Aber die junge Jungfrau brach in Tränen aus und sagte: »Nun dünkt mich,

daß ich wieder auf der Ofenmauer läge und sähe die Mörder am Werk. Ach,

ich hoffte doch bis zuletzt, daß sie meine allerliebste Milchschwester

nicht finden würden, aber endlich kam doch einer von ihnen und zog sie

von der Mauer herunter, und als sie entfliehen wollte, da wickelte er

ihr Haar um seine Hand und hielt sie fest. Aber sie lag auf den Knien

vor ihm und sagte: 'Sieh meine Jugend an. Verschone mich! Lasse mich

wenigstens solange leben, daß ich begreifen lerne, warum ich zur Welt

gekommen bin! Ich habe dir doch nichts zuleide getan, warum willst du

mich töten? Warum willst du mir nicht das Leben gönnen?' Und er hörte

nicht auf sie, sondern tötete sie.«

Als Elsalill dies sagte, stand Sir Archie mit gerunzelter Stirne da und

blickte zur Seite.

»Ach, wenn ich dem Manne einmal begegnete!« sagte Elsalill. Sie stand

mit geballten Fäusten vor Sir Archie.

»Du kannst dem Manne nicht begegnen,« sagte Sir Archie. »Er ist tot.«

Aber die Jungfrau warf sich auf die Bank und schluchzte. »Sir Archie,

Sir Archie, warum habt Ihr mich dazu gebracht, an die Toten zu denken?

Den ganzen Abend und die Nacht muß ich nun weinen. Geht von mir, Sir

Archie, denn jetzt habe ich für nichts andres Sinn als für die Toten,

nun muß ich an meine Milchschwester denken, daran, wie freundlich sie

mir gewogen war.«

Und es gelang Sir Archie nicht, sie zu trösten, und er wurde von ihren

Tränen und Klagen vertrieben und ging zu seinen Zechgenossen.

3

Sir Archie konnte nicht begreifen, warum sein Sinn stets von so trüben

Gedanken erfüllt war. Er vergaß sie nicht, wenn er bei Elsalill saß und

mit ihr plauderte, und nicht, wenn er bei seinen Kameraden war und mit

ihnen trank. Wenn er auch die Nächte in den Seeschuppen durchtanzte,

konnte er sich ihrer doch nicht entschlagen, und er entging ihnen nicht,

wenn er gleich meilenlange Strecken über das gefrorene Meer wanderte.

»Warum muß ich stets dessen eingedenk sein, woran ich mich nicht

erinnern will?« sagte Sir Archie zu sich selbst. »Es ist mir, als

schliche jemand mir immer nach und flüsterte mir ins Ohr.«

»Es ist mir, als spönne jemand ein Netz um mich,« sagte Sir Archie, »um

alle meine Gedanken einzufangen und mir diesen einzigen übrig zu lassen.

Ich kann den Jäger nicht sehen, der das Netz auswirft, aber ich höre

seine Schritte, wenn er mir nachschleicht.«

»Es ist mir, als ginge ein Maler vor mir her und bemalte alles, was ich

betrachte, mit demselben Bilde,« sagte Sir Archie. »Ob ich die Blicke

zum Himmel oder zur Erde wende, so sehe ich doch nichts anderes als eine

einzige Sache.«

»Es ist mir, als säße ein Steinklopfer auf meinem Herzen und hämmerte

einen einzigen Kummer hinein,« sagte Sir Archie »Ich kann den

Steinklopfer nicht sehen, aber Tag und Nacht höre ich, wie sein Hammer

klopft und schlägt. Du steinernes Herz, du steinernes Herz, sagt er,

jetzt mußt du nachgeben. Jetzt will ich einen Kummer in dich

hineinhämmern.«

Sir Archie hatte zwei Freunde, Sir Philip und Sir Reginald, die ihm

allenthalben folgten. Es bekümmerte sie, daß er immer unfroh war und

nichts ihm Glück zu bringen vermochte.

