Das ist ja wahr, dachten sie. Gott hat Herrn Arne in den größten

Gefahren beschützt. Er hält seine Hand über ihm. Er läßt seinen Diener

nicht untergehen.

3

Als Torarin auf die Straße hinausfuhr, kam ihm sein Hund Grim entgegen

und sprang auf die Fuhre hinauf. Als Torarin sah, daß der Hund vor dem

Pfarrhof gewartet hatte, wurde er aufs neue unruhig. »Lieber, warum

stehst du den ganzen Abend hier unterm Tore? Warum gehst du nicht in die

Hütte und läßt dir einen Abendimbiß geben?« sagte er zum Hunde. »Kann

Herrn Arne etwas Böses bevorstehen? Vielleicht habe ich ihn zum

letztenmal gesehen. Aber auch ein solcher Recke wie er muß wohl einmal

sterben. Er ist nun wohl an die neunzig Jahre alt.«

Er lenkte das Pferd auf einen Weg, der an dem Hofe Branehög vorbei hinab

nach Ödmalsskil führte.

Als er nach Branehög kam, sah er, daß Schlitten auf dem Hofe standen und

ein Lichtschein durch die verschlossenen Fensterladen drang.

Da sagte Torarin zu Grim. »Hier sind die Leute noch auf. Ich will

hineinfahren und fragen, ob sie heute abend hier im Hause Messer

geschliffen haben.«

Er fuhr in den Hof, aber als er die Tür zur Stube öffnete, sah er, daß

darinnen ein Gastmahl abgehalten wurde. Auf den Bänken, den Wänden

entlang, saßen alte Männer und tranken Bier, und auf der Diele gingen

die Jungen umher und spielten und tanzten.

Torarin sah sogleich, daß hier niemand daran dachte, seine Waffen zu

blutiger Tat zu bereiten. Er schlug die Türe wieder zu und wollte seiner

Wege gehen, aber der Herr des Hauses kam ihm nach. Er bat Torarin, zu

bleiben, da er nun einmal gekommen wäre, und zog ihn mit hinein in die

Stube.

Torarin saß eine gute Weile in großem Behagen da und plauderte mit den

Bauern. Sie waren sehr aufgeräumt, und Torarin war es zufrieden, sich

alle düsteren Gedanken aus dem Sinne zu schlagen.

Aber Torarin war nicht der einzige, der an diesem Abend spät zum

Gastmahl kam. Lange nachher traten ein Mann und eine Frau zur Türe

herein. Sie waren dürftig gekleidet, und sie blieben verzagt in der Ecke

zwischen der Tür und dem Herde stehen.

Der Wirt ging sogleich zu den beiden Gästen hin. Er nahm sie beide bei

der Hand und führte sie hinauf in die Stube. Dann sagte er zu den

übrigen. »Ist es nicht wahr, was man sagt: die, die den kürzesten Weg

haben, kommen am spätesten ans Ziel? Dies sind meine nächsten Nachbarn.

Es gibt keine anderen Ansiedler hier in Branehög, als sie und mich.«

»Sage lieber gleich, daß es keine gibt außer dir,« sagte der Mann. »Du

kannst mich nicht einen Ansiedler nennen. Ich bin nur ein armer Köhler,

den du auf deinem Boden bauen ließest.«

Der Mann setzte sich neben Torarin, und sie begannen miteinander zu

sprechen. Der neue Ankömmling erzählte Torarin, warum er so spät zum

Gastmahl käme. Das wäre, weil sie daheim in ihrer Hütte einen Besuch

gehabt hätten, den sie nicht allein zu lassen wagten. Es wären drei

Gerbergesellen, die den ganzen Tag bei ihnen verbracht hätten. Am

Morgen, als sie gekommen wären, wären sie ermattet und krank gewesen.

Sie hätten gesagt, sie seien eine ganze Woche im Walde umhergeirrt. Aber

nachdem sie gegessen und geschlafen hätten, wären sie bald zu Kräften

gekommen, und am Abend hätten sie gefragt, welches Gehöft das reichste

und größte in der Gegend sei. Dorthin wollten sie gehen, um Arbeit zu

suchen. Die Frau hätte ihnen geantwortet, daß der Pfarrhof, wo Herr Arne

wohnte, das ansehnlichste Anwesen wäre. Da hätten sie alsogleich aus

ihren Ränzeln lange Messer gezogen und angefangen, sie zu schleifen.

