Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend um den

Tisch saß und den Kuchenteller meuchelte: Fritz und Franz, Betti's

Karla und Willi und Butschen's Peter und Edmund, alle in Weiß. Wir

Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napfkuchen, von dem Tante

Lina sich sogar das Rezept ausbat. Daß sie sich in gehobener Laune

befand, betrachtete ich als eine Mahnung aus öberen Regionen und als

Gutheißung meiner Absicht mit der verlorenen Tasche, die sich endlich

reumüthig angefunden hatte. Die Zahnbürste und das Gläschen Kölnisches

Apothekerwasser hatten zum Besitzausweis genügt.

Tante Lina ahnte nicht, daß ihr sehnlich vermißtes Handgepäck im

Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte und erst als abgegessen und

ausgetrunken war, nahm ich Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und

sprach: »Wenn ich Dich rufe, kommst Du und überreichst sie Tante Lina

mit einem höflichen Diener und sagst: >Liebe Tante<.«

»Ich hab' ihr garnicht lieb.«

»Doch, mein Fritzchen. Tante Lina wird großmüthig an Dir handeln.«

»Wir wollen bei die Löwen.«

»Erst giebst Du Tante Lina das Täschchen und sagst: >Liebe Tante, dies

hab' ich gefunden, nimm es freundlich hin.< Dann umarmt sie Dich und

küßt Dich.«

»Will ich nicht.«

»Doch, Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.«

Tante Lina erzählte der Butschen gerade eine Geschichte von Viedt's.

»Viedt's haben die schönen Ländereien und könnten viel mehr daraus

machen, aber sie sind mit Erlaubniß zu sagen für reichlichern Dung und

nicht für das Auspowern der Aecker und sind so thätig im Geschäft,

indem sie jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige erreichten.

Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man weiß es doch so ziemlich.«

»Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaie herum?« fragte die

Butschen.

Tante Lina wurde spitznäsig und dann glimmt es in ihr. Es war höchste

Zeit, den Vesuv auszutreten und deshalb sagte ich rasch: »Liebe Tante,

bevor wir aufbrechen, wünscht Fritzchen Ihnen einen kleinen Beweis

seiner Verehrung darzubringen.« Es war dies zwar nicht ganz zutreffend,

aber in der Eile entwegen die Sätze leicht. »Komm, Fritzchen.«

Er kam nicht. Die Kröte tückscht, dachte ich und öffnete die Thür. »So

komm doch, Fritzchen!«

Da kam er. Aber wie!

Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig, wie Kinder sind,

hatte er in Tante Lina's Tasche gekramt. Ihre Korkzieherlocken hatte er

sich über die Ohren gehängt und ihr neues Gebiß trug er in der flachen

Hand wie ein Vogelnest, die geöffnete Tasche über dem Arm. Und so schob

er seelenvergnügt auf Tante Lina zu.

»Meine Tasche!« rief sie und aufgesprungen und die Schönheitsbeihülfen

an sich gerissen und weggestochen. Sie flog vor Aufregung und pustete.

Mir war der Vorfall mehr als peinlich. »Liebe Tante!« begann ich.

»Schon gut! Schon gut!« stieß sie hervor. »Das war ein starkes Stück.

Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich noch heute abreise?«

»Aber nein...«

»Aber ja, und dabei bleibt's.« Und mir einen furchtbaren Blick

zuwerfend, fügte sie hinzu: »Wir sind für ewig geschieden -- Mein

bischen Hab und Gut vermach' ich dem Waisenhause, da sind artige

Knaben drin und, mit Erlaubniß zu sagen, keine ungezogene Rangen.«

Emmi wollte Petroleum ins Feuer gießen, weil sie doch die Range

nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich rief: »Wenn Jemand

Schuld hat, bin ich es,« und entfernte mich mit Tante Lina. Es half

jedoch kein Bitten und Beten, sie war zu aufgebracht und ließ keine

Entschuldigung gelten.

Auf ihren Wunsch blieb Ottilie bei ihr, packen zu helfen, und wir

karawanten nach Treptow.

Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Vorwürfe: Was der

Sanitätsrath sagen würde, wo ich doch hätte wissen müssen, daß die

Tante den Knaben unbedingt etwas ausgesetzt hätte und sie deshalb

ganz anders zu behandeln gewesen wäre. Die Butschen meinte, selbst

im Schauspielhause fielen Stücke durch, ich hätte mir es wohl anders

gedacht, wie es hinterher kam.

»Sie verstehen mich, Frau Butsch,« entgegnete ich. »Meine Absichten

waren lauter und rein.«

»Wieviel hat die Olle denn?« fragte sie.

Ich war zu zerklüftet, um sie zurechtzustoßen.

»Mama,« sagte Emmi, »denke Dir, ich habe meine Börse vergessen. Du bist

wohl so gut und legst aus?«

»Ich bezahle Alles!« erwiderte ich ergebungsvoll. -- Durch diese

Versicherung wurden sie heiterer und dachten nicht mehr so nagend und

anhaftend an Tante Linas Testament. Und war es so bombensicher, daß

sie die Enkel hineingenommen hätte, auch wenn nichts passirt wäre?

Denn erstens ist die Verwandtschaft nur weitmaschig und zweitens: wenn

irgend ein Viedt Wittwer wird... sie ist im Stande, in den heiligen

Ehestand hineinzuschliddern.

Betti und Emmi wollten erst nach dem Damenheim, wo die neuesten Moden

alle acht Tage wechseln, und dann mit den Kindern nach den wilden

Thieren; die Butschen hatte ihren Beiden versprochen, den Walfischkopf

in der Fischerei zu zeigen, worüber Uneinigkeit auszubrechen drohte.

Unter lebhaftem Für und Wider langten wir an. Ich löste die

Eintrittszettel. In Summa fünf Mark.

Oben von der Ueberbrückung aus gewahrten die Kinder sogleich den

Riesen-Elephanten, der als bewohnbares Symbol des Gregory'schen

Exportbieres dasteht, das in Hunderttausenden von Flaschen in die

heißen Länder versandt wird, wie die Inschrift besagt.

»Merkwürdig,« sagte die Butsch, »daß der Durst allerwärts derselbige

ist. Oder kriegen sie ihn erst, wenn das Bier hinkommt?«

Es freute mich, hieran wahrzunehmen, daß sie anfängt, sich auf

überseeische Kulturfragen zu werfen, was sie früher nie fertig

gebracht hätte. Wegen der Kinder war jedoch eine gründliche Erörterung

unstatthaft. Denn was ist, genau genommen, Durst? Wo fängt er an und wo

wird er sträflich?

»Gehen wir jetzt ins Damenheim?« fragte Betti in einem Tone, als wenn

wir uns nach ihr richten müßten. Ich verstand sie natürlich nicht und

sagte: »Was meint Ihr zu einer Nordpolfahrt? Seht doch diese Gletscher

und Eishöhlen, täuschend aus Gips geklackst, belehrend für jedermann,

der keine Aussicht hat, je in seinem Leben den wirklichen Nordpol zu

erreichen.«

»Ich habe mir erzählen lassen,« bemerkte die Butschen, »der Nordpol

wäre blos, daß einer sich berühmen kann, dagewesen zu sein, und Butsch

sagte, wenn man hinkommt, ist er es gar nicht! Ob sie dort auch wohl

solche Sitzbänke haben, die von selbst in'n Gang gehen?«

Ich hatte mittlerweile für Fahrscheine eine Mark vierzig abgeladen,

wir selbst luden uns auf die fahrbaren Bänke und sausten in den Gips

hinein mit der sich steigernden Besorgniß: »Wo ist die Umstürzecke?«

Wir hatten mehr Glück als Vergnügen, indem wir unzerbrochen landeten

und waren herzlich froh, diese Belustigung hinter uns zu haben.