»Was fehlt dir?« pflegten sie zu sagen. »Warum sind deine Augen so

brennend, und warum sind deine Wangen so bleich?«

Sir Archie wollte ihnen nicht sagen, was ihn quälte. Er dachte: »was

würden meine Genossen von mir denken, wenn sie erführen, daß ich mich

etwas Unmännlichem hingebe? Sie würden mir nicht mehr gehorchen, wenn

sie wüßten, daß ich von Reue über eine Tat gemartert werde, die

notwendig war.«

Doch als sie immer mehr in ihn drangen, sagte er zu ihnen, um sie auf

falsche Fährte zu leiten:

»Es ergeht mir in diesen Tagen so wunderlich. Da ist eine Jungfrau, die

ich erobern will, aber ich kann sie nicht erringen. Immer stellt sich

mir etwas in den Weg.«

»Vielleicht liebt dich die Jungfrau nicht?« sagte Sir Reginald.

»Ich glaube sicher, daß ihr Sinn mir zugeneigt ist,« sagte Sir Archie,

»aber es gibt etwas, was über ihr wacht, so daß ich sie nicht gewinnen

kann.«

Da fingen Sir Reginald und Sir Philip zu lachen an, und sie sagten: »Die

Jungfrau wollen wir dir schon verschaffen.« --

Am Abend kam Elsalill einsam durch das Gäßchen gegangen. Sie kam müde

von der Arbeit, und sie dachte bei sich selbst: »Dies Leben ist hart,

und es macht mir keine Freude. Es graut mir davor, den ganzen Tag

dazustehen und den Fischgeruch zu spüren. Es graut mir, wenn ich die

anderen Frauen mit so harten Stimmen lachen und scherzen höre. Es graut

mir vor den hungrigen Möwen, die über die Tische fliegen und mir die

Fischstücke aus den Händen reißen wollen. Wenn doch jemand kommen und

mich von hier fortnehmen wollte! Ich würde ihm bis ans Ende der Welt

folgen.«

Als Elsalill an der Stelle ging, wo das Gäßchen am finstersten war,

traten Sir Reginald und Sir Philip aus dem Schatten und grüßten sie.

»Jungfrau Elsalill!« sagten sie. »Wir bringen dir Kunde von Sir Archie.

Er liegt krank daheim in der Herberge. Er sehnt sich danach, mit dir zu

sprechen, und bittet, daß du uns zu ihm nach Hause folgen mögest.«

Elsalill begann sich zu ängstigen, daß Sir Archie sehr krank sein

könnte, und sie kehrte sogleich mit den beiden schottischen Herren um,

die sie zu ihm führen wollten.

Sir Philip und Sir Reginald nahmen sie in die Mitte. Sie lächelten

einander zu und dachten, daß nichts leichter sein könnte, als Elsalill

zu betören.

Elsalill war in großer Hast und Eile. Sie lief beinahe das Gäßchen

hinab. Sir Philip und Sir Reginald mußten gewaltig ausschreiten, um ihr

folgen zu können.

Aber als Elsalill so rasch vorwärtseilte, begann vor ihrem Fuße etwas zu

rollen. Es war etwas, was vor sie hingeworfen wurde, und sie wäre fast

darüber gestolpert.

Was ist das, was vor meinen Füßen rollt? dachte Elsalill. Es muß ein

Stein sein, den ich aus der Erde gelöst habe und der nun den Abhang

hinunterrollt.

Sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen, daß sie sich nicht von

dem, was dicht vor ihren Füßen rollte, hindern lassen wollte. Sie stieß

es beiseite, aber es kam alsogleich zurück und rollte vor ihr das

Gäßchen hinunter.

Elsalill hörte, daß es wie Silber klang, als sie es fortstieß, und sie

sah, daß es blinkte und schimmerte.

