Es ist nur ein Jahr her, dachte sie, da war ich so glücklich, daß der

Winter zu Ende war und der Frühling kam. Ich erinnere mich an einen

Abend, der war so schön, daß es mich nicht daheim auf dem Hofe litt. Da

nahm ich mein Schwesterlein an der Hand, und wir wandelten hinaus auf

die Flur, grünes Laub zu holen, um die Ofenmauer zu schmücken.

Sie stand da und rief sich ins Gedächtnis, wie sie und ihre

Milchschwester über einen grünen Pfad gewandert waren. Und da, neben dem

Wege, hatten sie eine kleine junge Birke gesehen, die abgehauen worden

war. Man sah es am Holze, daß sie vor einigen Tagen gefällt war. Aber

nun merkten sie, daß der arme abgehauene Baum zu grünen begonnen hatte

und daß seine Blätter sich aus den Knospen entfalteten.

Da war ihre Milchschwester stehengeblieben und hatte sich über den Baum

gebeugt. »Ach, du armes Bäumchen,« sagte sie, »was hast du wohl Böses

begangen, daß du nicht sterben kannst, wenn du gleich abgehauen bist?

Warum mußt du deine Blätter entfalten, als ob du noch lebtest?«

Da hatte Elsalill gelacht und ihr geantwortet: »Er grünt wohl so

lieblich, damit der, der ihn abgehauen hat, sieht, welchen Schaden er

getan hat, und Reue darüber fühlt.«

Aber ihre Milchschwester hatte nicht gelacht. Ihr waren die Tränen in

die Augen gekommen.

»Dies ist eine große Sünde, einen Baum in der Zeit des Knospenspringens

zu fällen, wo er so voll Kraft ist, daß er nicht sterben kann. Es ist

furchtbar für einen Toten, wenn er nicht Ruhe findet in seinem Grabe.

Die tot sind, haben nicht mehr viel Gutes zu erwarten, nicht Liebe noch

Glück kann sie erreichen. Das einzige Gute, was sie noch begehren, ist,

in stiller Ruh' zu schlummern. Wohl muß ich weinen, wenn du sagst, daß

die Birke nicht sterben kann, weil sie an ihren Mörder denkt. Es ist

wohl das härteste Schicksal für einen, der des Lebens beraubt wurde,

nicht in Ruhe schlummern zu können, weil er seinen Mörder verfolgen muß.

Die Toten haben nichts anderes zu erstreben als einen Schlummer in

Ruhe.«

Als Elsalill sich daran erinnerte, begann sie zu weinen und die Hände zu

ringen.

»Meine Milchschwester findet keine Ruhe in ihrem Grabe,« sagte sie,

»wenn ich nicht meinen Geliebten verrate. Wenn ich ihr hierin nicht

beistehe, muß sie über die Erde irren, ohne Ruhe und Rast. Meine arme

Milchschwester, sie hat keinen anderen Wunsch mehr, als Ruhe in ihrem

Grabe zu finden, und die kann ich ihr nicht geben, ohne daß ich den, den

ich lieb habe, auf das Rad und an den Galgen bringe.«

4

Sir Archie trat aus dem Kellersaal und ging durch den schmalen Gang.

Jetzt war die Laterne, die an der Decke hing, wieder angezündet, und bei

ihrem Scheine sah er, daß eine junge Jungfrau dastand und sich an die

Wand lehnte.

Sie war bleich, und sie stand so still, daß Sir Archie erschrak und

dachte: Jetzt endlich steht die Tote, die mich alle Tage verfolgt, vor

meinen Augen.

Als Sir Archie an Elsalill vorbeikam, legte er seine Hand auf ihre, um

zu erfahren, ob es wirklich eine Tote wäre, die da stand. Und die Hand

war so kalt, daß er nicht sagen konnte, ob sie einer Toten oder einer

Lebenden angehörte.

Aber als Sir Archie Elsalills Hand berührte, zog sie sie zurück, und da

erkannte Sir Archie Elsalill.

Er glaubte, daß sie um seinetwillen hergekommen wäre, und er wurde sehr

froh, als er sie sah. In demselben Augenblick durchfuhr ihn ein Gedanke.

Jetzt weiß ich, was ich tun will, damit ich die Tote versöhne, und damit

sie davon ablasse, mich zu verfolgen.

