Torarin stand lange unten an der Tür und betrachtete die, die am Tische

saßen. Sie sahen alle ängstlich und betrübt aus, und auch Herr Arne saß

schwermütig da wie die anderen und stützte das Haupt in die Hand.

Endlich sah Torarin, daß Herr Arne den Kopf erhob.

»Bringst du jemand Fremdes mit in die Stube, Pferdeknecht Olof?«

»Ja,« antwortete der Knecht, »es ist Torarin, der Fischkrämer, der heute

auf dem Thing in Branehög gewesen ist.«

Da schien Herr Arne fröhlicher auszusehen, und Torarin hörte ihn sagen.

»Tritt näher, Torarin, und laß uns die Neuigkeiten vom Thing hören! Hier

habe ich jetzt die halbe Nacht gesessen und auf dich gewartet!«

Das alles klang so wirklich und natürlich, daß Torarin anfing, sich

immer beherzter zu fühlen. Er ging ganz mutig durch die Stube, auf Herrn

Arne zu. Er fragte sich, ob es nicht ein böser Traum gewesen wäre, daß

Herr Arne ermordet sei, und ob er nicht in Wahrheit lebte.

Aber während Torarin durch die Stube ging, warf er aus alter Gewohnheit

einen Blick auf das Himmelbett, neben dem die große Geldtruhe zu stehen

pflegte. Aber die eisenbeschlagene Truhe stand nicht mehr auf ihrem

Platze, und als Torarin dies sah, durchlief ihn wieder ein Gruseln.

»Nun, Torarin, sage uns, wie es heute auf dem Thing abgelaufen ist,« hub

Herr Arne an.

Torarin suchte so zu tun, wie ihm geheißen war, und erzählte vom Thing

und von der Untersuchung, aber er konnte weder seiner Lippen noch seiner

Zunge Herr werden, sondern sprach schlecht und stammelnd.

Herr Arne unterbrach ihn auch sogleich: »Sag' mir nur das Wichtigste,

Torarin. Sind unsere Mörder gefunden und bestraft worden?«

»Nein, Herr Arne,« erkühnte sich da Torarin zu antworten. »Eure Mörder

liegen auf dem Grunde des Hakefjords. Wie wollt ihr, daß jemand Rache an

ihnen nehme?«

Als Torarin diese Antwort gab, schien in Herrn Arne wieder seine alte

Laune zu fahren, und er schlug mit der Hand hart auf den Tisch. »Was

sagst du da, Torarin? Der Amtmann auf Bohus wäre mit seinen Beiständen

und Schreibern hier gewesen und hätte Thing gehalten, und da hätte ihm

niemand sagen können, wo er meine Mörder finden soll?«

»Nein, Herr Arne,« antwortete Torarin, »das kann ihm niemand unter den

Lebenden sagen.«

Herr Arne saß eine Weile mit gerunzelter Stirn und blickte düster vor

sich hin. Dann wandte er sich noch einmal an Torarin.

»Ich weiß, daß du mir ergeben bist, Torarin. Kannst du mir sagen, wie

ich Rache nehmen soll an meinen Mördern?«

»Ich kann es wohl verstehen, Herr Arne,« sagte Torarin, »daß Ihr

wünschet, Euch an jenen zu rächen, die Euch so unsanft des Lebens

beraubt haben. Aber es gibt niemand unter uns, die wir auf Gottes grüner

Erde wandeln, der Euch da behilflich sein könnte.«

Als Herr Arne diese Antwort erhalten hatte, versank er in tiefes

Grübeln.

Und es entstand ein langes Stillschweigen. Nach einer Weile wagte

Torarin sich mit einer Bitte hervor.

»Ich habe nun Euren Wunsch erfüllt, Herr Arne, und Euch gesagt, wie es

auf dem Thinge abgelaufen ist. Habt Ihr mich noch etwas zu fragen, oder

wollt Ihr mich jetzt ziehen lassen?«

»Du sollst nicht gehen, Torarin,« sagte Herr Arne, »ehe du mir nicht

noch einmal geantwortet hast, ob keiner der Lebenden uns rächen kann.«

»Nicht, wenn alle Männer aus Bohuslän und Norwegen zusammenkämen, um

Rache an Euern Mördern zu nehmen, würden sie imstande sein, sie zu

finden,« sagte Torarin.

