»Sir Archie,« sagte sie, »seht Ihr nicht, wie sie dort oben beim

Schanktisch mit der Wirtin sprechen. Sie fragen sie wohl, ob einer von

denen, die sie suchen, hier zu finden sei?«

»Sie machen wohl mit ihr aus, daß sie ihnen in dieser stürmischen Nacht

einen starken heißen Trunk brauen soll,« sagte Sir Archie. »Du sollst

nicht so sehr zittern und bangen, Elsalill. Du kannst mir ohne Furcht

folgen. Ich sage dir, wenn mein Vater mich jetzt mit dem edelsten

Fräulein in meinem Lande vermählen wollte, ich würde ihr nein sagen.

Komm du getrost mit mir übers Meer, Elsalill! Du wirst dem größten Glück

entgegenziehen.«

Unten an der Türe versammelten sich immer mehr Landsknechte, und

Elsalill wußte vor Angst nicht mehr aus noch ein. Ich kann es nicht mit

ansehen, daß sie kommen und ihn greifen, dachte sie. Sie beugte sich zu

Sir Archie und flüsterte ihm zu:

»Höret Ihr nicht, Sir Archie, daß die Männer die Wirtin fragen, ob Herrn

Arnes Mörder hier im Saale sind?«

Da warf Sir Archie einen Blick durch das Gemach und sah die

Landsknechte, die mit der Wirtin sprachen. Aber er sprang nicht auf, um

zu fliehen, wie Elsalill erwartet hatte, sondern er beugte sich hinab

und sah Elsalill tief in die Augen. »Hast du, Elsalill, mich erkannt und

verraten?« fragte er.

»Ich habe es um meiner lieben Milchschwester willen getan, auf daß sie

Ruhe finde in ihrem Grabe,« sagte Elsalill. »Gott weiß, was es mich

gekostet hat, es zu tun. Aber flieht nun, Sir Archie! Noch ist es Zeit.

Noch haben sie nicht Türen und Vorsaal verrammelt.«

»Du Wolfsjunges!« sagte Sir Archie. »Als ich dich zum ersten Male auf

den Brücken sah, da dachte ich, daß ich dich töten sollte.«

Aber Elsalill legte ihre Hand auf seinen Arm. »Flieht, Sir Archie, ich

kann nicht stillsitzen und sehen, wie sie kommen und Euch greifen. Wollt

Ihr nicht ohne mich fliehen, so werde ich Euch in Gottes Namen folgen.

Aber bleibt nicht länger um meinetwillen hier, Sir Archie. Alles, was

Ihr begehrt, will ich für Euch tun, wenn Ihr nur Euer Leben rettet.«

Aber Sir Archie war jetzt sehr zornig, und er sprach hohnvoll zu

Elsalill.

»Nun wirst du niemals, o Jungfrau, in goldgestickten Schuhen durch weite

Schloßgemächer wandeln. Nun kannst du dein Leben lang hier in Marstrand

bleiben und Heringe putzen. Niemals bekommst du einen Gatten, der Schloß

und Lehen hat, Elsalill. Dein Mann wird ein armer Fischer sein, und

deine Wohnstatt eine Hütte auf der kahlen Schäre.«

»Höret Ihr nicht, wie sie alle Türen besetzen und mit gestreckten Lanzen

alle Eingänge bewachen?« fragte Elsalill. »Warum eilet Ihr nicht von

hinnen? Warum flieht Ihr nicht hinunter aufs Eis und verbergt Euch auf

einem Schiffe?«

»Ich fliehe nicht, weil es mich ergötzt, mit dir Zwiesprach zu halten,

Elsalill,« sagte Sir Archie. »Denkst du auch daran, daß es jetzt mit

aller Freude für dich vorbei ist, Elsalill? Denkst du auch daran, daß es

jetzt aus ist mit meiner Hoffnung, meine Schuld zu sühnen?«

»Sir Archie,« flüsterte Elsalill und erhob sich in ihrer großen Angst,

»jetzt sind sie bereit. Jetzt kommen sie, um Euch zu greifen. Flieht,

ach flieht! Ich will zu Euch auf das Schiff kommen, wenn Ihr nur

flieht.«

»Du brauchst dich nicht so zu ängstigen, Elsalill,« sagte Sir Archie.