Das ist kein gewöhnlicher Stein, dachte Elsalill. Mich dünkt, es ist

eine Silbermünze. Aber sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen,

daß sie sich nicht die Zeit nahm, sie von der Straße aufzulesen.

Aber wieder und wieder rollte das Ding vor ihre Füße, und sie dachte: Du

kommst rascher vorwärts, wenn du dich bückst und es aufhebst. Du kannst

es weit weg werfen, wenn es nichts ist.

Sie beugte sich hinunter und hob es auf. Es war eine große Silbermünze,

die weiß in ihrer Hand leuchtete.

»Was ist es, was du da auf der Straße findest, Jungfrau?« sagte Sir

Reginald. »Es leuchtet so weiß im Mondenschein.«

Sie gingen da gerade an einem der großen Seeschuppen vorbei, wo fremde

Fischer wohnten, solange sie ihrer Beschäftigung wegen in Marstrand

waren. Vor dem Eingang hing eine Hornlaterne, die einen schwachen Schein

auf die Straße warf.

»Laß uns sehen, was du gefunden hast, Jungfrau,« sagte Sir Philip und

blieb unter der Laterne stehen.

Elsalill hielt die Münze zum Laternenschein empor, und kaum hatte sie

einen Blick darauf geworfen, als sie schon ausrief: »Dies ist eines von

Herrn Arnes Geldstücken! Ich erkenne es wieder. Dies ist eines von Herrn

Arnes Geldstücken!«

»Was sagst du da, Jungfrau?« fragte Sir Reginald. »Warum sagst du, daß

dies eines von Herrn Arnes Geldstücken sei?«

»Ich kenne es,« sagte Elsalill. »Ich habe oft gesehen, wie Herr Arne es

in der Hand hielt. Ja, sicherlich ist dies eines von Herrn Arnes

Geldstücken.«

»Rufe nicht so laut, Jungfrau!« sagte Sir Philip. »Hier kommen schon

Leute, die herbeieilen, um zu hören, warum du so schreist.«

Aber Elsalill achtete nicht auf Sir Philip. Sie sah, daß die Türe zu dem

Seeschuppen offen stand. Mitten im Raume brannte ein Feuer, und rings um

die Flamme saßen eine Menge Männer in ruhigem, bedächtigem Gespräche.

Elsalill eilte zu ihnen hinein. Sie hielt die Münze hoch erhoben.

»Horchet auf, ihr Männer alle!« rief sie. »Jetzt weiß ich, daß Herrn

Arnes Mörder am Leben sind. Seht her, ich habe eines von Herrn Arnes

Geldstücken gefunden!«

Alle Männer wandten sich ihr zu. Da sah sie, daß Torarin, der

Fischmakler, auch im Kreise saß.

»Womit kommst du da, Jungfrau, und was rufest du?« fragte nun Torarin.

»Wie kannst du Herrn Arnes Geldstücke von anderen Münzen unterscheiden?«

»Ich muß wohl diese Münze von allen anderen unterscheiden können,« sagte

Elsalill. »Sie ist alt und groß, und sie hat einen Ausschnitt am Rande.

Herr Arne sagte, sie sei aus der Zeit der alten norwegischen Könige, und

niemals trennte er sich von ihr, um einen Einkauf zu bezahlen.«

»Nun erzähle, wo du sie gefunden hast, Jungfrau,« sagte ein anderer

Fischer.

»Ich habe sie auf der Straße gefunden, wo sie vor meinen Füßen rollte,«

sagte Elsalill »Da hat sie wohl einer der Mörder fallen lassen.«

»Es mag wahr oder unwahr sein, was du sagst,« versetzte Torarin. »Aber

was können wir dabei tun? Wir können die Mörder nicht dadurch finden,

daß du weißt, daß sie durch eine unserer Gassen gegangen sind.«

Die Fischer fanden, daß Torarin klug gesprochen hatte. Und sie setzten

sich wieder um das Feuer zurecht.