Betti beantragte nunmehr die elektrische Rundbahn. Wir rasch zur

Haltestelle, für eine Mark Nickel zusammengesucht, den Automaten

gefuttert, durch das Drehkreuz gezwängt und am Halteplatz waren wir.

Die Bahn kam; zwei Wagen voll. Wir sahen ihr mit gemischten Gefühlen

nach, als sie schnöde davon fuhr.

»Wir benutzen den nächsten Wagen.«

Der war noch völler.

Dann kamen wieder zwei mit Platz, aber schlecht gemessen für uns alle.

Der folgende Solowagen war auch zu klein.

»Wir lassen uns unser Geld wieder geben,« sagte Emmi ärgerlich.

»Von wem denn? Von dem Automaten? Der ist, wie die Steuer, nicht auf

Herausrücken eingerichtet.«

»Wir müssen suchen, einzelnt mitzukommen und treffen uns bei den wilden

Thieren,« schlug die Butsch vor.

Und so geschah es, wenn auch nicht gleichmäßig hintereinander, sondern

je nach der Ueberfüllung in mehrfachen Abständen. Schließlich war

ich allein die letzte, die eine Stehgelegenheit auf der elektrischen

Ortsveränderung heranlauerte.

Die Fahrt war beharrlich genug, um an Tante Lina zu denken. So in

Bitterniß scheiden.... das wurmte mich und gar zu gerne hätte ich sie

wieder gut gehabt. Nicht wegen ihrer Groschen -- nein. Aber wer weiß,

ob wir je wieder zusammenkommen und wir haben den Groll nicht begraben,

bis es zu spät ist. Ich hätte doch wohl bei ihr bleiben müssen? Aber

ich hatte den Kindern doch auch den Nachmittag versprochen.

[Illustration: Seehund, der eine Pfeife raucht]

Die kleinen Lämmer -- sie waren in ihren weißen Anzügen ganz wie Lämmer

-- freuten sich, als ich endlich anlangte. -- »Wo bleibst Du, Mama?«

schalt Emmi. »Wir stehen hier wie die Narren.« -- »Kind,« entgegnete

ich, »warum verdrießlich über so kleines Ungemach? Es giebt Schwereres,

als ein bischen warten in schöner, freier Natur. Aber kommt.«

Der Hagenbeck'sche Thiercirkus war justement zu einer neuen Vorstellung

geöffnet. Für drei Mark fünfzig bekamen wir Plätze, von denen der große

runde Käfig gut zu sehen war. Die Kinder saßen vor uns und planschten

in Erwartungswonne. Und als es los ging, als drei Seehunde gebracht

wurden, die Pfeife rauchten, eine Wiege schaukelten und Pistolen

abschossen, brach heller Jubel bei ihnen aus.

»Rauchen die Seehunde immer?« fragte Franz.

»Nur wenn sie müssen,« sagte Emmi. »Sie sind abgerichtet.«

»Ist Papa auch abgerichtet?«

»Dummes Zeug. Papa raucht zum Vergnügen.«

Die beiden Jungen warfen sich Blicke zu, aus denen ich entnahm:

Nächstens spielen sie Papa oder Seehund, je nachdem ihnen der Tabak

bekommt.

Vier Elephanten machten darauf ihre Kunststücke bewunderungswürdig.

Ich bin überzeugt, es giebt Menschen, die nie lernen, auf Weinflaschen

spazieren zu gehen, wie diese unvernünftigen Creaturen, oder es liegt

am Erziehungswesen, daß sie hoffnungslos bleiben. Der Elephant kann

solche Kunst in seiner Heimath allerdings nicht verwerthen, aber man

sieht doch, was ihm beizubringen ist. Und wie viel muß der junge

Mann sich einrammen, ehe er einjährig dienen darf. Und doch sollen

zuweilen Professoren sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als ein

Einjährig-Freiwilliger.