Da sprach Herr Arne:

»Wenn die Lebenden uns nicht helfen können, müssen wir uns selber

helfen.«

Damit begann Herr Arne mit lauter Stimme ein Vaterunser zu beten, aber

nicht auf norwegisch, sondern auf lateinisch, wie es vor seiner Zeit im

Lande der Brauch gewesen war. Und bei jedem Worte des Gebetes, das er

aussprach, wies er mit dem Finger auf einen von denen, die mit ihm am

Tische saßen. Er ging sie auf diese Weise mehrere Male durch, bis er zum

Amen kam. Aber als er dieses Wort sagte, streckte er den Finger gegen

das junge Jüngferchen aus, das seine Sohnestochter war.

Die junge Jungfrau erhob sich allsogleich von der Bank, und Herr Arne

sagte zu ihr: »Du weißt, was du zu tun hast.«

Da klagte die junge Jungfrau gar sehr und sagte: »Sende mich nicht mit

diesem Auftrag aus. Das ist ein zu schweres Beginnen für eine so

schwache Jungfrau wie ich.«

»Ganz gewiß sollst du gehen,« sagte Herr Arne. »Es ist nur billig, daß

du gehst, denn du hast am meisten zu rächen. Niemandem von uns sind so

viele Jahre des Lebens geraubt worden wie dir, die die Jüngste unter uns

ist.«

»Ich begehre nicht nach Rache an irgendeinem Menschen,« sagte die

Jungfrau.

»Du sollst allsogleich gehen,« sagte Herr Arne, »und du wirst nicht

alleine stehen. Du weißt, daß es unter den Lebenden zwei gibt, die vor

acht Tagen hier mit uns an diesem Tische saßen.«

Aber als Torarin Herrn Arne dieses sagen hörte, glaubte er zu verstehen,

daß Herr Arne ihn ausersähe, gegen Missetäter und Mörder zu kämpfen, und

er rief:

»Um Gottes Barmherzigkeit willen beschwöre ich Euch, Herr Arne -- -- --«

Im selben Augenblick deuchte es Torarin, daß Herr Arne und der Pfarrhof

in einen Nebel verschwänden, und er selbst sank tief hinab, als fiele er

von einer schwindelnden Höhe, und damit verlor er das Bewußtsein.

Als er wieder zum Leben erwachte, begann der Morgen zu dämmern. Da sah

er, daß er im Hofe des Solberger Pfarrhauses auf dem Boden lag. Das

Pferd mit dem beladenen Wagen stand neben ihm, und Grim bellte und

heulte über ihm.

»Es war alles nur ein Traum,« sagte Torarin, »nun sehe ich es ein. Der

Hof ist öde und zerstört. Ich habe weder Herrn Arne gesehen noch

irgendeinen andern. Aber ich habe mich im Traume so erschreckt, daß ich

vom Wagen heruntergestürzt bin.«

Im Mondenschein

Als vierzehn Tage seit Herrn Arnes Tod verstrichen waren, kamen ein paar

Nächte mit starkem, klarem Mondschein. Und eines Abends war Torarin

unterwegs und fuhr durch den Mondschein. Einmal ums andre hielt er das

Pferd an, als fiele es ihm schwer, den Weg zu finden. Und er fuhr doch

durch keinen irrsamen Wald, sondern über etwas, was wie eine offene

Ebene aussah, worauf sich steinige Hügel in Mengen erhoben.

Die ganze Gegend war von weißem, schimmerndem Schnee bedeckt. Er war bei

gutem Wetter still und gleichmäßig gefallen, er lag nicht in Haufen oder

Wirbeln. So weit das Auge reichte, gab es nichts anderes als die gleiche

glatte Ebene und die gleichen steinigen Hügel.

»Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »wenn wir dies heute abend zum ersten

Male sähen, dann würden wir wohl glauben, daß wir über eine große Heide

zögen. Aber wir würden uns wohl darüber verwundern, daß der Boden so

eben ist und der Weg ohne Steine oder Gruben. Was ist dies für eine

Gegend, würden wir sagen, wo es weder Gräben noch Zäune gibt, und wie

kommt es, daß kein Strauch und kein Hälmchen aus dem Schnee hervorguckt?

