Plötzlich ließ Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und

brach in heftiges Schluchzen aus. »Was ist dir?« fragte Erland und zog

die Zügel so plötzlich an, daß das Pferd mit einem Ruck stehen blieb. --

»Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien' es nicht.« -- »Du hast

doch nichts Böses getan?« -- »Doch, Vater, das habe ich.« -- »Das wollen

wir doch nicht glauben.« -- »Ja, ich hab einen Menschen erschlagen.«

Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der

Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater

ließ das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: »Ich bin

froh, daß du es selbst gesagt hast.« -- »Wußtet Ihr es denn schon,

Vater?« -- »Ich sah schon Samstag abend, daß irgend etwas nicht in

Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast.« -- »Ach so, _Ihr_

habt das Messer gefunden!« -- »Ich hab es gefunden, und ich sah, daß die

eine Klinge abgebrochen war.«

»Ja, Vater, ich weiß, daß die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir

doch nicht denken, daß ich es getan haben soll.« -- »Es ist wohl im

Rausch geschehen.« -- »Ich weiß nichts, ich kann mich an nichts erinnern.

Ich sehe es an meinen Kleidern, daß ich bei einer Rauferei war, und ich

weiß, daß die Messerklinge fort ist.« -- »Ich verstehe, daß du es

verschweigen wolltest,« sagte der Vater. -- »Ich dachte, die andern waren

gewiß ebenso sinnlos betrunken wie ich und können sich an nichts

erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das

Messer, und darum hab -- ich es fortgeworfen.« »Ich kann mir denken, daß

du dir die Sache so zurechtgelegt hast.« -- »Ihr versteht, Vater: ich

weiß nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben

gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich es getan habe. Und da

sagte ich mir, ich brauchte doch nicht für etwas zu leiden, was ich

nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, daß es eine Tollheit

war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,

und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern nacht und

heute nacht suchen.« -- »Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?« --

»Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten könnte, und ich

versuchte zu tanzen und vergnügt zu sein, damit mir niemand etwas

anmerkte.« -- »War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne zu

gestehen? Das ist eine große Verantwortung. Sahst du nicht ein, daß du

Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich

entdeckt?« -- »Ich dachte, daß ich sie am besten verschonte, wenn ich

nichts sagte.«

Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr

eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem

Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte

gesagt.

»Ich wüßte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist,« sagte er. --

»Weil Helga kam und mir Glück wünschte. Da brach etwas Hartes in mir.

Ich war so gerührt über sie. Ich war auch heute morgen über Mutter und

über Euch gerührt, und ich wollte sprechen und sagen, daß ich eure Liebe

nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete

Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,

sie müßte mir eigentlich böse sein, weil ich doch schuld daran bin, daß

sie von daheim fort mußte.«

»Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, daß wir dies gleich den

Amtmann wissen lassen müssen,« sagte der Vater. -- »Ja,« antwortete

Gudmund mit leiser Stimme. »Ja, gewiß,« fügte er gleich darauf lauter

und fester hinzu, »ich will Hildur nicht in mein Unglück hineinziehen.

Sie würde es mir nie verzeihen.« -- »Die Älvåkraleute halten ihre Ehre

hoch, sie wie andere,« sagte der Vater, »und das magst du wissen,

Gudmund: als ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich

muß es dem Amtmann erzählen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht

entschließest, es selbst zu tun. Wie hätte ich schweigend zusehen und

Hildur einen heiraten lassen können, dem jede Stunde eine Anklage wegen

Mordes droht.«

Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. »Das

wird das Schwerste für dich sein,« sagte er. »Wir müssen es so

einrichten, daß es bald überstanden ist. Ich denke, der Amtmann und

seine Familie werden es recht von dir finden, daß du dich selbst

angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.«

Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequälter aus, je mehr sie sich

Älvåkra näherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.

»Ich habe einmal eine ähnliche Geschichte gehört,« sagte er. »Ein

Bräutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht

seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, daß er es war, der

den tödlichen Schuß abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage später sollte

er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut

und sagte: 'Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in

das Elend hineinziehen, das mich erwartet.' Aber sie stand schon fertig

geschmückt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und

führte ihn in den Saal, wo die Gäste versammelt waren und alles für die

Trauung bereit war. Und sie erzählte allen mit lauter Stimme, was ihr

der Bräutigam eben gesagt hatte. 'Dies erzähle ich, damit alle wissen,

daß du nicht falsch gegen mich gewesen bist,' sagte sie dann und wendete

sich an den Bräutigam. 'Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen

lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglück

gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit

dir tragen.'«

Als der Vater mit seiner Erzählung zu Ende war, waren sie gerade bei der

langen Gasse angelangt, die nach Älvåkra führte. Gudmund sagte mit einem

wehmütigen Lächeln zu ihm: »So wird es uns nicht ergehen.« -- »Wer weiß,«

antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den Sohn an

und mußte wieder staunen, wie schön der an diesem Tage war. »Es sollte

mich nicht wundern, wenn ihm etwas Großes und Unerwartetes widerführe,«

dachte er.

Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich

schon bei den Brautleuten versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.

Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie

saßen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die

Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hörte, wie die Pferde

im Stalle stampften, während sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann

saß allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem

Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt

Ausschau, um den Bräutigam zu sehen, bevor der sie erspäht hätte.

Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, daß sie

mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen müßten. Bald standen sie

alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.

»Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener

Schlägerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in

der Nacht vom Freitag auf Samstag,« sagte Gudmund so rasch, als leiere

er eine Lektion herunter. -- »Ja freilich habe ich davon gelesen,« sagte

der Amtmann. -- »Ich war nämlich in jener Nacht in der Stadt,« fuhr

Gudmund fort.

Jetzt kam keine Antwort. -- Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob

alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, daß er nicht

weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. -- »Gudmund war

von ein paar Freunden eingeladen. -- Er hat in jener Nacht wohl zu viel

getrunken, denn als er heimkam, wußte er gar nicht, was mit ihm

geschehen war. Aber man merkte es ihm an, daß er bei einer Rauferei

gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen.« Gudmund sah, wie das

Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er

selbst wurde ruhiger. Ein Gefühl des Trotzes erwachte in ihm, und er

ergriff wieder das Wort: »Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und

ich von der Schlägerei las und von der Messerklinge, die in der

Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer

hervor und sah, daß eine Klinge fehlte.« -- »Das sind schlimme

Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund,« sagte der Amtmann. »Es wäre

richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt hättest.« -- Gudmund

schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. -- »Es war nicht so

leicht für Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr

groß. Er verliert sehr viel durch dieses Geständnis.« -- »Ja, wir müssen

noch froh sein, daß er jetzt gesprochen hat, so daß wir nicht in das

Elend hineingezogen werden,« sagte der Amtmann bitter.

Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug

Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der

großen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz

unbewußt getan zu haben. Als sie merkte, daß Gudmunds Blicke auf ihr

ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.

»Es ist ja noch gar nicht bewiesen, daß Gudmund der Schuldige ist,«

sagte der Vater, »aber ich begreife: Ihr wollt, daß die Hochzeit

aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklärt haben.« -- »Es hat wohl wenig

Zweck, von Aufschub zu sprechen,« sagte der Amtmann. »Ich denke, Gudmund

ist seiner Sache recht sicher, und wir könnten uns wohl darüber einigen,

daß es zwischen ihm und Hildur ein für allemal aus ist.«

Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinüber und

streckte die Hand aus. Sie saß ganz regungslos da und schien ihn nicht

zu sehen. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur?« Jetzt sah sie

auf, und ihre großen Augen blitzten ihn kalt an. -- »Hast du mit dieser

Hand das Messer geführt?« fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine

Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. -- »Ja, jetzt bin ich meiner

Sache sicher,« sagte er. »Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit

aufzuschieben.«

Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer

Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie

hinauskamen, und überall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tür

nach der Küche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in

eiliger Geschäftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und

Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und großer Töpfe,

die Kupferkasserollen, die sonst die Wände schmückten, waren

heruntergenommen und im Gebrauch. »Ach, daß sie alle diese Zurüstungen

für meine Hochzeit machen!« dachte Gudmund, als er vorüberging.

Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie

er so durch das Haus wanderte. Er sah den Eßsaal, wo große Tische mit

langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch

die Kleiderkammer, wo auf dem Boden große Truhen standen und an den

Wänden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof

hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prächtige Pferde

wurden aus dem Stall geführt und schöne Wagendecken in die Kutschen

gelegt. Er sah über ein paar Höfe, die von Scheunen, Ställen, Schuppen,

Vorratskammern und noch vielen andern Gebäuden umgeben waren. »Das alles

hätte mein sein können,« dachte er, als er sich in den Wagen setzte.