Nun kam die Glanznummer. Hunde, schöne deutsche Doggen, sprangen

herein. Drei Löwen folgten, zwei Tiger, zwei Jaguare, zwei Bären,

ein Eisbär. Die setzten sich in der Runde, jeder auf sein Brett

und der Bändiger ging mitten unter sie und ließ sie arbeiten. Ein

ausgewachsener Königstiger fuhr Zweirad, ein anderer lief auf einer

Kugel, ein Bär tanzte aufrecht gehend Seil, kaum wiedererzählbar

unwahrscheinlich und doch ohne Augenverblendung. Ein Löwe fuhr auf

einem Wagen, mit Krone und Purpurmantel angethan, von zwei Tigern

gezogen und zuletzt bildeten alle Thiere, auf Säulen vertheilt, eine

malerische Gruppe, worin der Eisbär oben lag, der vorher nie ruhig auf

seinem Platz blieb, sondern die anderen wohlerzogenen Mitwirkenden

störte und anschnauzte und von ihrer Pflicht abzulenken suchte.

Ich dachte mir mein Theil. Starker Wille und Unbeugsamkeit mit Güte und

richtiger Erkenntniß zwingen selbst wilde Raubthiere zu friedlichem

Zusammenleben. -- Aber ohne einen Stänker geht es auch hier nicht ab.

Wir waren alle hochbefriedigt, nur die Kinder wünschten noch mehr

Löwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es hieß, nun gehen wir zu den

Aeffchen.

Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck'sche Affenparadies.

Zweihundert Affen in einem Käfig, wo sie Holzpferde haben, russische

Schaukeln und Klettergerüste, die Glieder geschmeidig zu halten. Und

nur eine Mark vierzig für uns alle. Man athmete ordentlich über die

Billigkeit auf, denn zuletzt kommt man sich auf der Ausstellung vor wie

in Umlauf gesetzte Scheidemünze.

Die Kinder waren glücklich, und es läßt sich nicht leugnen, der Affe

ist possierlich. An dieser alten Wahrheit rüttelt selbst der Ernst der

Zeit vergebens. Aber er ist auch boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie

man so sagt, drunter durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen

ihm übel mit, daß es gellend schrie und sich flüchtete. An die Stäbe

des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg möchte und bewegte

die Lippen und quäkte und schalt und zog Falten vor der Stirn und die

blanken Augen flogen hin und her.

Da riefen die Kinder: »Das ist Tante Lina! Das ist Tante Lina!« Und

lachten und riefen: »Tante Lina!«

Ich verbot ihnen die Unart. Es half nichts. »Wer das noch einmal

sagt, kriegt 'ne Abrundung,« drohte Emmi mit einer entsprechenden

Handbewegung. Das steuerte etwas. Aber sie lachten innerlich »Tante

Lina.«

Ich dankte meinem Schöpfer, daß die Tante nicht zugegen war. Kinder

wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer Einfalt sind. Ich nahm Betti

abseits, gab ihr ein noch zum Versausen bestimmtes Zehnmarkstück und

sagte: »Bleibt Ihr hier und amüsirt Euch, ich muß nach Hause.«

»Wegen Tante Lina?«

»Ja. Sie ist gekränkt, wenn auch das Donnern mehr Scherz war....«

»Welches Donnern?«

»Nichts! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den Kindern in die Milchhalle,

wenn sie hungrig werden, und habt gut acht auf sie!« -- Ich eilte heim.

Ich nahm den hinkömmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. »Bitte,«

sagte der Schaffner, »möchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett

bemühen,« worauf die Stehgäste eine Etage höher stiegen. Ich blickte

den Fahrdirektor fragend an. -- »Wenn ich >Deck< sage,« antwortete

der, »geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie

sich dann hübscher vorkommen. Und nächstens werden die Decksitze auch

für die Damen freigegeben. Blos daß die Treppen noch die öffentliche

Sittlichkeit scheniren. Da muß was 'rum.«

Da durchzuckte mich die Lösung der Gleichberechtigung. »Einfach

Uniform,« hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird,

hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher würde das zweierlei Tuch

bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wäre Rücksicht zu

nehmen und ich für meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber

unten.

Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet.

Das werde ich ihr gedenken.

»Mir war, mit Erlaubniß zu sagen, die Galle hochgekommen,« erklärte

Tante Lina ihren Zorn, »und ehe ich reise, möchte ich, daß etwas

Gewisses in die Reihe kommt.« Sie sah mich scharf an und fragte:

»Finden Sie nicht auch, daß Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist?« --

»Kriehberg? Nein.«

»O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm

geneigt.«

»Ottilie,« rief ich, »hinter meinem Rücken, wo ich Dich so gewarnt

habe?«

»Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen«, sagte Tante Lina scharf.

»Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, hätte Herr Kriehberg uns

nicht herumzuführen gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll

man ihr Glück nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer

wieder. Niemals. Nie.«

Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glänzten bald mich

an, bald Ottilie.

Ein Glück, daß die Kinder nicht da waren.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Verwickelungen.

Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollführt,

auf die man nach mehrtägiger Ueberlegung nicht gekommen wäre. So auch

dieses Mal.

Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanitätsrath, hat es nämlich einen Krach

gegeben. Und worüber? -- Ueber mich!

Betti hat mir es wiedererzählt. Die hat es von ihrer Schwester, der

Frau Sanitätsräthin, und hätte auch wohl damit hinter dem Berge

gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fünfzig

gerathen wären, die sie als Auslagen für die Kinder-Expedition nach

Treptow heraushaben wollte.

»Betti,« sagte ich, »nachdem ich Unsummen für Eintritte in's Ganze

und Sonderspecialitäten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstück

gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fünfzig auf mein Konto?

Das finde ich heftig. Und ein für alle Mal -- ich zahle nicht. Für

Gewaltsachen habe ich kein Gemüth. Womit habt Ihr denn das viele Geld

verprezelt?«

»Die Kinder mußten doch das Eismeerpanorama sehen!«

»Was war denn da los?«

»Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.«

»Reelles Eis?«

»Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen

überhaupt. Vorne Gewässer mit Seehunden und Möven und im Hintergrunde

mit mindestens elf Stück lebendigen Eisbären.«

»Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bären genug gesehen und

Kunstgletscher vorher. Das war unnöthig, weil verschwenderisch.«

»Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau.«

»Was hatte die an?«

»Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Männer.«

»So weit sind sie schon da oben in der Aufklärung?«

»Und denke Dir, die Eisbären nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz

zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rüssel und rissen aus wie

die Hämmel.«

»Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer

den Kindern erzählt, der Eisbär ist das gefährlichste und grimmigste

Raubthier des Nordens, -- Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht

es drin -- das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift

und nach blutiger Gegenwehr auffrißt, lachen sie ihn ohne Frage aus,

weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben,

Strafarbeit, schlechtes Zeugnis und elterliche Senge. Und dazu gebe ich

kein Geld her.«

Betti murmelte etwas.

»Wie meinst Du?«

»Du hattest uns doch eingeladen.«

»Du sagtest eingeladen?« -- Ich verstand Blaak oder so ähnliches.

»Mit den zehn Mark konntet Ihr übrigens gut rund kommen. Freilich

Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen!«

»Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?«

»Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.«

»Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine

Weißbier-Niederlassung und wir waren alle so erschöpft, daß wir ihr

folgten und ihren Falkenblick lobten.«

»Nun ja, Weißbiergläser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es

kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weißen zu verprassen,

selbst mit hinzugerechneten Stullen!«

»Wer that denn das?« brauste Betti auf. »Und dann wurde Karussell

gefahren.«

»Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind

bewilligt.«

»Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.«

»Die Butschen auch?«

»Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich

selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mußt nächstens mal mitmachen.«

»Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher

vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle saß, an den

richtigen Platz hinkreist. Möglich, daß die Butsch sich aus unbewußtem

Instinct in diese Drehkur begab.«

»Sie war so karmoisinvergnügt mit den kleinen Butschens.«

»Schön, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer

noch ein ansehnlicher Rest.«

»Der schmolz in der Milchhalle ein.«

»Was?« rief ich entsetzt. »Milch? Ihr habt Milch getrunken?«

»Wie Du uns anbefohlen hattest.«

»Kalte Milch auf das Weißbier und Karussell fahren? War nicht noch

Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollständigen?«

Betti schwieg verlegen. »Der war nicht mehr nöthig,« sagte sie dann

etwas bedrippt.