»Komm du mit mir heim, Elsalill,« sagte Torarin. »Dies ist keine Stunde,

zu der eine Jungfrau auf Gassen und Märkten herumlaufen soll.«

Als Torarin dies sagte, sah Elsalill sich nach ihren Begleitern um. Aber

Sir Reginald und Sir Philip hatten sich fortgeschlichen, ohne daß sie es

gemerkt hatte.

Im Rathauskeller

1

Die Wirtin des Rathauskellers zu Marstrand machte eines Morgens die

Türen auf, um Treppe und Flur zu kehren. Da sah sie eine junge Jungfrau

auf einer Treppenstufe sitzen und warten. Sie war in ein langes, graues

Gewand gekleidet, das mit einem Gürtel um den Leib zusammengenommen war.

Das Haar war licht, und es war weder aufgesteckt, noch geflochten,

sondern hing zu beiden Seiten des Gesichtes glatt hinunter.

Als die Türe geöffnet wurde, stand sie auf und ging die Treppe in den

Flur hinunter, aber der Wirtin war es, als ginge sie wie eine, die im

Schlafe wandle. Die ganze Zeit hielt sie die Augenlider gesenkt und die

Arme hart an den Körper gepreßt. Je näher sie kam, desto mehr

verwunderte sich die Wirtin darüber, wie zart und feingliedrig sie war.

Auch ihr Gesicht war lieblich, aber es war dünn und durchsichtig, als

wäre es aus sprödem Glas geformt.

Als sie zur Wirtin herankam, fragte sie, ob es hier einen Platz gäbe,

den sie versehen könnte, und bat, sie in Dienst zu nehmen.

Da gedachte die Wirtin an alle die wilden Gesellen, die des Abends im

Gastzimmer zu sitzen und Bier und Wein zu trinken pflegten, und konnte

sich ein Lächeln nicht verbeißen. »Nein, hier bei uns gibt es keinen

Platz für solch ein kleines Jungfräulein wie dich,« sagte sie.

Die Jungfrau schlug weder die Augen auf, noch machte sie sonst die

geringste Bewegung, aber sie bat abermals, sie in Dienst zu nehmen. Sie

verlange weder Kost noch Lohn, sagte sie, nur eine Arbeit wolle sie.

»Nein,« sagte die Wirtin, »wenn meine eigene Tochter wäre wie du, ich

würde es ihr abschlagen. Ich gönne dir etwas Besseres, als bei mir zu

dienen.«

Die junge Jungfrau ging sachte die Treppe hinauf, und die Wirtin blieb

stehen und blickte ihr nach. Da sah sie so klein und hilflos aus, daß

die Wirtin sich ihrer erbarmte.

Sie rief sie zurück und sagte ihr: »Vielleicht läufst du größere Gefahr,

wenn du allein in Straßen und Gäßchen umhergehst, als wenn du zu mir

kommst. Du darfst einen Tag bei mir bleiben und Tassen und Teller

waschen, dann kann ich sehen, wozu du taugst.«

Die Wirtin führte sie in ein kleines Kämmerchen, das sie hinter dem

Kellersaal eingerichtet hatte. Es war nicht größer als ein Schrank, und

da war weder ein Fenster noch ein Guckloch, sondern es bekam nur Licht

durch eine Luke in der Wand zum Schankzimmer.

»Steh heute hier,« sagte die Wirtin zu der kleinen Jungfrau, »und spüle

alle die Tassen und Teller, die ich dir durch diese Luke reiche, dann

will ich sehen, ob ich dich in meinem Dienst behalten kann.«

Die kleine Jungfrau ging in das Kämmerchen, und sie bewegte sich so

leise, daß es der Wirtin war, als wäre eine Tote in ihr Grab geglitten.

