vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
blieb mit dem Kreuze über sich liegen.
Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen ein paar
Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten bemüht waren.
Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße zu zwingen, daß
er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen des Kreuzes. Endlich
ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es fortzuheben.
Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von seiner
Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten, als
kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.
Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
dieses fremden Mannes ergriffen.
»O du armer Mensch, was hat man dir getan?« rief sie und trat ihm einen
Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie vergaß
ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not. Ihr
war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich den
andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.
Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Knie. Er schmiegte sich an
sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.
Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
gesucht hatte. Sie legte ihren Arm um seinen Hals, und so wie eine
Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet, so
legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein Gesicht, um
die Tränen und das Blut fortzuwischen.
Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben des
Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich. Ungeduldig
wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast fort. Der
Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt wurde, die
er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.
Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah, war
es ihr, als hätte ihr jemand ihr eigenes Kind entrissen, und sie rief:
»Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf nicht!«
Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
kämpfen und ihn ihnen entreißen.
Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.
Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden, und
dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der Kaufmann
war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und bereitete
der Alten ein Lager auf dem Steinboden.
Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
niederlegen mußte.
»Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,« sagte Sulpicius zu dem
Kaufmanne. »Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das Alter ihn
nicht schließlich niederwerfen könnte.«
»Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,« sagte
der Kaufmann. »Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.«
Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
Gemütsbewegung.
Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete.
VII
Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
träumte.
Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den
großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes
mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.
Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen
Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern
hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
Schmerzen krümmten.
Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und
einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des
Palastes.
Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle
trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.
Da antworteten sie ihm und sprachen: »Wir suchen den großen Propheten,
den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
erlösen kann?«
Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgültigem Tone, so wie
Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.
»Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat
ihn getötet.«
Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz
wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber
wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.
Wieder war sie eingeschlummert und wieder träumte sie, daß sie auf dem
Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit
war wie ein Marktplatz.
Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig und
toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche, die
nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und solche,
die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus Gras, und
sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden krochen und Tiere
zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen Kummer weinten,
den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die schwere Steine
heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche, die glaubten,
daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.
Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und
die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.
Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
fragte sie: »Was ist euer Begehr?«
Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: »Wo ist der große Prophet
aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der unsere Seele und
unsere Vernunft wiedergeben soll?«
Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgültigsten Tone antwortete:
»Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus
hat ihn getötet.«
Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen Schrei
aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer Verzweiflung
begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut auf die Steine
floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann sie die Hände
zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte sie aufgeweckt.
Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im
Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre
Sklavinnen, die ihr auf der Zimbel und der Laute vorspielten, und die
Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die
Blumen der Kletterrosen dufteten.
Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: »Geh zu der Balustrade,
die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.«
Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: »Ich will nicht noch mehr
von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.«
In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten
zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still sitzen
bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.
Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt
war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend,
herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und die,
die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah die, die als
Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und deren Augen vor
Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die gleich Lasttieren
arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von Geißelhieben.
Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
und sprachen: »Öffne, öffne!«
Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er
fragte sie: »Was ist euer Begehr?«
Und sie antworteten wie die andern: »Wir suchen den großen Propheten aus
Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre Freiheit
und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.«
Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgültigem Tone: »Ihr könnt
ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.«
Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich
unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und
des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten. Sie
selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr ihren
Körper, daß sie erwachte.
Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze Nacht
wachhalten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu müssen.
Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf
das Kissen gelegt und war eingeschlummert.
Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr
kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.
Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: »Geh zur Balustrade, die
das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
warten.«
Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: »Ich habe in dieser Nacht
genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
ich bin.«
In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über
die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.
Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß
der Hof voller Menschen war.
Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit
abgehauenen Gliedern und großen, offenen Wunden, aus denen das Blut
strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.
Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.
Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie
früher und öffnete.
Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden
waren: »Was sucht ihr in diesem Hause?«
Und sie antworteten: »Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, der
Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
Rebenmessern.«
Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: »Kommt doch nicht mehr,
um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große Prophet
ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.«
Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den
Jammer, der nun ausbrechen mußte. »Ich will ihn nicht hören,« sagte sie
und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette
gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.
Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen
wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die
Augen schloß und zu träumen begann.
Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott
mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: »Geh und
sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.«
Aber die dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
Unglückliche gesehen.
