Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr nicht

leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der Hütte

gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht den Mut

dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel hinaufstieg und

daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie habe keinen

Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte sie solche

Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie ihr sagen

würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte draußen zu

bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte sie

vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglücklichen Sache zu

sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber

während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu

Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und

Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die

ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu

Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und

daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie

einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.

Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war

sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen,

hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen

versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte

ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich

ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam

niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu

gehen.

Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:

das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm

hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so

elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann

könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für

das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es

gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber

wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die

Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes.

Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan

hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde.

Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige

Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr

weinte sie.

Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es

dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.

Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die

größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich

nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er

seinen Auftrag auch ausführen.

»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du

nicht ins Haus?« -- »Ach ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und

ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.«

»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen

Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor

deinen leiblichen Eltern Angst haben.« -- »O ja, o ja, die sind viel

schlimmer als alle andern.« -- »Warum sollten sie denn gerade heute so

böse sein?« -- »Ich bekomme ja kein Geld.« -- »Na, du bist doch ein so

tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen

kannst.« -- »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.«

Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und

herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie

gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das

Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund

vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie

fest. -- »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen

habe.« -- »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. -- »Du

siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt

stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. -- »Ja,

das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,« sagte

Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die Augen.

»Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem Wagen

mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt du

doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am

besten ist, wenn ich ein Ende mache.«

Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg,

aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht

verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was

ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen wohin du willst.« -- Ja, das

versprach sie. -- »Kann man hier nirgends sitzen?«

»Drüben steht doch der Hackblock.« -- »Also geh hin und setze dich und

sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- »Weine jetzt

nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie

zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ

sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je.

»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu

stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« --

»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« -- »Du bist jung und gesund, du

solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so

geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« -- »Sie ist

nicht so verlassen von allen wie ich.« -- »Du bist auch nicht verlassen.

Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich zu dir

geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das große

Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas

Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter

kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen; ob du zu

uns in Dienst gehen willst.« -- »Das will sie mich fragen?« -- »Ja, aber

zuerst will sie dich sehen.« -- »Weiß sie, daß ...?« -- »Sie weiß

ebensoviel von dir wie alle andern.«

Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und

im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er

erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber

dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so

außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem

Augenblick härte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen

können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein

wenig Mitgefühl zu finden.

»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben

bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte

wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß

es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir,

daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte

bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas

warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr

übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum

geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß

du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im

Gesicht geworden, und er errötete auch.

»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand

aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- »Ich werde nie vergessen, daß du heute

abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit

bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht

ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht

zufrieden mit sich selbst. »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er. --

»Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.«

Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an

einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und

wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen,

bevor ich gehe.« -- »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst

niederlegen, bevor ich hineingehe.« -- »Nein, du mußt gleich gehen, damit

du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und fand es

recht vergnüglich, so für sie zu sorgen.

Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und

stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie

sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,

als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es

geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« -- »Ja,« sagte er,

»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.«

Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht

angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem

Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen

daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah.

Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter

legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte

einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.

»Bist du da? Setz dich und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd und

legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen lassen,

damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn du

kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.«

Helga war die ganze Zeit an der Tür stehengeblieben. »Ihr sollt mich

nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich

bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.«

»Es ist heute abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und

gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen

alles.«

Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch

ein.

Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und

räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend

überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich,

wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es

uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so,

als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu

unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da

sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können,

daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir

vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte

nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine

ordentliche Heimkehr hast.«

3

Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie

war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man

ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie

vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie

lieb gewonnen.

In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu

sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er

ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga

hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre

Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht

fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.

In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele

Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel

darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause

Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg

hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der

Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß

sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde,

wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.

Das war das erstemal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen

wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig

Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte,

ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus

ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön,

und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie

war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles

besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in

der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga

je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden

Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen

Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine

feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen

Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin.

Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,

der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein

Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie

ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.

Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn

Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die

Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee

gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des

Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht

das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so

daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und

da hatte die andere etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte.

Aber es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie

eine solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel

Kummer, aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und

nicht Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.

An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund

zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten,

waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern

gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren

Helga und Gudmund allein.

Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht

mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in

voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre

erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und

Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,

pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen

Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal

und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor

Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto

schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in

Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer

vorstellen, daß sie mit dabeigewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit

ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu

wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend.

Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr,

sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend

sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete

Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben

läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu

dienen.«

Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige

Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja

recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat

so freute.

»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. -- »Ja,

gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle

gegen mich wart.« -- »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« -- »Ach ja,

anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« -- »Ich glaubte, wer im Wald daheim

ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.«

Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des

Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber

jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie

wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not

gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern

verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund

und getreuer Helfer bleiben würde.

Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm

haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm

alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander

gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf

Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es

Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« -- »Wenn du willst, daß ich

schweigen soll, so schweige ich.« -- »Denk' dir nur, daß ich anfangs so

furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald

hinaufzulaufen.« -- »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei

uns zu sein.« -- »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend.

»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen.

Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu

schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und

wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich

einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.«

»Das war vielleicht ...,« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz

inne. -- »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich

wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es

war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder

Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte

sterben, wenn man mich nicht losließ.«

»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte

er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst

wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern

als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof

voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von

ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum

hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn

ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich

unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber

sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.«

»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah

gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,

als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. --

»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie

und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu

machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst

forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war

schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.

Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male

in die Stube trat.«

»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns

bleiben willst?« -- »Ja, gewiß sagte ich das.« -- »Du sehnst dich also

jetzt nicht mehr?« -- »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt.

Warte nur, du wirst schon hören!«

Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer

Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu

machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl

nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es

schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche

war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht

müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil

sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie,

sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie

stumm neben ihm einhergegangen wäre.

»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines

Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag

daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor

hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda

zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich

eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers

Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu

bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual

rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine

Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter

hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte mir

nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch

schwer, mich daran zu gewöhnen.«

»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf

Gudmund hin. -- »Ach nein. Als ich am Montag morgen erwachte und daran

dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich.

Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Recht und

Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl,

als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich

zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört

hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und

sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner

Sehnsucht befreit.« -- »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht anzuwenden

ist,« sagte Gudmund. -- »Ja, wenn es damit nur nicht die Bewandtnis

hätte, daß man sich nachher irgendwo anders heimisch fühlen kann. Geht

man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat, dann sehnt man

sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von dort weggesehnt

hat.« -- »Kann man die Asche nicht wieder dorthin mitnehmen, wohin man

geht?« -- »Nein, das kann man nur einmal im Leben tun. Dann gibt es keine

Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so etwas zu versuchen.«

»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr wohl,

daß er sie nur neckte. -- »Ich hab' es doch gewagt,« sagte Helga. »Es war

besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten, als

undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit, und

wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo

niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.«

»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« -- »Warte, du

wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und

dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso

heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an

diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend

im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer

angezündet.«

»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte

Gudmund. -- »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir

vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür

öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsere eigene Stube kam,

und daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei

wie ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz

erstaunt, wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter

Ingeborg und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend,

als ihr da im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl,

hereinzukommen, und das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt,

daß ich fast laut aufgeschrien und in die Hände geklatscht hätte. Es

schien mir, als ob ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr

fremd, sondern ich konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir

denken, daß ich mich freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder

wundern. Ich fragte mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel

mir plötzlich die Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.«

»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an

Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen

sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum

Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so

viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?«

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 10 / 18 段