vorstellte, allein das wäre zu viel verlangt. Zum Beispiel Röhren.
Der Röhrenmacher weiß unmöglich, wozu diese oder jene Röhre verwendet
wird, was hindurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder birst
und kann nicht für jede Einzelne Lied und Beschreibung herausgeben, und
andererseits bedarf man z. B. bei Wring-Maschinen keiner Abhandlung.
Und doch sind vielleicht Neuerungen daran, die den Herrschaften zur
Geldausgabe und den Philippinen zur Erleichterung der Arbeit verhelfen.
Von den sogenannten technischen Verbesserungen des Hausgeräthes hat
die Hausfrau das Wenigste, und ob die Küchendonnas Einem Dank wissen,
ist sehr die Frage. Sie sträuben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem
Bräutigam sind sie willfähriger.
Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinnlosen Streit seine
Arbeit verloren und ihre Spargroschen verthan hat, ist's mit ihm aus.
Ihr Kummer war heftig, aber vergänglich, und um ihrem Ehemaligen die
Rückkehr in das Küchenparadies für ewig abzuschneiden, hat sie sich mit
einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier mit dem Schwert auf die
Finger klopft, wenn er herein will. Er ist ein großer, ansehnlicher
Mensch mit rothblondem Schnurrbart und grauen Augen, und wie Dorette
sagt, durchaus nicht stolz, obgleich er schon drei Einbrecher gefaßt
hat, und wenn es ihm glückt, einen Mörder zu packen, sprungweise
avancirt. Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen ißt er Alles. Der
Tapezier ward zuletzt schon so kiesätig, daß Dorette unterschiedliche
Gerichte nur gezwungen auf den Tisch brachte.
Fleckweise ein Schutzmann im Hause ist rathsam. Er verbreitet für
die Schlechten das Gefühl der Furcht, für die Guten das Gefühl der
Sicherheit, und Dorette ist wieder brauchbar. Soviel Geschirr hat sie
zuvor nie geliefert, als in den Wochen des zerbrochenen Verlöbnisses.
Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne die Kalbsbratenreste
als stillschweigendes Gehalt. --
Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung regten uns
ungemein an und nicht minder die Nähmaschinen, die auf das Niedlichste
sticken und das junge Mädchen von früher vollkommen ersetzen, von
dem man Fertigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine
Handschuh-Nähmaschine sahen wir, die überwendlich naht. Wohin soll das
führen? Die Fähigkeiten der Frau werden verschoben, sie begiebt sich
auf das geistige Gebiet, wo sie die Männer verdrängt. Der Mann macht
Maschinen, die Frau wird immer unabhängiger, bis der Mann schließlich
nur noch den Dampfkessel zum Gesammt-Hausstandsbetriebe heizt, und
die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegensatz zu der Pappe
und der Biegemaschine, die aufsteigende Linie nennen. Sind wir erst
mit Damen-Universitäten und Mädchen-Polytechniken ausgerüstet, ist es
Kleinigkeit, einen Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau das
Ganze beherrscht, und ich glaube nicht, daß dann noch viele Männer bis
Mitternacht und darüber in den Kneipen sitzen dürfen. Die elektrische
Gasuhr wird einfach abgestellt und es giebt nichts mehr.
»Unausstehlich, die Drehbänke,« murrte Ottilie, als wir vorwärts
wandelten und Vieles Kurbelige nicht im Gange war.
»Ottilie,« antwortete ich besonnen, »das Nothwendige kann wohl den
Eindruck des Unausstehlichen machen, ist es aber nicht. Die Bedürfnisse
der Menschen weichen eben stark ab. Was wolltest Du in der Sahara
mit Schlittschuhen und in Grönland mit einem Eisspinde, wogegen eine
Drehbank Dir vielleicht dringend fehlte.«
Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie doch vorhin
gewaltig mit Eindruck und Erscheinung um sich geworfen hatte. Hängt sie
Bilder heraus, ich hab auch 'ne Galerie.
Allmählich gelangten wir an die Badezimmer mit Wasch- und
Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln und Oefen zum Desinficiren.
Was wußte man vor einigen Jahren davon? -- Nichts.
Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Karbol und haste
nicht gesehen: wohin der Mensch sich begiebt, überall Bacillen und
Sanitätsgestank. Denn den können die Menschen kaum vertragen, viel
weniger die Mikroskobien, indem sie sich nicht zu entfernen vermögen
und in dem Dunst elendiglich krepiren.