In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und ihr
Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in sein
Haus begehrte.
Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon
seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.
»Kennst du diesen Mann nicht?« sagte er und wies hinunter.
Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und Pferden
erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen ihre
Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender
angekommen.
An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.
Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem
Manne zu: »Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
kann kein anderer sein.«
»Auch ich glaube ihn zu erkennen,« sagte ihr Mann und legte gleichzeitig
den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie stillschweigen und darauf
horchen solle, was unten auf dem Hofe gesprochen würde.
Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: »Wer ist
es, den du suchst?«
Und der Reisende antwortete: »Ich suche den großen Propheten aus
Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser Tiberius
ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit befreie, die
kein anderer Arzt zu heilen vermag.«
Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und sagte:
»Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.«
Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe warteten,
und gab ihnen einen Befehl.
Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide,
andere hielten Schalen voll Perlen, wieder andere schleppten Säcke mit
Goldmünzen.
Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
sagte: »Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit
kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.«
Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: »Herr,
zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt
werden.«
Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von ihnen
eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
Brustschild aus Juwelen erglänzte.
Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: »Sieh hier: was ich ihm biete, ist
die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste Richter
lenken. Möge er mir nun zuerst folgen und Tiberius heilen.«
Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: »Herr, es
steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!«
Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.
»Sieh,« sagte er, »dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er soll
die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu
regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
heilen!«
Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte mit
wehklagender Stimme: »Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.«
VIII
Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
sein.
Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich
fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon
aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über
einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.
»Ich würde gern mit ihm sprechen,« sagte die junge Frau.
»Herrin,« sagte die Sklavin, »dies wird sich mitten in der Untersuchung
schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie sie
beendigt ist.«
Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte sie:
»Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen hören?«
»Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,«
antwortete eine der Sklavinnen sogleich.
»Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,« sagte
eine andere der Sklavinnen. »Er ist es eben, den die Juden hierher in
den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.«
Sie bat sie, alsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
zurückkehrte, sagte sie: »Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König
über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er möge
ihn kreuzigen lassen.«
Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und
sagte: »Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
ein furchtbares Unglück.«
Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da
begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt
und sagte: »Wenn du dem Landpfleger eine geschriebene Botschaft senden
willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.«
Da nahm sie alsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.
Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er
die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein
junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.
Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß
die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche
teilzunehmen.
Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der
Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer
Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes
lenken lassen.
Sie antwortete still und traurig: »Wahrlich, dies war kein Traum,
sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann
wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.«
Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten
lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein
unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.
Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: »Was ist
dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur Neige
gegangen ist?«
Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich
über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.
Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe. »Wir
sehen wirklich wie Tote aus,« sagte der junge Schönredner mit einem
Schauer. »Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.«
Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen der
jungen Frau zu. »Ach, mein Freund,« rief sie schließlich, »erkennst du
auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen? Sie zürnen,
weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode verurteilt hast.
Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz geschlagen sein muß,
kann er doch sicherlich noch nicht verblichen sein. Laß ihn vom Kreuze
nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen seiner Wunden pflegen. Erlaube
nur, daß er ins Leben zurückgerufen werde.«
Aber Pilatus antwortete lachend: »Sicherlich hast du recht damit, daß
dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode
verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse
eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
lange der alte Tiberius -- -- --«
Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
Lampen hereinzubringen.
Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen
konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt
hatte.
»Sieh doch,« sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, »nun scheint
es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu
verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an
nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt
hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!«
Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht auf
Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten auf,
ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der einzige,
der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
Landpfleger selbst.
Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: »Wahrlich, dies
ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt mich
nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers gezeigt
hat.«
»Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer entsetzlichen
Krankheit befallen sei,« bemerkte der Anführer der Truppen. »Es scheint
auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine Warnung von den
Göttern sein kann.«
»Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach dem
Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,« stimmte
der junge Rhetor ein.
Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: »Wenn der Kaiser
wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu
lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn
lebend träfe.«
Pilatus antwortete halb zürnend: »Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
Kindern gemacht hat? Mann könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter
und Propheten verwandelt.«
Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: »Es wäre vielleicht
nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen
eiligen Boten abschicktest.«
»Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,« antwortete der
Landpfleger. »Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher
begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?«
»Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem
gesehen habe,« sagte der junge Rhetor.