widerfahren war. Schlimm war es schon, daß die vorteilhafte Heirat zu
scheitern drohte, noch schlimmer aber, daß er um eine wie sie werben
wollte. »Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen,« rief sie und sprang
plötzlich auf. -- »Warum soll ich es dir nicht sagen?« fragte Gudmund und
erblaßte. »Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
Angst vor mir?« -- »Nein, nicht deshalb.« Sie wollte ihm erklären, daß er
in sein eigenes Verderben renne, aber er hörte ihr gar nicht zu. -- »Ich
habe gehört, daß es früher einmal Frauen gab, die den Männern zur Seite
standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche Frauen
nicht mehr.« Helga erzitterte. Sie hätte die Arme um seinen Hals
schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mußte sie
vernünftig sein. -- »Es ist ja wahr, ich hätte dich nicht an demselben
Tage, wo ich ins Gefängnis soll, bitten dürfen, mein Weib zu werden.
Aber der Gedanke, daß du auf mich warten würdest, bis ich wieder frei
wäre, hätte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.« --
»Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund.« -- »Alle Menschen
werden mich jetzt als einen Missetäter betrachten, als einen, der sich
besäuft und mordet. Ach, wenn es nur eine gäbe, die mich mit Liebe
ansehen könnte! Das würde mich besser aufrechterhalten als alles andre.«
-- »Du weißt, daß ich nie etwas andres als Gutes von dir denken werde,
Gudmund.«
Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel für sie. Sie
wußte gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
nichts, sondern begann zu glauben, daß er sich geirrt habe. Sie könnte
nicht dasselbe für ihn empfinden wie er für sie. Er kam ganz dicht an
sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
»Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Närlunda
hinunterzusehen?« -- »Ja, das tu ich.« -- »Sehnst du dich nicht Tag und
Nacht hin?« -- »Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.« --
»Und mich magst du gar nicht?« -- »O ja, aber ich will dich nicht
heiraten.« -- »Wen hast du denn gern?« -- Helga schwieg. -- »Per
Martensson?« -- »Ja, ihm hab ich gesagt, daß ich ihn gern habe,« sagte
sie und war ganz zermartert.
Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
»Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich,« sagte
er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
nächsten Felsabsatz und verschwand unter den Bäumen.
6
Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehenzubleiben und
eilte dann, so rasch sie konnte, über die Waldhügel hinunter auf den
Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach Älvåkra fahren könnte. Sie
sagte, es gälte das Leben, daß sie hinkäme, und versprach, dafür zu
zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
unterbliebenen Hochzeit erzählt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
Botschaft für die Leute auf Älvåkra zu haben schien.
In Älvåkra saß Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
andre Bäuerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
ungewöhnlich still und blaß; es sah aus, als würde sie jeden Augenblick
krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
tadelten ihn und schienen es als ein Glück für Hildur anzusehen, daß sie
von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rücksicht auf
die Schwiegereltern gezeigt. Er hätte ihnen schon am Pfingsttage sagen
müssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so großes Glück
bevorstünde, der müßte besser auf sich achten. Und einige
beglückwünschten Hildur, daß sie dem Schicksal entging, einen zu
heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, daß er nicht mehr wußte,
was er tat.
Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tür hinaus war, kam ihre
beste Freundin, ein junges Bauernmädchen, und flüsterte ihr zu: »Unten
ist jemand, der mit dir sprechen will.« -- »Ist es Gudmund?« fragte
Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. -- »Nein,
aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
hat, keinem als nur dir selbst sagen.« Nun hatte Hildur den ganzen Tag
dagesessen und gedacht, daß jemand kommen müsse, der diesem Elend ein
Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, daß ein so schreckliches
Unglück sie treffen sollte. Sie meinte, es müsse etwas geschehen, das es
ihr möglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
einer Botschaft Gudmunds hörte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
zu Helga hinaus, die vor der Kirchentür stand und auf sie wartete.
Hildur wunderte sich wohl, daß Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
dachte, er hätte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
gefunden, und begrüßte sie freundlich.
Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drüben auf der
andern Längsseite des Hofes lag. »Ich weiß keinen andern Ort, wo wir
allein sprechen können,« sagte sie. »Wir haben noch das Haus voll
Leute.«
Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
ins Gesicht. »Bevor ich etwas sage, muß ich erst wissen, ob du Gudmund
lieb hast, Hildur.« Hildur zuckte vor Empörung zusammen. Es war ihr eine
Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu müssen, und sie
hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber nun
war die Not am höchsten, und so zwang sie sich, zu antworten: »Warum,
glaubst du, hätte ich ihn sonst heiraten wollen?« -- »Ich meine, ob du
ihn noch lieb hast, Hildur?« -- Hildur wurde wie zu Stein, aber unter dem
forschenden Blick der andern konnte sie nicht lügen. -- »Vielleicht habe
ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute,« sagte sie, jedoch so leise,
daß man glauben konnte, es täte ihr weh, die Worte auszusprechen.
»Dann komm gleich mit mir,« sagte Helga. »Ich habe drunten auf der
Straße einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
können wir gleich nach Närlunda fahren.« -- »Wozu soll es gut sein, daß
ich hinfahre?« fragte Hildur. -- »Du mußt hinfahren und sagen, daß du
Gudmund angehören willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und daß
du treu auf ihn warten wirst, während er im Gefängnis sitzt.« -- »Warum
soll ich das sagen?« -- »Damit alles zwischen euch wieder gut wird.« --
»Aber das ist ja unmöglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
Gefängnis gesessen hat.«
Helga prallte ein paar Schritt zurück, so als wäre sie an eine Mauer
gestoßen. Aber sie faßte rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, daß,
wer mächtig und reich war wie Hildur, so denken mußte. »Ich wäre nicht
hierher gekommen und hätte dich nicht gebeten, nach Närlunda zu fahren,
wenn ich nicht wüßte, daß Gudmund unschuldig ist,« sagte sie. Jetzt war
es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. -- »Weißt du das, oder
ist es nur etwas, was du glaubst?« -- »Es wäre besser, wenn wir uns
gleich in den Wagen setzten, dann könnte ich es dir unterwegs erzählen,
Hildur.« -- »Nein, erst mußt du mir alles sagen. Ich muß wissen, was ich
tue.« Helga war so voll brennenden Eifers, daß sie kaum stillstehen
konnte, aber sie mußte sich doch bequemen, Hildur zu erzählen, woher sie
wüßte, daß nicht Gudmund der Täter sei. »Hast du das Gudmund nicht
gleich gesagt?« -- »Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer weiß
es.« -- »Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir?« -- »Damit es
zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald erfahren, daß er
nichts Böses getan hat, aber ich will, daß du wie von selbst zu ihm
kommst, Hildur, und es gut machst.« -- »Ich soll nicht sagen, daß ich von
seiner Schuldlosigkeit weiß?« -- »Du sollst ganz von selbst kommen,
Hildur, und ihm nie verraten, daß ich mit dir gesprochen habe. Sonst
verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.«
Hildur hörte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
nie im Leben begegnet war, und sie war bemüht, es sich klarzumachen.
»Weißt du, daß ich es war, die verlangte, daß du aus Närlunda
fortkommst?« -- »Ich weiß wohl, daß es nicht die Leute auf Närlunda
waren, die mich forthaben wollten.« -- »Ich kann gar nicht verstehen, daß
du heute zu mir kommst und mir helfen willst.« -- »Wenn du jetzt nur
mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden!« Aber Hildur sah Helga an,
noch immer in dieselben Grübeleien versunken. -- »Vielleicht hat Gudmund
dich lieb,« warf sie hin. Aber nun riß Helga die Geduld. -- »Was hätte er
denn an mir!« sagte sie heftig, »du weißt doch, Hildur, daß ich nichts
andres bin als eine arme Häuslerdirne, und das ist noch nicht einmal das
Allerschlimmste.«
Die beiden jungen Mädchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
saßen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
sondern ließ es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur saß da und
sah Helga an. Es war, als könne sie sich nicht genug über sie wundern,
und als dächte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.
Als sie in die Nähe des Hofes kamen, übergab Helga Hildur die Zügel.
»Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
komme in einer Weile nach und erzähle die Geschichte mit dem Messer.
Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, daß ich dich
geholt habe.«
Gudmund saß in der Wohnstube auf Närlunda neben Mutter Ingeborg und
sprach mit ihr. Der Vater saß etwas abseits und rauchte. Er sah
zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung, jetzt
gehe alles, wie es sollte, so daß er nicht einzugreifen brauchte.
»Ich wüßte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben würdet, wenn Ihr
Helga als Schwiegertochter bekommen hättet,« sagte Gudmund. Mutter
Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: »Ich werde jede
Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur weiß, daß sie dich
so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann liebhaben soll.«
Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tür stehenbleiben
wie ein armes Bettelmädchen.
Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
wendete sie sich an Gudmund. »Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.«
Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu über ihre Lippen:
»Ich war wohl -- -- ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
sagte.« -- »Ach, wir haben dich damit so plötzlich überfallen,« sagte
Gudmund. Sie wurde noch röter und beschämter. »Ich hätte es mir besser
überlegen sollen. Wir könnten -- es sollte doch -- --« -- »Es ist schon am
besten, wie es ist, Hildur. Darüber ist nichts mehr zu reden; aber es
ist schön, daß du gekommen bist.«
Sie schlug die Hände vors Gesicht, holte sehr tief Atem, daß es klang
wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. »Nein,« sagte sie.
»Es geht nicht. Ich will nicht, daß du mich für besser hältst, als ich
bin. Jemand kam zu mir und sagte, daß du unschuldig bist, und riet mir,
hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
sagen, daß ich schon weiß, daß du unschuldig bist. Denn dann würdest du
nicht soviel daran finden, daß ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
wünschte, ich wäre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewünscht,
daß es wieder gut zwischen uns werden könnte. Und wie es auch kommen
mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, daß du unschuldig bist.«
»Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur?« fragte Gudmund. -- »Das
darf ich nicht sagen.« -- »Ich wundere mich, daß es jemand weiß. Vater
kommt eben jetzt vom Bürgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
Und es ist die Antwort gekommen, daß der wahre Täter schon gefunden
ist.«
Als Gudmund dies sagte, fühlte Hildur, wie die Beine unter ihr
zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
daß er ganz außerhalb ihrer Macht war. »Ich sehe schon, du kannst es
nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin.« -- »O
doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur,« sagte er in demselben
ruhigen Ton. »Davon wollen wir nie mehr sprechen.«
Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und saß da, als wartete sie auf
etwas. »Es ist nur ein großes Glück, Hildur,« sagte er und kam heran und
ergriff ihre Hand, »daß es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
klar geworden, daß ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
schon lange lieb, aber ich weiß es erst seit heute.« -- »Wer ist die, die
du lieb hast, Gudmund,« kam es tonlos von Hildurs Lippen. -- »Das kommt
ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat mich
nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.«
Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
Aber sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie, die Großbauerntochter,
mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts für Gudmund
bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
zu zeigen, daß sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
Äußerlichen.
»Ich will, Gudmund, daß du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
du gern hast.«
Gudmund stand schweigend da. »Denn wenn es Helga ist, dann weiß ich, daß
sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
damit es zwischen uns wieder gut würde. Sie wußte, daß du unschuldig
bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern ließ es mich zuerst wissen.«
-- Gudmund sah ihr fest in die Augen. »Findest du darin ein Zeichen, daß
sie eine große Liebe für mich hat?« -- »Dessen kannst du sicher sein,
Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
haben als sie.« Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor
Hildur stehen. »Aber du? Warum sagst du mir das?« -- »Ich will Helga an
Edelmut nicht nachstehen.« -- »Ach, Hildur, Hildur!« sagte er, legte die
Hand auf die Schultern und schüttelte sie, um seiner Rührung Luft zu
machen. »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht, wie gut ich dir in
diesem Augenblick bin. Du weißt nicht, wie glücklich du mich gemacht
hast -- -- --«
* * * * *
Helga saß am Wegrand und wartete. Sie saß da, das Kinn in die Hand
gestützt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
dachte, wie glücklich sie jetzt sein müßten.
