»Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,«

sagte Pilatus. »Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich

widerstandslos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht

gehabt hätte, ihm zu helfen.«

In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das

Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender Donner

klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast des

Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben

vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen von

einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.

Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der

Landpfleger einen Sklaven zu sich.

»Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus

Nazareth vom Kreuze genommen werde!«

Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom

Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das

Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,

während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.

Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.

»Du hast ihn am Leben gefunden?« fragte dieser.

»Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen

Geist aufgab, geschah das Erdbeben.«

Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor

ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und

sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.

Gleich darauf erschien ein Sklave.

»Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie

sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten

aus Nazareth zu finden.«

Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte wurden

hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine Freunde von

ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück verfallen ist.

IX

Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den Kaiser

aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie sprach,

wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte die

Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich

selbst: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie

mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen

mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.«

Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten

Gleichgültigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am

selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte, und

wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter der

Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: »Du

grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben in

Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht benommen,

den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen hast.«

Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus

Nazareth erwartet hatte.

»Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn

du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?«

»Du bist mein einziger Freund,« sagte der Kaiser. »Warum sollte ich dir

eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu

gewähren?«

Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum

Besten gehalten hatte.

»Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,« sagte sie aufbrausend. »Das

ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.«

»Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,« sagte Tiberius. »Du

hättest in deinen Bergen bleiben müssen.«

Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft

aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der

Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie

ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme

wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu

behalten, abstehen.

»Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,« sagte sie. »Ich habe ihn

gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein

Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.«

»Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,« sagte Tiberius. »Er war ein

Majestätsverbrecher und Aufrührer.«

Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.

»Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,«

sagte sie. »Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt

wurde.«

»Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er doch

darum gewiß nicht besser als irgendein andrer,« sagte der Kaiser müde.

»Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod

verdient hätte?«

Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun, weswegen

sie bis dahin unschlüssig gewesen war. »Ich will dir doch eine Probe

seiner Macht geben,« sagte sie. »Ich sagte dir vorhin, daß ich mein

Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich jetzt

in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?«

Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den

schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.

Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: »Dieser

Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er

imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen

sich mit Tränen, da ich es sehe.«

Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut und

Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien. So

allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das

Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die

stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den Mund,

dessen Lippen im Leid zu beben schienen.

Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat das

Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male die

Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu ihm

von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine

Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.

Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. »Ist

dies ein Mensch?« fragte er sacht und leise. »Ist dies ein Mensch?«

Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über

seine Wangen zu strömen. »Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,«

flüsterte er.

»Faustina,« rief er endlich, »warum ließest du diesen Mann sterben? Er

hätte mich geheilt.«

Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.

»Du Mensch,« sagte er nach einer Weile. »Wenn ich nicht mein Heil von

dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird schwer

auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.«

Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden

gleiten und sank vor dem Bilde auf die Knie.

»Du bist der Mensch,« sagte er. »Du bist, was ich nie zu sehen gehofft

habe.« Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und seine

zerfressenen Hände. »Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und

Ungeheuer, aber du bist der Mensch.«

Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.

»Erbarme dich meiner, du Unbekannter!« sagte er, und seine Tränen

benetzten die Steine.

»Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich

geheilt,« sagte er.

Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre klüger

gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie hatte von

Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde, wenn er es

sähe.

Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild

an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.

Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren

verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es war,

als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der

Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten: und sie

hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und

Mitleid gefühlt hatte.

* * * * *

Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.

Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine Untersuchung

anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt verwalte, und ihn

bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das Volk unterdrücke und

Unschuldige zum Tode verurteile.

Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen

zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben

hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als

sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann

sagte: »Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde, was

geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.« Aber die Frau

erwiderte: »Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer Gedanke,

daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte, daß die

Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.«

Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von Jesu

Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu verkünden,

die der Gekreuzigte gepredigt hatte.

Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem

Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin des

großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie

Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das

wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.

Die Legende vom Vogelnest

Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte,

und sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die

windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern.

Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den

Bart in den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit

Sonnenaufgang streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel

empor, eben so unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so

wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu

erbitten.

Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren

hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen

anderer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte.

Darum zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am

Flußufer und wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron

Gehör fanden.

Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das

große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten

Gerichts über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die

posaunenblasenden Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde

verkünden sollten. Er rief nach den Wellen des Blutmeers, um die

Ungerechtigkeit zu ertränken. Er rief nach der Pest, auf daß sie die

Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle.

Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am

Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem

großen, kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne

Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des

holzarmen Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden

Frühling trieb der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen

Tagen sah man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart

um Hatto, den Eremiten, flatterten.

Das Bachstelzenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen

den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem

Tage mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig

peitschenden Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit

Binsenhalmen und Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber

sie mußten unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten

Hatto, der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu

lassen, damit das Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst

zerstört werde.

Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und

vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein

alter Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und

Wangen, daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem

kleinen Aufleuchten tief in den Augenhöhlen, sah man, daß er Leben

besaß. Und die vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der

emporgestreckte nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen

Knochen, die mit verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen

waren. Er trug einen alten, eng anliegenden, schwarzen Mantel. Er war

braungebrannt von der Sonne und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und

sein Bart waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein

bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne Farbe angenommen hatten, wie die

Unterseite der Weidenblätter.

Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten,

hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie

die andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelssterben gehemmt worden war.

Sie umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich

den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und

Stürme, fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für

ihn, wegen seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer

und ihrem Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und

legte sein Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.

Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht

sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten

gab es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des

Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr

Sünden beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die

Lebenden gibt es keine Erlösung.«

Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus

der großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen

wieder und versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine

Finger einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger

Daumen über die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich

über die Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man

bauen konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.

»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du

des Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das

Maß deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O

Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?«

Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des

Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem

roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden

wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von

diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der

kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit

einem vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten.

Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das

Gelübde getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen

zu beten, um so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein

Körper wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn

erfüllten. Er hörte die Mauern der Städte zusammenbrechen und die

Wohnungen der Menschen einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen

eilten an ihm vorbei, und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der

Vernichtung, hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönen

Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus

weißen Blitzen geflochten waren.

Die kleinen Bachstelzen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und

die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit

ihrem steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und

seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur

Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen

sie hin und her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim

Dachfirst angelangt.

Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und

mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie

aus, wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen

Schaden tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich

ein bißchen ausruhten.

So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im

Schilf auf.

Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein

Gesicht in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen,

wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abendhimmel abzeichnet.

Eulen mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für

den, der aufrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig,

behend, die schmalen Köpfchen auf schwanähnlich gebogenen Hälsen

erhoben. Große Kröten kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten

fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Fledermaus,

die Mücken über den Fluß jagt. Es ist, als hätte jedes Erdhügelchen

Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vögelchen auf dem

schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf diesen Ruhestätten, denen

kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser ausplätschert oder das Schilf

zittert und sie aufweckt.

Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse

des gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.

Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest

zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin

und erhoben sich gerade in die Luft um zu spähen. Keine Spur von einem

Nest oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine

am Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und

drehten das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?

Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf

dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich

auf denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war

ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze

von etwas, was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.

Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die

vielen Wunder der Natur nachzugrübeln.

Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte

und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der

Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den

fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß

hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem

Blick die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem

Platz am Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß

nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgene

mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, was Gott in der Natur

geschehen läßt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte,

daß die Bachstelzchen ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, daß

er mit erhobenen Armen betend dastehen sollte, bis die Vögel ihre Jungen

aufgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er erhört werden.

Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten

Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken

den Vögeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister

flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine

Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie außen an, das

sollte anstatt Tünche oder Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras,

und das Weibchen nahm Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das

Nest innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung.

Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des

Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu

bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden

ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.

»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und

fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an

seine Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und

getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie

lächelten nur über seine Verwünschungen.

Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger

und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er

ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage-

und wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf

den Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal

nachts seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen

zu schlafen, unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch

größere Dinge vollbracht haben.

Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den

Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und

schützte das Nest so gut er konnte.

Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide

Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen

und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest

von einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen

Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus.

Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was

oben in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am

allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten.

Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die

Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen

starren in das Nest herab.

Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen:

kleine, nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine

Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene

Schnäbel.

Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden

wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang

ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch

Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für

diese sechs Schutzlosen.

Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht

mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war,

freute er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen.

Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des

alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah

die Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die

Körperformen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur

den beflügelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre

Anmut.

Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer

zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben,

daß sie hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren.

Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater.

Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er

nicht opfern.

Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein

eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine

Kind die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und

machte ihn unschlüssig.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 17 / 18 段