[Illustration: Carbol]
»Wie merkwürdig,« sagte ich zu Ottilien, »daß solche kleine
Thiere Veranlassung zu so großen Apparaten geben. Welches Geld
muß jetzt ihretwegen versalicylt werden, das die Nationen vor
ihrer Errungenschaft sparten oder in Dömen anlegten oder sonstigen
Kunstdenkmälern aus dem Mittelalter als Reiseziele für die Fremden.«
»Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Universum aus der
Multiplication der Atome mit den Kräften besteht und somit auf das
Gebiet der höheren Mathematik übergeht.«
»Das Mathematische nimmt allerdings einen geachteteren Stand ein,«
setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedankengange zu erhalten.
»Früher erzählte man sich meistens Lächerliches von den Professoren,
wie sie statt des Hutes mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg
gingen und thatsächlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm
geschaffen haben.«
Mir schien nämlich, als ob ein junger Mann absichtlich an denselben
Gegenständen Antheil nahm, die wir betrachteten und besprachen, wodurch
ihm Aufklärung ward, die er bei den Saalwärtern schwerlich fand. Folgte
er aus Wissensbedürfniß ... gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie
geworfen, sollte er inne werden, daß eine höhere Kulturschranke sie
umgiebt, die jeden Annäherungsversuch abschlägt. In Ausstellungen gilt
zwar das Drängelrecht, aber es giebt auch geistige Ellenbogen.
Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da wir selbst eins
haben, mit dem wir recht zufrieden sind und dessen Anschluß selten
versagt. Dagegen mußte ich mit Ottilien in verschiedene »himmlisch« und
»entzückend« ausbrechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in
Thätigkeit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumenkränze,
Gürtel in einem Spinde, die in allen Farben erglühten, sobald sie durch
einen Druck mit der Leitung verbunden wurden. Besonders ein Strauß
aus Gräsern und Feldblüthen war geradezu elfenhaft. Wie Aschenbrödel
stand er zwischen Silber und Gold und Edelgestein, mit einem Male aber
entzündeten sich die Mohnrosen und Gänseblümchen und die Käfer und
Schmetterlinge roth und blau und grün und sonnenstrahlig, schöner als
ringsum alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Märchenlandes, in Berlin
angefertigt.
»An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee aus und gaukle mit
solchem Zauberstrauß,« rief ich hingerissen von dem Anblick, ohne
weiter etwas dabei zu denken.
Ottilie erröthete und der junge Mann schlängelte davon.
»Aha!« ward mir klar, »nun der verliebte Hecht von Polterabend gehört
hat, glaubt er Ottilien in festen Händen und macht sich dünne.«
Ottilie seufzte.
»Das Rasseln der Maschinen fällt mir auf die Nerven,« begann sie nach
einer Weile, »ich möchte ein wenig Ruhe.«
»Gewiß, Kind. Meine Fußnerven sengern auch schon. Ich denke, wir nehmen
ein Gläschen Bier dort in der Brauerei, die zur Rast einladet. Unser
Fleiß verträgt nachgerade eine Belohnung.«
Ottilie seufzte noch einmal und schaute sich nach dem Adonis um, der
jedoch nicht zu erblicken war. Nirgends kann man besser Versteck
spielen, als hinter den Ausstellungsaufbauten. Ein Schritt um die Ecke
und weg ist man.
Wenn ich Adonis sagen wollte, so war dies eine Nachwirkung der
Glühschmuckpoesie. Ich denke mir die Adonisse moderner in Zeug, und mit
sauberster Wäsche und nicht mit Schirmmütze und mit ohne Manschetten,
wie es bei dem Menschen zutraf, der, wer weiß wie, in die Ausstellung
gerieth, da ja mit den Eintrittskarten enorm geschmuggelt worden ist,
selbst bei solchen oberen Zehntausenden, die es nicht nöthig haben.
Kaum saßen wir an einem Tischchen und sahen dem Springbrunnen vor dem
Kesselhause zu und nippten an unserem Biere, als der junge Mann an
unseren Tisch trat, fragte, ob der freie Stuhl besetzt sei, und auf
Ottiliens »Nein« sich unverfroren hinplatzte.
Ottilien war dies ersichtlich wonnevoll. Wenn Eine noch so dumm ist,
den Anbeter wittert sie auf der Stelle. Und Ottilie ist gescheidt.