Er nahm Elsalills Hände zwischen seine und führte sie an seine Lippen.

»Gott segne dich dafür, daß du heute abend zu mir gekommen bist,

Elsalill,« sagte er.

Aber Elsalills Herz war zu Tode betrübt. Sie konnte vor Tränen Herrn

Archie nicht einmal sagen, daß sie nicht hergekommen war, um ihn zu

treffen.

Sir Archie stand lange schweigend da, aber die ganze Zeit über hielt er

Elsalills Hände in seinen beiden. Und je länger er so stand, desto

klarer und schöner wurde sein Gesicht.

»Elsalill,« sagte Sir Archie, und er sprach mit großer Feierlichkeit.

»Seit mehreren Tagen bin ich nicht zu dir gekommen, weil ich von

schweren Gedanken gequält war. Sie haben mir niemals Ruhe gelassen, und

ich glaubte, daß ich auf dem Wege sei, den Verstand zu verlieren. Aber

heute abend steht es besser mit mir, und ich sehe vor meinen Augen das

Bild nicht mehr, das mich quälte. Und als ich dich hier draußen fand, da

sagte mir mein Herz, was ich tun sollte, um meiner Qual für alle Zeit

los und ledig zu werden.«

Er beugte sich hinunter, um Elsalill in die Augen sehen zu können, aber

als sie mit gesenkten Lidern dastand, fuhr er fort:

»Du zürnst mir, Elsalill, weil ich mehrere Tage nicht zu dir gekommen

bin. Aber ich konnte nicht kommen, denn wenn ich dich sah, wurde ich

noch mehr an das erinnert, was mich quälte. Wenn ich dich sah, mußte ich

noch mehr an eine junge Jungfrau denken, gegen die ich übel gehandelt

habe. Ich habe auch sonst gegen viele Menschen übel gehandelt, Elsalill,

aber mein Gewissen verfolgt mich um nichts anderes, als um dieses, was

ich gegen die junge Jungfrau begangen habe.«

Als Elsalill noch immer schwieg, ergriff er wieder ihre Hände und führte

sie an seine Lippen und küßte sie.

»Höre nun, Elsalill, was mein Herz mir sagte, als ich sah, daß du dort

draußen standest und auf mich wartetest: Du hast an einer Jungfrau

unrecht gehandelt, darum sollst du an einer anderen sühnen, was du ihr

zuleide getan hast. Du sollst sie zu deinem Weibe nehmen, und du sollst

so gut gegen sie sein, daß sie niemals Kummer fühlt. Du sollst ihr

solche Treue bewahren, daß du sie an deinem letzten Lebenstage mehr

liebst als an deinem Hochzeitstage.«

Elsalill stand noch immer unbeweglich mit niedergeschlagenen Augen da.

Da legte Sir Archie die Hand auf ihren Kopf und richtete ihn empor. »Ich

muß wissen, Elsalill, ob du hörst, was ich sage,« sagte er.

Da sah er, daß Elsalill so heftig weinte, daß große Tränen über ihre

Wangen rollten.

»Warum weinst du, Elsalill?« fragte Sir Archie.

»Ich weine, Sir Archie,« sagte Elsalill, »weil ich eine allzu große

Liebe zu Euch in meinem Herzen trage.«

Da trat Sir Archie noch näher an Elsalill heran und legte seinen Arm um

ihren Leib. »Hörst du, wie der Sturm draußen heult?« sagte er. »Das

bedeutet, daß das Meer bald frei ist, und daß Schiffe und Fahrzeuge

wieder in mein Heimatland ziehen können. Sage mir nun, Elsalill, ob du

mir dort hinüber folgen willst, so daß ich an dir gut machen kann, was

ich an einer anderen verbrochen habe?«

Sir Archie begann Elsalill flüsternd von dem herrlichen Leben zu

erzählen, das ihrer harrte, und Elsalill fing an, bei sich selbst zu

denken: Ach, daß ich doch nicht wüßte, was er Böses getan hat. Dann

würde ich ihm folgen und glücklich mit ihm leben.