Und warum sehen wir keine Flüsse oder Bächlein, die doch sonst selbst in

der strengsten Kälte ihre schwarzen Furchen durch die weißen Felder

ziehen?«

Torarin ergötzte sich sehr an diesen Gedanken, und auch Grim fand

Gefallen an ihnen. Er regte sich nicht von seinem Platz auf der

Wagenladung, sondern lag still und blinzelte.

Aber gerade, als Torarin seine Rede geschlossen hatte, fuhr er an einer

hohen Stange vorbei, an der ein Büschel festgebunden war.

»Wenn wir hier fremd wären, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »dann

würden wir uns wohl fragen, was dies für eine Heide sei, wo sie

dieselben Zeichen aufstellen, wie man sie auf dem Meere benutzt. Dies

kann doch wohl nicht das Meer selber sein, würden wir schließlich sagen.

Aber das würde uns wohl ganz unmöglich vorkommen. Was so stetig und

sicher daliegt, sollte das bloßes Wasser sein? Und alle diese

Felsenhügel, die da so fest vereint ruhen, sollten es nur Inseln und

Schären sein, die durch wallende Wellen geschieden wären? Nein, wir

können es nicht glauben, daß dieses möglich sei, Grim, mein Hund.«

Torarin lachte, und Grim lag noch immer still und regungslos. Torarin

fuhr weiter, bis er um einen hohen Felsenhügel bog. Da stieß er einen

Ausruf aus, als hätte er etwas Merkwürdiges gesehen. Er tat sehr

erstaunt, zog die Zügel an und schlug die Hände zusammen.

»Grim, mein Hund, und du wolltest nicht glauben, daß dies das Meer sei!

Jetzt siehst du doch, was es ist. Richte dich auf, dann wirst du sehen,

daß hier vor uns ein großes Fahrzeug liegt. Du wolltest das Seezeichen

nicht kennen, aber hierin kannst du dich nicht täuschen. Jetzt kannst du

wohl nicht mehr leugnen, daß es das Meer selbst ist, worüber wir

ziehen.«

Torarin blieb noch eine Weile stehen und betrachtete ein großes

Fahrzeug, das im Eise eingefroren dalag. Es sah ganz verirrt aus, wie es

da mit der glatten weißen Schneedecke um sich herum dalag.

Aber als Torarin sah, daß ein schwacher Rauch aus dem Hinterteil des

Fahrzeugs aufstieg, fuhr er hin und rief den Schiffer an, um zu hören,

ob er ihm Fische abkaufen wolle. Er hatte nur noch ein paar Dorsche auf

dem Grunde seines Wagens, da er im Laufe des Tages zu allen den Schuten

gefahren war, die in den Schären eingefroren lagen, und ihnen Fische

verkauft hatte.

Da an Bord saß der Schiffer mit seinen Leuten in trübseligster Laune.

Sie kauften dem Handelsmanne Fische ab, nicht weil sie sie gebraucht

hätten, sondern um jemanden zu haben, mit dem sie sprechen könnten.

Als sie zu Torarin hinunter aufs Eis kamen, steckte dieser eine

unschuldige Miene auf.

Er begann mit ihnen vom Wetter zu sprechen. »Seit Menschengedenken hat

es kein so schönes Wetter gegeben wie heuer,« sagte Torarin. »Seit

beinahe drei Wochen haben wir jetzt ruhige Luft und strenge Kälte. Das

ist anders, als wir es sonst in den Schären gewohnt sind.«

Aber der Schiffer, der mit seiner Galeasse voll Heringstonnen dalag und

in einer Bucht nahe bei Marstrand eingefroren war, gerade als er sich

anschicken wollte, ins Meer hinaus zu steuern, sah Torarin ingrimmig an

und antwortete:

»Ja so, das nennst du schönes Wetter?«

»Wie sollte ich es sonst nennen?« sagte Torarin. Er sah unschuldig aus

wie ein Kind. »Der Himmel ist klar und ruhig und blau, und die Nacht ist

ebenso schön wie der Tag. Nie zuvor habe ich es erlebt, daß ich so Woche

für Woche auf dem Eise umherfahren konnte. Das Meer friert hier draußen

nicht so häufig zu, und wenn es einmal einen Winter vereist war, so kam

immer gleich ein Sturm und riß es in wenigen Stunden wieder auf.«

Der Schiffer stand finster und verdüstert da; er antwortete gar nicht

auf Torarins Geschwätz. Da begann Torarin zu fragen, warum er sich nicht

nach Marstrand hinein begebe. »Es ist ja eine Wanderung von nicht mehr

als einer Stunde über das Eis,« sagte Torarin.

