»Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgendeines Gottes

geheilt worden?« fragte der Sklave.

»Ja,« antwortete der Arbeiter, »wie du sagst, so ist es. Eines Tages

verbreitete sich das Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis

wohnten: 'Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt

Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er kann

eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn legt.' Aber

die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht glauben, daß dieses

Gerücht Wahrheit sei. 'Uns kann niemand heilen,' sagten sie. 'Seit den

Tagen der großen Propheten hat niemand einen von uns aus seinem Unglück

retten können.'

Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine

Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt Nazareth

zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie über weite

Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen war und ein

bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken, schwarzen Locken

lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen und zogen sie zu ihm

hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief sie ihm zu: 'Komm mir

nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo kann ich den

Propheten aus Nazareth finden?' Aber der Mann fuhr fort, ihr

entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: -- 'Warum

suchest du den Propheten aus Nazareth?' -- 'Ich suche ihn, auf daß er

seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit heile.' Da

trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. -- Aber sie

sprach zu ihm: 'Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine Stirn

legst? Du bist doch kein Prophet?' -- Da lächelte er ihr zu und sagte:

'Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und zeige

dich den Priestern.'

Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir, weil

ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht

erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah

sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als er

ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:

'Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo

ich den Propheten aus Nazareth finden kann?' -- 'Was willst du von dem

Propheten?' fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. -- 'Ich will

nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund mache von

meiner Krankheit.' Aber der Mann ritt noch näher. -- 'Von welcher

Krankheit willst du geheilt werden?' sagte er. 'Du bedarfst doch keines

Arztes.' -- 'Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?' sagte sie. 'Ich

stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle geboren.' Aber

der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten, denn sie war hold

und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. -- 'Du bist die schönste

Jungfrau im Lande Juda,' rief er. -- 'Treibe nicht auch du deinen Spott

mit mir,' sagte sie. 'Ich weiß, daß meine Züge zerfressen sind und meine

Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres klingt.' Aber er sah ihr tief

in die Augen und sprach zu ihr: 'Deine Stimme ist klingend wie die

Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es über Kieselsteine rieselt, und

dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus weicher Seide.'

Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den

blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. 'Du sollst

dich hier spiegeln,' sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das

zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. --

'Was ist dies, was ich sehe?' sagte sie. 'Das ist nicht mein Gesicht.'

'Doch, es ist dein Gesicht,' sagte der Reiter. -- 'Aber meine Stimme,

klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen

steinigen Weg gezogen werden?' -- 'Nein, sie klingt wie die süßesten

Weisen eines Harfenspielers,' sagte der Reiter.

Sie wendete sich und wies über den Weg. 'Weißt du, wer der Mann ist, der

eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?' fragte sie den

Reiter. 'Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus

Nazareth,' sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,

und ihre Augen füllten sich mit Tränen. 'Oh, du Heiliger! Oh, du Träger

von Gottes Macht!' rief sie. 'Du hast mich geheilt!'

Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf

dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und

berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau

nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von

kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie

geheilt sei. 'Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,' sagten

sie. 'Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben. Du

sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner

Krankheit anzustecken!'

Sie sagte zu ihnen: 'Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus

Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.'

Als sie dies hörten, riefen sie: 'Wer ist er, daß er die Unreinen rein

machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre zurück

zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!'

Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in der

Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz

gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.

Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau

zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: 'Wohin soll

ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?'

Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: 'Nein

wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,

sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,

wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.' Und sie -- -- --«

Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob sich

der Sklave und fiel ihm in die Rede. »Du brauchst mir nichts mehr zu

erzählen,« sagte er. »Stehe lieber auf und führe mich ein Stück Weges,

du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine Heimfahrt

antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der Kaiser und

Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu früh

erfahren.«

Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die

Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.

»Ich kann nicht schlafen,« sagte sie, »ich denke daran, daß diese beiden

sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der sie haßt.

Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn schleudern.«

VI

Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach

Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu

suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut

werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem

fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch

durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn

jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser

befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht

die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.

Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau

verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe

überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht

eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise

ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die

Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.

Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau

mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und die

Ebene von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten hatten,

war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf der Fahrt

des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen, verließen

die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen denen der

Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt, die in

reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden, die

weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,

konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub

ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen

Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können

meinte.

Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.

Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die

an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen und

Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene kamen

Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten, schlossen

sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und zogen unter

frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf einem

schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine Eidame

und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so großes

Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte Mutter,

die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre Arme gehoben,

und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite weichenden

Scharen tragen

Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit Freude

erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern mit einer

dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der Wandrer kam

es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz der Sonne gedämpft

war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten die Wohlgerüche der

blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so rasch wie sonst in den

weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen und Fluren. Und dieser

schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht und seinen reglosen Winden an

die Ruhe und den Frieden der Nacht gemahnte, schien allen den

vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von seinem Wesen mitzuteilen, so

daß sie fröhlich, aber doch weihevoll weiterzogen, mit gedämpfter Stimme

uralte Hymnen singend, oder auf seltsamen, altertümlichen Instrumenten

spielend, aus denen Töne kamen, die gleich dem Summen der Mücken oder

dem Zirpen der Heimchen waren.

Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde

auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren

Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich an

ihrer Seite hielt, sagte: »Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius

sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade

heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine

Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen

hinzuwandern.«

Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines

langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich

an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen

umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich

der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.

Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen, einem

krönenden Geschmeide gleich, auf der flachen Höhe des Felsens lag, war

an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das Tal

ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von Menschen

bedeckt.

Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in

Jerusalem sammelte, um irgendein großes Fest zu feiern. Die entfernter

Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Die

hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im Anzuge.

Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen, gleich einem

ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und Festesfreude.

Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen und

die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an ihrer

Seite ritt:

»Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.«

»Es ist in Wirklichkeit so,« antwortete der Römer, der von Tiberius

ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang

in Judäa gelebt hatte. »Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und da

ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.«

Faustina besann sich keinen Augenblick. »Ich freue mich, daß wir an dem

Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,«

sagte sie. »Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere

Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den wir

suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist, um

an dem Feste teilzunehmen?«

»Du hast wirklich recht, Faustina,« sagte der Römer. »Er ist vermutlich

hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So stark

und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen, wenn du

nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen mußt.«

Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und

fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in

Jerusalem befinde.

»Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,« antwortete einer

der Wandersleute. »Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen, denn er

ist ein frommer und gerechter Mann.«

Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich von

der Stadt lag. »Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen

bewachsen ist?« sagte sie. »Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte

aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,

den du suchst.«

Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales

hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt

auf seinem Gipfel zu erreichen.

Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und auf

ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die die

Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.

Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina

zu. »Sieh dort,« sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der Mauer

saß, »dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn unter den

Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo der zu

finden ist, den du suchst.«

Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.

Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein

Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren

schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien im

Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er

nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.

Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte

seine Frage ein paarmal wiederholen.

»Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte

dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?«

Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er

endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn, in

den sich Entsetzen mischte. »Was sagst du da?« brach er los. »Warum

fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein

Galiläer.«

Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. »Ich habe dich doch

mit ihm gesehen,« fiel sie ein. »Hege keine Furcht, sondern sage dieser

vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell

finden kann.«

Aber der erschrockene Jäger wurde immer erbitterter. »Sind heute alle

Menschen wahnsinnig geworden?« rief er. »Sind sie von einem bösen Geiste

besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem Manne

fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich den

Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich habe

ihn niemals gesehen.«

Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,

die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu

bestreiten.

»Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,« sagten sie. »Wir wissen

alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.«

Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: »Ich habe

es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,

und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern

in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß

ich ihn nie gesehen habe?«

Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. »Laß uns weiterziehen,«

sagte sie. »Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm können wir nichts

erfahren.«

Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als

zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die ihr

hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie solle sich

in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor den Füßen

der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube ausgestreckt

lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte, mußte man es ein

Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder Menschen

niedergetreten war.

Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen

Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren

Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und

überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über

sich geschüttet, daß er aussah, als suche er sich zu verbergen, um

leichter überritten oder niedergetreten zu werden.

»Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?« fragte

Faustina.

In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden

anzurufen. »Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet eure

Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus! Zertretet

mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet mich zu

Staub!«

Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. »Das

ist ein Sünder, der Buße tun will,« sagte er. »Lasse dich dadurch nicht

aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen Wege

gehen lassen.«

Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: »Setzet eure Fersen auf mein

Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe in

meine Augen versenken!«

Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden

vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,

aufzusehen. Sie hielt noch immer neben ihm.

Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,

drängte sich jetzt wieder an sie heran. »Dieser Mann hat auch zu den

Jüngern des Propheten gehört,« sagte sie. »Willst du, daß ich ihn nach

seinem Meister frage?«

Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.

»Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?« fragte

sie. »Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn sehe ich

nirgends.«

Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube

lag, auf seine Knie empor. »Was für ein böser Geist hat dir eingegeben,

mich nach ihm zu fragen?« sagte er mit einer Stimme, die voll

Verzweiflung war. »Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub

geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du

noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?«

»Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,« sagte die Frau. »Ich wollte

ja nur wissen, wo dein Meister ist.«

Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide

Zeigefinger in die Ohren.

»Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,« rief er.

Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore drängte,

und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine

zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.

»Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen

sind,« sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch den

Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte ein

Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande sein,

etwas für den Kaiser zu tun?

Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit

großem Ernste zu Faustina: »Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,

den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen, da

seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden zu

hören.«

Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen

in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe

unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die

Reiter haltmachen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen Weg

zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und

unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.

»Wahrlich,« sagte die alte Frau zu Sulpicius, »Roms Straßen sind stille

Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.«

Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer

harrten.

»In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu

reiten,« sagte er. »Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,

zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit

weg, aber wenn wir hinreiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor

Mitternacht ans Ziel.«

Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und

überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer

die Stadt zu Fuß zu durchwandern.

Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum Herzen

der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine halbwegs breite

Straße, die sie bald erreichen mußten.

»Sieh dort, Faustina,« sagte er, »wenn wir erst in dieser Straße sind,

sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.«

Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen das

größte Hindernis.

Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße

erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte der

Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener vorbeigeführt

wurde, der gekreuzigt werden sollte.

Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung

mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die Straße,

streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein unverständliches

Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie nicht alle Tage

zu sehen bekamen.

Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu

den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen

wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.

Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus,

die in die Ohren gellten.

»O Gott!« riefen sie, »rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!

Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!«

Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie

wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze

oder ihn zu befreien versuche.

Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der

gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,

schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu schwach

für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden gebeugt

wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein Gesicht sehen

konnte.

Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die

schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß er

einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt gedrückt

war.

»Wer ist dieser Mann?« fragte sie.

Einer der Umstehenden erwiderte: »Das ist einer, der sich zum Kaiser

machen wollte.«

»Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig

erstrebenswert ist,« sagte die alte Frau wehmütig.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 15 / 18 段