ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist
auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht' man sagen, so
vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in
seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es
allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.«
»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzumachen?« sagte
Gudmund. -- »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte
sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst
sagte. -- »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,« sagte
Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton. -- Dann
begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis zum
Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die neben
ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im vorigen Jahr
durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas Frisches und
Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den Kopf wie ein
Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht klug werden.
Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte rasch
hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu werden,
doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.
Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das
wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --
Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort
müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
wollte.
Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so
viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen.
Helga brauchte nicht mehr zu hören: sie verstand, daß sie fort müsse,
und erklärte sogleich, daß sie gehen wolle; aber eine andere Stelle
wolle sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurück.
Man merkte wohl, daß sie auf Närlunda Helga nicht aus freiem Willen
kündigten.
Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, daß es ein förmlicher
Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
und Schuhe zu, daß sie, die nur mit einem Bündel unter dem Arm gekommen
war, ihre Besitztümer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.
»Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus,« sagte
Mutter Ingeborg. »Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
ziehen lasse! Du weißt wohl, daß es nicht mit meinem Willen geschieht.
Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
keine Not leiden müssen.«
Sie machte mit Helga ab, daß sie ihr Laken und Handtücher weben solle.
Und sie gab ihr Arbeit für mindestens ein halbes Jahr.
Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam nicht
herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der Tür
stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, daß er gar nicht
merkte, was vorging. Sie mußte hinausgehen, um ihm Lebewohl zu sagen.
Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: »Ich danke
dir für all die Zeit!« und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
sagen wollen, sie sähe ein, daß es unmöglich für ihn sei, sie zu
behalten, und daß alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst hätte es so
für sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, daß die Späne rings um
ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschließen, etwas zu sagen.
Aber das Merkwürdigste an der ganzen Sache war, daß der Bauer selbst,
der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.
Gudmunds Vater war ein kleines, trockenes Männchen mit kahlem Scheitel
und schönen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, daß er
zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mußte,
um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
Rechnungführen und genoß unter den Männern des Kirchspiels großes
Vertrauen. Er bekam auch alle möglichen kommunalen Aufträge und war
angesehener als so mancher, der einen schönen Hof und großen Reichtum
besaß.
Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und ließ
nicht zu, daß sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
dem Moorhof angelangt waren, saß er lange in der Hütte und sprach mit
Helgas Eltern und erzählte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
Dienstleute brauchten, müßten sie sie nach Hause schicken. Sie hätte
gehen müssen, weil sie die Jüngste wäre. Sie hätten es unrecht gefunden,
jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.
Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hörten,
sie hätte so große Bestellungen erhalten, daß sie sich mit ihrer Weberei
das Brot verdienen könne, waren sie es recht zufrieden, daß sie nun
daheim blieb.
4
Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
geliebt hätte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, daß Helga aus
Närlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
er mehr bewundert und geachtet hätte. Kein junges Mädchen schien ihm
Hildur an die Seite gestellt werden zu können, und er war sehr stolz
darauf gewesen, daß er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie würden
reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefühl, daß es sich
in dem Heim, wo Hildur das Regiment führte, gut leben lassen müßte. Er
dachte auch gern daran, daß er viel Geld haben würde, wenn er mit ihr
verheiratet wäre. Er könnte seine Wirtschaft verbessern, könnte alle
verfallnen Hütten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so daß er ein
richtiger Großbauer würde.
An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
abends nach Älvåkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
sprechen und hatte gesagt, daß sie nicht nach Närlunda kommen wolle, ehe
die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, daß es Hildur ernst
war. Gudmund führte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
verwundern, daß sie ins Unglück gekommen wäre, wo sie an einen so
schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
Mutter sich ihrer angenommen, hätte sie sich immer gut betragen. »Es
kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoßen,« sagte er. »Da könnte
sie ja wieder ins Elend kommen.«
Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. »Wenn das Mädchen auf Närlunda
bleibt, so komme ich nie hin,« sagte sie. »Ich kann eine solche Person
in meinem Hause nicht dulden.« -- »Du weißt nicht, was du tust,« sagte
Gudmund. »Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
alle froh, daß sie zu uns gekommen ist; früher war Mutter oft
verdrießlich und schlechter Laune.« -- »Ich zwinge dich ja nicht, sie
fortzuschicken,« sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
ihr in dieser Sache nicht den Willen täte, entschlossen, die Heirat
aufzugeben. -- »Nein, es soll so sein, wie du willst,« sagte Gudmund
schließlich. Er fand, daß er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
aufs Spiel setzen könnte. Aber er sah sehr blaß aus, als er so nachgab,
und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.
