»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches

Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber

Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt

bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«

»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«

»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«

»Wie entzückend! Ist er hübsch?«

»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?«

»Wieso?«

»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre

Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen Mann

interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.«

»Aber ich... «

»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven

zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst

Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern,

ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem

Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste

Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt

ihm.«

Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.

Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu

lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.

Ich selbst aber fürchte. Meine Phantasie malt mir allerlei

Unerfreuliches an die Wand.

[Illustration: Caféhaus-Szene]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Das erste Lichtfest.

Wie theile ich Ottilie ein?

Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, von denen

es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten von Banditen giebt,

nämlich solche, die sich auf Eßbares setzen, weshalb die Butschen ihr

Apfelmus stets mit Korinthen bestreut, sie durch die Aehnlichkeit zu

vertuschen, und solche, die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen,

bis man die Bestie nach endlosem Vorbeigelingen getroffen hat oder

irgend etwas Zerbrechliches, das in der Ziellinie stand.

Ottilie kennt Berlin nur aus im zweiten Lebensjahre gewonnenen

Jugendeindrücken und weiß besser in den spanischen Provinzen Bescheid,

als in der Reichshauptstadt nebst Umgebung, was man ihr auch nicht

verdenken kann, da sie in Geographie mit einem Einser siegte und zwar

besonders durch einen fehlerfreien Aufsatz über Madrid, das sie für ihr

Leben gern einmal sehen möchte, um zu vergleichen, ob es wirklich so

ist, wie sie es beschrieben hat.

Ich sagte: »Ottilie, zwischen uns und Hispanien liegt zu viel

Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr gepriesen werden, in

diesem Sommer geht nichts über Treptow. Damit Du jedoch nicht zu dem

Glauben verleitet wirst, Berlin bestände bloß aus Vergnügungspartieen

nach der Ausstellung, ergiebt sich für Dich die Nothwendigkeit, erst

die Residenz als solche zu ergründen und natürlich Potsdam dazu und

ein paar Kilometer Charlottenburg oder bis zum Spandauer Berg,

wo man Aussicht auf ungeheuer viel Geld hat, auf den Juliusthurm

nämlich, worin die Millionen des Kriegsschatzes schlummern. Dieser

Anblick in Verbindung mit dem vorzüglichen Bier ist beruhigend für

den Staatsbürger und dessen Gattin, sobald sie über das erforderliche

Verständnis verfügt, denn das schönste Militair nützt nichts ohne das

nöthige Großgeld.«

»Gerade die Entzückendsten machen reiche Heirathen des Geldes wegen.

Aber sie werden schrecklich unglücklich ohne Liebe.«

»Wen meinst Du?«

»Die Offiziere.«

»Ach so. -- Ottilie, nimm Dir zur unbeugsamen Richtschnur: was in

Romanen steht, ist so gut, als hätte die Krausen es Dir erzählt, die

von der Wahrheit nur Gebrauch macht, um die Gefühle ihrer Nebenmenschen

zu verletzen. Ich empfehle Dir daher, des Morgens mit Dorette in die

Markthalle einholen gehen, damit Du Berlin vom Haushälterischen wie

vom Statistischen beurtheilen lernst. Es sind enorme Zahlen, die dort

umgesetzt werden, ohne was nicht umgesetzt wird, sondern nebenbei von

auswärts kommt und sich der Kontrolle entzieht, weil es nichts taugt

oder gesundheitsschädlich ist. Hier greift die Polizei in die Margarine

ein oder verschüttet die Milch und beschlagnahmt lungensüchtiges

Fleisch und erweist sich hochgradig nützlich, denn siehst Du, heut zu

Tage geschieht Alles der Gesundheit wegen.«

[Illustration: Offizier]

»Wir leben in dem Jahrhundert der humanitatairen Bestrebungen,«

verrieth sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiete.