Sie stand den ganzen Tag dort drinnen, mit niemandem sprach sie, und

niemals steckte sie den Kopf durch die Luke, um die Leute anzusehen, die

in dem Kellersaal aus und ein gingen. Das Essen, das man ihr gab,

berührte sie nicht.

Niemand hörte sie beim Tellerwaschen klappern, aber wann immer die

Wirtin die Hand durch die Luke streckte, reichte sie ihr die

frischgewaschenen Tassen und Teller, auf denen kein Fleckchen war.

Aber wenn die Wirtin sie nahm, um sie auf die Tische zu stellen, da

waren sie so kalt, daß es sie deuchte, sie müßten ihr die Haut von den

Fingern brennen. Und ihr schauderte, und sie sagte: »Es ist, als nähme

ich sie dem kalten Tode aus den Händen.«

2

Eines Tages hatte es auf den Brücken keine Fische zu reinigen gegeben,

so daß Elsalill daheim bleiben durfte. Sie saß allein in der Hütte und

spann. Es war ein tüchtiges Feuer im Herde und ziemlich hell in der

Hütte.

Mitten in der Arbeit fühlte sie einen leichten Hauch, als striche ein

kalter Wind über ihre Stirn. Sie blickte auf, und da sah sie, daß ihre

tote Milchschwester vor ihr stand.

Elsalill legte die Hand auf das Spinnrad, so daß es stehen blieb, und

saß still da und betrachtete ihre Milchschwester. Zuerst erschrak sie,

aber sie dachte bei sich: es steht mir nicht wohl an, mich vor meiner

Milchschwester zu fürchten. Ob sie nun tot oder lebendig ist, bin ich

doch froh, sie zu sehen.

»Mein Liebchen,« sagte sie zu der Toten, »wünschest du etwas von mir?«

Da sprach die andere mit einer Stimme, die ohne Stärke und Ton war:

»Schwesterchen Elsalill, ich habe mich im Gasthause verdingt, und die

Wirtin hat mich den ganzen Tag stehen und Tassen und Teller waschen

lassen. Nun, am Abend, bin ich so müde, daß ich es nicht mehr ertrage.

Ich bin nun hergekommen, um zu fragen, ob du nicht kommen und mir helfen

willst?«

Als Elsalill dies vernahm, war es ihr, als ob ein Schleier sich über

ihren Verstand legte. Sie konnte nicht mehr denken oder wollen oder

Furcht empfinden. Sie konnte nur Freude darüber fühlen, daß sie ihre

Milchschwester wiedersah, und sie antwortete: »Ja, mein Liebchen, ich

will sogleich kommen und dir helfen.«

Da schritt die Tote auf die Türe zu, und Elsalill folgte ihr. Aber als

sie auf der Schwelle standen, blieb ihre Milchschwester stehen und sagte

zu Elsalill: »Du mußt deinen Mantel umnehmen. Draußen weht ein heftiger

Sturm.« Und als sie dies sagte, klang ihre Stimme ein bißchen deutlicher

als früher und weniger tonlos.

Da nahm Elsalill ihren Mantel von der Wand und hüllte sich darein. Sie

dachte bei sich selbst: Meine Milchschwester liebt mich noch. Sie will

mir nichts zuleide tun. Ich bin glücklich, ihr zu folgen, wohin sie mich

auch führen mag.

Und sie folgte der Toten durch viele Gassen, von Torarins Hütte, die auf

einer steinigen Anhöhe lag, bis zu den ebeneren Straßen am Platze und am

Hafen.

Die Tote ging die ganze Zeit zwei Schritte vor Elsalill. Es war ein

starker Sturm, der an diesem Abend durch die Gassen heulte, und Elsalill

merkte, wenn der Wind sehr heftig kam und sie an die Wand pressen

wollte, daß die Tote sich zwischen sie und den Wind stellte und sie, so

gut sie konnte, mit ihrem zarten Leibe schützte.