Darauf erhielt er auch keine Antwort. Torarin begriff, daß der Mann die

Galeasse keinen Augenblick verlassen wollte, aus Furcht, nicht zur

Stelle zu sein, wenn das Eis bräche. Selten habe ich jemanden mit so

sehnsuchtskranken Augen gesehen, dachte Torarin.

Aber der Schiffer, der nun Tag für Tag zwischen den Schären

eingeschlossen dagesessen hatte, ohne sein Segel hissen und ins Meer

hinaussteuern zu können, hatte inzwischen mancherlei Gedanken gedacht,

und er sagte zu Torarin:

»Du, der da überall herumzieht und von allem reden hört, was sich

zuträgt, weißt du, warum Gott dieses Jahr die Wege ins Meer hinaus

solange verschließt und uns alle in Gefangenschaft hält?«

Als er dies sagte, hörte Torarin zu lächeln auf, aber er stellte sich

unwissend und sagte: »Jetzt weiß ich nicht, wie du dies meinst.«

»Je nun,« sagte der Schiffer, »ich lag einmal einen ganzen Monat im

Hafen von Bergen, und es blies alle Tag Gegenwind, so daß kein Schiff in

See stechen konnte. Aber an Bord von einem der Schiffe, die im Hafen

eingeschlossen waren, war ein Mann, der in Kirchen gestohlen hatte, und

er wäre entkommen, wenn der Sturm nicht gewütet hätte. Nun gelang es

ihnen, auszukundschaften, wo er sich befand, und sobald er ans Land

gebracht war, kam sogleich schönes Wetter und guter Wind. Verstehst du

nun, was ich meine, wenn ich frage, ob du weißt, warum Gott die Pforten

des Meeres verschlossen hält?«

Torarin stand nun eine Weile schweigend da. Es sah aus, als hätte er

nicht übel Lust, mit ernsten Worten zu entgegnen. Aber er schlug es sich

aus dem Sinn und sagte: »Du wirst ganz kopfhängerisch davon, daß du hier

zwischen den Schären eingeschlossen dasitzest. Warum begibst du dich

nicht nach Marstrand? Ich will dir sagen, daß dort ein fröhliches Leben

geführt wird. Da gehen Hunderte von Fremden herum, die nichts anderes zu

tun haben, als zu tanzen und zu trinken.«

»Warum geht es denn dort so fröhlich zu?« fragte der Schiffer.

»Ach,« sagte Torarin, »dort sind Seeleute, deren Schiffe eingefroren

sind wie das deine. Da sind auch eine Menge Fischer, die eben ihren

Heringfang beendigt hatten, als sie durch das Eis verhindert wurden,

heimzufahren. Und da gehen vielleicht hundert schottische Söldlinge

herum, die von ihrem Kriegsdienst beurlaubt sind und hier auf die

Gelegenheit warten, heimzufahren nach Schottland. Glaubst du, daß alle

diese die Köpfe hängen ließen und die Gelegenheit verabsäumten, sich

frohe Tage zu machen?«

»Ja, es mag wohl sein, daß die Leute sich vergnügen können, aber mir ist

es nun einmal am liebsten, hier zu warten,« sagte der Schiffer.

Torarin warf einen raschen Blick auf ihn. Der Schiffer war ein großer

magerer Mann. Seine Augen waren hell und wasserklar, mit schwermütigem

Blick. Diesen Mann kann ich nicht froh machen, und ein andrer auch

nicht, dachte Torarin.

Noch einmal begann der Schiffer aus freien Stücken mit ihm zu sprechen.

»Diese schottischen Krieger,« sagte er, »sind das ordentliche Leute?«

»Sollst du sie am Ende nach Schottland hinüberführen?« sagte Torarin.