Diese Sache nun ließ Gudmund befürchten, daß Hildur vielleicht nicht
ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, daß
sie ihren Willen über den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
er konnte sich nicht verhehlen, daß sie im Unrecht war. Er sagte sich,
daß er ihr gern nachgegeben hätte, wenn sie sich großherzig gezeigt
haben würde; aber nun schien es ihm, daß sie nur kleinlich und herzlos
gewesen wäre.
Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, saß er und suchte und
spähte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
zeigen würde. Nun sein Mißtrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewünscht
hätte. »Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,«
murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten würde, wenn man sie auf die
Probe stellte. Er suchte sich damit zu trösten, daß alle Menschen zuerst
an sich selbst dächten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah sie vor
sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich gerissen
hatte, er hörte, wie sie rief: »Ich will die Klage zurückziehen. Ich hab
ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört.« So hätte er sich
Hildur gewünscht. Helga war ihm ein Maß geworden, nach dem er die
Menschen beurteilte, -- wahrlich, es gab nicht viele, die ein so
liebevolles Herz hatten.
Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
Gedanken, daß er von der Heirat abstehen könnte. Er suchte sich
einzureden, daß sein Mißmut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
einigen Wochen erst hatte er sie ja für die Beste gehalten, die es gäbe.
Wäre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann hätte er sich
vielleicht zurückgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits große
Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
hätte er für einen Bruch anzuführen vermocht? Was er gegen Hildur
einzuwenden hatte, war so unbedeutend, daß es sich auf seinen Lippen in
Luft verwandeln würde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.
Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, ließ er sich Bier oder Wein
geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich quäle.
Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsicht, sie zu treffen. Aber
er glaubte, daß Helga ihn für einen schlechten Kerl halte, weil er dem
Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war,
und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklären, noch sich
rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.
Doch eines Morgens, als Gudmund gerade über die Straße ging, begegnete
er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
schloß sich ihr an. Sie schien über seine Gesellschaft nicht gerade
erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
recht wußte, wie er ein Gespräch einleiten solle.
Da kam vom andern Ende der Straße ein Gefährt heran. Gudmund ging in
Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
und wendete sich nun plötzlich zu ihm. »Es hat keinen Zweck, daß du mit
mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
aus Älvåkra gefahren.« Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nächsten
Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne daß er ihr ein Wort gesagt
hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
als er seit lange gewesen war.
5
Es war bestimmt, daß Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
Pfingstfeiertag auf Älvåkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkäufe für einen
Begrüßungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Närlunda
stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wußten, daß dies Gudmunds
letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anlaß, ein
großes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, daß
Gudmund trinke, und es gelang ihnen schließlich, ihn ganz bewußtlos zu
machen.
Am Samstag morgen kam er so spät nach Hause, daß sein Vater und der
Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, daß
sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. »Das sieht ja aus, als wenn
ich heute nacht eine Schlägerei gehabt hätte,« sagte er und versuchte,
sich zu besinnen, was geschehen wäre, erinnerte sich jedoch nur, daß er
gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
aber wohin sie sich dann begeben hätten, das konnte er sich nicht
zurückrufen. Es war, als versuchte er, in eine große Dunkelheit
hineinzustarren. Er wußte nicht, ob sie sich nur auf den Straßen
herumgetrieben hätten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wären. Er
konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
Pferd eingespannt hätte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
Heimfahrt.
Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
Niemand sagte etwas über Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
stillschweigendes Übereinkommen zu sein, daß er in diesen letzten Wochen
die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.
Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
Während er so dasaß und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
wieder in die Schale goß, um ihn abkühlen zu lassen, wurde Mutter
Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte für Spalte vor, und
Gudmund, der Vater und die andern saßen da und hörten zu.
Unter anderm las sie einen Bericht vor über eine Schlägerei, die in der
vorhergehenden Nacht auf dem großen Marktplatz zwischen einer Schar
betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
auf die Polizeistation, und da man keine äußere Verletzung an ihm
entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
Bemühungen waren jedoch vergebens, und schließlich entdeckte man, daß
eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
ungewöhnlich großen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mörder war mit dem
Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
Schlägerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
würde ihn bald finden.
Während Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
gleichgültigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
hätte er sich daran verbrannt. Er rührte den Kaffee nicht mehr an,
sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, daß er
mit aller Macht versuchte, sich über etwas klar zu werden.