Als sie endlich zum Rathause kamen, ging die Tote die Kellertreppe

hinunter und winkte Elsalill, ihr zu folgen. Aber als sie die Treppe

hinuntergingen, blies der Wind das Licht der Laterne aus, die im Flure

hing, und sie standen im Dunkeln. Da wußte Elsalill nicht, wohin sie

ihre Schritte wenden sollte, und die Tote mußte ihre Hand auf die

Elsalills legen, um sie zu führen. Aber die Hand der Toten war so kalt,

daß Elsalill zusammenzuckte und vor Schrecken zu zittern begann. Da

entfernte die Tote ihre Hand und wickelte sie in einen Zipfel von

Elsalills Mantel, bevor sie wieder versuchte, sie zu führen. Aber

Elsalill fühlte die Eiseskälte durch Futter und Pelzwerk.

Nun führte die Tote Elsalill durch einen langen Gang und öffnete dann

eine Tür. Sie kamen in ein kleines, dunkles Kämmerchen, in das durch

eine Luke in der Wand ein schwacher Lichtschein fiel. Elsalill sah, daß

sie sich in einem Raume befanden, wo die Wirtin ihr Schankmädchen stehen

zu haben pflegte, um die Tassen und Teller zu waschen, die sie brauchte,

um sie den Gästen auf die Tische zu stellen. Elsalill konnte erkennen,

daß ein Wasserschaff auf einem Schemel stand, und in der Luke standen

viele Becher und Gefäße, die gespült werden sollten.

»Willst du mir heut abend bei dieser Arbeit helfen, Elsalill?« sagte die

Tote.

»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »du weißt, daß ich dir bei allem

helfen will, was du begehrst.«

Damit legte Elsalill den Mantel ab. Sie streifte ihre Ärmel auf und

machte sich an die Arbeit.

»Willst du nun sehr ruhig und still hier sein, Elsalill, daß die Wirtin

es nicht merkt, daß ich mir eine Hilfe angeschafft habe?«

»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »gewiß will ich das.«

»Ja, dann lebe wohl, Elsalill!« sagte die Tote. »Nun will ich dich nur

um eines bitten. Und das ist, daß du mir hiernach nicht allzusehr zürnen

mögest.«

»Was soll dies bedeuten, daß du mir Lebewohl sagst?« sagte Elsalill.

»Ich will gerne jeden Abend kommen und dir helfen.«

»Nein, öfter als heute abend brauchst du wohl nicht zu kommen,« sagte

die Tote. »Ich denke, du wirst mir heute nacht so helfen, daß dieses

Werk vollbracht ist.«

Während sie so sprachen, hatte Elsalill sich schon über die Arbeit

gebeugt. Ein Weilchen war alles still, aber dann spürte sie einen leisen

Hauch auf der Stirne, gerade wie da, als die Tote in Torarins Hütte zu

ihr gekommen war. Da sah sie auf und merkte, daß sie allein war. Sie

begriff, was es war, das sie wie ein leises Lüftchen auf der Stirne

gespürt hatte, und sagte zu sich selbst: »Meine tote Milchschwester hat

mich auf die Stirne geküßt, ehe sie von mir schied.«

Elsalill machte nun zuerst ihre Arbeit fertig. Sie spülte alle Schalen

und Kannen ab und trocknete sie. Dann ging sie zur Luke, um zu sehen, ob

neue hingestellt worden wären. Sie fand keine dort, und so blieb sie vor

der Luke stehen und sah hinaus in den Kellersaal.

Es war zu einer Stunde des Tages, wo keine Gäste in den Keller zu kommen

pflegten. Die Wirtin saß nicht hinter ihrem Schanktisch, und keiner

ihrer Dienstleute befand sich in der Stube. Die einzigen, die man sah,

waren drei Männer, die am Ende eines großen Tisches saßen. Sie waren

Gäste, schienen aber hier ganz heimisch zu sein, denn einer von ihnen,

der seinen Becher geleert hatte, ging zum Schanktisch, füllte ihn aus

einem der großen Fässer, die dort aufgestapelt lagen, und setzte sich

wieder hin, um weiterzutrinken.