»Ja,« sagte der Schiffer, »ich habe eine Ladung nach Edinburg, und einer

von ihnen ist eben hier bei mir gewesen und hat mich gebeten, sie

mitzunehmen. Aber ich liebe es nicht, mit solchen wilden Gesellen an

Bord zu segeln, und ich habe ihn um Bedenkzeit gebeten. Hast du etwas

über sie gehört? Glaubst du, daß ich es wagen kann, sie aufzunehmen?«

»Ich habe nichts anderes von ihnen gehört, als daß sie tapfere Leute

sein sollen. Sicherlich kannst du sie mitnehmen.«

Aber in demselben Augenblick, wo Torarin dies sagte, richtete sich sein

Hund auf dem Wagen auf, streckte die Schnauze in die Luft und begann zu

heulen.

Torarin brach da sogleich das Lob der Schotten ab.

»Was hast du nur, Grim, mein Hund?« sagte er. »Findest du, daß ich gar

zu lange auf dem Eise stille stände und die Zeit verschwätzte?«

Er machte sich bereit, weiterzufahren. »Ja, lebt wohl, hier draußen,«

sagte er.

Torarin fuhr durch den schmalen Sund zwischen der Kleeinsel und der

Kuhinsel nach Marstrand zu. Als er soweit gekommen war, daß er Marstrand

sehen konnte, merkte er, daß er sich nicht allein auf dem Eise befand.

Im klaren Mondenschein sah er einen hohen Mann in stolzer Haltung über

den Schnee wandern. Er sah, daß er einen federgeschmückten Hut und reich

ausstaffierte Kleider mit weiten Puffen trug.

»Sieh da,« sagte Torarin zu sich selbst, »da geht Sir Archie, der

Anführer der Schotten, der heute abend auf der Galeasse gewesen ist, um

sich die Überfahrt nach Schottland zu sichern.«

Torarin war dem Manne so nahe, daß er schon seinen langen Schatten

eingeholt hatte, der hinter ihm herglitt. Sein Pferd setzte gerade die

Hufe auf die Hutfedern des Schattenbildes.

»Grim,« sagte Torarin, »sollen wir ihn fragen, ob er mit uns in die

Stadt fahren will?«

Der Hund begann sich sogleich aufzurichten, aber Torarin legte ihm

beschwichtigend die Hand auf den Rücken. »Sei nur ruhig, Grim, mein

Hund! Ich sehe, daß du die Schottischen nicht liebst!«

Sir Archie hatte nicht bemerkt, daß ihm jemand so nahe war. Er ging

weiter, ohne sich umzusehen. Torarin bog ganz sachte zur Seite, um an

ihm vorbeizukommen.

Aber im selben Augenblick gewahrte Torarin hinter dem schottischen Herrn

etwas, was noch einem zweiten Schatten glich. Er sah etwas, was lang und

dünn und grau war und über den Boden hinschwebte, ohne Fußspuren auf dem

Wege zu hinterlassen und ohne den weißen Schnee zum Knirschen zu

bringen.

Der Schotte ging mit großen Schritten vorwärts. Er sah sich weder nach

rechts noch nach links um. Aber der graue Schatten glitt von rückwärts

an ihn heran, so nahe, daß es aussah, als wollte er ihm etwas ins Ohr

flüstern.

Torarin fuhr behutsam vorwärts, bis er in gleiche Linie mit ihnen beiden

kam. Da sah er das Gesicht des Schotten im klaren Mondschein. Er ging

mit zusammengezogenen Augenbrauen und sah unmutig aus, als würde er von

einem Gedanken beschäftigt, der ihm Mißbehagen verursachte.

Gerade als Torarin an ihm vorbeifuhr, drehte er sich um und blickte

hinter sich, als hätte er jemandes Anwesenheit bemerkt.

Torarin sah deutlich, daß hinter Sir Archie eine junge Jungfrau in

schleppendem, grauem Gewande einherschlich, aber Sir Archie sah sie

nicht. Als er den Kopf wandte, stand sie regungslos still, und Sir

Archies eigener Schatten legte sich dunkel und breit über sie und

verdeckte sie.

Sir Archie wandte sich sogleich um und setzte seine Wanderung fort, und

wieder eilte die Jungfrau herbei und ging so, als ob sie ihm etwas ins

Ohr flüstere.