Dies hätten sie eine gute Weile fortgesetzt, und dabei hätten sie so

wild ausgesehen, daß der Köhler und sein Weib nicht gewagt hätten, das

Haus zu verlassen. »Ich sehe sie noch vor mir, wie sie dasaßen und mit

ihren Messern knirschten,« sagte der Mann. »Sie sahen furchtbar aus, sie

hatten große Bärte, die sie so manchen Tag nicht gestutzt oder gepflegt

hatten, und sie waren in zottige Fellröcke gekleidet, die zerfetzt und

schmutzig waren. Ich glaubte, es seien zwei Werwölfe in die Stube

gekommen. Ich war froh, als sie sich endlich trollten.«

Als Torarin dies hörte, erzählte er dem Köhler, was er selbst im

Pfarrhof mitgemacht hatte.

»Also war es doch wahr, daß sie heute abend in Branehög Messer

schliffen,« sagte Torarin und lachte. Er hatte viel getrunken, weil er

so traurig und bedrückt auf den Hof gekommen war. Und so hatte er denn

versuchen müssen, sich zu trösten, so gut er konnte. »Nun bin ich wieder

froh,« sagte er, »da ich jetzt weiß, daß die Pfarrersfrau kein anderes

Vorzeichen gehört hat als ein paar Gerber, die ihre Werkzeuge in Ordnung

brachten.«

4

Lange nach Mitternacht traten ein paar Männer aus der Stube auf

Branehög, um ihre Pferde anzuschirren und heimzufahren.

Als sie auf den Hof kamen, sahen sie im Norden eine Feuersbrunst zum

Himmel flackern. Sie eilten sogleich in die Stube zurück und riefen:

»Stehet auf! Stehet auf! Der Pfarrhof von Solberga steht in Flammen!«

Es waren viele Leute bei dem Gastmahl, und wer ein Pferd hatte, schwang

sich darauf und eilte zum Pfarrhof, aber beinahe ebenso rasch kamen die

ans Ziel, die auf ihren eigenen flinken Füßen hinlaufen mußten. Als die

Leute zum Pfarrhof kamen, schien da kein Mensch auf zu sein, sondern

alle schienen zu schlafen, obgleich das Feuer hoch zum Himmel loderte.

Aber es war keines der Häuser, das brannte, sondern ein großer Haufen

Reisig und Stroh und Holz, der an der Wand des alten Pfarrhauses

aufgeschichtet war. Er konnte noch nicht lange gebrannt haben. Die

Flammen hatten gerade nur das gute Zimmerholz der Wand geschwärzt und

den Schnee auf dem Strohdache zum Schmelzen gebracht. Jetzt war jedoch

das Stroh des Daches im Begriffe anzubrennen. Alle begriffen sogleich,

daß dies ein Mordbrand war. Sie fingen zu zweifeln an, ob Herr Arne und

seine Hausgenossen wirklich schliefen, oder ob ein Unglück sie getroffen

hätte.

Aber bevor die Retter in das Haus drangen, wälzten sie mit langen

Stangen den brennenden Scheiterhaufen von der Hauswand fort und

kletterten auf das Dach und rissen das Stroh ab, das zu rauchen begonnen

hatte und nahe daran war, Feuer zu fangen.

Dann gingen ein paar Männer auf die Haustüre zu, um einzutreten und

Herrn Arne zu wecken, aber als der, der voranging, zur Schwelle kam,

wich er zur Seite und ließ einem den Vortritt, der nach ihm kam.

Dieser machte einen Schritt vorwärts, aber als er die Hand nach dem

Türgriff ausstrecken wollte, ging er zurück und machte jenen Platz, die

hinter ihm standen.

Es deuchte sie eine grausige Tür, die da zu öffnen war; denn es kam ein

breiter Blutstrom unter der Schwelle hervorgerieselt, und der Türgriff

war mit Blut besudelt.