Sir Archie kam ihr immer näher, und als Elsalill aufblickte, sah sie,

daß sein Gesicht über sie gebeugt war, und daß er sie eben auf die

Stirne küssen wollte. Da erinnerte sie sich an die Tote, die jüngst bei

ihr gewesen war und sie geküßt hatte. Sie riß sich von Sir Archie los

und sagte: »Nein, Sir Archie, ich werde Euch niemals folgen.«

»Doch,« sagte Sir Archie, »du mußt mir folgen, Elsalill, sonst stürze

ich ins Verderben.«

Er begann der Jungfrau immer zärtlichere Worte zuzuflüstern, und wieder

dachte sie bei sich selbst: Wäre es nicht Gott und den Menschen

wohlgefälliger, wenn er sein böses Leben sühnen und ein rechtschaffener

Mann werden könnte? Wem frommt es wohl, wenn er gestraft und getötet

wird?

Als Elsalill so zu denken begann, kamen ein paar Männer vorbei, die in

den Kellersaal gingen. Wie Sir Archie merkte, daß sie auf ihn und die

Jungfrau neugierige Blicke warfen, sagte er zu ihr:

»Komm, Elsalill, ich will dich heimgeleiten. Ich will nicht, daß jemand

sieht, daß du zu mir in den Kellersaal gekommen bist.«

Da blickte Elsalill auf, als käme es ihr plötzlich in den Sinn, daß sie

einen anderen Auftrag zu erfüllen hatte, als Sir Archie zu lauschen.

Aber ihr Herz tat ihr so weh, als sie daran dachte, sein Verbrechen zu

verraten. Wenn du ihn dem Büttel auslieferst, dann muß ich brechen,

sagte ihr Herz zu ihr. Aber Sir Archie hüllte die Jungfrau enger in

ihren Mantel und führte sie hinaus auf die Straße. Dann ging er mit ihr

bis zu Torarins Hütte. Und sie merkte, wie er sich jedesmal, wenn der

Sturm sehr ungestüm an sie heranbrauste, vor sie stellte und sie

schützte.

Elsalill dachte die ganze Zeit, während sie so gingen: meine tote

Milchschwester wußte nichts davon, daß er sein Vergehen sühnen und ein

guter Mensch werden will.

Sir Archie flüsterte noch immer Elsalill die holdseligen Worte ins Ohr.

Und je länger Elsalill ihm lauschte, desto größer wurde ihre Zuversicht.

Nur damit ich Sir Archie solche Worte in mein Ohr flüstern höre, hat

mich meine Milchschwester herbeschieden, dachte sie. Sie liebt mich so

inniglich. Sie will nicht mein Unglück, sondern mein Glück.

Und als sie vor der Hütte stehenblieben, fragte Sir Archie Elsalill noch

einmal, ob sie ihm übers Meer folgen wolle? Und Elsalill antwortete, mit

Gottes Hilfe wolle sie ihn geleiten.

Die Friedlose

Am nächsten Tage hatte der Sturm aufgehört. Es war nun mildes Wetter,

aber das konnte dem Schnee nicht viel anhaben, sondern das Meer war

ebenso verschlossen wie nur je.

Als Elsalill am Morgen erwachte, dachte sie: Sicherlich ist es besser,

wenn ein Missetäter sich bekehrt und nach Gottes Geboten lebt, als wenn

er gestraft und getötet wird.

Im Laufe des Tages sandte Sir Archie einen Boten zu Elsalill, der ihr

einen breiten Armreif aus Gold brachte.

Und es beglückte Elsalill, daß Sir Archie dran gedacht hatte, ihr eine

Freude zu bereiten, und sie dankte dem Boten und empfing die Gabe.

Aber als er gegangen war, mußte sie daran denken, daß Sir Archie diesen

Reif mit Münzen aus Herrn Arnes Schatz gekauft hatte. Sie konnte es

nicht ertragen, ihn vor Augen zu sehen, als sie daran dachte. Sie riß

ihn vom Arm und warf ihn weit von sich.

Was für ein Leben wird das für mich werden, wenn ich stets denken muß,

daß ich von Herrn Arnes Schatz lebe, dachte sie. Wenn ich einen Bissen

zu den Lippen führe, muß ich da nicht an die geraubten Goldstücke

denken, und wenn ich ein neues Kleid bekomme, dann muß es mir in den

Ohren klingen, daß dies für unrechtmäßiges Gut gekauft ist? Jetzt sehe

ich doch, daß es mir nicht möglich ist, Sir Archie zu folgen und sein

Leben mit ihm zu leben. Ich werde es ihm sagen, wenn er zu mir kommt.

