mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das war
die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts anderes im Sinn, als sich
vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon, daß er
vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den Senator
Titius greifen und hinrichten ließ.«
»Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,« rief die junge Frau.
Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.
»Du hast wirklich recht,« sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
Düsterkeit über sein Gesicht ging. »Tiberius weiß, daß alle Menschen ihn
hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.«
»Was sagst du da?« rief die Frau. »Warum sollten wir ihn hassen? Wir
beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
Anfang seiner Regierung.«
»Du irrst dich,« sagte der Fremde. »Alle Menschen verachten und hassen
Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
unverbesserlicher sein wird als bisher.«
»Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
machen könnte, als er schon ist?« fragte der Mann.
Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
konnte.
Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
eigentümliches Lächeln um seine Lippen.
»Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer die
Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind Glücksjäger
und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen ebenso
preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch, wie
gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu lassen,
was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger war als
Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.«
»Jawohl, ich habe von ihr reden hören,« sagte der Arbeiter. »Man sagte
mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.«
»Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er hat diese
arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den Sabiner Bergen
kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst in Rom weilte,
ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um sie immer in
seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen ist es besser
ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die Straße getragen,
und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der Kaiser nach Capreae
übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ ihr dort ein Landhaus
voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.«
»Sie hat es wahrlich gut gehabt,« sagte der Mann.
Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte. Die
Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit der
Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein Wort
gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliches Aussehen ganz
verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.
»Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
genieße,« sagte der Fremdling. »Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
nun auch sie ihn verlassen.«
Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
warmen, milden Stimme zu sprechen. »Ich kann doch nicht glauben, daß die
alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,« sagte
sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. »Ich bin gewiß, daß sie
Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigener Sohn wäre. Ich kann mir
denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und ich kann
auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich in seinem
Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat ihn sicherlich
jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie gewesen, immer
vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr ertragen können,
ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.«
Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
niedergeschlagen und sprach sehr leise und demütig.
»Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,«
antwortete er. »Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt hatte.«
»Was sagst du da?« rief der Mann. »Hat die alte Faustina den Kaiser
verlassen?«
»Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae weggeschlichen,«
sagte der Fremde. »Sie ist ebenso arm gegangen, wie sie gekommen war.
Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.«
»Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?« fragte die
junge Frau mit ihrer sanften Stimme.
»Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte eingeschlagen
hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre Zuflucht in
ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.«
»Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?«
fragte die junge Frau.
»Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß er
niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer noch,
daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß besser
als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.«
»Ich kenne sie nicht,« sagte das junge Weib, »aber ich glaube doch, daß
ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte Frau
ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen worden,
und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte sie
dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt hätte.
Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage bald zu Ende
gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst zu denken. Wenn
ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich vermutlich ebenso
gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich genug getan hätte,
wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient habe. Ich wäre
schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen, um meine Seele
Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich von mir scheidet,
um die lange Fahrt anzutreten.«
Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. »Du
bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
dies,« fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
jungen Weibes, »in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.«
Als er diese Worte bitterer Verzweiflung aussprach, machte die Alte eine
hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest in
die Augen und antwortete: »Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
müssen.«
Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.
Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
fragenden Blicken. Ist das auch _dein_ letztes Wort? schien er sagen zu
wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten sich nicht
von ihnen lösen.
»Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,« sagte die junge Frau.
Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
Gesicht. »Meine Freunde,« sagte er, »was man auch von Tiberius sagen
mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andere, und das
ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese alte
Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte, so
nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
beisteht.«
Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
den er gekommen war.
III
Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß sie
in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum und der
Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht doch bald zu
Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt ihn sicherlich
noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung bringen und ihn
bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu bekehren, hat sie
ihn verlassen.
»Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
beginnen,« sagte der Arbeiter. »Wie willst du seine große Verachtung der
Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn lehren,
sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem Argwohn
und seiner Grausamkeit geheilt werden.«
»Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,« sagte die
Frau. »Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese beiden sich
begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.«
Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben
konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen.
Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel zu
hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie vor
einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des herrlich
geschmückten Platzes erhob.
Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem außergewöhnlich großen
Altar, der unter offenem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
stand. Auf der Höhe des Altars thronte Fortuna, die Göttin des Glücks,
und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof
erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und
Ställe für die Opfertiere.
Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als bis
zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für
Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren,
daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem
Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen
Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
sich wieder in die Berge.
So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch
unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging.
Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn
verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockene Kränze hingen noch an der
einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner früheren
Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
Kaiserstatue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz
beworfen.
Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. »Was
hat dies zu bedeuten?« fragte sie. »Ist Tiberius tot? Haben wir einen
andern Kaiser?«
»Nein,« antwortete der Römer, »Tiberius ist noch Kaiser, aber wir haben
aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr
frommen.«
»Mein Freund,« sagte die Alte, »ich wohne weit von hier in den Bergen,
wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt.
Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?«
»Das furchtbarste Unglück,« erwiderte der Mann. »Er ist von einer
Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die aber
im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser
gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie die
Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt
ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es
lohnt sich auch nicht,« fügte er mit leisem Lächeln hinzu. »Niemand hat
von ihm noch etwas zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
also um seinetwillen Mühe machen?«
Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen.
Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie eine,
die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und zitterndem
Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten.
Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße
nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um
etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte.
Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete sich
wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
menschenerfüllten Gassen zu gehen.
IV
Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm, die
zu der Villa des Tiberius führten.
Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert hatte.
Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen hinauf- und
heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt, die sich von
riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus den Provinzen, die von
langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von Stellensuchenden und von
vornehmen Männern, die eingeladen waren, an den Festen des Kaisers
teilzunehmen.
Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf ihrem
Wege bemerkte.
Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar Stellen
die Balustrade niedergebrochen.
Aber am allerseltsamsten deuchte sie doch die völlige Menschenleere.
Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
Haushalt des Kaisers gehörten.
Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein paar
alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als sie
sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.
»Sei gegrüßt, Faustina,« sagte der eine. »Ein Gott schickt dich, um
unser Unglück zu lindern.«
»Was ist dies, Milo?« fragte Faustina. »Warum ist es hier so öde? Man
hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?«
»Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
Mutter gedient haben.«
»Ich frage nicht nur nach Sklaven,« sagte Faustina. »Wo sind die
Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
schmeichelnden Speichellecker?«
»Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,« sagte der Sklave.
»Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
nahen.«
Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten. Der
Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:
»Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?«
»Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet zu
werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es dir
vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit kannst
du sein Leben um viele Tage verlängern.«
Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.
Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen mit
aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und Füße
waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Banden kamen halb
abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war, aufrecht
zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen. Er lag mit
geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und regte sich
nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina flüsterte
dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: »Aber, Milo, wie kann sich ein
solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile dich, ihn von
hier fortzuschaffen!«
Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.
»Cäsar Tiberius,« sagte er, »endlich habe ich dir frohe Kunde zu
bringen.«
Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.
Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stolz ausgesehen hatte, daß
man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer Sibylle gleichkommen. In
diesem Augenblick war sie in kraftloser Greisenhaftigkeit
zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes Mütterchen mit trübem
Blick und tastenden Händen vor sich.
Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als den
kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das letzte Mal
gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese Krankheit
langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen zu
verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten, daß
sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.
Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
stand stumm neben ihm und weinte.
»Bist du endlich gekommen, Faustina?« sagte er, ohne die Augen zu
öffnen. »Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über mich.
Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein Trugbild
gewesen sein könnte.«
Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und bettete
ihn in ihren Schoß.
Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in ruhigen
Schlummer.
V
Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der einsamen
Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der Winzer und
seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im fernen Westen
sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und grüßte sie. Dann
zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel stak und legte
ihn dem Manne in die Hand.
»Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
erwiesen hast,« sagte der Sklave. »Sie läßt dir sagen, du mögest dir für
dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung erbauen,
die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der Adler.«
»Die alte Faustina lebt also wirklich noch?« sagte der Mann. »Wir haben
sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns zurückkehrte,
glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod gefunden.«
»Erinnerst du dich nicht,« fiel die Frau ein, »daß ich nicht glauben
wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum Kaiser
zurückgekehrt sein?«
»Ja,« gab der Mann zu, »so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
armen Kaisers willen.«
Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden zu
erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die beiden
Eheleute nicht zu. »Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,« sagten sie,
»wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles erzählt hast, was
Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser zurückgekehrt? Wie
war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie wieder vereint
sind?«
Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
Rückkehr.
Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
die Frau regungslos und staunend sitzenblieben. Ihre Blicke waren zu
Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die sich
ihrer bemächtigt hatte.
Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: »Glaubst du nicht,
daß dies eine Fügung Gottes ist?«
»Ja,« sagte die Frau, »sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen über
das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht, als er
die alte Frau an unsre Tür führte.«
Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
wieder an den Sklaven.
»Freund,« sagte er zu ihm. »Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
gelitten, die nun Tiberius befallen hat.«
Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
immer größerm Nachdruck fort.
»Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so sag
ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem Lande,
wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß die
Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
Krankheit befallen.«
Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
das Haupt und sagte zu ihm: »Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.«
Doch der Mann erwiderte: »Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
Mensch meine Aussage bestätigen!«