»Wir haben noch Zeit, ein weniges miteinander zu plaudern. Die

Landsknechte haben es nicht im Sinn, sich hier auf mich zu stürzen, wo

ich mich verteidigen kann. Sie wollen mich wohl auf der engen

Kellertreppe fangen. Da wollen sie mich auf ihre langen Lanzen spießen.

Das ist es ja, was du mir immer gewünscht hast, Elsalill.«

Aber je erschrockener Elsalill sich zeigte, desto ruhiger wurde Sir

Archie. Sie flehte ihn an, zu fliehen, aber er lachte nur.

»Du sollst nicht so sicher sein, Jungfrau, daß die Landsknechte mich

fangen können. Ich habe schon schlimmere Gefahren bestanden als diese

und bin mit heiler Haut davongekommen. Da sah es vor ein paar Monaten in

Schweden ärger für mich aus. Da hatten ein paar Verleumder König Johann

gesagt, seine schottische Garde wäre ihm nicht treu. Und der König

glaubte ihnen. Er ließ die drei Anführer in den Turm werfen, und ihre

Mannen wies er aus seinem Reich und ließ sie bewachen, bis sie über die

Grenze waren.«

»Flieht, Sir Archie, flieht!« bat Elsalill.

»Du sollst um meinetwillen nicht bange sein, Elsalill,« sagte Sir Archie

und lachte hart auf. »Heute abend bin ich wieder der alte, jetzt bin ich

wieder in meiner Laune von einst. Jetzt sehe ich die junge Jungfrau

nicht mehr vor meinen Augen, da weiß ich mir schon zu helfen. Ich will

dir von den dreien erzählen, die in König Johanns Gefängnis saßen. Die

schlichen sich eines Nachts, als die Wächter berauscht waren, aus dem

Turm und machten sich davon. Dann flüchteten sie zur Grenze. Aber

solange sie in des Schwedenkönigs Land wanderten, wagten sie nicht zu

verraten, wer sie waren. Sie wußten sich keinen anderen Rat, Elsalill,

sie verschafften sich Kleider aus zottigen Fellen und sagten, sie wären

Gerbergesellen, die über Land gingen, um Arbeit zu suchen.«

Aber jetzt begann Elsalill zu merken, wie verändert Sir Archie gegen sie

war. Und sie begriff, daß er sie haßte, seit er wußte, daß sie ihn

verraten hatte.

»Sprecht nicht so, Sir Archie!« sagte Elsalill.

»Warum mußtest du mich betrügen, als ich dir am meisten glaubte?« sagte

Sir Archie. »Jetzt bin ich wieder so, wie ich früher war. Jetzt lasse

ich es mir nicht einfallen, jemanden zu schonen. Und jetzt wirst du

sehen, daß mir alles wieder glücken wird wie einst im Leben. Waren wir

nicht übel daran, ich und meine Genossen, als wir endlich Schweden

durchwandert hatten und hierher an die Küste kamen? Wir hatten kein

Geld, um uns ehrliche Kleider zu kaufen. Wir hatten kein Geld, um die

Überfahrt nach Schottland zu bezahlen. Wir wußten uns keinen andern Rat,

als in den Pfarrhof von Solberga einzudringen.«

»Sprecht nicht mehr davon!« sagte Elsalill.

»Doch, jetzt sollst du alles hören, Elsalill,« sagte Sir Archie. »Es

gibt eins, was du nicht weißt, und das ist, daß wir zuerst, als wir in

den Pfarrhof gekommen waren, zu Herrn Arne gingen, ihn weckten und ihm

sagten, daß er uns Geld geben solle. Wenn er es gutwillig täte, wollten

wir ihm nichts zuleide tun. Aber Herr Arne fing Händel mit uns an, und

da mußten wir ihn niederwerfen. Und nachdem wir ihn getötet hatten,

mußten wir auch seine Leute alle fällen.«

Elsalill unterbrach Sir Archie nicht mehr, aber es wurde kalt und leer

in ihrem Herzen. Sie schauderte, als sie Sir Archie sah und hörte, denn

während er sprach, bekam er ein grausames, blutdürstiges Aussehen. Was

wollte ich tun? dachte sie. Bin ich toll gewesen, und habe ich den

geliebt, der alle die Meinen gemordet hat? Möge Gott mir meine Sünde

vergeben!