»Schönes Wetter!« warf der junge Mann hin.
Ehe Ottilie ein »entzückend« abfeuern konnte, sagte ich: »Wegen
der Witterung sind wir nicht hier, sondern wegen Gruppe dreizehn:
Maschinenbau, Schiffbau und Transportwesen, sowie namentlich
Elektrotechnische Gruppe vierzehn.«
Adonis machte ein mehr als begriffstutziges Gesicht.
»Wissen Sie, was Elektricität ist?« fragte ich ihn.
»Nein.«
»Ach, Ottilie, Du wolltest es mir ja erklären. Nicht wahr, das
Kesselhaus ist das Treibende?«
»Die Verbrennung,« verbesserte sie, »durch diese entsteht die
Dampfkraft mit unglaublich rascher Rotation mehrere Hundert Mal in der
Sekunde.«
»Daß eine Maschine das so kann,« schaltete ich ein, um Ottilien über
eine Nachdenkpause wegzuhelfen. -- »Und dadurch entsteht der Strom,«
fuhr sie fort, »den sieht man nicht, weil er unsichtbar ist. Leitet
man ihn durch einen Draht, verwandelt der sich an dem anderen Ende in
elektrisches Licht.«
»Einfacher, als man annehmen sollte,« lobte ich sie. »Wirklich sehr
einfach.« -- Dann wandte ich mich herablassend an den jungen Mann, der
ganz verwundert dasaß:
»Haben Sie das verstanden?«
»Nein,« lächelte er. »Nein... ich bin nämlich Elektrotechniker.«
Er löschte den Rest seines Durstes sehr rasch, stand auf, verbeugte
sich und schlug sich seitwärts ins Lokal.
»Es war ein Schwindler,« belehrte ich Ottilie.
»Aber so hübsch!«
»Er gestand selbst, daß er nicht wüßte, was Elektricität sei, also.
Vielleicht ist er Ritzenschieber bei der elektrischen Bahn und rechnet
sich auf diese Weise verwandt mit Siemens und Halske.«
»O nein; er hatte so intelligente Hände und einen Diamantring am
kleinen Finger.«
»Wird wohl Simili gewesen sein. Ottilie, was gehen Dich die Hände der
Mannsbilder an? Traue keinem. Du hast jetzt ein Exempel, wie falsch sie
sind. Aber sei ruhig: dieser ist entlarvt; der wagt sich nicht wieder
heran.«
Sie seufzte.
»Komm, Ottilie. Die Maschinen und die Elektricität sind erledigt, nun
wollen wir Musike hören. Deine Kenntnisse haben Dich vor einem Reinfall
bewahrt; danke Deinem Schöpfer, daß Du so gründlich studirt hast.«
Sie seufzte noch einmal und nur langsam folgte sie mir.
Aber ich werde ihr schon Menschenkenntniß beibringen.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Titel-Dekoration]
Ueber Architektur und einiges Andere.
Nun ist Tante Lina auch da.
Aber ihre Handtasche nicht. Die reist ohne Fahrschein weiter und hat
sich bei der EisenbahnfundstelIe noch nicht angemeldet. Einer ist immer
unterwegs nach der Koppenstraße, entweder mein Karl oder Jemand aus dem
Geschäft oder Dorette oder ich mit Ottilie und Tante Lina in eigener
Person.
Tante Lina kann den Verlust nicht überwinden, ihr Gedankengang führt
sie immer und immer wieder auf die Tasche. Dies ist ihr Morgen-, Abend-
und Tischgebet.
»Waren denn Werthpapiere drin?« fragte ich.
»Nein.«
»Oder Goldsachen?«
»Meine Uhr habe ich zu Hause gelassen und meine Ohrringe auch. Die
werden den Leuten in Berlin ja auf offener Straße ausgerissen.«
»Mir neu!«
»Bäcker Lorenz hat es erzählt. Den haben sie in Berlin rein
ausgeplündert; in den Blättern stand es auch.«
»Liebe Tante, es ist wohl mit Kindern vorgekommen, aber mit erwachsenen
Bäckermeistern noch nicht.«
»Die betäuben sie. Wenn mir einer was zu riechen giebt, ich rieche
nicht.«
»Sehr vernünftig!«
»Ich hatte mein Eau de Cologne in meiner Tasche.«
»Wir kaufen frisches.«
»Nein, nein, ich bekomme meins zu Neujahr von Apotheker Bahnsen, der
setzt es selbst an. Es ist viel besser als das echte, viel kräftiger.