»Sehr richtig, und es wird noch tatärer mit der Zeit, wovon die

Ausstellung eine unvergeßliche Probe liefert. Wohin Dein Auge sich

richtet, trifft es auf die Empfehlung von der Unfallstation. An den

Brückengeländern ist sie als Beruhigung festgenagelt: wenn Du Dir das

Bein zerstolperst, haben sie Syndektion, es wieder zu leimen. In den

Schänken, in den Kaffeehallen, in den Weinstuben, überall ermahnt

Dich die Unfallstation, wie unsicher das menschliche Dasein ist, und

gewissermaßen schwebt die Carbolflasche am seidenen Fädchen über

Dir, und es riecht auch danach, wo man essen und trinken will aus

sanitätlichen Rücksichten hingegossen, daß man lieber gleich wieder

geht. Wo die Hygiene aufdringlich wird, erregt sie Uebelkeit.«

»Dies würde meine Nerven schrecklich angreifen.«

»Stärke sie, Ottilie, stärke sie, Du wirst es nöthig haben, denn selbst

meine hatten verschiedene Anprälle zu überwinden. Denke Dir blos das

Leichenbrennhaus...«

»Ich hasse Leichen.«

»Ottilie, Du hast mitunter Ausdrücke an Dir, unter denen die deutsche

Sprache leidet. Du darfst sagen, sie erschüttern Dich oder Du bebst

zurück oder Du träumst davon, aber doch nicht hassen. Wie bald werden

die Todten vergessen; gönne ihnen doch die Liebe, die ihnen bis zum

Grabe folgt und auch nicht unsterblich ist, so ewig sie sich gebärdet.«

»Wie ist es mit dem Leichenbrennhaus?« lüsterte Ottilie. »Ist es

schrecklich zu sehen?«

»O nein, wie so 'ne Kapelle im Grünen, und unterscheidet sich von

den übrigen Ausstellungsunternehmungen dadurch, daß kein Ausschank

damit verbunden ist. Auch inwendig ist sie gediegen, mit kirchlichem

Fußgetäfel und Fenstergemälden und Sargkränzen.«

»Werden welche verbrannt?«

»Es sind nur Probeöfchen vorhanden, und an den Wänden Abbildungen

von Verwesenden und was dazu gehört, um das Begraben zu

verekeln und für das Einäschern zu gewinnen. Auch sieht man in

Silberstangen-Nachbildung, was das Todtbleiben an verschiedenen Orten

der Erde kostet, so daß Jeder sich sagt, das Sterben ist zu theuer, es

muß billiger werden. Und dann steht da in einem Glashafen die Asche

eines neunzehnjährigen jungen Mädchens.«

»Wie furchtbar!«

»Und von einem dreiundsechzigjährigen alten Manne.«

»Pfui!«

»Ottilie! Was kann der alte Mann dafür, daß seine Asche keine Ruhe

findet, indem die Besucher sie in die Hand nehmen und schütteln?

Vielleicht verdient er es, denn seine Asche ist schwärzlich, wogegen

die des jüngeren, unschuldigen Mädchens beinahe Schneeweiße erreicht.

Man sagt ja auch zuweilen: Einer taugt nicht bis in die Knochen. -- Und

Schwarz ist nun einmal verdächtig.«

»Haben Sie die Asche auch in der Hand gehabt?«

»Nun ja, ich hob den Glastopf, worin sie ist, und habe den alten Mann

auch 'mal geschüttelt. Aber nachher hat es mich gereut.«

»Wieso das? Die leblose Asche ist doch aus dem Kreislauf des Seins

geschieden und ohne Nervenketten, die das Geistige auf animalischem

Wege vermitteln.«

»Es war nachher, als ich im Hauptgebäude die trauernde Familie sah.«

»Wie interessant! Die Angehörigen des Verbrannten?«

»Wenigstens eine Familie in Schwarz und Schmerz, hinter Glas,

naturgetreu ausgestopft und der Herr Prediger lebenswahr in Wachs

photographirt, wie er sie erbaut und auf die Firma hinweist, wo

die Costüme für tiefste Trauer bis zum lila'nen Uebergang am

vortheilhaftesten bezogen werden. Mir gefiel besonders der eine Umhang

mit echt Jet; auch bemerkte ich, daß die überlebensgroßen Aermel nicht

mehr hochmodern sind. Gieb Acht, es wird wieder ganz eng und glatt

gegangen.«

»An Stoff wird man sparen.«

»Wer weiß jedoch, welche Art Plissé sie aufbringen, wozu dann

ebensoviel dazu gehört, wenn nicht mehr.«

»Und die Aenderungen kosten.«

»Deshalb muß man sich nie zu viel machen lassen. Dein marineblaues

Kleid ist mindestens überflüssig, es läßt Dich auch nicht ersten

Ranges; ich an Deiner Stelle würde es in Berlin nicht tragen.«

»Meinen Sie? Ach, ich hatte mich so schrecklich darauf gefreut. Alle

fanden, es stände mir entzückend.«

Das Wasser trat ihr in die Augen, und sie wurde mit einem Male

kopfhängerisch, daß ich erschrak und mich auf einen sofortigen

Nervenausbruch gefaßt machte. Sie that aber nichts dergleichen, sondern

blieb still und traurig.