Mit einem Male kam bittere Reue über ihn. Er wäre am liebsten aus dem

Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles

nicht wahr, was er erzählt hätte. Er hätte ja nur mit ihnen spaßen und

sie erschrecken wollen. Es war doch unerhört töricht von ihm gewesen, zu

bekennen. Was nützte es, daß er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache

für keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses Geständnis

hatte nichts anderes zur Folge, als daß auch er ins Verderben gestürzt

wurde.

In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig

gewünscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mußte, fühlte er erst,

was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was

an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, daß sie eigenwillig

und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der

Umgegend, und durch sie wäre er zu großer Macht und Ehre gekommen.

Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch

um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wäre er zur Kirche gefahren, und

alle, die ihn gesehen, hätten ihn beneidet. Und heute hätte er zu oberst

an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wäre er mitten in Tanz und

Fröhlichkeit gewesen. Es war sein großer Glückstag, der ihm nun entging.

Erland drehte den Kopf einmal ums andere dem Sohne zu und sah ihn an. Er

war jetzt nicht so schön und verklärt, wie er am Morgen gewesen war,

sondern saß stumpf und schwerfällig da mit erloschenem Blick. Der Vater

hätte wohl gerne gewußt, ob der Sohn sein Geständnis bereue, und er

wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch für richtiger, zu

schweigen.

»Wohin wollen wir jetzt fahren?« fragte Gudmund nach einer Weile. --

»Wäre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen?« -- »Du mußt zuerst

nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst,« sagte der

Vater. »Du hast in den letzten Nächten wohl nicht viel Schlaf gefunden.«

-- »Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht.« -- »Sie wird nicht so

erstaunt sein,« sagte der Vater, »sie weiß ebensoviel wie ich. Sie wird

sich freuen, daß du gestanden hast.« -- »Ich glaube, Mutter und ihr alle

miteinander daheim seid froh, mich ins Gefängnis zu bringen,« sagte

Gudmund bitter. -- »Wir wissen, daß du viel verlierst, weil du recht

gehandelt hast,« sagte der Vater, »wir können nicht anders: wir müssen

uns freuen, daß du dich selbst überwunden hast.«

Gudmund glaubte es nicht ertragen zu können, nach Hause zu fahren und

allen den Leuten zuzuhören, die ihn rühmen würden, weil er seine Zukunft

vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu müssen,

bevor er sich mehr Ruhe erkämpft hätte. Nun fuhren sie an der Stelle

vorüber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. »Wollt Ihr hier halten, Vater?

Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr.« --

Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. »Komm nur, sobald du kannst,

nach Hause, damit du dich ausruhst,« sagte er.

Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bäumen

verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,

allein zu sein, so daß er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er

fühlte eine unvernünftige Wut gegen alles, er stieß Steine fort, die ihm

im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen großen Ast

abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug

den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Hütte vorbei und kletterte den

Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiterzukommen. Er hatte den

Pfad verlassen; und um den nächsten Gipfel zu erreichen, mußte er über

ein breites Flußbett voll kantiger Felsblöcke gehen. Es war eine

gefährliche Wanderung über die scharfen Felskanten, und er konnte sich

Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wußte er

sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer

Gefahr auszusetzen. »Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich

hier oben niemand,« dachte er. »Aber was tut das? Ich kann ebensogut

hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefängnismauern sitzen.«

Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten später stand er auf der

Höhe. Über den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste

Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.

Er sah Täler und Seen, dunkle Wälder und fruchtbare Äcker, Kirchen und

Herrenhöfe, kleine Bauernhütten und große Dörfer. Weit in der Ferne lag

die Stadt, in einen weißen Schleier von Sonnenrauch gehüllt, aus dem ein

paar funkelnde Türme aufragten. Durch die Täler schlängelten sich Wege,

und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes

Reich, was er da sah.

Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite

Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Großes in dieser Landschaft

vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und

unbedeutend.

Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen

hatte, daß der Versucher Jesus auf einen hohen Berg geführt und ihm alle

Herrlichkeit der Welt gezeigt hätte, so war er immer der Meinung

gewesen, die beiden müßten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...

Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir

geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Da kam es ihm plötzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen

eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der

Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit der

Macht und des Reichtums gezeigt? »Verschweige nur das Böse, das du getan

hast,« sagte er, »und ich will dir dies alles geben.« Wie Gudmund daran

dachte, kam ein klein wenig Befriedigung über ihn. »Ich habe ja nein

geantwortet,« sagte er; und plötzlich begriff er, worum es sich für ihn

gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er dann nicht all sein

Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,

mutloser Mann wäre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht

vor der Entdeckung hätte stets auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich

als ein freier Mann fühlen können.