Er hat sich jetzt wieder verheirathet, die erste Frau starb, mit
Erlaubniß zu sagen, im Wochenbett. Nun saß der Mann da mit den drei
Kindern. Sie sagten, er würde wohl die Schwester nehmen, aber die war
ja so gut wie versprochen mit dem Steuereinnehmer Möller, das ging
doch nicht und da nahm er dann die Aelteste von Kaufmann Milberg am
Markt. Ob sie in das Gewese hineinpaßt, darüber sind die Ansichten
verschieden, ich will aber nichts gesagt haben, nicht das Leiseste, sie
kann sich ja noch gewaltig ändern. Und das wollen wir hoffen. Und wer
weiß, ob es ein Glück für Möller ist. Und Bäcker Lorenz...«
[Illustration: Männer beim Kartenspiel]
»Liebe Tante, ich habe ein Fläschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen
anbieten?«
»Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch
nicht nöthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.«
»Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.«
»Oh, oh! das kann doch nicht angehn? ^Meine^ Tasche? Er wird doch
nicht, mit Erlaubniß zu sagen, meine Zahnbürste gebrauchen?«
»Wir kaufen eine neue.«
»Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstraße, ich bin nun mal an
Viedt seine gewöhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet
ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber
der junge Viedt ist es auch. Das muß man ihm nachsagen. Ueberhaupt die
Viedt's: ich sage immer, solche Bürsten wie Viedt's ihre findet man
nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.«
»Wenn die Tasche aber weg ist?«
»Sie findet sich wohl wieder an. Wir müssen blos das Nachfragen nicht
vergessen. Ist Jemand hin?« --
Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergnügen, noch hatte er Sinn
für Tante Linas chronisches Gedächtniß. Sie wußte von allen Verwandten
und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was
für Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und
wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den
Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und
wann und mit wie viel.
»Karl,« sagte ich, als er brummte, »jedenfalls ist die Behälterigkeit
der alten Dame anzuerkennen.«
»Wie so? Sie thut ja nichts, als sich mit Familienmuff vermüffeln.«
»Lohengrin und sein Schwan kommen nicht in ihre Gegend, also was bleibt
ihr? Und außerdem hat sie Moneten. Und in ihren Briefen schrieb sie,
sie wollte Berlin gerne sehen, ehe sie ihr Testament machte. Das ist
ein Wink, Karl. Wenn man sie richtig nimmt, vermacht sie ihr Vermögen
den Enkeln, die doch studiren müssen.«
»Ich schleiche nich erb,« lehnte er kurz ab. »Die Tante mag sich bei
uns wohl fühlen, das wünsche ich, aber ihr Schwägerschaftsgeklöne
auszuhalten, habe ich nicht kontraktlich. Und ödet sie mich noch einmal
mit Lieferanten aus der Kuh- und Kälberstraße, werde ich auch öde.«
»Wenn Viedt aber doch die besten Bürsten macht?«
»Kommst Du mir auch schon mit dem? Ich verbitte mir Viedt ein für alle
Mal.«
»Wer fängt von Viedt an? Du fängst von Viedt an. Und was geht mich
Viedt an? Warum fährst Du nicht mit Tante Lina nach Treptow, ihr
Welteindrücke beizubringen?«
»Nein, mein Kind. In einem Coupee mit Tante Lina und Viedt und
Kompagnie und nicht herauskönnen... ich würde rasend.«
»Du rasest nie, mein Karl. Du bullerst selten genug auf. Ein Mann muß
geeignet dazwischen fahren, die Umgebung auf den Trab zu bringen.