Da ging die Türe vor ihnen auf, und Herrn Arnes Hilfsgeistlicher kam

heraus. Er taumelte auf die Männer zu, er hatte eine tiefe Wunde im

Kopfe und war blutüberströmt. Er stand einen Augenblick aufrecht und

reckte seine Hand empor, um Schweigen zu gebieten. Dann sagte er mit

röchelnder Stimme:

»In dieser Nacht ist Herr Arne und sein ganzes Haus von drei Männern

ermordet worden, die durch den Windfang des Daches hereingeklettert

kamen und in zottige Felle gehüllt waren. Sie stürzten sich über uns her

wie wilde Tiere und töteten uns.«

Mehr vermochte er nicht zu sagen. Er fiel vor den Füßen der Männer hin

und war tot.

Nun traten die Leute in das Haus und fanden alles so, wie der

Hilfspfarrer gesagt hatte.

Die große Eichentruhe, in der Herr Arne sein Geld verwahrte, war

verschwunden, und Herrn Arnes Pferd war aus dem Stalle genommen, und

sein Schlitten aus dem Schuppen.

Es führten Schlittenspuren vom Hofe über die Pfarrhofwiesen hinab zum

Meere, und ein Dutzend Männer eilten davon, um die Mörder zu greifen.

Aber die Frauen mühten sich um die Toten und trugen sie aus der

bluttriefenden Stube hinaus in den reinen Schnee.

Da fand man nicht alle von Herrn Arnes Hausgenossen, sondern einer

fehlte. Es war die arme Jungfrau, die Herr Arne in sein Haus aufgenommen

hatte. Da herrschte große Verwunderung, ob es ihr vielleicht geglückt

wäre, zu entfliehen, oder ob die Räuber sie mitgenommen hätten.

Aber als sie das ganze Haus genau durchsuchten, fanden sie sie zwischen

dem großen Ofen und der Wand versteckt. Sie hatte sich während des

Kampfes dort verborgen gehalten und war ganz unversehrt. Aber sie war

vom Schrecken so mitgenommen, daß sie nicht Rede noch Antwort stehen

konnte.

Auf den Brücken

Die arme Jungfrau, die von dem Blutbade verschont geblieben war, hatte

Torarin mit nach Marstrand genommen. Er hatte ein so großes Mitleid für

sie gefaßt, daß er ihr angeboten hatte, in seiner engen Hütte zu wohnen

und Speise und Trank mit ihm und seiner Mutter zu teilen.

Dies ist das einzige, was ich für Herrn Arne tun kann, dachte Torarin,

zum Lohn für alle die vielen Male, wo er mir meine Fische abgekauft hat

und mich an seinem Tische essen ließ.

So arm und gering ich auch bin, dachte Torarin, ist es doch besser für

die Jungfrau, daß sie mit mir in die Stadt kommt, als wenn sie hier bei

den Bauern bleibt. In Marstrand gibt es viele reiche Bürger, und die

Jungfrau wird vielleicht bei einem von ihnen einen Dienst finden und so

ihr gutes Auskommen haben.

In den ersten Tagen, nachdem die Jungfrau zur Stadt gekommen war, saß

sie da und weinte vom Morgen bis zum Abend. Sie jammerte über Herrn Arne

und sein Haus, und sie klagte, weil sie alle verloren hatte, die ihr

nahe standen. Am meisten jedoch wehklagte sie über ihre Milchschwester

und sagte, sie wünschte, sie hätte sich nicht an der Mauer versteckt, so

daß sie ihr in den Tod hätte folgen können.

Torarins Mutter sagte nichts dazu, solange der Sohn daheim war. Aber als

er wieder seine Fahrt angetreten hatte, sagte sie eines Morgens zu der

Jungfrau:

»Ich bin nicht so reich, Elsalill, daß ich dir Nahrung und Kleidung

geben kann, damit du hier mit den Händen im Schoße sitzest und deinen

Kummer hütest. Komm du mit mir hinunter auf die Brücken und lerne Fische

reinigen!«

Da ging Elsalill mit ihr hinunter auf die Brücken und stand den ganzen

Tag unter den anderen Fischerinnen und arbeitete.

Aber die meisten Frauen auf den Brücken waren jung und frohgemut. Sie

begannen mit Elsalill zu sprechen und fragten sie, warum sie so traurig

und stumm wäre.

Da begann Elsalill ihnen zu erzählen, was für ein Abenteuer ihr vor

nicht mehr als drei Nächten widerfahren war. Sie erzählte von den drei

Räubern, die durch den Windfang des Daches in die Stube gedrungen waren

und alle gemordet hatten, die ihr im Leben nahe standen.