Als der Abend anbrach, kam Sir Archie zu ihr. Er war voll Freude, denn

keinerlei böse Gedanken hatten ihn gequält, und er glaubte, dies komme

daher, weil er versprochen hatte, an einer jungen Jungfrau gut zu

machen, was er an der anderen verbrochen hatte.

Als Elsalill ihn sah und ihn reden hörte, vermochte sie nicht, ihm zu

sagen, daß sie betrübt war und sich von ihm trennen wollte.

Alle die Sorgen, die an ihr nagten, vergaß sie, wenn sie so saß und Sir

Archie zuhörte.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und da ging Elsalill zur Kirche. Sie

ging sowohl zur hohen Messe wie zum Abendgesang.

Als sie bei der hohen Messe saß und dem Geistlichen lauschte, hörte sie

ganz in der Nähe jemanden schluchzen und weinen.

Sie glaubte, es sei einer von jenen, die neben ihr in der Bank saßen,

aber ob sie gleich nach rechts und nach links ausblickte, so sah sie

doch nichts anderes als ruhige und feierliche Menschen.

Gleichwohl hörte sie deutlich, daß jemand weinte, und es deuchte sie,

daß der Weinende ihr so nahe wäre, daß sie ihn erreichen müßte, wenn sie

nur die Hand ausstreckte.

Elsalill saß da und hörte, wie es seufzte und schluchzte, und sie dachte

bei sich selbst, daß sie nie etwas gehört hatte, was so todesbetrübt

geklungen hätte.

Wer ist es, der so tiefen Kummer trägt, daß er so bittere Tränen

vergießen muß? dachte Elsalill.

Sie schaute sich um, und sie beugte sich über die nächste Bank vor, um

es zu sehen. Aber alle saßen stumm da, und niemandes Gesicht war von

Tränen überströmt.

Da dachte Elsalill, daß sie wohl nicht zu fragen und zu grübeln

brauchte. Hatte sie doch vom ersten Augenblick an gewußt, wer es wäre,

der neben ihr weinte.

»Mein Liebchen,« flüsterte sie, »warum zeigst du dich mir nicht, wie du

ehegestern tatest. Du weißt ja doch, daß ich gerne alles tun will, was

in meinen Kräften steht, um deine Tränen zu trocknen.«

Sie horchte nach einer Antwort, aber sie erhielt keine. Sie hörte nur,

wie die Tote neben ihr schluchzte.

Elsalill versuchte, darauf zu hören, was der Priester auf seiner Kanzel

sagte, aber sie konnte dem nicht recht folgen, was er sprach. Und sie

ward ungeduldig und flüsterte: »Ich weiß eine, die mehr Grund hat zu

weinen als sonst irgend jemand, und das bin ich selbst. Hätte meine

Milchschwester mich nicht wissen lassen, wer ihre Mörder sind, so könnte

ich hier jetzt in Lust und Freude sitzen.«

Während sie dem Weinen lauschte, wurde sie immer erzürnter, so daß sie

dachte: Wie kann meine tote Milchschwester von mir verlangen, daß ich

den verrate, den ich lieb habe? Niemals hätte sie selbst so etwas

begehen wollen, wenn sie noch am Leben gewesen wäre.

Sie saß in die Kirchenbank eingeschlossen, aber sie konnte sich kaum

still halten. Sie wiegte den Körper hin und her, und sie rang die Hände.

Nun wird mich dies wohl den ganzen Tag verfolgen, dachte sie. Wer weiß,

fuhr sie fort und wurde immer ängstlicher, wer weiß, ob es mir nicht

mein ganzes Leben lang folgen wird?

Aber immer tiefer und schwerer wurde das Schluchzen, das sie neben sich

hörte, und schließlich rührte es doch ihr Herz, so daß sie selber zu

weinen anfing.

Wer so weint, muß wohl einen furchtbar schweren Kummer tragen, dachte

sie. Dem muß wohl ein Leid auferlegt sein, das schwerer ist, als ein

Lebender fassen könnte.

Als der Gottesdienst zu Ende war und Elsalill die Kirche verlassen

hatte, hörte sie das Schluchzen nicht mehr. Aber auf dem ganzen Heimwege

ging sie selbst daher und weinte, weil ihre Milchschwester keine Ruhe

finden konnte in ihrem Grabe.