Eine große Ruhe kam über Gudmund. Er wurde ganz glücklich, weil er

einsah, daß er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage

zurückdachte, schien es ihm, daß er in einer großen Dunkelheit getappt

hätte. Es war wunderbar, daß er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.

Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, daß er nicht in der Irre

gegangen war. »Ich danke es dem, daß sie daheim alle so gut gegen mich

waren,« dachte er, »und die beste Hilfe war doch, daß Helga kam und mir

Glück wünschte.«

Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er

sich, er müsse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, daß er den

Frieden mit sich selbst gefunden hätte. Als er nun aufstand, um zu

gehen, bemerkte er, daß ein Stück weiter unten Helga auf einem

Felsenvorsprung saß.

Sie hatte dort nicht die große weite Aussicht -- nur ein kleines

Stückchen des Tales war für sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Närlunda

lag, und sie sah vermutlich ein Stück des Hofes. Als Gudmund sie

erblickte, fühlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mühsam und

ängstlich gearbeitet hatte, leicht und fröhlich zu klopfen begann, und

zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glücksgefühl, daß er

stehen blieb und über sich selbst staunte.

»Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das?« dachte er, während das

Blut durch seinen Körper strömte und das Glück ihn mit solcher Macht

packte, daß er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit

erstaunter Stimme zu sich selbst: »Aber ich hab ja sie lieb! Nein, daß

ich das bisher gar nicht wußte!«

Es packte ihn mit der Stärke eines befreiten Wasserfalls. Er war die

ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu

ihr hinzog, hatte er zurückgedrängt. Jetzt erst war er frei von dem

Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.

»Helga!« rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr

hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei

um. »Hab keine Angst! Ich bin es nur.« -- »Aber bist du denn nicht in der

Kirche und wirst getraut?« -- »Ach nein, aus der Hochzeit wird nichts.

Sie will mich nicht haben, Helga.«

Helga richtete sich auf. Sie preßte die Hand aufs Herz und schloß die

Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, daß es nicht Gudmund sei,

der da kam. Ihre Augen und Ohren müßten hier im Walde verhext worden

sein. Aber schön und herrlich war es doch, daß er sich zeigte, wenn auch

nur als Traumerscheinung; und sie schloß die Augen und blieb regungslos

stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.

Aber Gudmund war wild und toll von der großen Liebe, die in ihm

aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die

Arme um sie und küßte sie, und sie ließ es geschehen; denn sie war ganz

betäubt und benommen vor Überraschung. Es war ja zu wunderbar, daß er,

der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,

wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder

Doppelgänger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin

küssen.

Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga küßte, wachte sie auf und stieß

ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu überschütten. Ob er

es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun hätte? Ob ein Unglück

geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben hätte? Ob Hildur krank

sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerührt hätte?

Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von

seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzählen, wie alles zugegangen war.

Während er sprach, saß sie still da und hörte mit tiefer Andacht zu.

Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzählte.

Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewöhnliches Messer sei, das er

gehabt hätte, als sie noch auf Närlunda diente.

»Ja, gerade das war es,« sagte er. -- »Wieviel Klingen waren denn

abgebrochen?« fragte sie. -- »Nicht mehr als eine.«

In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie saß mit gerunzelter Stirn da

und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewiß. Sie

entsann sich deutlich, daß sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie

fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie

es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er war

ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen wollen.

Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt und gar

nicht bemerkt, daß es zerbrochen war.

Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzählte weiter

von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu

Ende kommen lassen. Als sie hörte, wie er von Hildur geschieden war,

erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglück, daß sie ihn mit

Vorwürfen überhäufte. »Das ist deine eigne Schuld,« sagte sie. »Da kommt

ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der

furchtbaren Botschaft. So hätte sie nicht geantwortet, wenn sie bei

Sinnen gewesen wäre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es

schon in diesem Augenblick.« -- »Meinethalben mag sie bereuen, soviel sie

will,« sagte Gudmund. »Ich weiß jetzt, daß sie eine ist, die immer nur

an sich selbst denkt. Ich bin froh, daß ich sie los bin.«

Helga preßte die Lippen aufeinander, damit ihr das große Geheimnis nicht

entschlüpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,

Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft

zwischen Gudmund und seiner Braut. Könnte sie nicht versuchen, die

beiden mit Hilfe dessen, was sie wußte, zu versöhnen?

Wieder saß sie stumm da und grübelte, bis Gudmund davon zu sprechen

begann, daß er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt hätte.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 12 / 18 段