»Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt,« sagte Tante Lina spitz.

»Es ist Alles Betrug. Für's Halten kann man doch nicht bezahlen?«

»Welche Uhr?«

»Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau Acht gegeben, nicht

wahr, Ottilie?«

»In einem fort.«

»Bis es mir zu theuer wurde, da mußte er umwenden.«

»Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen?« fragte ich erregt. »Blos auf

den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts und nicht links? Da haben Sie ja

völlig nutzlos im Wagen gesessen!« Für mich fügte ich hinzu: »Was sagt

Berlin zu solchen Kunden?«

»Immer wurden es zehn Pfennige mehr,« warf Tante Lina mir vor. »Wie

sich das ansummt.«

»Man wendet kein Auge von dem Zeiger,« suchte Ottilie sich zu

entschuldigen, die meine Entrüstung merkte, »ob man will oder nicht.

Wie magnetisirt.«

[Illustration: Blick auf den Fahrpreisanzeiger]

»Gewiß,« sagte ich, »dazu sind die Zähldroschken extra erfunden. Das

nächste Mal nehmt Ihr keinen Weißlackirten, sondern einen einfach

Schwarzen.«

»Und dann fahren Sie mit,« sagte Tante Lina, »und zeigen uns Alles,

damit ich zu Hause erzählen kann, wie Berlin eigentlich aussieht.

Die Zwei Mark vierzig heute sind rein weggeschmissen. Gut, daß

Oberlehrer Kranz das nicht erfährt, der behauptet immer, Frauen

können nicht rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie

giebt viel zu Unnöthiges aus; ihr Vater machte bankerott; das Geld

lag in der Ofenröhre, und wer was brauchte, nahm welches, das konnte

nicht bestehen. Und mehr als knappe Aussteuer brachte sie nicht mit.

Kranz giebt ihr nie über drei Mark, aber die Leute sagen, sie läßt

anschreiben. Er hätte sich besser mit Viedt's Tochter gestanden,

Viedt's stehen sich breit...«

»Bitte, entschuldigen Sie mich; ich muß in die Küche.« -- Halb

verzweifelt flüchtete ich ins Kontor.

»Was ist? Was giebt's?« fragte mein Karl bestürzt, als ich, dem Weinen

nahe, auf das Kanapee sank.

»Viedt,« stöhnte ich.

»Armes Weib.«

»Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf Architektur

müßte sie Umstände halber verzichten. Aber spotte nicht. Ich bin so

mürbe, so mürbe.«

»Minchen, weißt Du 'was? Wir Beide ganz allein machen hinaus

nach Treptow. Ich habe im Weinhäus'l einen vorzüglichen Tropfen

ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.«

»Ja, mein Karl. Sicherer wäre am Ende nach dem Grunewald. Aber wie Du

willst.«

Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes Wort. Das

empfand ich so recht einmal wieder.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Ein freier Tag.

Wenn es gewittert, fürchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett.

[Illustration: Tante Lina kriecht ins Bett]

Ottilie sagt, der Strauß macht es ebenso. Ich weiß nicht, ob der sich

auch das Kopfkissen über die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hören

und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, würde es ihm jedoch

nicht übel nehmen, wenn er es thäte, weil er als Wüstenvogel für die

neueren Erfindungen kein Verständnis hat, wie man von Mitgliedern des

neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann.

Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß

Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden

können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's

Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet

ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.

Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem

ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn.

Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie

gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem

Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen

kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der

mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich

über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage

sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das

Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.

Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz

fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern,

dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich

geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz

und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns,

mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie

verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.

Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht.

Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen

begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte,

und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits

zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der

Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und

ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu

einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung

irdischen Glücks?

Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.

Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen,

aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es

wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm,

weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit

für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu

meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du,

wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit

dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In

den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die

Gelegenheit ist heute günstig.«

»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner

Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen

Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.«

»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?«

»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.«

»Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus,

selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir müßte die Stadt eine

Statue setzen.«

»Unter einer halben Million thäte die es schwerlich. Und noch leb' ich

ja, und heute wollen wir vergnügt sein.«

»Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer

Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weißt Du

was...?«

Ich hinaus nach der Küche und die Blechplatte geholt worauf ich

familiäre Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht

wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen

gezeigt hatte.

»Karl, faß' es an den Ecken oben an und schüttle es; erst langsam, dann

mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.«

Er übte einige Male bei verschlossener Thür, und als er es konnte,

brachte er auf dem Gange einen so natürlichen Donner heraus, daß ein

staatlich angestellter Metereologe nicht im Stande gewesen wäre, ihn

von einem echten zu unterscheiden.

Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen hätte.

Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr hätte ein neues

Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen

nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit länglicher Gesichtsbildung

abzog.

Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht!

Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett

eingräbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verließen wir

das Haus wie die großen Kinder.

Wir hatten ja einen freien Tag.

Uns lächelte das Glück. An meines Karls Aufbau war der Regen

vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunässen; der Adler prangte

siegreich in seiner ganzen künstlerischen Schönheit. Wir betrachteten

die Sündfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, daß ihn das

Mißgeschick seines Nächsten nicht zur Begutachtung einlüde und als wir

den Schaden verhältnißmäßig gering fanden, waren wir zufrieden. Es

hätte uns ja das Nämliche blühen können.

