und wirf deine Fische aufs Eis. Du wirst jetzt eine andere Ladung zu
führen haben.«
Darauf brach der Schiffer mit seiner Mannschaft in die Kajüte ein, wo
Sir Archie und seine Freunde schliefen. Und sie stürzten sich über sie,
während sie noch im Schlummer lagen, um sie zu binden.
Und als die drei Schotten sich zu verteidigen suchten, da schlugen sie
sie hart mit ihren Äxten und Spaken und sagten zu ihnen: »Ihr seid
Mörder und Missetäter. Wie, glaubtet ihr, ihr würdet eurer Strafe
entgehen? Wisset ihr nicht, daß Gott um euretwillen die Pforten des
Meeres verschlossen hält?«
Da riefen die drei Männer laut nach ihren Kameraden, daß sie kommen
sollten und ihnen helfen.
»Ihr sollt nicht nach ihnen rufen,« sagte der Schiffer. »Sie kommen
nicht. Sie haben Herrn Arnes Schatz zum Teilen bekommen, und sie sind
dabei, die Silbermünzen in ihren Hüten zu messen. Um dieses Geldes
willen ist dieser böse Handel geschehen, und um dieses Geldes willen
kommt nun die Strafe über euer Haupt.«
Und ehe noch Torarin die Fische aus dem Schlitten geladen hatte, kamen
der Schiffer und seine Mannschaft zu ihm aufs Eis hinab. Sie führten in
ihrer Mitte drei Männer, die wohl gefesselt waren. Sie waren jämmerlich
geschlagen und ohnmächtig von ihren Wunden.
»Gott hat nicht vergeblich nach mir gerufen,« sagte der Schiffer. »Sowie
ich seinen Willen verstanden habe, habe ich ihn befolgt.«
Sie legten die Gefangenen auf Torarins Schlitten, und Torarin fuhr mit
ihnen durch enge Buchten und Sunde, wo das Eis noch festlag, nach
Marstrand.
Aber am Nachmittage stand der Schiffer noch auf der hohen Warte seines
Fahrzeugs und blickte auf das Meer. Ringsumher war alles noch
unverändert, und die Eismauer vor dem Fahrzeug türmte sich höher und
immer höher auf.
Als es zu dämmern begann, sah der Schiffer ein kleines Häuflein Menschen
von der Landseite her über das Eis ziehen und sich seinem Schiffe
nähern.
Es währte lange, bis er die Kommenden so deutlich zu unterscheiden
vermochte, daß er sehen konnte, was es für Leute waren. Doch dachte er
gleich, daß sie alt und gebrechlich sein müßten, denn sie kamen nur
langsam vorwärts.
Endlich, als sie ganz nahe waren, sah er, daß an der Spitze des Zuges
zwei Priester in Mantel und Kragen schritten. Der eine war jung und der
andre sehr alt. Hinter ihnen gingen ein paar alte Männer, die eine Bahre
trugen, und zu allerletzt kam eine alte, alte Frau, die von zwei
Dienerinnen gestützt wurde.
Sie blieben auf dem Eise unter dem Schiffe stehen, und der alte
Geistliche sagte zum Schiffer:
»Wir sind hergekommen, um eine junge Jungfrau zu holen, die tot ist. Die
Mörder haben gestanden, daß sie ihr Leben hingab, damit sie nicht
entrännen, und jetzt kommen wir, um sie zu holen, auf daß sie mit allen
den Ehren begraben werde, die ihr gebühren, und Ruhe unter den Ihren
finde.«
Da wurde Elsalill gefunden und hinunter aufs Eis gebracht. Sie wurde auf
die Bahre gelegt, die die alten Männer trugen, und der alte Priester
dankte dem Schiffer und wanderte wieder an der Spitze seiner Leute dem
Lande zu.
Aber wie sie sich wendeten, um zu gehen, sah der Schiffer, daß eine
junge Jungfrau, die er früher nicht gesehen hatte, neben der Bahre
einherging, und sie beugte sich einmal ums andre zu der Toten hinunter
und herzte sie zärtlich.
Aber wie die Trauernden dahinschritten, brachen Sturm und Wogen hinter
ihnen herein und schleuderten das Eis empor, über das sie eben gewandert
waren. Und kaum waren sie mit Elsalill hinter einer Landzunge
verschwunden, als das Eis auch schon zersplittert war und die große
Galeasse den Weg frei hatte, hinaus ins offene Meer.
Reors Geschichte
War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde
getauft, als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war
fortab ein eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön
aber nicht hochgewachsen, stark aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit
Blick und Wort allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die
kleinen Vöglein an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf,
und die Natur hatte große Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und
das Knospen der Bäume, das Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der
Sprung des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten
und der Wechsel der Witterung, dies waren die Hauptgeschehnisse in
seinem Leben. Schmerz und Freude bereitete ihm derlei, und nicht das,
was sich unter den Menschen zutrug.
Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen
Schuß. Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des
Gewaltigen, und er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der
Pelz des Bären war weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn
ab, rollte ihn zu einem harten Bündel zusammen und ging mit dem
Bärenfell auf dem Rücken weiter.
Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken
Honigduft verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die
den Boden bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne,
glatte Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des
Stengels ein kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt
war. Die kleinen Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus
ihnen ragte eine kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte
Knöpfchen auf weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter
ihnen einherging, daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im
Waldesdunkel standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der
starke honigsüße Duft war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres
Daseins weit unter die Bäume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag
etwas Beängstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher
gefüllt und ihre Tischlein gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber
niemand kam. Sie sehnten sich zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem
dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern
zu wollen, weil die schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu
Gaste zu sein. Da wo die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte
es ihn, als sängen sie zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen
Gäste, kommt heute, denn morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem
trocknen Laub.«
Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste
Lüftchen und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den
dicken Stämmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als
wüßte er den Weg nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem
andern tauchte im Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der
weißbeschwingten Honigsucher versammelt war. Aber der erste war der
Anführer, und er fand, vom Dufte geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das
ganze Schmetterlingsheer herangestürmt. Es stürzte sich auf die
sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger sich auf die Beute stürzt. Wie ein
Schneefall von weißen Flügeln senkten sie sich auf sie herab. Und nun
gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede Blume. Der Wald war voll von
stillem Jubel.
Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war,
was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt
hatten. Er ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als
harrte er eines großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn
ängstigte, war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was sich
nach ihm sehnte.
Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte
sich, um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm
aus den Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich
zusammen und lag still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff,
glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor
ganz und gar darauf erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief
der Schlange nach, aber konnte sie nicht erreichen, und sie lockte ihn
von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.
Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man
selten Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockene Moos und die
braunen Nadeln, Farrenkräuter und Preiselbeerbüsche zogen sich zurück,
und Reor fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen
Matte zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln,
und zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen
Äste mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die
Sonnenstrahlen viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht
aus dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost
zuletzt gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die
die braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen
Mützen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu
gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand
einer Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und
Flechten die großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich
drehte.
Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam
still: kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als
hielte alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und
zu lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht
allein war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob
jemand ihn beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand
keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte
er bald etwas überaus Schönes zu sehen bekommen.
In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich
nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die
der Frost von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen
Schlange sah er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase
lag und schlief. Sie lag ohne andere Decke, als ein paar spinnwebdünne
Schleier, gerade als hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die
Nacht hindurch im Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die
zitternden, federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der
Schlafenden, so daß Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers
gewahren konnte. Er trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein
gutes Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und
die Felswand, damit die den Stahl fürchtende Riesentochter nicht in den
Berg fliehen konnte, wenn sie erwachte.
Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er
sogleich, das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch
war er nicht recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln
sollte.
Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,«
sagten sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsere schöne
Tochter. Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du
der edelsten Gabe würdig?«
Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß
das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und
da er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte
angenommen hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen
habe, schämen würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte
das steife Fell und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über
sie.
Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, vor dem
die Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand
in großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon
befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun
auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die
Nadeln begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte,
daß der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter
der Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde.
Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag
in Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in
die grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell
hervorguckte. Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im
Berge war, war sie doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob
sie in seine Arme und trug sie fort durch den Wald.
Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut
abhob. Da sah er auf und merkte, daß die Riesentochter erwacht war. Sie
saß ganz ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann
aussah, der sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größere Schritte,
aber sagte nichts.
Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf
brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum
über seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht
auf, sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte.
Da deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte.
Stumm trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen
durchbebte Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims
stand, da sah er, wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt,
unter die Grundmauer schlüpfte.
Das Mädchen vom Moorhof
1
Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch,
hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann
mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie
Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die
Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen
kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden
zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und
Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.
Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
Erziehungsbeitrages.
Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man
fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
ein verheirateter Mann.
Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die
Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei
Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer
Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu
zahlen.
Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert
aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem
zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht
auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist,
zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht
erscheinen zu können.
Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein
wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als fände
er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht auch
durchaus keinen befangenen Eindruck.
Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
den Eid zu schwören.
Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören.
Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen.
Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig
zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß
sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte.
Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas
einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich,
scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. --
Ich habe nicht recht gehört ...
Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.
Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen
kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.
Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
hält sich wieder zurück. -- Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid
ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.
Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute
in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng
alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen
hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche
furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine
Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein
Recht darauf zustünde.
Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache
lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte,
wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten
Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern.
Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen
werde.
Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck
des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt.
Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine
schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie
empfinden.
Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein
guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und
gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er
denkt an nichts anderes, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
lassen.
Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er
die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
nicht ohne Würde.
Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar
heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem
Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das
Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann.
Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
ihn hindern, seine Seele zu verschwören.
Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber
jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im
nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt
sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
Augen erstarren ihr im Kopfe.
Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören.
Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb
darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.
Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade,
keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst,
wenn der Name des Meineidigen genannt wird.
Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, -- sie hätte
gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn.
Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt,
hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
Eidesformel zu finden.
Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über
den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.
Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie
glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
werde.
Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne.
Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.
Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie,
daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf
sich herabschwören will.
Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist
alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.
Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen?
Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen
könnte.
Jetzt hat der Richter den Eid noch einmal vorgesprochen. In wenigen
Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.