»Als wir glaubten, daß alle tot seien,« sagte Sir Archie, »schleppten

wir die schwere Geldtruhe aus dem Hause. Dann legten wir ringsherum

Feuer an, damit die Menschen glaubten, Herr Arne sei verbrannt.«

»Ich habe einen Wolf im Walde geliebt,« sagte Elsalill zu sich selbst.

»Und ihn habe ich vor der Strafe retten wollen!«

»Aber wir fuhren aufs Eis hinunter und flohen übers Meer,« fuhr Sir

Archie fort. »Wir hatten keine Furcht, solange wir das Feuer zum Himmel

lodern sahen; aber als wir es abnehmen sahen, erschraken wir. Wir wußten

nun, daß Leute dorthin gekommen waren, die die Feuersbrunst gelöscht

hatten, und daß man uns nachsetzen könnte. Da fuhren wir ans Land

zurück, wo wir eine Flußmündung mit schwachem Eise gesehen hatten. Wir

hoben die Geldtruhe vom Schlitten und fuhren weiter, bis das Eis unter

dem Pferde brach. Da ließen wir dieses ertrinken und sprangen selbst zur

Seite. Wenn du nicht eine Jungfrau wärest, Elsalill, würdest du

begreifen, daß dies kühn gehandelt war. Wir haben uns wie Männer

benommen.«

Jetzt war Elsalill ganz still. Sie saß da und fühlte einen brennenden

Schmerz im Herzen. Aber Sir Archie haßte sie und war es froh, sie zu

quälen. »Darauf nahmen wir unsere Gürtel und befestigten sie an der

Truhe und begannen sie zu ziehen. Aber da die Truhe Spuren auf dem Eise

hinterließ, gingen wir ans Land, rissen einer Tanne die Äste ab und

legten Tannenreisig unter die Truhe. Dann streiften wir unsere Schuhe ab

und wanderten über das Eis, ohne Spuren zu hinterlassen.«

Sir Archie hielt inne, um einen hohnvollen Blick auf Elsalill zu werfen.

»Obschon dies alles uns trefflich geglückt war, waren wir doch übel

dran. Wohin wir auch mit unsern blutigen Kleidern kämen, müßten wir

erkannt und ergriffen werden. Aber höre nun dies, Elsalill, so daß du es

allen jenen sagen kannst, die es unternehmen wollen, uns nachzusetzen,

damit sie verstehen, daß wir nicht zu denen gehören, die sich leicht

fangen lassen! Höre dies: als wir über das Eis in der Richtung nach

Marstrand gingen, da trafen wir auf dem Meere unsre Landsleute und

Kameraden, dieselben, die König Johann aus seinem Lande verwiesen hatte.

Sie hatten Marstrand des Eises wegen nicht verlassen können, und sie

halfen uns in unsrer Not, so daß wir zu Kleidern kamen. Seither sind wir

ohne Fährnis hier in Marstrand umhergegangen. Und keine Gefahr hätte uns

fürder bedroht, wenn du nicht treulos gewesen wärest und mich nicht

verraten hättest.«

Elsalill saß still da, der Schmerz war zu groß für sie. Sie konnte kaum

fühlen, daß ihr Herz schlug.

Aber Sir Archie sprang auf und rief:

»Und auch heute abend wird uns nichts Böses widerfahren. Davon sollst du

Zeuge sein, Elsalill.«

Und damit ergriff er Elsalill mit seinen beiden Händen und hob sie

empor. Und mit Elsalill vor sich, wie mit einem Schild, eilte Sir Archie

durch den Kellersaal dem Ausgange zu. Und die Landsknechte, die als

Wachen vor der Türe standen, streckten ihre langen Hellebarden gegen ihn

aus, aber sie konnten sie nicht gebrauchen, aus Furcht, Elsalill zu

verwunden.

Als Sir Archie auf die enge Treppe kam, streckte er Elsalill wieder vor

sich aus. Und sie schützte ihn besser als der prächtigste Harnisch, denn

die Krieger, die dort aufgestellt waren, konnten keinen Gebrauch von

ihren Waffen machen. So kam er ein gutes Stück die Treppe hinauf, und

Elsalill fühlte, wie ihr des Himmels freie Luft entgegenwehte.

Aber Elsalill empfand keine Liebe mehr zu Sir Archie, sondern den

tödlichsten Haß, und sie dachte nur daran, daß er ein böser Mörder war.