Während sie so dasaß, kam ein Knecht aus Närlunda vorüber. Als er sie
sah, blieb er stehen. »Du hast doch von Gudmund gehört, Helga?« -- Ja,
das hatte sie. -- »Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
richtige Täter ist schon verhaftet.« -- »Ich wußte, daß es nicht wahr
sein konnte,« sagte Helga.
Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
drüben wußten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Närlunda zu
gehen, um es zu erzählen.
Sie fühlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
daß Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen müsse. Aber jetzt erst
stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, für die,
die man lieb hatte, nichts sein zu dürfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
gönnte ihr kaum, daß sie es ansah.
Sie dachte daran, daß sie aufstehen und nach Hause gehen müsse. Aber die
Hügel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wußte gar
nicht, wie sie hinaufkommen solle.
Da kam ein Wagen aus Närlunda. Hildur und Gudmund saßen darin. Jetzt
führen sie wohl nach Älvåkra, um zu sagen, daß sie sich ausgesöhnt
hätten. Und morgen fände dann die Hochzeit statt.
Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zügel
und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.
Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. »Ich bin froh, daß du hier
sitzest, Helga,« sagte er. »Ich glaubte, ich müßte nach dem Moorhof
hinaufgehen, um dich zu treffen.«
Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
umklammert, und sie sah es seinen Augen an, daß er jetzt wußte, wie es
um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.
Das Schweißtuch der heiligen Veronika
I
In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte
hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und
lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete, fand
er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der
Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und sah
aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie sich
erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran denken
mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt einer
alten Frau die Menschen heimsuchen.
»Mein Freund,« sagte die Alte zu dem Winzer, »wundere dich nicht
darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu
finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
hatten.«
»Ich wundere mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch
zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen würde,«
sagte der Winzer. »Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem fernen
Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte finden
können. Und dir, die nach der langen Wanderung, die du in deinem hohen
Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es
willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen, um
darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot, wenn
du damit vorlieb nehmen willst.«
Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß es
den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der auf
ihrem Gesicht ruhte. »Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
Bergen verlebt,« sagte sie. »Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.«
Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht
daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug
besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.
Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte
ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
Zögern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien, grobes
in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der Mann und
die Frau: Woher kann diese alte Wanderin kommen? Sie hat gewiß öfter
Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus irdenen Schalen
getrunken.
Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle sie
versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige
Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war
sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten, daß
an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar waren,
die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen Kindern eine
Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte sie die Scherben
eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst Milch zu melken
pflegte.
Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im
Leben so manches andere zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
und Käse bereiten.
Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß
sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und
kummervoll seufzte.
Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die
Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu.
Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, daß er
ausrief: »Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht, als
du gestern nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen. Wenn
du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es wohl
deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben hast,
hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib und ich,
schon von der Hütte Besitz genommen haben.«
Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. »Aber diese
Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut
wie mir,« sagte sie. »Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.«
»Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,« sagte der Winzer, »und du hast
sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du
bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.«
Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete sich
auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
verstünde, was er mit seinen Worten meinte.
Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch.
»Wenn ich mitzureden hätte,« sagte sie zu dem Manne, »würde ich dich
bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte
schenkten und sie dann allein ließen? Es wäre furchtbar für sie, einsam
in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre dasselbe,
als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.«
Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
prüfend. »Warum sprecht ihr so?« fragte sie. »Warum beweist ihr mir
Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.«
Da antwortete ihr die junge Frau: »Darum, weil uns selbst einmal die
große Barmherzigkeit begegnet ist.«
II
So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte sie
ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen, daß
sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt hätten.
Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
heranstieg.
Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie ein
Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
mit raschen Bewegungen.
Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald er
ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
seiner Heimat begriffen ist.
Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
rief ihm zu: »Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu dieser
Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von uns,
die wir hier wohnen.«
Während er so fragte, trat der Fremdling näher. »Ja, es ist so, wie du
sagst,« antwortete er, »ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß ich
nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um zu
einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.«
Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und ihrer
Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.
Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
auszufragen: »Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,« sagte
er. »Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten und
Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgendeinem
Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?«
Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die Alte
ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen machte,
das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was man sage.