Das bedrückte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes,

das kein Beklagen und kein Getröste wieder in's Leben zurückruft.

Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen

Kleide, wo sie so selten zu etwas Außergewöhnlichem kommt, und es sich

erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der

Puppe? Wer hatte diese Greusäligkeit begangen?

Es war genau Diejenige-welche, -- die kurz vorher sich über die giftige

Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit

ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein,

blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz

dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der

Bildfläche erscheinen wollte.

Es war keine Nothlüge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine

Beruhigungsflunkerei folgen mußte. Wer lügt, steigt in einen verkehrten

Zug und muß vorwärts und schließlich Strafe zahlen und hat zum Schaden

den Aerger.

»Ottilie,« begann ich daher langsam, nach Ausflüchten angelnd, »was ich

eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstäblich zu. Es war auch

mehr als Turnübung für Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so

mächtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut

gefällt es mir. Du siehst doch ein, daß Deine Nerven von Zeit zu Zeit

geknufft werden müssen, das ist Massage für sie, heilkräftig, stärkend

und aufmunternd. Nicht wahr, Du fühlst förmlich, wie gut es thut, daß

ich eben über das Blaue scherzte?«

Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, daß

ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine

Fühlhörner an ihrer Seele.

»Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blänke, wenn Du so weinst. Das

wäre doch zu schade.«

Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ.

»Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.«

»Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich haß

es.«

»Stuß! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen,

was wird man sagen?«

»Ach, da schmäht man nicht den ganzen Tag und mäkelt und häckelt nicht

-- in einemfort -- immerzu.«

»Wer thut denn das?«

»Ich will weg. Zu Hause fanden Alle mein Blaues ideal.«

»Ist es ja auch.«

»Nein. -- Sie mögen es nicht -- und nun -- mag ich -- es auch nicht

mehr.«

»Ottilie, so mußt Du nicht mit den Thränen aasen; das sind die ganzen

Lappen nicht werth,« nahm ich strenge das Wort, weil sie sich immer

tiefer in ihren Kummer versenkte, der, bei richtiger Beleuchtung

besehen, eigentlich keiner war. Ist sie denn derartig vollkommen,

daß unsereins bewundernd still sein soll wie 'ne dodige Plötze? O

nein. Die Wahrheit muß heraus... das heißt, man muß sie vorher doch

einigermaßen prüfen, ob sie auch vertragen wird. Manche trinken

eine Flasche Bitterwasser und Andere haben von einem Weinglase

vollauf Beschäftigung, weil eben die menschliche Kreatur auf das

Verschiedenartigste beschaffen ist. Was jeffen sie sich im Reichstage

gegenseitig für vernichtende Grobheiten über und ihnen fehlt nicht die

Bohne danach. Ich werde Ottilie auf die Tribüne schicken, damit sie

ihre Zimperlichkeit einsieht und sich die Härtigkeit der Landboten zum

Muster nimmt. Daraus wird jedoch nichts, falls es zum Bruch kommt und

sie abreist, nachdem sie kaum angelangte. Was hilft alles Kochen, wenn

das Ei hart ist? Es wird nicht wieder weich.

Es galt einen Entschluß fassen und obgleich mir durchaus nicht

ausstellerig zu Muthe war, sagte ich:

»Ottilie, wenn Du vorziehst, Trübsal zu blasen, bleiben wir in der

Stadt und gehen heute nicht nach Treptow, wo die erste Illumination

stattfindet.«

»Wir wollten doch erst morgen hin,« entgegnete sie mißtrauisch mit

langsamer Eindämmung der Thränenbäche.