Und als sie nun sah, daß sie ihn mit ihrem Leibe schützte, so daß er

nahe daran war, zu entrinnen, da streckte sie ihre Hand aus und zog eine

der Lanzen, die die Krieger hielten, an sich heran und richtete sie auf

ihr Herz. Nun will ich meiner Milchschwester so dienen, daß dies Werk

endlich vollbracht sei, dachte Elsalill. Und beim nächsten Schritte, den

Sir Archie über die Treppe machte, drang die Lanze in Elsalills Herz.

Aber da stand Sir Archie schon auf der obersten Stufe. Und die

Kriegsleute fuhren zurück, als sie sahen, daß einer von ihnen die

Jungfrau verwundet hatte. Und er eilte an ihnen vorbei.

Als Sir Archie auf den Marktplatz kam, hörte er aus einem Gäßchen

Feldgeschrei und schottische Rufe: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Für Schottland,

für Schottland!«

Das waren Sir Philip und Sir Reginald, die die Schotten gesammelt hatten

und nun kamen, um ihn zu retten.

Und Sir Archie eilte ihnen entgegen, und rief mit lauter Stimme:

»Hierher! Hierher! Für Schottland! Für Schottland!«

Über das Eis

Als Sir Archie über das Eis wanderte, hielt er noch immer Elsalill im

Arm.

Sir Philip und Sir Reginald schritten an seiner Seite. Sie wollten ihm

erzählen, wie sie den Anschlag entdeckt hatten, und wie es ihnen

geglückt war, die schwere Geldtruhe auf die Galeasse zu schaffen und

ihre Landsleute zu versammeln, aber Sir Archie achtete nicht auf sie. Er

schien einherzugehen und mit der zu sprechen, die er in seinen Armen

trug.

»Wer ist es, den du mit dir führst?« fragte Sir Reginald.

»Das ist Elsalill,« antwortete Sir Archie. »Ich will sie mit hinüber

nach Schottland nehmen. Ich will sie nicht hier zurücklassen. Hier würde

sie nie etwas andres sein als ein armes Fischermädchen.«

»Nein, das kann wohl nicht dein Ernst sein,« sagte Sir Reginald.

»Hier würde ihr niemand etwas anderes geben als Kleider aus grober

Wolle,« sagte Sir Archie, »und in einem engen Bettlein aus harten

Planken müßte sie schlafen. Ich will sie in die weichesten Kissen

betten, und aus Marmor will ich ihre Ruhestatt aufführen lassen. Ich

will sie in die kostbarsten Pelze hüllen, und ihre Füße sollen Schuhe

mit Juwelenspangen umschließen.«

»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald.

»Ich kann sie nicht hier daheim zurücklassen,« sagte Sir Archie. »Denn

wer würde hier wohl Zeit finden, an solch ein armes kleines Ding zu

denken? In wenigen Monaten schon würde sie von allen vergessen sein.

Niemand würde sich nach ihr umsehen, niemand sie in ihrer Einsamkeit

aufsuchen. Aber wenn ich einmal meine Heimat erreiche, dann will ich ihr

dort eine schöne Wohnstatt erbauen lassen. Da soll ihr Name in den

harten Stein eingegraben sein, so daß niemand ihn vergißt. Da werde ich

selbst jeden Tag zu ihr kommen, und da wird alles so herrlich geschmückt

sein, daß die Leute von weit und breit herbeiströmen werden, um sie zu

besuchen. Da werden Tag und Nacht Kerzen und Lampen brennen, und da wird

Musik und Gesang erklingen, als wäre da ein ewiges Fest.«

»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald noch einmal.

»Ich muß es so fügen, daß sie es gut hat,« sagte Sir Archie. »Sie ist

es, die die bösen Gedanken von mir ferne hält. Wenn ich sie verlasse,

weicht das Glück von mir.«

Der Sturm brauste ihnen heftig entgegen, wie sie über das Eis wanderten.

Er riß Elsalills Mantel los und ließ ihn flattern wie eine Fahne.

»Willst du mir einen Augenblick helfen, Elsalill zu tragen,« sagte Sir

Archie, »damit ich den Mantel um sie legen kann?«

Sir Reginald empfing Elsalill in seinen Armen, aber in demselben

Augenblick erschrak er so heftig, daß er sie zwischen seinen Händen auf

das Eis hinuntergleiten ließ.