Als Elsalill dies erzählte, fiel ein schwarzer Schatten auf den Tisch,

an dem sie stand und arbeitete. Und als sie aufsah, standen vor ihr drei

vornehme Herren, die breite Hüte mit großen Federn trugen und

Samtkleider mit großen Puffen, die mit Seide und Gold bestickt waren.

Einer von ihnen schien der Vornehmste zu sein. Er war sehr bleich, sein

Bart war geschoren, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Es hatte

den Anschein, als wäre er jüngst krank gewesen. Aber sonst sah er aus

wie ein fröhlicher und kühner Kavalier, der auf den besonnten Brücken

umherging, um die Leute seine schönen Kleider und sein schönes Gesicht

sehen zu lassen.

Elsalill hielt mit der Arbeit und mit der Erzählung inne. Sie stand mit

offenem Munde und aufgerissenen Augen da und betrachtete ihn. Und er

lächelte ihr zu.

»Wir sind nicht hergekommen, um dich zu erschrecken, Jungfrau,« sagte

er, »und wir bitten dich, daß du auch uns gestattest, deiner Erzählung

zu lauschen.«

Die arme Elsalill, niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie einen solchen

Mann gesehen. Sie vermeinte, vor ihm nicht sprechen zu können. Sie

schwieg nur und sah hinunter auf ihre Arbeit.

Da begann der Fremde noch einmal: »Sei doch nicht bange, Jungfrau. Wir

sind Schotten, die wohl an die zehn Jahre in den Diensten des Königs

Johann von Schweden gestanden haben, aber jetzt haben wir Urlaub und

wollen heimreisen. Wir sind nach Marstrand gekommen, um eine

Fahrgelegenheit nach Schottland hinüber zu finden, aber als wir

herkamen, lagen alle Sunde und Fjorde gefroren, und hier müssen wir nun

bleiben und warten. Wir haben keinerlei Beschäftigung, und darum

schlendern wir über die Brücken, um Leute zu treffen. Wir wären froh,

Jungfrau, wenn du uns deine Geschichte hören ließest.«

Elsalill begriff, daß er so lange sprach, um ihr Zeit zu geben, ihre

Fassung wiederzuerlangen. Endlich dachte sie bei sich selber: Du mußt

doch wohl zeigen, daß du nicht zu gering bist, um mit einem hohen Herrn

zu sprechen, Elsalill! Du bist doch eine Jungfrau von guter Geburt, und

keine Fischerdirne!

»Ich sprach nur von dem großen Blutbade im Pfarrhofe von Solberga,«

sagte Elsalill. »Es sind ihrer so viele, die davon zu erzählen wissen.«

»Ja,« sagte der Fremde, »aber ich wußte bis jetzt nicht, daß jemand von

Herrn Arnes Leuten mit dem Leben davongekommen ist.«

Da erzählte Elsalill noch einmal von dem Eindringen der wilden Räuber.

Sie erzählte, wie die alten Knechte sich um Herrn Arne geschart hatten,

um ihn zu schützen, und wie Herr Arne selbst sein Schwert von der Wand

gerissen hatte und auf die Räuber eingedrungen war, die aber hatten sie

alle besiegt. Und die alte Pfarrersfrau hatte das Schwert ihres Mannes

aufgehoben und war auf die Räuber losgegangen, aber sie hatten sie nur

ausgelacht und sie mit einem Holzscheit zu Boden geschlagen. Und alle

die anderen Frauen hatten sich auf die Ofenmauer verkrochen, aber als

die Männer tot waren, kamen die Mörder und rissen sie herunter und

mordeten sie. »Die letzte, die sie töteten,« sagte Elsalill, »war meine

liebe Pflegeschwester. Sie bat so flehentlich um ihr Leben, und zwei von

ihnen wollten es ihr schenken, aber der dritte sagte, alle müßten

sterben, und stach ihr sein Messer ins Herz.«

Solange Elsalill von Mord und Blut sprach, standen die drei Männer vor

ihr still. Sie tauschten keinen Blick miteinander, aber ihre Ohren

wurden gleichsam lang vom Horchen, und ihre Augen funkelten, und

zuweilen öffneten sich ihre Lippen, so daß die Zahnreihen

hervorleuchteten.