In dem Hauptgebäude naschten wir hier und da im Vorübergehen an den

gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grünen sitzen,

das schöne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhören,

das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ältere Stücke aus

altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jüngeren

machen. Die fangen an, die Musik windet und krümmt sich, und wenn man

meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus.

Der Blick auf das weiße Eß- und Trinkschloß mit dem Wasserthurm ist

bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglüht, hebt

es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich

in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park

hereingeleitete Spree muß verdienen helfen, und das thut sie, indem

Hunderte sich für einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurück

wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelüste äußerte -- Wasserfahrt mit

Walkürenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal -- willigte mein

Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine für uns lösen wollte,

redete ihn ein Herr an.

»Endlich erwische ich Sie,« sagte der.... »Kommen Sie man gleich mit.

Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft

kein Sträuben.«

Mein Karl stellte ihn vor: »Herr Schulz, städtischer Beamter, Freund

vom Stammtisch.«

Dieser Zusatz wirkte vergällend, denn alle Erfahrungen die ich bis

dato mit diesem Möbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte

den Stammtisch für eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht,

wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich

geschmeichelt fühlte. Diesem zu entgehen sagte ich: »Wir wollten gerade

ein wenig gondeln.«

»Das ist bei Abend viel schöner,« entgegnete Herr Schulz, »und wir

machen um Achten zu. Gehen wir gefälligst.«

Sich mit städtischen Beamten anlegen, halte ich für riskant; ich fügte

mich daher, als hätte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkürlich

der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe für den Unfug

sein, den wir mit Tante Lina getrieben?

Es giebt eine Nemesis, nur daß der Eine früher hineinrennt, der Andere

später. Aber gerannt wird.

Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten

vorwärts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit

gehalten wurde.

»Nur heran,« sagte Herr Schulz. »Nur heran, Madamchen. Hier können Sie

sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und

Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehören

Sie schon zu denjenigen, welche eine höhere Stufe erklommen haben und

nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?«

»O nein,« erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lächeln.

»Schönecken. Womit die Stadt am meisten zu kämpfen hat, das ist der

Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen -- bitte

treten Sie ein -- stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die

Abwässer entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlüsse. In der

Mitte der Einsteigeschacht.«

Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim

Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh,

als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten.

Wir waren doch gekommen, um uns zu vergnügen. Und Kanalisation ist kein

Vergnügen.

Hierauf mußten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der

Fachmann sieht, wie das Trinkwasser für Berlin gereinigt wird.

Für die Stadt und ihre Bewohner ist dies von größter Wichtigkeit,

Epidemien hängen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat,

fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen

Wohlfahrtseinrichtungen.

Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in

Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte

Stammtischscharmützel über die Stadtverwaltung aus.

Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen

Durst verspürten?

»Erst das Geschäft,« entgegnete Herr Schulz, »und dann die Weiße. Sehn

Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch...«

»Karl,« nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoßen,

daß er Rücksicht auf meine weibliche Anwesenheit nähme, »Karl, was geht

Dich die Politik an? Du geräthst noch so tief hinein, daß wir von dem

schönen Abend nichts mehr haben. Verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere

Absicht war, uns zu amüsiren.«

»Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal

Opposition im Bezirksverein, das muß ihm ausgetrieben werden.«

Ich war empört. Aber ein städtischer Beamter...!

Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Außen ansehnlich und inwendig

luftig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen

Einblick in die Mühewaltung der Oberleitung für das Gedeihen und die

Entwickelung der Residenz.

»Sind dies Telephondrähte?« fragte ich bei einem Plan, in den Stäbe

gestochen waren, von denen feine Fäden nach einzelnen Punkten gingen,

kurze und längere.

»Sehen Sie's man gründlicher an,« forderte Herr Schulz auf. »Das sind

nämlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an

die für sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.«

»Da haben manche eine gehörige Ecke.«

»Irgendwo wohnt man in der großen Stadt immer weit ab,« sagte Herr

Schulz. »Aber Sie sehn, wie durch solche Pläne Licht in die Sache

dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird.

Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.«

»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte mein Karl. »Ich behaupte ja blos:

vom national-ökonomischen Standpunkt ist Abfuhr einbringlicher...«

»Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, daß Du denselben

Ekel immer wieder aufrührst? Also Schluß. -- Und was ist dieses?«

»Handarbeiten der Blinden, aus der städtischen Anstalt.«

Ich betrachtete die Sachen. Wie sauber das Geflochtene und Gehäkelte

und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem

Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind

faul und ungeschickt. Führt sie her, daß sie sich schämen.

Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen

ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten.

Wie die Zeiten sich ändern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt

in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, daß man es hier gewahr wird,

wenn auch, wie es ja nicht anders durchführbar, blos in Proben.

»Herr Schulz,« sagte ich, »wenn ich eben solchen Hut trüge, wie mein

Mann, würde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen.« -- Mein Karl lüftete

pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Cylinder, neu aufgebügelt,

ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhöhung der Festfreude

aufgesetzt hatte.

»Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz,« entgegnete Herr

Schulz. »Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.«

»Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hörer,« fuhr ich auf.

»Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgründe nicht reagiren,«

sagte Herr Schulz.

»Wie die geehrten Ihrigen,« wischte mein Karl ihm aus.

Ich wollte auch noch einen Satz hinzufügen, aber die Beiden sahen

sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein

sogenanntes Wortgefecht ohne tödtliche Beleidigung, wie sie, hieraus

zu schließen, unter sich gewohnt sind.

Herr Schulz erklärte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen

Ackerflächen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemüse und wie das

Pumpstationswasser durchsickert, daß es klar und rein wird und selbst

Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne daß sie an Typhus zu Grunde

gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich

in Gedichten und kleineren Erzählungen immer wohl, allein wer sagt,

ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Kollern

haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts

Melancholischeres als Goldfische.

»Muntere Thierchen, nicht wahr?« sagte Herr Schulz, als er sie wieder

wegthat.

»Schon mehr Schlummerköpfe mit Flossen!« wollte ich antworten, aber

ich nahm eine andere Wendung. So darf man städtischen Beamten doch

wohl nicht kommen? »Was ist dieses inmitten der Rüben und Radieschen?«

fragte ich, »dies Rothe und Weiße?«

»Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.«

»Versuchen Sie's!«

»Das sind nämlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in

Berlin in der >Rothen Apotheke< Rosenöl destillirt.«

»Was Sie sagen!«

»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch

ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir

versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in

Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es

mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht. Was sagen Sie

nun?«

Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach

Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.«

»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter

nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am

Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen

Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller

Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt.

Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und

Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten

Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß

des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu

einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht

abschlagen durften.

Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach

der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette

und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne

die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins

angethan hätten.

Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die

Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die

Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch.

Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte:

»Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht?

Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.«

»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl.

Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch

Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?«

»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den

einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.«

»Wer war der junge Herr?«

»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als

wenn't en intimer Freind von sie sein dähte.«

»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.«

Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und

Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander

geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.

»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.«

»Deine Idee, Minchen.«

»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den

Unsinn?«

»Gute Nacht, Minchen. Weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch

etwas für sich.«

Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich

kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie

erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und

verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei

Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Kindervergnügen.

Als Großmutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit

Geistessämereien fürs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den

Löwen und Elephanten und den Eisbären erzählt hatte, die, wenn sie auch

weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb

ausstellungsberechtigt sind, ließen die lieben süßen Wesen keine Ruhe,

bis der Vater schalt: »Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert

Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld für Allotria

her.«

Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter

wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten

Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig:

einfach ein älteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrünseidenen

goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig,

sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und

aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrüne, mit Goldlitze

eingefaßte Sammetbändchen hervorlugen, so daß durch die Mitwirkung

ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als

sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann.

Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil ihm die Löwen

zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostüm noch nicht, da sie

ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin

sitzt und er sein Wohlgefallen äußert. Er mag es, wenn seine Frau

liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie

sich verschönert hat, giebt er ihr einen Kuß extra.

Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich für helles

verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem

Blauen, und Tante Lina Grünbräunlich-Changeant. Die Kinder waren

sämmtlich in Weiß gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man

zufällig jemand aus maßgebenden Sphären anrennt, dieser sagt: »Sieh

da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfaßt

hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall

dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen

berühmter Männer liest man stets, wie ähnliche Nebenthatsachen die

Wandlung zur Größe verursachten.«

Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen

eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewähren, als Herr Butsch

gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Händen und da dachte ich: nimm

sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie übertragen es auf die Stiefmutter,

und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an

dem die Herzen einander zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine

Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich

anschlössen?

Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung.

»Mein Töchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des

Arbeits-Ausschusses zu würdigen.«

»Wird auch nicht verlangt, für sie sind die übrigen Schaustellungen.«

»Zu zart.«

»Die wilden Thiere.«

»Zu ängstlich.«

»Aber die Aeffchen im Affenparadies?«

»Die Affen überläßt sie ihrem Vater.«

»Also Du willst nicht?«

»Nein!«

»Warum nicht?«

»Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn er als Kind schon

alle Reizmittel durchkostet, die zum Todtschlagen der Zeit geboten

werden? -- Uebersättigung. Man badet einen Säugling in der Wanne und

hält ihn nicht unter den Rheinfall.«

»Seit wann bist Du so weise.«

»Seit ich Vater bin.«

Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glücklichkeit, der alles

weitere Anpurren hinfällig machte. Seine Liebe ist es, die über dem

Kinde schützend die starken Arme ausstreckt. Und wenn Liebe übertreibt,

wer möchte sie darum schelten?

Erika heißt stillschweigend gut, was er bestimmt oder vielmehr, er

vollführt, was ihr Denken und Sinnen ist, und das Töchterchen gedeiht

dabei; ein wahres Herzeken. --

Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, sie erst tüchtig

satt zu machen und am weitesten langt man mit Napfkuchen. Der ist

nahrhaft, stopft und hält vor.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 6 / 16 段