»Ich wußte nicht, daß Elsalill tot ist,« sagte er.

Wellenrauschen

Die ganze Nacht schritt der Schiffer der großen Galeasse auf dem hohen

Verdeck auf und nieder. Es war dunkel, und der Sturm pfiff um ihn her.

Er kam bald mit Schnee und bald mit Regen herangetrieben. Noch immer lag

das Eis fest und sicher rings um die Galeasse, so daß der Schiffer

eigentlich ruhig in seiner Koje hätte schlummern können.

Aber er blieb die ganze Nacht wach. Einmal ums andre führte er die Hand

ans Ohr und horchte.

Es war nicht leicht, zu erraten, worauf er horchte. Alle seine Leute

hatte er an Bord und auch alle die Reisenden, die er nach Schottland

bringen wollte. Die lagen jetzt alle in den Schiffsräumen und schliefen.

Keiner von ihnen führte ein Gespräch, dem der Schiffer hätte lauschen

können.

Als der Sturm über die festgefrorene Galeasse herangeflogen kam, stürzte

er sich über das Fahrzeug, gleichsam wie aus alter Gewohnheit, um es vor

sich hin übers Meer zu treiben. Und als die Galeasse noch immer still

lag, packte sie der Sturm wieder und wieder an. Es rasselte in allen den

kleinen Eiszapfen, die im Takelwerk und an den Tauen hingen. Es knackte

und knisterte im Schiffsbug. Es knatterte in den Masten, die so gefaßt

wurden, daß sie nahe daran waren, zu zersplittern.

Das war keine stille Nacht. Man vernahm es wie ein leichtes Knirschen in

der Luft, wenn der Schnee herangesaust kam. Man hörte Klatschen und

Plätschern, wenn der Regen niederpeitschte.

Aber im Eise tat sich eine Spalte nach der andern auf, und dabei hörte

man ein Donnern, als lägen Kriegsschiffe im Meere, die harte Schüsse

gegeneinander lösten.

Aber auf dies alles horchte der Schiffer nicht.

Er ging die ganze Nacht auf und nieder, bis ein grauer Schein sich über

den Himmel verbreitete, aber er hörte dennoch nicht, was er hören

wollte.

Endlich erklang durch die Nacht ein singendes, eintöniges Brausen, ein

wiegender, kosender Laut, wie von fernem Gesang.

Da eilte der Schiffer quer über die Ruderbänke in der Mitte der Galeasse

zu dem hohen Aufbau im Kiel, wo seine Leute schliefen. »Steht jetzt

auf,« rief er ihnen zu, »und fasset Bootshaken und Ruder. Nun wird bald

die Stunde der Befreiung angebrochen sein. Ich höre das Brausen des

offenen Wassers. Ich höre der freien Wellen Gesang.«

Die Männer erhoben sich alsogleich aus ihrem Schlummer. Sie standen auf

dem Posten längs der Schiffsseiten, während der Morgen langsam anbrach.

Als es endlich so hell wurde, daß sie sehen konnten, was sich in der

Nacht zugetragen hatte, fanden sie, daß Buchten und Sunde, weit hinaus

ins Meer, offen wogten. Aber in der Bucht, in der sie eingefroren lagen,

klaffte nicht eine Spalte im Eise, fest und ungebrochen lag es da.

Und in dem Sunde, der aus der Bucht führte, hatte sich eine hohe

Eismauer aufgetürmt. Die Wellen, die davor frei spielten, schleuderten

eine Eisscholle nach der andern hinauf.

Draußen im Sunde wimmelte es von Segeln. Das waren alle die Fischer, die

in Marstrand eingefroren gewesen waren und jetzt von dannen eilten. Die

See ging hoch, und Eisstücke tanzten noch über die Wogen, aber die

Fischer gönnten sich wohl nicht die Zeit, auf ein ruhiges, gefahrloses

Meer zu warten, sondern traten ihre Fahrt an. Sie standen im Bug ihrer

Boote und hielten scharfen Ausguck. Die kleinen Eisstücke drängten sie

mit dem Ruder weg, aber wenn die großen kamen, rissen sie das Steuer

herum und wichen aus. Auf der Galeasse stand der Schiffer in dem

hochaufgebauten Achterteil und sah ihnen nach. Er merkte wohl, daß sie

eine beschwerliche Fahrt hatten, aber er sah auch, wie einer nach dem

andern sich durchschlug und das offene Meer erreichte.