»Zur wissenschaftlichen Durchforschung bei Tage, ganz recht«,

antwortete ich mit einer neuen Verschiebung der Thatsachen, denn meine

Absicht war, die Beleuchtung erst in der Zeitung zu lesen, ob sie

glanzvoll gelungen oder mit welchem unverzeihlichen Fehler das Comité

sich beladen und zu erfahren, ob man die Mark Entree mit hinterheriger

Befriedigung verschwenden darf, um die nächste Wiederholung mit unserer

Gegenwart zu beleben. Hieraus mir einen Vorwurf zu machen, wäre

unrecht, denn eine Sache findet bei uns doch nur erst dann begeisterte

Aufnahme, wenn sie bald nicht mehr wahr ist oder die Spatzen sie von

den Dächern ausschreien. Aus eigenem Antriebe einen Nickel riskiren

ist nicht Sitte, so sehr auch Unternehmungslust dadurch gelähmt

wird. Deshalb entschließt mein Karl sich nur nach längerem Zögern zu

sogenannten hautes Nouveautés.

»Zieh' Dein Blaues an, Ottilie; wir gehen. Das Wetter hält sich; ich

habe tüchtig gegen die Barometerscheibe geklopft.«

»Hilft das?«

»Wo doch. Blos um zu sehen, wohin der Zeiger sich rührt. Er schnippte

einen halben Strohhalm breit nach Schön.«

»Wie entzückend!«

Und munter war sie; aufgesprungen und ab, um sich zu schmücken. Der

Mensch ist doch eine ziemliche Wetterfahne.

Ich war zufrieden mit dieser Wendung zum Trocknen, und nahm mir

vor, gut zu machen, was ich Ottilien möglicherweise Leides gethan

haben konnte, indem ich ihren Erziehungsgang nicht hinreichend

berücksichtigte und unbewußt schroff wurde, wie sie es nicht gewohnt

ist. Sie weinte zu sehr, das arme Ding. Es ist aber auch zu dumm, daß

sie das nämliche Kleid hat. Vielleicht laß ich meins schwarz besetzen

oder dunkelrothbraun, was auch nicht übel zusammenschattirt.

Wir fuhren mit der Stadtbahn hinaus und da Ottilie keine Ahnung von

der Anlage des Ganzen hat, zog ich sie mit mir nach der Spreeseite

in die große grüne Branntweinskirche, wo alle Verzehrungsgegenstände

in ästhetischer Zusammenstellung aufgethürmt sind. Solche Mengen und

Abarten von Bonbons hatte Ottilie noch nie gesehen, und auch ich konnte

nicht umhin, zu bemerken: »Die Kinder wissen jetzt garnicht, wie

genußreicher die Welt gegen uns geworden ist. Wir hatten Zuckerkante

und Huststangen und Rothe und Weiße oder auch von den Dunkelbraunen,

jedoch nicht an die Neuerungen im Bonbonwesen zu denken von allen

Formen und Farben wie im Tuschkasten.« -- Der Essig, die Liköre,

Fruchtweine und Riesenwürste fesselten sie weniger.

Von hier begaben wir uns in's nasse Viereck und nahmen einen

Kaffee. Die Lampen brannten und Ottilie hielt diese Ecke für die

völlige Ausstellung und schwärmte für die vom Musikcorps des Kaiser

Alexander-Garde-Grenadier-Regiments No. 1 erzeugten Töne. So stromweise

»himmlisch« und »entzückend«, wie sie hier verzapfte, wurden mir schier

zu viel. Ich ließ jedoch gewähren. Nur nicht kränken, nur nicht weh

thun. Sie hat wirklich Nerven.

Je mehr es dunkelte, um so bescheerungsaufgeregter ward ich. Hatte

Ottilie mich mit ihrer Ankunft überrascht, wollte ich Revanche nehmen

und sie wieder überraschen. Ein Kanonenschuß krachte von der anderen

Seite her und neugierig, wie ich selbst war, sagte ich: »Komm!«

»Ach, noch nicht gehen,« bat sie.

Durch die dämmerigen Laubwege schritt ich mit ihr. Durch die

Lücken schimmerte hin und wieder farbige Gluth. »Aha,« dachte ich,

»gerade recht, die Illumination brennt schon.« Und dann über die

flammeneingefaßte Brücke und grade, als die Musik auf's Neue begann,

standen wir vor dem See und rund um uns und vor uns und wohin das Auge

blickte Licht, Licht und Licht, Flammen und Flämmchen, weiß und roth

und grün und auf dem See schwimmende Lichtboote und die Rasen mit

farbig leuchtenden Blumen und die weißen Gebäude in rother Feuergluth.