Elsalill stand da, als wäre sie aus einer fremden Welt gekommen. Ihre

Gedanken weilten bei der toten Milchschwester, und sie konnte nicht

recht unterscheiden, was sie sah. Es dauerte nicht lange, bis sie

merkte, daß die drei Männer am Tische ihr wohlvertraut und lieb waren.

Denn die dort saßen, waren keine anderen als Sir Archie und seine beiden

Freunde, Sir Reginald und Sir Philip.

In den letzten Tagen war Sir Archie nicht zu Elsalill gekommen, und sie

war froh, ihn zu sehen. Sie wollte ihm sogleich zurufen, daß sie da,

ganz in der Nähe wäre, aber da dachte sie, wie wunderlich es war, daß er

gar nicht mehr zu ihr kam, und sie verhielt sich still. Vielleicht hat

er eine andere lieb gewonnen, dachte Elsalill. Vielleicht denkt er jetzt

an sie.

Denn Sir Archie saß ein kleines Stück von den anderen entfernt. Er saß

stumm und starrte gerade vor sich hin, ohne zu trinken. Er nahm am

Gespräche nicht teil, und wenn seine Freunde etwas zu ihm sagten, fand

er es meist nicht der Mühe wert, darauf zu antworten.

Elsalill hörte, daß die anderen versuchten, ihn aufzumuntern. Sie

fragten ihn, warum er nicht trinke. Sie rieten ihm sogar, zu Elsalill zu

gehen und mit ihr zu plaudern, um wieder froh zu werden.

»Ihr sollt euch nicht um mich bekümmern,« sagte Sir Archie. »Eine andere

liegt mir im Sinn. Stets sehe ich sie vor mir, und stets höre ich ihre

Stimme mir im Ohr erklingen.«

Und Elsalill sah, daß Sir Archie dasaß und auf eine der breiten Säulen

starrte, die die Kellerdecke trugen. Nun sah sie auch, was sie früher

nicht bemerkt hatte, daß ihre Milchschwester an dieser Säule stand und

Sir Archie ansah. Sie stand ganz regungslos in ihrem grauen Gewande, und

es war nicht leicht, sie zu unterscheiden, wie sie sich da eng an die

Säule drückte.

Elsalill stand mäuschenstill und blickte in das Gemach. Sie merkte, daß

ihre Milchschwester die Augen aufgeschlagen hatte, als sie Sir Archie

ansah. Die ganze Zeit, die sie mit Elsalill verbracht hatte, war sie mit

gesenkten Augen einhergegangen.

Aber ihre Augen waren das einzige, was an ihr furchtbar war. Elsalill

sah, daß sie gebrochen und trübe waren. Sie waren ohne Blick, und das

Licht spiegelte sich nicht mehr in ihnen wieder.

Nach einer Weile begann Sir Archie wieder zu wehklagen. »Ich sehe sie

immer. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt,« sagte er.

Er saß der Säule zugekehrt, wo die Tote stand, und starrte sie an. Aber

Elsalill begriff, daß er die Tote nicht sah. Er sprach nicht von ihr,

sondern von jemandem, der stets in seinen Gedanken war.

Elsalill blieb an der Luke stehen und verfolgte alles, was geschah. Sie

dachte, daß sie gar zu gerne wissen wollte, wer es wäre, an den Sir

Archie beständig dachte.

Plötzlich merkte sie, daß die Tote sich auf die Bank neben Sir Archie

gesetzt hatte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

Aber Sir Archie wußte noch immer nichts davon, daß sie ihm so nahe war

und daß sie dasaß und ihm ins Ohr flüsterte. Er merkte ihre Gegenwart

nur durch die furchtbare Angst, die über ihn kam.