Dorette wird obstinat, mein Karl, wegen Tante Linas Eigenheiten.«
»Ich meinte, sie wäre anspruchslos.«
»Aeußerlich. Sie sträubt sich allerdings mit vielem Gerede gegen
Umständemachen, aber wenn nicht jegliches auf den Tippel nach ihrem
Kopf geht, nimmt sie's übel.«
»Laß sie knurren.«
»Sie bleibt immer gleichmäßig zurückhaltend und duldsam und zwirnt Dir
blos eine bezügliche Geschichte aus der Gevatterschaft vor, ganz lang
und ganz langsam mit Spitzen darin, ein Schleppkleid zu garniren. Du
hast Deine Pillen weg und weißt nicht wie, und die alte Dame verzichtet
lächelnd auf Dank.«
»Das erträgst Du kaltblütig?«
»Ich leide für die Enkel, besonders für Fritz, der schon jetzt
Anzeichen von Rechtsbewußtsein äußert, indem er sich nichts nehmen
läßt. Und wer kann heutzutage Assessor studiren, ohne eine Erbtante in
der Hinterhand?«
»Warum kein Geschäft ergreifen? Du siehst doch auf der Ausstellung, daß
außer den Studirten auch noch Leute leben. Und wie hoch steht der Mann
da, der aus eigener Kraft der Stadt und dem Staate zur Ehre gereicht!«
»Der Jurist steht höher. In Moabit trifft sich zuletzt Alles. Die
Seelenseligkeit kriegst Du nur durch den Geistlichen und Dein Recht
nur durch den Juristen. Der Geistliche kriegt keinen Juristen in den
Himmel, aber der Jurist bringt den Geistlichen in's Loch, je wie die
Verhältnisse liegen. Nein, Fritz studirt Rechtsgelehrtheit, dann ist er
allen Ständen über. Der Junge ist ja so süß.«
»Er macht den Eltern mehr Verdruß als Franz.«
»Weil sie den Knaben nicht verstehen. Wer sich Zwillinge leistet, darf
keinen von Beiden vorziehen. Gleiche Wäsche und gleiche Liebe. Also was
haut Er Fritz?«
»Weil der Bengel sagte, ein Hund hätte ihm die Hosen zerrissen, worauf
der Vater nach Bißwunden sucht und findet, daß Fritzchen gesohlt hat.
Warum log er?«
»Um von Jemand Strafe abzuwenden.«
»Von wem denn?«
»Nun von sich selbst. Ihm war das Malheurchen beim
Treppengeländerrutschen passirt, was sie ja eigentlich nicht sollen.
Aber anstatt sich über das Talent des Kindes zum Advocaten zu freuen,
drauf losgedroschen, wie auf kalt Eisen. Und ich sage Dir, ehe Tante
Lina Berlin verläßt, hat sie Fritzchen in ihr Herz und ihr Vermächtniß
geschlossen.«
»Deine großmütterliche Verblendung geht zu weit. Warte doch ab, was die
Zeit bringt.«
»Die Zeit läßt sich zu viel Zeit. Die Karre geht nur, wenn sie
geschoben wird. Nächstens machen wir eine große Kinderpartie nach
der Ausstellung, Tante Lina als Mittelpunkt, damit sie Gelegenheit
hat, Fritzchen lieb zu gewinnen. Uebrigens frage doch wieder nach der
Tasche. Wie wäre es, wenn der Knabe sie der Tante überreichte?«
»Mit einem Prolog? Wilhelmine, ich kenne Dich kaum noch. Was hast Du?«
»Karl, viele Freuden des Daseins machen erst dann Freude, wenn sie
glücklich überstanden sind. Die Ausstellung dauert noch bis zum
Oktober.« -- »Adje,« sagt er.
Ein Glück, daß er in der Fabrik schläft. Tante Lina steht schon um Vier
auf und Dorette muß heraus und ich muß heraus. Ottilie liegt wegen
ihrer Nerven durch bis sieben. Natürlich zweimal Kaffee trichtern.
Tante Lina ißt bei sich zu Hause um zwölf Mittag, wir essen um
dreien. Sie geht früh spazieren, traut sich aber nicht allein auf die
Straße. Ich muß mit nach dem Friedrichshain. Mein Mann trinkt den
Kaffee mit Ottilie. Er findet ihre Augen hübsch. Und dabei soll man
Ausstellungsberichte schreiben.
Aber wozu ist Kriehberg?
Ihn allein mit Ottilien durch die Gefilde Treptows streifen zu lassen,
das geht nicht, bewacht jedoch Tante Lina sie als Schutzgeist, kann ich
ruhig sein. Sie hat so runde betriebsame Augen, und hört auch gut für
ihre Jahre, die an den Fältchen im Gesichte kenntlich sind, namentlich
auf der Stirn. Auch marschiren kann sie rüstig. Das regelmäßige Leben
in der Abgeschiedenheit macht alt und dauerhaft. --
Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der
Ausstellung gesandt, sogar mit Entwürfen, sauber ausgeführt auf
Glanzleinewand, metergroß, wofür ich ihm die Auslagen erstatte,
obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als
Hochzeitsgeschenk für einen Baubeflissenen.
Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt,
daß die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst
er unter solchen Umständen die schwierige Aufgabe nicht glücklicher
gelöst haben würde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein
Gebäude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige
elektrische Eisenbahn fährt, wie durch den Riesenbau für Unterricht und
Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es
so zerschneidet, daß man vom Vorderen zum Rückwärtigen über eine Treppe
hinauf und hinab steigen muß? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen
angelegt werden können: immer durch die Häuser, wo welche im Wege
stehen und nicht erst Tunnels unter der Straße buddeln oder Hochbahnen
an den Etagen vorüber, daß jeder sich scheniren muß, halb angezogen
ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgäste
plötzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln.
Leicht faßlich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen
Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschön
erscheint, das fällt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend
machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fühlen? Wird nicht an
allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt?
Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist
veraltet, jenes unzeitgemäß, darum weg damit, als der Menschheit
unwürdig. Nun kommen die Gewaltsbeglücker mit ihren Plänen, die passen
wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder,
blos mit dem einen Fehler, daß sie nicht nach Maaß gearbeitet sind.
Wer darin vorwärts will, den kneifen sie und statt der versprochenen
goldenen Berge hat er eine Hühneraugenzucht. --
Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung.
Tante Lina und Ottilie mußten für einige Stunden unschädlich gemacht
werden.
Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu
nehmen, die Denkmäler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst
für Fremde in den Führern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an
bis zum Zellengefängniß. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten
Taxameter und erklärte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina
ungemein, daß man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat
beziffert. »Als ich in die Nähschule ging,« sagte sie, »bei Madame
Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen
Haspel, woran man sehen konnte, wann fünfzig Touren herum waren beim
Garnwinden. Wenn man nicht aufpaßte, gab es doppelte Strähnen und
dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nämliche Art von dem nämlichen
Drechsler?«
Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam
zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunächst nach der Koppenstraße wegen
der Tasche.
Ich athmete auf. Endlich Ungestörtheit, den Bericht über
Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, daß
ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, höchstens wo er sich in
Renaissance oder frühe und späte Gothik versenkt und von Risaliten
spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalität,
Rabitzwänden, Stabilität, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er
in gewöhnlichem Deutsch schreibt, darüber läßt sich streiten und ich
will mich hüten, hinterher für seine Ansichten verantwortlich gemacht
zu werden. Etwas muß ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht
ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem
Viertelsposten vorlieb nehmen muß. So baronisirt er wenigstens nicht
gänzlich.
Ich war Willens, den Bericht mit sachlichem Ernst zu beginnen, aber du
lieber Gott, sonne Architektur! Man hat wohl Tinte in der Feder, schöne
schwarze Tinte und stippt nochmal ein und nochmal, aber Bauliches
fließt nicht heraus. Man sinnt und stippt wieder ein. Allein schon
die Ueberschrift. Eine gute Ueberschrift ist der halbe Aufsatz. Soll
man sagen: »Ueber Gebäude« oder »Architektonische Wanderungen« oder
»Sommerwohnungen des Gewerbes« oder »Vom Palast zum Wigwam«, um die
Wilden mit hineinzunehmen und gleich das Mächtige des Hauptrestaurants
anzudeuten? Nicht schlecht schien mir: »Die Wunder des Gipses.«
Nach langer Ueberlegung entschied ich mich für »Das Häusliche auf der
Ausstellung«, weil mit Haus alles bezeichnet werden kann, sowohl die
Moschee wie der Katalog-Kiosk und wollte grade losorgeln, als Tante
Lina und Ottilie zurückkehrten.
»Schon?« fragte ich.
»Ueber eine Stunde ist genug,« antwortete Tante Lina. »Blos Geld
verfahren, dazu hat man es nicht.«
»Und wie gefällt Ihnen das neue Berlin?«
»Berlin?« fragte sie nach. »Man sieht ja nichts von Berlin. Nein, ich
kann nicht sagen, daß ich was von Berlin gesehen hätte.«
»Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum gefahren?«
»Das glaube ich nicht.«
»Und Du, Ottilie, Du freutest Dich doch so ungemein auf die Fahrt. War
sie denn nicht entzückend?«
»O ja,« antwortete sie, als wäre das Ja eine Gummistrippe.
»Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten und bei Wrangeln
und den übrigen Plastizitäten?«