Ottilie klammerte sich an mich. Sie fürchtete sich, so fest hielt sie

sich.

»Ist Dir was, Kind?« fragte ich.

»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Wache ich oder ist es Traum? O wie schön,

wie schön.«

Wir wandelten in die Lichtalleen hinein, in die Laubengänge und

schritten mit Tausenden zugleich unter den Lichtbögen um den See.

Rubinrothe Flammengehänge säumten ihn ein. Die hingen von grün

brennenden Weihnachtspergamiten herab und spiegelten sich im Wasser.

Und in all diesen Feuerzauber hinein sang eine Nachtigall.

Die Wandelnden blieben stehen und schaarten sich zu Hunderten um den

kleinen Sänger.

»Die haben wir auch zu Hause,« sagte Ottilie. »Nachtigall ist doch das

Allerschönste.«

»Das ist die Natur stets,« entgegnete ich. »Und darum ist die Kunst so

schwierig. Bedenke, was dazu gehört, mit der Nachtigall zu konkurriren?«

»Ach bitte, bitte, nicht denken heut Abend. Nur genießen will ich all

das Schöne: das Lichterfest, die Musik, den singenden Vogel, die vielen

vielen frohen Menschen. Wie schön, wie schön. Ach, Frau Buchholz, wie

hab' ich Sie lieb.«

Nun war mir der Abend auch froh und lichthelle. Ganz froh.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Titel-Dekoration]

Bei den Maschinen.

Es kommt mir mitunter der Gedanke, als wenn zum Berichten über

die Ausstellung die menschliche Veranlagung doch vielleicht zu

kurz sei. Das Enorme, was dort aufgestapelt wurde, erdrosselt das

Einprägungsvermögen und wer ist mit so viel sachlicher Erkenntniß

beglückt, daß er über das ihm Unverständliche ein richtiges Urtheil

abgiebt? Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau.

Wollte ich meinem Karl klagen, wie mir dies allmählich aufgeht, sagt

der, ohne daß ich fragen brauche: »Wer sich mehr aufpuckelt, als er

tragen kann, stöhnt.« Darum schütte ich ihm meine Sorgen nicht aus.

Nun könnte ich es mir leicht machen und über den Vergnügungspark

schreiben und das Industrielle verabsäumen, aber dagegen sträubt sich

mein Berlinisches Empfinden.

Allerdings: Kein Fest ohne Vergnügen. Ist jedoch die Ausstellung blos

zur Erheiterung der Mitbürger in die Welt gesetzt? Nein, sie will

zeigen, was Berlin als einzelne Stadt und zwar als die Hauptstadt

des Reiches in Gewerbe und Industrie zu leisten vermag. Sie legt

gewissermaßen eine öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht

kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist.

Wenn Einer fühlt, daß er was kann, wächst ihm der Muth, noch mehr zu

können und es giebt Traute. Und wer sich überzeugt, daß zugelernt

werden muß, findet auch den Lehrmeister. Mancher kümmert sich in Folge

dessen vielleicht weniger um Politik und Partei und gewinnt mehr Zeit

für Vervollkommnung in seinem Fach.

In diesem Nachdenken störte mich Onkel Fritz mit einer Zeitung aus

London, worin zu lesen war: der Patriotismus des Deutschen bestände in

der Vorliebe für die Länder anderer Völker und sähen diese noch so sehr

auf ihn herab.

»Was soll ich damit?« fragte ich.

»Dir's zu Gemüthe führen.«

»Fritz, sie booßen sich, daß Deutschland in Handel und Industrie so

bedeutend und selbstständig geworden ist, daß sie's spüren. Wem aber

der schimpfliche Tadel paßt, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm

die Hausknechtsjacke sitzt. Es giebt ja leider Fremdlandslakaien.«

»Ich dachte, Du würdest einen großen Transch machen.«

»Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlägt das? Sie hören's ja nicht.