Elsalill sah, daß Sir Archie, nachdem die Tote ein paar Augenblicke

neben ihm gesessen und ihm ins Ohr geflüstert hatte, seinen Kopf in die

Hände sinken ließ und weinte: »Ach, hätt' ich doch niemals die junge

Jungfrau gefunden!« sagte er. »Ich bereue nichts anderes, als daß ich

die junge Jungfrau nicht verschonte, als sie mich anflehte.«

Die beiden anderen Schotten hörten zu trinken auf und sahen Sir Archie

erschrocken an, der solchermaßen alle Männlichkeit ablegte und sich der

Reue hingab. Ein Weilchen saßen sie ratlos da, aber dann ging einer von

ihnen zum Schanktisch hin, nahm die größte Trinkkanne, die dort stand,

und füllte sie mit rotem Wein. Dann ging er auf Sir Archie zu, schlug

ihm auf die Schulter und sagte: »Trinke, Bruderherz: Noch währt Herrn

Arnes Schatz! Solange wir die Mittel haben, uns solchen Wein zu schaffen

wie diesen, braucht der Kummer nicht Macht über uns zu gewinnen.«

Aber in demselben Augenblick, in dem dies gesprochen war: »Trinke,

Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz,« sah Elsalill, wie die Tote

sich von der Bank erhob und verschwand.

Und zugleich sah Elsalill drei Männer vor sich, die große Bärte und

zottige Fellgewänder hatten und mit Herrn Arnes Leuten kämpften. Und nun

erkannte sie, daß dies die drei Männer waren, die im Keller saßen: Sir

Archie, Sir Philip und Sir Reginald.

3

Elsalill verließ das Kämmerlein, wo sie gestanden und die Becher der

Wirtin gespült hatte, und schloß sacht die Türe hinter sich zu. In dem

schmalen Gange davor blieb sie stehen. Sie lehnte sich an die Wand und

stand da wohl eine Stunde regungslos.

Während sie so stand, dachte sie bei sich selbst: Ich kann ihn nicht

verraten. Was er auch Böses getan haben mag, ich bin ihm doch von ganzem

Herzen gut. Ich kann ihn nicht auf das Rad und an den Galgen bringen.

Ich kann nicht sehen, wie sie ihm Hand und Fuß abbrennen.

Der Sturm, der den ganzen Tag gerast hatte, nahm zu und wurde immer

gewaltiger, je mehr der Abend vorschritt, und Elsalill hörte sein

starkes Brausen, wie sie da in der Dunkelheit stand.

Nun ist der erste Frühlingssturm gekommen, dachte sie. Nun ist er

gekommen in aller seiner Gewalt, um das Meer frei zu machen und das Eis

zu brechen. In ein paar Tagen werden wir offenes Wasser haben, und dann

wird Sir Archie von dannen ziehen, und niemals kehrt er wieder. Er wird

keine ferneren Missetaten in diesem Lande begehen. Wozu soll es dann

frommen, daß er gefangen und gestraft wird? Weder die Toten noch die

Lebenden haben Freude daran.

Elsalill zog den Mantel um sich. Sie dachte, daß sie heimgehen und sich

still an ihre Arbeit setzen wolle, ohne irgendeiner Menschenseele das

Geheimnis zu verraten.

Aber bevor sie noch den Fuß erhoben hatte, um zu gehen, hatte sie auch

schon ihr Vorhaben aufgegeben und blieb stehen.

Sie stand still und hörte den Sturm brausen. Sie dachte wieder daran,

daß es nun bald Frühling werden würde. Der Schnee würde schmelzen und

die Erde sich in Grün kleiden.

Daß Gott sich erbarme, was wird dies für ein Frühling für mich, dachte

Elsalill. Nicht Freude noch Glück kann mir nach dieses Winters Kälte

mehr grünen.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 5 / 18 段