Aber als Torarin dies sah, packte ihn ein Grauen, das er nicht zu

bemeistern vermochte. Er schrie laut auf, und er hieb auf sein Pferd

ein, so daß er in vollem Galopp mit der schweißtriefenden Mähre vor der

Türe seiner Hütte anlangte.

Verfolgung

1

Auf jener Seite der Marstrandsinsel, die dem Schärenarchipel zugekehrt

und von einem Kranz von Inselchen geschützt war, lag die Stadt mit allen

ihren Häusern und Bauwerken. Da bewegten sich die Menschen in Straßen

und Gäßchen, da lag der Hafen, der voll von Booten und Schiffen war, da

wurden Heringe eingesalzen und Fische gereinigt, da lag die Kirche und

der Kirchhof, da waren das Rathaus und der Marktplatz, und da stand

mancher hohe Baum, der sich im Sommer grün belaubte.

Aber auf jener Hälfte der Marstrandsinsel, die vom offenen Meere umgeben

und nicht von Inseln oder Schären geschützt wurde, gab es nichts anderes

als einsame nackte Klippen und zerklüftete Bergvorsprünge, die ins Meer

hineinragten. Da war Heidekraut mit braunen Köpfchen und stechendes

Gestrüpp von Dornenbüschen, Höhlen für Ottern und Füchse, Nester für

Eidergänse und Möwen, doch keine Wege, keine Häuser und keine Menschen.

Torarins Hütte aber lag hoch oben auf dem Kamme der Insel, so daß sie

auf der einen Seite die Stadt hatte und auf der anderen die Wildnis. Und

wenn Elsalill die Tür öffnete, lagen vor ihr breite nackte

Felsenplatten, von denen sie weit nach Westen blicken konnte, bis zu dem

dunkeln Rande, wo das Meer offen wogte.

Aber alle die Seeleute und Fischer, die in Marstrand eingefroren waren,

pflegten an Torarins Hütte vorbeizugehen, um die Klippen zu ersteigen

und zu sehen, ob Buchten und Sunde noch nicht angefangen hätten, ihre

Eisdecke abzuwerfen.

Elsalill stand manches liebe Mal in der Haustür und sah ihnen nach, wie

sie dort hinaufgingen. Sie war herzenstraurig nach dem großen Kummer,

der sie getroffen hatte, und sie dachte: Mich dünkt, daß alle glücklich

sind, die etwas haben, wonach sie sich sehnen können. Aber ich habe auf

der weiten Welt nichts zu erwünschen.

Eines Abends sah Elsalill, wie ein hochgewachsener Mann, der einen

breitrandigen Hut mit einer großen Feder trug, oben auf den

Felsenplatten stand und nach Westen übers Meer hinausblickte wie alle

die andern. Und Elsalill sah sogleich, daß der Mann Sir Archie war, der

Anführer der Schotten, der unten auf der Brücke mit ihr gesprochen

hatte.

Als er auf dem Heimwege zur Stadt an der Hütte vorbeikam, stand Elsalill

noch immer in der Tür, und sie weinte.

»Warum weinst du?« fragte er und blieb vor ihr stehen.

»Ich weine, weil ich nichts habe, wonach ich mich sehnen kann,« sagte

Elsalill. »Als ich Euch auf der Klippe stehen und über das Meer

hinausblicken sah, da dachte ich: Sicherlich hat er dort oben auf der

anderen Seite des Meeres ein Heim, wohin er nun fahren will.«

Da wurde es Sir Archie weich ums Herz, so daß er sagte: »Seit langen

Jahren hat niemand mit mir von meinem Heim gesprochen. Weiß Gott, wie es

auf meines Vaters Hof steht. Als ich siebzehn Jahre zählte, zog ich von

dort fort, um in fremden Heeren zu dienen.«

Damit trat Sir Archie in die Hütte zu Elsalill, und er begann mit ihr

von seinem Elternhause zu reden.

Und Elsalill saß stumm da und hörte Sir Archie lange und inbrünstig zu.

Sie fühlte sich glücklich über jedes Wort, das sie Sir Archie sagen

hörte.

Aber als die Zeit herankam, wo Sir Archie gehen wollte, bat er Elsalill,

sie küssen zu dürfen.