Aber als abends wieder Gottesdienst gehalten wurde, ging Elsalill

abermals zur Kirche, denn sie mußte wissen, ob ihre Milchschwester noch

dort säße und weinte.

Und sowie Elsalill in die Kirche trat, hörte sie sie, und ihre Seele

erbebte in ihr, als sie das Schluchzen vernahm. Sie fühlte, daß ihre

Stärke verging, und sie hatte keinen andern Willen mehr, als der Toten

zu helfen, die friedlos unter den Menschen umherwanderte.

Als Elsalill aus der Kirche kam, war es noch so hell, daß sie sehen

konnte, wie einer von denen, die vor ihr gingen, blutige Fußstapfen auf

dem Schnee hinterließ.

Wer kann das sein, der so arm ist, daß er mit nackten Füßen geht und

blutige Fußspuren im Schnee hinterläßt? dachte sie.

Alle, die vor ihr gingen, sahen aus wie wohlgestellte Leute. Sie waren

alle fein säuberlich gekleidet und hatten Schuhe an den Füßen.

Aber die roten Fußstapfen waren nicht alt. Elsalill sah, wie sie sich in

der Schneerinde abdrückten.

Das ist jemand, der sich auf weiten Wegen wund gegangen hat, dachte sie.

Gott lasse ihn nicht mehr lange wandern, bis er unter ein schirmend Dach

kommt und Ruhe findet.

Sie wollte gerne wissen, wer es war, der eine so schwere Wanderung

gemacht hatte, und sie folgte den Fußstapfen, obgleich sie so von ihrem

eigenen Wege abweichen mußte.

Aber plötzlich merkte sie, daß alle Kirchenbesucher eine andre Richtung

eingeschlagen hatten, und daß sie sich allein auf dem Wege befand. Aber

dennoch zeichneten sich noch immer die blutroten Fußstapfen vor ihr ab.

Es ist meine arme Milchschwester, die da geht, dachte sie da, und sie

erkannte bei sich selbst, daß sie die ganze Zeit gewußt hatte, daß jene

es war.

»Ach, mein armes Schwesterlein, ich glaubte, du wandeltest so leicht

über die Erde, daß du deinen Fuß nicht an den Boden stießest. Aber

keiner der Lebenden kann verstehen, wie schmerzensreich deine Wanderung

sein mag.«

Die Tränen stürzten ihr in die Augen, und sie seufzte: »Daß sie doch

keine Ruhe finden kann in ihrem Grabe. Weh' mir, daß sie hier so lange

umherirren mußte, daß ihre Füße blutig geworden sind.«

»Bleib' stehen, mein liebes Schwesterlein,« rief sie, »bleib' stehen,

damit ich mit dir sprechen kann.«

Aber als sie so rief, sah sie, wie die Fußstapfen sich noch rascher vom

Schnee abhoben, als ob die Tote ihre Schritte beschleunigte.

»Jetzt flieht sie vor mir. Sie erwartet von mir keine Hilfe mehr,« sagte

Elsalill.

Die blutigen Fußstapfen brachten sie ganz außer sich, und sie rief:

»Mein herzallerliebstes Schwesterlein, ich will alles tun, was du

willst, auf daß du Ruhe findest in deinem Grabe.«

Kurz nachdem Elsalill diese Worte gesprochen hatte, kam eine

hochgewachsene Frau, die hinter ihr gegangen war, auf sie zu und legte

die Hand auf ihren Arm.

»Wer bist du, der du hier über die Landstraße gehst und weinst und die

Hände ringst?« sagte die Frau. »Du gleichest einem kleinen Jüngferchen,

das am Freitag zu mir kam und in meine Dienste treten wollte und dann

fortblieb. Oder bist du's vielleicht gar selber?«

»Nein, ich bin's nicht selber,« sagte Elsalill, »aber wenn es so ist,

wie ich meine, daß Ihr die Wirtin vom Ratskeller seid, so weiß ich, von

welcher Jungfrau Ihr sprecht.«

»Dann mußt du mir sagen, warum sie von mir fortging und nicht

wiederkam,« sagte die Wirtin.

»Sie ging von Euch fort,« sagte Elsalill, »weil sie nicht die Reden

aller der Missetäter hören wollte, die in Eurem Saale saßen.«

»Wohl sitzen manche wilde Gesellen in meinem Saal, aber keine

Missetäter,« sprach die Wirtin.