Aber weißt Du, von Treptow aus weht ein frischer Wind in Deutschlands

Segel: paß acht, wie flotten Kurs es nehmen wird. Dann haben sie die

gebührende Antwort.«

»Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Berlins betheiligt, es

fehlen viele große Nummern.«

»Das nächste Mal machen Alle mit; das ganze Reich macht mit; die ganze

Welt macht mit.«

»Wenn Du meinst?«

»Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir verbeten haben.«

»Hab' ich was gesagt..?«

»Ei ja doch! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, bist Du am

deutlichsten. Aber was weißt ^Du^ von den mit der Ausstellung

verbundenen Schwierigkeiten, da Du auf Mäkelbrüder und Nörgelmeier

hörst, die natürlich reden, wie sie's nicht verstehen.«

»Sei milde, Wilhelmine. Nimm mich unter Deine Flüchtel und gängle

mich mit Deiner Weisheit. Wie denkst Du über eine Bierreise im nassen

Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.«

»Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und für Getränke keine Zeit.«

»Das ist dumm; für Maschinen bin ich nicht anschläg'sch. Hingegen das

Moabiter Marinebräu, das ist was für meinen Vater seinen Sohn, ganz so

wie Faust sagt: zum Verweilen schön!«

Es war nichts mit ihm anzufangen. Wenn er schon die Klassiker

verhohnackelt -- wozu der Faust Gottlob immer noch gehört -- hat er vor

unsereins erst recht keine Ehrfurcht. Aus den einfachsten Aeußerungen

macht er Männerken, daß man an der eigenen Klarheit zweifelt. Und das

ist doch kein Genuß. --

Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hinaus, die mir das

Elektrische verdeutschen sollte.

Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei dem riesigen

Kesselhause, das so zu sagen das Treibende vom Ganzen ist und, wie

Ottilie sagte, auf Oxydirung beruht. Die Kohle verbindet sich mit dem

Sauerstoff, der in Waldgegenden von bester Güte ist, so daß schon aus

diesem Grunde Treptow als glückliche, wenn auch etwas entlegene Wahl

gut geheißen werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Licht- und

Wärme-Erscheinung.

»Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer,« bemerkte ich.

»Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts Wirkliches, sondern

sieht nur so aus. Man kann es nicht wägen oder messen, weil es keine

Schwere hat. Es ist nicht greifbar.«

»Weil man sich daran verbrennt.«

»Weil es kein Körper ist.«

»Ottilie, die Wissenschaft in Ehren, aber wenn es eine bloße

Erscheinung wäre, wie könnte man darauf kochen? Und es ist bewiesen,

daß alle Erscheinungen Einbildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus

oder sonstige Augentäuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist

Feuer, nur daß Coaks mehr Plätt-Hitze geben und Kien zum Beispiel wenig

austhut und sich besser zum Anmachen eignet. Und das ist ferner klar,

ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, und ohne Dampf geht keine Maschine.«

Wir traten in die Halle.

Wenn man Maschinen sieht, entflieht Einem unwillkürlich der Vers: »Da

hab' ich Respekt vor dem menschlichen Geist,« namentlich mit großen

Schwungrädern und in hampelnder Bewegung. Stillstehendes dagegen

macht keinen Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, daß es

schnurrt, und unbefriedigt vorüberschreitet, wenn es sich nicht rührt.

Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht und wird keiner Antwort

gewürdigt.

Manches steht da unscheinbar, aber wenn es arbeitet, ist es von

höchster Schläue, zumal mit Erläuterung vom Erbauer. Da fabriciren

zum Beispiel die Pappenfritzen eine billige Pappe mit so viel Stroh

und Sandstaub mang, daß sie dem Buchbinder beim Biegen in der Hand

zerbricht. Was thut nun der Maschinenmensch? Der denkt so lange, bis

ihm ein Geräth einfällt, worin die brüchige Pappe sich krümmt wie ein

Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten Buchbinderei ganz bleibt,

die hierauf schleunigst die Maschine anschafft.

Aber auch der Pappmann sieht die Maschine. »Aha,« sagt er sich, »noch

mehr Sand mang und noch mehr Stroh« und der Buchbinder ist wieder

aufgeschmissen, denn wenn er noch billigere Pappe haben kann, wird er

nicht so thöricht sein und bessere, theuere nehmen. -- Nun muß der

Maschinenmann wieder erfinden. Und so umzüchig weiter, bis die Waare

sogar für einen Fünfzig-Pfennig-Bazar zu lekrig geräth. Und dann ist

das Geschäft aus.

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 4 / 16 段