Da sagte Elsalill nein und eilte fort zur Türe, aber Sir Archie stellte

sich ihr in den Weg und wollte sie zwingen.

In demselben Augenblick ging die Tür der Hütte auf, und die Hausmutter

kam sehr hastig herein.

Da wich Sir Archie von Elsalill zurück. Er bot ihr nur die Hand zum

Abschied und eilte von dannen.

Aber Torarins Mutter sagte zu Elsalill: »Es war recht von dir, daß du

mir Botschaft sandtest. Es ist nicht ziemlich für eine Jungfrau, mit

einem solchen Manne wie Sir Archie allein in der Hütte zu sein. Das

weißt du wohl: ein Söldling hat weder Ehre noch Gewissen.«

»Ich hätte Euch Botschaft gesandt?« sagte Elsalill erstaunt.

»Ja,« antwortete die Alte, »als ich auf der Brücke bei der Arbeit stand,

kam ein kleines Jungfräulein, das ich nie zuvor gesehen habe, und sagte,

du schicktest mir Grüße und bätest, ich solle heimkommen.«

»Wie sah die Jungfrau aus?« fragte Elsalill.

»Ich sah sie nicht so genau an, daß ich dir sagen könnte, wie sie

aussah,« antwortete die Alte. »Aber eines merkte ich, sie ging so leicht

über den Schnee, daß kein Laut vernehmbar war.«

Als Elsalill dies hörte, wurde sie ganz bleich, und sie sagte: »Dann war

es wohl einer von Gottes Engeln, der Euch Kunde brachte und Euch nach

Hause führte.«

2

Ein anderes Mal saß Sir Archie in Torarins Hütte und plauderte mit

Elsalill.

Die beiden waren allein. Sie sprachen fröhlich miteinander und waren

ganz vergnügt.

Sir Archie saß da und sprach mit Elsalill davon, daß sie ihn nach

Schottland begleiten solle. Dort wolle er ihr ein Schloß bauen und sie

zu einer vornehmen Burgfrau machen. Er sagte ihr, sie würde hundert

Zofen unter sich haben und am Hofe des Königs tanzen.

Elsalill saß stumm da und lauschte jedem Worte, das Sir Archie zu ihr

sagte, und sie glaubte sie alle. Und Sir Archie fand, daß er niemals ein

Mägdlein getroffen hatte, das so leicht zu betören gewesen wäre wie

Elsalill.

Plötzlich ward Sir Archie ganz stumm und sah hinab auf seine linke Hand.

»Was habt Ihr, Sir Archie, warum sprecht Ihr nicht weiter?« fragte

Elsalill.

Sir Archie öffnete und schloß die Hand krampfhaft. Er wand sie hin und

her.

»Was ist Euch, Sir Archie?« fragte Elsalill. »Ihr habt doch nicht am

Ende Schmerzen in Eurer Hand?«

Da wendete sich Sir Archie mit verstörtem Gesicht Elsalill zu und sagte:

»Siehst du das Haar, Elsalill, das sich um meine Hand schlingt? Siehst

du die lichte Haarlocke?«

Als er zu sprechen begann, sah die junge Jungfrau nichts, aber noch ehe

er geendet, sah sie, wie eine Schlinge aus hellem, feinem Haar sich ein

paarmal um Sir Archies Hand ringelte.

Und die junge Jungfrau sprang entsetzt auf und rief: »Sir Archie, wessen

Haar ist dies, das Ihr um Eure Hand geschlungen habt?«

Sir Archie blickte bestürzt und ratlos zu ihr hin. »Ich fühle, Elsalill,

daß es wirkliches Haar ist. Es legt sich kühl und weich um die Hand.

Aber wo ist es hergekommen?«

Die Jungfrau saß da und starrte die Hand mit Augen an, die ihr aus dem

Kopfe zu treten schienen.

»So lag meiner Milchschwester Haar um die Hand dessen geschlungen, der

sie tötete,« sagte sie.

Aber nun begann Sir Archie zu lachen. Rasch zog er seine Hand zurück.

»Sieh,« sagte er, »du und ich, Elsalill, wir lassen uns erschrecken wie

kleine Kinder. Es war nichts anderes als ein paar starke Sonnenstrahlen,

die durch das Fenster hereinfielen.«

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 4 / 18 段