»Und doch hörte die Jungfrau, wie drei Männer, die dort saßen,

miteinander sprachen,« erwiderte Elsalill, »und einer von ihnen sagte:

'Trink, Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz.'«

Als Elsalill dies gesagt hatte, dachte sie: Nun habe ich meiner

Milchschwester geholfen und erzählt, was ich gehört habe. Möge nun Gott

mir helfen, daß die Wirtin es sich nicht einfallen läßt, meinen Worten

Glauben zu schenken, dann trage ich keine Schuld.

Aber als sie an dem Gesichte der Wirtin sah, daß sie ihr glaubte, da

erschrak sie gar sehr und wollte fliehen.

Doch bevor sie noch einen Schritt tun konnte, hatte die schwere Hand der

Wirtin mit sicherem Griff die ihre gefaßt, so daß sie nicht entrinnen

konnte.

»Hast du erzählen hören, daß solche Worte in meinem Kellersaal gefallen

sind, Jungfrau,« sagte die Wirtin, »dann geht es nicht an, daß du dich

aus dem Staube machst. Du mußt mir zu jenen folgen, die die Macht und

den Willen haben, die Mörder zu greifen und sie der Strafe zu

überantworten.«

Sir Archies Flucht

Elsalill kam in den Kellersaal, in ihren langen Mantel gehüllt, und ging

zu einem Tische, an dem Sir Archie saß und mit seinen Freunden zechte.

Es waren eine Menge Gäste um die Tische geschart, aber Elsalill kümmerte

sich nicht um alle die staunenden Blicke, die ihr folgten, als sie

hinging und sich an die Seite dessen setzte, dem sie gut war. Sie dachte

nur, daß sie die letzten Augenblicke, in denen Sir Archie noch seine

Freiheit hatte, mit ihm beisammen sein wollte.

Als Sir Archie Elsalill kommen und sich neben ihm niederlassen sah, da

stand er auf und setzte sich mit ihr an einen Tisch, der weit unten im

Saale hinter einer Säule verborgen stand. Sie konnte sehen, daß es ihm

nicht gefiel, daß sie zu ihm in den Keller gekommen war, da es nicht

Brauch war, daß junge Jungfrauen sich dort sehen ließen.

»Ich habe Euch keine lange Botschaft zu sagen, Sir Archie,« sagte

Elsalill, »aber Ihr müßt doch wissen, daß es nicht bei mir steht, Euch

in Euer Land zu folgen.«

Als Sir Archie Elsalill dies sagen hörte, da erschrak er gar sehr, denn

er fürchtete, wenn er Elsalill verlöre, würden die bösen Gedanken wieder

Gewalt über ihn erlangen.

»Warum willst du mir nicht folgen, Elsalill?« sagte Sir Archie.

Elsalill saß bleich wie der Tod, ihre Gedanken waren so verwirrt, daß

sie kaum wußte, was sie ihm antwortete.

»Es tut nicht gut, einem Landsknecht zu folgen,« sagte sie. »Niemand

weiß, ob so einer Treu' und Gelöbnis hält.«

Bevor Sir Archie noch antworten konnte, trat ein Seemann in den

Kellersaal.

Er ging auf Sir Archie zu und sagte ihm, daß er von dem Schiffer der

Galeasse ausgesandt sei, die hinter der Kleeinsel eingefroren lag. Nun

ließ der Schiffer sagen, daß Sir Archie und alle seine Mannen an diesem

Abend ihre Habseligkeiten in Ordnung bringen und an Bord kommen sollten.

Der Sturm hätte sich aufs neue erhoben. Das Meer war bis weit nach

Westen frei geworden. Es könnte wohl sein, daß noch vor Tagesanbruch der

Weg nach Schottland offen wäre.

»Du hörst, was er sagt,« sagte Sir Archie zu Elsalill. »Willst du mich

geleiten?«

»Nein,« sagte Elsalill, »ich will Euch nicht geleiten.«

Aber im tiefsten Herzen war sie sehr froh, denn sie dachte: Nun kann es

sich doch so fügen, daß er von dannen zieht, ehe noch die Wache kommt

und ihn greift.