»Sind die Kinder noch am Leben?«

»Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,«

antwortete Betti lächelnd.

»Die haben abgehärtete Mägen, wenigstens wenn die Butschen noch so

kocht, wie sie es früher nicht gelernt hatte.«

»Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten

Napfkuchen vertilgt.«

»Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von

Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und

zweitens billiger kommt. Den können Sterbende essen, ohne daß er ihnen

schadet. Na, also, Ihr mußtet nach Hause. Wo blieb der Saldo von dem

Gelde?«

»Wärst Du bei uns gewesen, würdest Du es wissen.«

»Wieso?«

»Mama, es muß ja für alles draußen bezahlt werden.«

»Ja, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder

Verpflegung; das merke Dir für die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten

doch keine weitere Anfechtung?«

»Ich möchte fast annehmen, daß Du Fritz übermäßig Napfkuchen zugesteckt

hattest...«

»Betti, was hast Du gegen Fritzchen? Was hat denn das Kind gegessen?

Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.«

»Wenn Du Elephantenzahn meinst...«

»Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind.

Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?«

»Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.«

»Sein gutes Recht.«

»Er hat gesagt...«

»Was hat er gesagt? Heraus damit. Warum stockst Du? Also was?«

»O, nichts.«

»Ich kann mir's schon denken -- über mich hat er raisonnirt -- hat er?

Sag', hat er? Nicht wahr -- er hat?«

»Nun ja. Aber sehr. Und dabei weiß er noch nicht einmal, wie Du die

Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast. Wenn er das erfährt,

gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.«

»Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht

alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man

in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.«

»Das würde ich nicht thun.«

»Nicht den süßen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?«

»Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte noch grollen.«

»Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt

die größten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fünfzig

heraus haben?«

»Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?«

»Nein, nein, laß nur. Aber merke Dir eins: Weißbier und kalte Milch

vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete

Stadtkinder.«

Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie

knippste, wobei ich sofort ahnte, daß sie mich um eine heimliche

Provision überlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung,

wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der

Familie. --

Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem

Verdruß, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet.

Nie wäre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht

gehalten hätte, anstatt sie während meiner Abwesenheit Tante Lina

anzuvertrauen, von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die

Begünstigung eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct ins

Armenhaus, so doch nicht weit davon führt.

Denn die Sache liegt so.

Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknüpfte Stellung,

Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was

es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen

an einem Neubau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein

Riesengesammtneubau.

Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung

Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er wäre nicht ohne

Fähigkeiten, aber die Häuser, die er entwürfe, ständen schon irgendwo.

Mit der bloßen Verlegung von Fenstern und Thüren, daß nachher die

Treppe nicht hineinpaßte oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei

selbstständiges Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines Fleißes

wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, wenn er nicht die

Manier hätte, sobald er sich warm fühlte, alles besser wissen zu

wollen. Das könnte er ja auch, aber er müßte seine Weisheit bei sich

behalten.

Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb

geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und

beleidigende Scharaden gekommen.

Was hat er über das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wäre nicht viel

dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten könne, einen

gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren,

hat er geantwortet, es wäre auch nicht viel dahinter, nämlich blos ein

Stück Treptower Chaussee.

Da ließ sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren

zur Ausstellung einen überraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den

das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die

erste Enttäuschung allmählich zu verwischen.

Und auch was er über die Drahtgeflechtthür beim Hauptportal geäußert

hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: für einen Hühnerhof eignete

sie sich einigermaßen, für eine Ausstellung, die der Welt zeigen

sollte, was Berlin vermöchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie

ihm besonders verargt.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 7 / 16 段