Endlich stand er auf, streckte sich, gähnte und ging langsam auf die Tür
zu. »Ich muß mir ein bißchen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
nicht aus dem Hause gewesen,« sagte er und verließ das Zimmer.
Ungefähr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
vorübergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
der Wohnstube, sondern auf ein kleines Gärtchen, in dem ein paar hohe
Äpfelbäume standen. Unterhalb des Gärtchens lag ein Sumpfland, wo um die
Frühlingszeit große Wasserpfützen waren, die aber im Sommer fast ganz
austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
kleine Gärtchen, sprang über einen Zaun und entfernte sich in der
Richtung nach der Straße.
Sowie der Sohn außer Sehweite war, verließ Erland ebenfalls das Haus und
begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fuß gestoßen war. Es
war ein großes Taschenmesser, dessen größte Klinge abgebrochen war. Er
drehte es nach allen Seiten und besah es genau, während er noch immer im
Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
paarmal heraus und betrachtete es prüfend, ehe er wieder ins Haus
zurückging.
Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berühren, das in der Wohnstube
aufgetischt stand.
Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hören. Er stand
auf, zog die Gardinen zurück und sah, daß Gudmund zum Morast
hinunterging. Dort legte er Strümpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
wieder schlafen.
Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
einzuspannen begann, kam der Vater über den Hof. »Du hast vergessen, das
Geschirr zu putzen,« sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
Wagen waren schmutzig und ungescheuert. -- »Ich hab an andre Dinge zu
denken gehabt,« sagte Gudmund mürrisch und fuhr davon, ohne etwas
dergleichen zu tun.
Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach Älvåkra und
blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rührte nichts
an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne daß jemand
wußte, worüber.
Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
den Stall geführt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
Kämmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
über das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
Wasser aus den kleinen Pfützen zu schöpfen, als wollte er sie
trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
sich schon zu rühren begannen. Da war er so müde und übernächtig, daß er
im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.
Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
aufzustehen, und schloß die Tür. Nach einer Weile kam Gudmund in die
Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
ihn je so schön gesehen. Die Züge waren wie von einem inneren Schein
verklärt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
Fleisch und Blut bestünde, sondern nur noch aus Wille und Seele.
Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
schwarzes Kleid angelegt und einen schönen Seidenschal über die
Schultern gehängt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. Über dem Herde stak
frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schöne Decke, und viele
Schüsseln standen darauf.
Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stück
aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
ihr ein guter Sohn gewesen war, wünschte ihm Glück für sein zukünftiges
Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wußte ihr Worte gut zu
setzen, und Gudmund war sehr gerührt. Immer wieder traten ihm die Tränen
in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrücken. Auch
der Vater sprach ein paar Worte. »Es wird schwer für deine Eltern sein,
dich zu verlieren,« sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schüttelten
ihm die Hand und dankten ihm für die Zeit, die nun zu Ende war.
Beständig hingen Gudmund die Tränen in den Wimpern. Er räusperte sich
und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
über die Lippen.
Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
wieder, um zu sagen, daß es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, daß alles so spiegelblank
war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
alte Holzhaufen und andres Gerümpel, das Zeit seines Lebens dort
gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstür standen
ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
ein großer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrüne
Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Tränen auszubrechen. Er
drückte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. »Willst du
etwas?« sagte der Vater. -- »Ach nein,« sagte Gudmund. »Es ist wohl am
besten, wenn wir uns auf den Weg machen.«
Bevor sie weit vom Hofe waren, mußte Gudmund noch einmal Abschied
nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mündete. Der Vater, der
kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. »Ich hab auf euch
gewartet, weil ich Gudmund Glück wünschen möchte,« sagte Helga. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und schüttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
sehen, daß sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerändert. Sie lag
wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Närlunda. Aber jetzt
trachtete sie, fröhlich auszusehen, und lächelte ihm zu. Er war wieder
sehr gerührt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
stand, daß er nicht sprach, ehe die Not am höchsten war, fiel ein: »Ich
glaube, über diesen Glückwunsch freut sich Gudmund mehr als über
irgendeinen andern.« -- »Ja, das ist sicher,« sagte Gudmund. Sie
schüttelten sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter.
Gudmund beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein
paar Bäumen verdeckt wurde, riß er plötzlich den Fußsack fort und erhob
sich, als wolle er aus dem Wagen springen. -- »Willst du Helga noch etwas
sagen?« fragte der Vater. -- »Nein, ach nein,« antwortete Gudmund und
setzte sich wieder zurecht.
Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemächlich. Es
war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.