Und als der Schiffer die Segel über die blaue Flut gleiten sah, da

packte ihn die Sehnsucht so stark, daß seine Augen sich feuchten

wollten.

Aber sein Schiff lag still, und vor ihm türmte sich das Eis zu einer

immer gewaltigeren Mauer auf.

Draußen auf dem Meere schwammen nicht nur Fahrzeuge und Boote, sondern

zuweilen kamen auch kleine weiße Berge von Eis herangesegelt. Das waren

gewaltige Eisschollen, die aufeinander geschleudert worden waren und

jetzt südwärts trieben. Sie blinkten in der Morgensonne weiß wie Silber,

und zuweilen leuchteten sie so rot, als wären sie mit Rosen bestreut.

Aber mitten durch den zischenden Sturm ertönten laute Rufe. Bald klang

es wie singende Stimmen, und bald wie schmetternde Fanfaren. Ein starker

Jubel jauchzte aus diesen Lauten. Es war so, daß einem das Herz aufging,

wenn man sie hörte. Sie kamen von einem langen Zuge von Schwänen, die

vom Süden heranflogen.

Aber als der Schiffer die Eisberge gen Süden ziehen und die Schwäne gen

Norden fliehen sah, da kam eine solche Sehnsucht über ihn, daß er die

Hände rang.

»Weh mir, daß ich hier weilen muß!« rief er. »Wann kommt der Eisbruch

hier in diese Bucht? Vielleicht muß ich noch viele Tage hier liegen und

warten.«

Als er gerade so dachte, sah er einen Mann über das Eis heranfahren. Er

kam aus einem engen Sunde in der Richtung von Marstrand, und er fuhr so

ruhig über das Eis, als wüßte er nicht, daß die Wellen wieder anfingen,

Boote und Schiffe zu tragen.

Als er an die Galeasse heranfuhr, rief er zum Schiffer hinauf:

»Guter Freund, hast du etwas zu essen, wie du da im Eise festgefroren

liegst? Willst du mir nicht gepökelte Heringe abkaufen oder getrockneten

Kabliau oder geräucherten Aal?«

Der Schiffer ließ es sich nicht einfallen, ihm zu antworten. Er erhob

die geballte Faust gegen ihn und fluchte.

Da stieg der Fischkrämer von seiner Fuhre herunter. Er nahm ein Bund Heu

aus dem Schlitten und legte es dem Pferde vor. Dann erkletterte er das

Verdeck der Galeasse.

Als er vor dem Schiffer stand, sprach er zu ihm mit großem Ernste:

»Ich bin heute nicht hier, um Fische zu verkaufen. Aber ich weiß, daß du

ein frommer Mann bist. Darum bin ich hergekommen, um dich zu bitten, daß

du mir eine Jungfrau zur Stelle schaffest, die die schottischen Krieger

gestern mit auf das Schiff geführt haben.«

»Ich weiß nichts davon, daß sie eine Jungfrau hierher geführt hätten,«

sagte der Schiffer. »Keine Frauenstimme habe ich in dieser Nacht an Bord

des Schiffes vernommen.«

»Ich bin Torarin, der Fischkrämer,« sagte der andre, »du hast wohl schon

von mir gehört? Ich habe im Pfarrhof von Solberga mit Herrn Arne in

derselben Nacht zu Abend gegessen, in der er getötet wurde. Seither habe

ich Herrn Arnes Pflegetochter in meinem Hause gehabt, aber gestern nacht

wurde sie von seinen Mördern geraubt, und sie haben sie wohl mit hierher

auf das Fahrzeug gebracht.«

»Sind Herrn Arnes Mörder an Bord meines Fahrzeugs?« rief der Schiffer

entsetzt.