Sir Archie stand auf und ging zu Sir Philip und Sir Reginald und sprach

von der Botschaft. »Geht Ihr vor mir heim nach der Herberge,« sagte er,

»und macht alles bereit! Ich muß noch ein paar Worte mit Elsalill

sprechen.«

Als Elsalill sah, daß Sir Archie zu ihr zurückkam, streckte sie die

Hände gegen ihn aus. »Warum kommt Ihr zurück, Sir Archie?« sagte sie.

»Warum eilet Ihr nicht hinunter zum Meere, so rasch Eure Füße Euch

tragen können?«

Denn ihre Liebe zu Sir Archie war so groß. Sie hatte ihn wohl um ihrer

lieben Milchschwester willen verraten, aber sie wünschte nichts

sehnlicher, als daß er entrinnen möchte.

»Nein, ich will dich zuerst noch einmal bitten, daß du mit mir kommst,«

sagte Sir Archie.

»Ihr wißt doch, Sir Archie, daß ich Euch nicht folgen kann,« sagte

Elsalill.

»Warum kannst du nicht?« sagte Sir Archie. »Du bist ein so einsames und

armes Mägdlein, daß keine Menschenseele danach fragt, was aus dir wird.

Aber wenn du mit mir kommst, will ich dich zu einer mächtigen Frau

machen. Ich bin ein vornehmer Mann in meinem Heimatlande. Du wirst in

Seide und Gold gekleidet gehen, und du wirst an des Königs Hof den

Reigen führen.«

Elsalill zitterte, daß er bei ihr verweilte, während noch die Flucht

möglich war. Sie hatte kaum die Ruhe, ihm zu antworten: »Zieht nun von

hinnen, Sir Archie! Ihr sollt nicht länger verweilen, um mich zu

bitten.«

»Ich will dir etwas sagen, Elsalill!« sagte Sir Archie und sprach mit

immer weicherer Stimme zu ihr. »Als ich dich zuerst sah, da dachte ich

nur daran, dich zu locken und zu betören. Ich habe dir so manchesmal

zuvor goldene Berge versprochen, aber seit ehegestern abend meine ich es

ehrlich mit dir. Und nun ist es mein Wille und mein Wunsch, dich zu

meinem Ehegemahl zu machen. Du kannst mir vertrauen, so wahr ich ein

Edelmann und ein Krieger bin.«

Im selben Augenblick hörte Elsalill, daß bewaffnete Männer über den

Marktplatz vor den Keller zogen. Wenn ich ihm nun folge, dachte sie, so

kann er noch entrinnen. Ich ziehe ihn ins Verderben. Um meinetwillen

verweilt er hier so lange, daß die Wache ihn ergreifen kann. Aber ich

kann doch dem Manne nicht folgen, der alle die Meinen gemordet hat,

dachte sie.

»Sir Archie,« sagte Elsalill, und sie hoffte, daß sie ihm Furcht

einjagen würde. »Hört Ihr nicht, daß bewaffnete Männer über den Markt

gezogen kommen?«

»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie. »Es hat wohl irgendwo in einer

Schenke eine Schlägerei gegeben. Sei unbesorgt, Elsalill, es sind nur

ein paar Fischer, die über Wetter und Wind in Zank geraten sind.«

»Sir Archie,« sagte Elsalill, »hört Ihr nicht, daß sie vor dem Rathause

haltmachen?«

Elsalill zitterte vom Scheitel bis zur Sohle, aber Sir Archie merkte es

nicht, sondern war ganz ruhig.

»Wo sollten sie wohl sonst haltmachen?« sagte Sir Archie. »Sie müssen

doch die Unruhestifter herführen, um sie im Rathause ins Gefängnis zu

werfen. Höre nicht auf sie, Elsalill, höre auf mich, der dich bittet,

ihm übers Meer zu folgen!«

Aber Elsalill versuchte noch einmal, Sir Archie zu erschrecken.

»Sir Archie,« sagte sie, »hört Ihr nicht, wie die Gewappneten die Treppe

zum Rathauskeller hinuntersteigen?«

»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie, »sie kommen wohl her, um eine

Kanne Bier zu leeren, nachdem sie ihre Gefangenen in sicheren Gewahrsam

gebracht haben. Denke nicht an sie, Elsalill, sondern denke daran, daß

morgen du und ich über das freie Meer in mein teures Vaterland ziehen.«

Aber Elsalill war leichenblaß, und sie zitterte so, daß sie kaum

sprechen konnte.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 6 / 18 段