Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor,

schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an

sich.

Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine

Seele nicht verschwören. Er darf nicht.

Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und

ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem

Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie

auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es

auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören

will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm

Widerstand.

»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!«

Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die

Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschworenen erheben sich,

der Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es

nicht umgestürzt werde.

Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die

Menschen bleiben regungslos stehen.

»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der

Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.

Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,

ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den

Eid nicht ablegen!«

»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter. Aber sie gehorcht

nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.

»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.

»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der

Richter in immer schärferem Ton.

»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender

Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«

»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand

verloren?«

Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört

selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll

geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen

kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme

zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,

während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:

»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich

hab' ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«

Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem

Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf

den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.

Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm

vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen

hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung

geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.

Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten

so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.

Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen

füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen

raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die

Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt

haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die

Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren

Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in

das tiefste Herz erfreut hat.

Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm

ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie

gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten.

Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der

mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.

Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein,

wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er

dem Protokollführer.

Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.

»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht

etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt

dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«

Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den

schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur

Klägerin hin.

»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.

Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet

die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.

»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so

leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.

2

Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor

dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas

Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen

Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß

der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte.

Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und

sie ihrer Wege gehen könne.

Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und

daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und

wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der

Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich

an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie

meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten.

Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen

angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand,

und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das

aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her,

Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.«

Aber obgleich sie ihren Namen hörte, -- sie konnte nicht glauben, daß er

sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren

wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und

schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte

nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm

vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.

»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund,

und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte

es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine.

Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und

wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu

hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief

vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne.

Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der

Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht

vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing

gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch

eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein

hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung

keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide

glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote

Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem

kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln

geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein

Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin

aussah.

Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen

gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war

ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er

an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als

könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war

Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei

jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin

sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an,

mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das

schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte

sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch

nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte

nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines

armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn

sie rückwärts aufsitzen dürfte.

Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte

begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie

daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen

stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist

du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte

Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt.

»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure

es lange, bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte

sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht

gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also

die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,

richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.

Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut

über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein

Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine

Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu

wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum

denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« --

»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit

sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche

wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er

sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder

vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie

sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. -- »Wenn sie durchaus

aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu zwingen,

gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der Straße, bevor

noch das Pferd ganz stehengeblieben war. -- »Ich glaubte, du wußtest, wer

ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach sie, »sonst

wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt Gott!« und

fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er sie kenne.

Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind gesehen; aber sie

hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war. Zuerst war er sehr

froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich begann er mit sich

selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders handeln können, aber

er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.

Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog

er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinauf und kam zu einem

prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete

sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle.

Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über

sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,«

sagte er. -- »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die

Tochter. -- »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin

hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren

möchte. Ich will auch zum Thing.« -- »Ach, Vater ist immer so

überpünktlich,« klagte die Tochter. -- »Es ist ja weiter kein Schade

geschehen,« sagte Gudmund. -- »Vater wäre gewiß gern mit einem so

prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das

Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte. --

»Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. -- »Du willst nicht

hereinkommen, Gudmund?« -- »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum

Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.«

Gudmund fuhr nun geradeswegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und

dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß

gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke

und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles

bemerkt.

Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es

da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag

dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie

sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt.

Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte,

stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das

Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr

tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so

verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor

der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete.

An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein

kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel

abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn

fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer

geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die

Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an

mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte

er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein

beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen.

Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des

Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals

unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er

richtig gegangen war.

Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht

und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr

und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte

selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein

abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb

des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem

Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich

nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das

Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel

empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten

und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus

dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich

scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so

hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach

unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft

schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß

das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte,

nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem

Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten

unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und

Luchse und Heidelbeerkraut.

Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang

Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick

hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am

Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und

flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem

ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den

Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem

kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man

hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte. Ihr

Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;

aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen

sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie

seine eigene Mutter.

Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der

Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zubleiben, bis sie

käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre

sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen

Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor

Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.

Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten

aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob

ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der

ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges.

Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein

Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte

wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,«

dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und

sich die ganze Nacht nicht heimwagen.«

Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal

soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte.

Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter

hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt

hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer

verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen

zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und

konnte nicht gehen, Àsondern saß den ganzen Tag still in ihrem

Lehnstuhl. Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer

Reise heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.

Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter

gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin.

»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie

dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen

ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde,

dankbar erweisen würde.«

Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht

mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der

ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der

auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht

leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber

eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es

sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in

Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag

sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl

möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre.

»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer

Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. --

»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. -- »Es ist

nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« -- »Sie wird es

sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.

Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem

Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.«

Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu

sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie

verhinderten, einen Entschluß zu fassen.

Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra

aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das

Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er

sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie

so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung,

Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf

den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne

Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er machen

konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den größten

Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war eigentlich

töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen würde, der kein

größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war immerhin möglich, daß

er sich nach dem richtete, was seine Tochter wollte. Und daß Gudmund

Hildur gewinnen könnte, wenn er nur wollte, davon war die Mutter fest

überzeugt.

Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der

Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes

und ein breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen,

die dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das

Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken

war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch

sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. --

»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete

Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit

der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres

Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein

wirst,« fuhr er fort. -- »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer

anzunehmen,« sagte die Mutter.

Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund

ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter,

die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da.

Da fiel es ihm ein, daß er heute schon in den Moorhof gehen und die

Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann

würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch

irgendein andrer Zeit hätte, hinzugehen.

Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine

Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die

Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes

Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu

merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu.

Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß

sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff

Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt

und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das

Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte.

Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war

Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu

unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner

Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er

sie nicht sehen konnte.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 9 / 18 段