»Du siehst, daß ich ein so geringer und schwacher Mann bin,« sagte

Torarin. »Mein einer Arm ist lahm, darum fürchte ich mich, mich auf

irgendein gewagtes Vorhaben einzulassen. Ich weiß schon seit ein paar

Wochen, wer Herrn Arnes Mörder sind, aber ich wagte nicht, zu versuchen,

Rache an ihnen zu nehmen. Aber weil ich geschwiegen habe, sind sie jetzt

entkommen, und es ist ihnen geglückt, die Jungfrau fortzuführen. Doch

jetzt habe ich mir gesagt, daß ich in dieser Sache nichts mehr zu

bereuen haben will. Ich will es wenigstens versuchen, die junge Jungfrau

zu retten.«

»Wenn Herrn Arnes Mörder hier auf dem Schiffe sind, warum kommt dann

nicht die Stadtwache heraus und greift sie?«

»Ich habe die ganze Nacht und den ganzen Morgen gebeten und gesprochen,«

sagte Torarin. »Aber die Wache wagt sich nicht hier heraus, sie sagt,

hier wären hundert Söldlinge an Bord, und sie wage es nicht, den Kampf

mit ihnen aufzunehmen. Da dachte ich, daß ich in Gottes Namen wohl

allein herausfahren und dich bitten müßte, mir die Jungfrau zur Stelle

zu schaffen, denn ich weiß, daß du ein frommer Mann bist.«

Aber der Schiffer sagte ihm nichts über die Jungfrau. Er dachte nur an

das andre. »Wie kannst du wissen, daß die Mörder hier an Bord sind?«

sagte er.

Torarin wies auf eine große Eichentruhe, die zwischen den Ruderbänken

stand.

»Ich habe diese Truhe zu oft in Herrn Arnes Haus gesehen, als daß ich

sie nicht kennen sollte,« sagte er. »Darin liegt Herrn Arnes Schatz, und

wo sein Schatz ist, da sind wohl auch seine Mörder.«

»Diese Truhe gehört Sir Archie und seinen beiden Freunden, Sir Reginald

und Sir Philip,« sagte der Schiffer.

»Ja,« sagte Torarin und sah den Schiffer fest an, »so ist es. Sie gehört

Sir Archie und Sir Philip und Sir Reginald.«

Der Schiffer stand eine Weile schweigend und sah sich nach allen Seiten

um. »Wann glaubst du, daß hier in der Bucht der Eisbruch kommt?« sagte

er zu Torarin.

»Es ist heuer wunderlich,« sagte Torarin. »In dieser Bucht pflegt das

Eis früh zu schmelzen, denn hier ist starke Strömung. Aber wie es jetzt

steht, mußt du dich in acht nehmen, daß du nicht ans Land gedrängt

wirst, wenn das Eis in Bewegung kommt.«

»Ich denke an nichts andres,« sagte der Schiffer.

Wieder stand er ein Weilchen stumm da. Er wandte das Gesicht dem Meere

zu. Die Morgensonne leuchtete hoch am Himmel, und die Wellen warfen

ihren Glanz zurück. Hin und wieder zogen die befreiten Schiffe, und die

Meervögel kamen mit Freudenschreien vom Süden geflogen. Die Fische

hielten sich am Wassersaum, sie machten hohe Sprünge und schnellten

glitzernd aus dem Wasser, übermütig nach der Gefangenschaft unter dem

Eise. Die Möwen, die draußen an der Eiskante Jagd gehalten hatten, kamen

jetzt in großen Scharen ans Land, um in den bekannten Revieren zu jagen.

Der Schiffer konnte diesen Anblick nicht ertragen. »Bin ich ein Freund

von Mördern und Missetätern?« sagte er. »Soll ich mir die Augen

verschließen und nicht sehen, warum Gott meinem Fahrzeug die Pforten des

Meeres nicht auftut? Soll ich vergehen um der Ungerechten willen, die

ihre Zuflucht hierher genommen haben?«

Und der Schiffer ging zu seinen Leuten und sagte ihnen: »Ich weiß jetzt,

warum wir hier eingeschlossen liegen müssen, während alle andern

Fahrzeuge ins Meer hinausziehen. Das ist, weil wir Mörder und Missetäter

an Bord haben.«

Darauf begab sich der Schiffer zu den schottischen Söldlingen, die noch

im Schiffsraum lagen und schliefen. »Liebe Leute,« sagte er zu ihnen,

»verhaltet euch noch ein Weilchen still, was ihr auch für Rufen und

Lärmen an Bord hören möget! Wir müssen Gottes Geboten folgen und keine

Missetäter unter uns dulden. Wenn ihr mir gehorcht, verspreche ich euch,

daß ich euch die Truhe ausliefern will, in der Herrn Arnes Schatz ist,

und ihr sollt ihn untereinander teilen dürfen.«

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 7 / 18 段