und

fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen

wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand.

Und zum Abreisen nicht die schwächste Anstalt.

Ich verhörte Ottilie. Die sagte, sie wären mit Herrn Kriehberg in

Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die

Musiknummern stehen, durchgesehen hätte, wäre sie mit einem Male blaß

geworden und wie ohnmächtig. Und seit dem Abend hätte sie es. Am

liebsten säße sie auf einer Bank im Wandelgang und rührte sich nicht

vom Fleck, immer nur die Vorübergehenden anstarrend, ganz wie Leonore,

die um's Morgenroth fährt, wie Kriehberg sich geäußert hätte.

»Sehr unpassend,« schalt ich. »Wer das Alter nicht schont, ist auch

anderer Unmoralitäten fähig. Wie stehst Du mit ihm?«

Sie schwieg.

»Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg

paddelt noch; hängst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des

Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht

Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du für ihn gewesen?

Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.«

»Nein, nein. So schändlich kann er nicht sein.«

»Schändlich nicht, aber leichtsinnig. Er hält ja nirgends aus, also

auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie

nämlich gräßlich angelogen.«

»Nein, nein!«

»Das hat sie mir selbst gesagt.«

»Wie ungerecht. Ich war ja dabei.«

»Na also.«

»Das kam so. Er erzählte uns, wie kolossal der Betrieb im

Hauptrestaurant sei. Da sind fünfundvierzig Köche und fünfzig

Spülfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und über

vierundvierzigtausend Tischtücher und Mundtücher und, denken Sie sich,

achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend

Beitellerchen und zwölftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante

Lina nicht glauben. Durchaus nicht.«

»Sie hätte sich ja blos überzeugen brauchen.«

»Sie sagte, so viel Geschirr gäbe es überhaupt nicht und das nahm er

selbstverständlich übel.«

»Wann war das?«

»An demselben Abend.«

»Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in

ihm getäuscht zu haben und bereut, daß sie seine Annäherung an Dich

begünstigte. Sehr einfach.«

»Aber Kriehberg hat nicht gelogen.«

»Wenn Du eine kleine Stadt ausschüttelst, fallen nicht so viel

Teller heraus, als im Hauptrestaurant täglich gebraucht werden, das

ist klar. Und deshalb hält Tante Lina solche Porzellan-Anhäufungen

für kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine

sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne

schlimm. Am Schlimmsten aber für die Frau, denn Dämlichkeit des Gatten

ist kein Scheidungsgrund.«

Doch: »Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab« sagt die Braut im

Sprichwort. Ich verkündete darum gewissermaßen prophetisch: »Ja, es ist

wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher

den Schaden besieht.« --

Mein Karl sucht eine auswärtige Stellung für Kriehberg, ihn aus Berlin

weg zu unterstützen. Das wäre für ihn gut und noch guter für mich.

Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber

geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke,

sie nimmt den Anzug. --

Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in

Costümbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: »Solches würde

ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das

und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie läßt mit sich

handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben.

Geht man in ein Geschäft und der junge Mann versichert, dies wird viel

genommen... schwapp hat man's.«

Es ist mit Bräutigämmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere

nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterärmelt, und wenn sie sich

blos einbilden muß, ihn zu mögen. --

Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die

an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf

sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz

war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen,

die ich nur unterdrückte, weil sie bei uns hotelisirt. Wäre sie die

Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich hätte einen Ton geredet,

wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ältere Leute einknicken, wenn

es unangemeldet lostutet.

»Wo ist denn Tante Lina?« fragte ich, da ich sie nicht gewahrte.

»Die wird wohl draußen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.«

»Dann helfe ich ihr spazieren sehen,« entgegnete ich, drehte mich kurz

um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei

aus Dünkel.

Tante Lina saß richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger

Entfernung eine ganze Weile.

Sie saß und sah. So merkwürdig selbstvergessen saß sie da, wie todt

und jeden Vorübergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die

allein lebend waren, scharf und fragend und hell.

Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht.

»Tante Lina,« sagte ich.

Sie schrak ein wenig zusammen. »Ach Sie sind es,« sagte sie und sah

wieder wie abwesend in die vorüberwogende Menge.

Auf einmal überkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und

hörbar. »Was ist Ihnen?« rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung,

die Sanitätswache zu alarmiren.

Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zähluhrfahrstuhl eine Dame.

Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre

Fragen. Es war abendkühl. Er legte ihr seinen feinen, seidengefütterten

Paletot über die Füße.

Sie lächelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher

Mann, schon etwas weißlich an den Schläfen, aber das kleidete ihn gut.

Als das Paar in unserer Nähe war, rief Tante Lina: »Johannes. --

Johannes!«

Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang

und erstickt, als hätte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint?

Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schüttelte er leicht

sein Haupt und schritt weiter.

Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornüber und

beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie große Qual

den Menschen durchbebt.

»Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?«

»Er war es,« flüsterte sie. »Er.«

»Wer denn, Tante Lina?«

»Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? -- Es

war seine Frau.«

»Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?«

»Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die

sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich

hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel

herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank

gewartet, jeden Tag. Ich wußte, er würde kommen.«

»Und das that er auch.«

»Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er

hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.«

Sie weinte. Stille Thränen, schwere Thränen.

»Tante Lina, wollen wir nach Hause?«

»Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid

liegt im Schubkasten unten im großen Spinde. Und Tischler Grawert weiß

Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.«

»Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder

froh und heiter sind. Weg mit so trüben Gedanken. Sehen Sie, wie schön

und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thürme scheint.«

»So?« fragte sie theilnahmslos. »Ich hatte eine Sonne, hier drinnen,

die ist untergegangen. -- Ob er wohl glücklich ist mit seiner Frau? --

Ob wohl Kinder da sind? -- Viedt's haben mir nie gesagt, daß er sich

verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's

sind gut und Johannes ist der Beste.«

Sie erhob sich müde und wankend.

»Liebe Buchholz,« sagte sie sanft. »Haben Sie Dank, daß ich bei Ihnen

sein konnte, daß ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin

zufrieden.«

Wir verließen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewühl auf

der Eisenbahn war nichts für Tante Lina.

Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die

Vergangenheit.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Täuschungen.

Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird

ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie.

Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit

gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei

geholfen? Die Krausen.

Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber

es mußte so kommen.

Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu

begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber

sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die

confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte

immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die

Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht

werden, damit sie etwas hergeben.

Und schließlich: was ist Mode? -- Es ist dasjenige, weswegen man

ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn

es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber.

Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum

von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und

kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten

es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten

machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die

Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste

Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste

schön zu finden.

[Illustration: Mode]

Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es

geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis

unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.

»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre

Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich

nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt,

als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben

wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht

nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie

aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht

in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben

vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von

gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er

ist wie ein Gedicht.«

»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und

dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem

Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth,

in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem

Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. -- Wurde angenommen.

Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der

Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und

flüstert: »Da ist er.«

»Wer?«

Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in

Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch.

Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu.

»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich

mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.«

Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor.

»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.«

Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet.

»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann.

»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte,

ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich

nur vervollkommnen.«

»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor

einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch

in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht

einmal, was Elektricität sei.«

»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter

kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen.

Alles andere ist Theorie.« -- Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn

die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie

über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie

Blamirung auf.

Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.

Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen

seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur

Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar

in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns

zu stießen.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 8 / 16 段