Elsalill stand da, die Augen voll Tränen, nicht ein einzigesmal sah sie

auf, während sie sprach. Sie sah nicht, daß der Mann vor ihr Augen und

Zähne hatte wie ein Wolf. Erst als sie zu Ende gesprochen hatte,

trocknete sie ihre Tränen und sah zu ihm auf.

Doch als er Elsalills Augen begegnete, veränderte sich sein Gesicht

alsogleich.

»Da du die Mörder so gut gesehen hast, Jungfrau,« sagte er, »hättest du

sie wohl sogleich wiedererkannt, wenn du ihnen begegnet wärest?«

»Hab' ich sie doch nicht anders gesehen als beim Schein der Kienspäne,

die sie aus dem Herde rissen, um sich beim Morden zu leuchten,« sagte

Elsalill, »aber dennoch würde ich sie mit Gottes Hilfe wohl

wiedererkennen. Und ich bete alle Tage zu Gott, daß ich ihnen begegnen

möchte.«

»Was meinst du damit, Jungfrau?« fragte der Fremde. »Ist es nicht wahr,

daß die mörderischen Wanderer tot sind?«

»Ja, das weiß ich wohl,« sagte Elsalill. »Die Bauern, die ihnen

nachjagten, verfolgten ihre Spuren vom Pfarrhofe bis zu einer Wake im

Eise. Bis dorthin sahen sie auf dem blanken Eisspiegel Spuren von

Schlittenkufen, Spuren von Pferdehufen, Fußstapfen von Menschen, die

harte, eisenbeschlagene Schuhe getragen hatten. Aber von der Wake

führten keine Spuren weiter über das Eis, und darum glaubten die Bauern,

daß alle tot wären.«

»Glaubst du, Elsalill, denn nicht, daß sie tot sind?« fragte der Fremde.

»Doch, ich glaube wohl, daß sie ertrunken sind,« sagte Elsalill, »und

dennoch bete ich jeden Tag zu Gott, daß sie entronnen sein möchten. Ich

spreche so zu Gott: Laß es so sein, daß sie nur mit Pferd und Schlitten

in die Wacke gefahren, daß sie selbst aber davongekommen sein möchten.«

»Warum wolltest du das, Elsalill?« fragte der Fremde.

Das zarte Mägdlein Elsalill, das warf den Kopf zurück, und ihre Augen

leuchteten: »Ich wollte wohl, daß sie lebten, damit ich sie ausfindig

machen und greifen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit ich ihnen

das Herz aus der Brust reißen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit

ich ihren Leib in vier Teile zerstückelt auf das Rad geflochten sähe.«

»Wie wolltest du dies alles bewerkstelligen?« sagte der Fremde. »Du bist

ja nur so ein schwaches, kleines Jungfräulein.«

»Wenn sie lebten,« sagte Elsalill, »dann würde ich sie schon der Strafe

zuführen. Lieber wollte ich selbst in den Tod gehen, als sie entrinnen

lassen. Sie mögen wohl stark und gewaltig sein, das weiß ich, aber mir

würden sie nicht entrinnen können.«

Da lächelte der Fremde, aber Elsalill stampfte mit dem Fuße.

»Wenn sie lebten, dann würde ich dessen wohl eingedenk sein, daß sie mir

mein Heim genommen haben, so daß ich jetzt eine arme Dirne bin, die auf

der kalten Brücke stehen und Fische schuppen muß. Ich würde mich dessen

erinnern, daß sie alle getötet haben, die mir nahe standen. Und

besonders würde ich mich seiner erinnern, der meine Milchschwester von

der Mauer herunterzerrte und sie mordete, die mir so hold gesinnt war.«

Aber als die kleine zarte Jungfrau so großen Zorn zeigte, da begannen

die drei schottischen Kriegsleute zu lachen. Sie waren so lachlustig,

daß sie ihrer Wege gingen, damit Elsalill keinen Anstoß daran nähme. Sie

gingen über den Hafen ein enges Gäßchen hinauf, das zum Marktplatz

führte. Aber noch lange, nachdem sie verschwunden waren, hörte Elsalill,

wie sie aus vollem Halse lachten, höhnisch und gellend.

Die Ausgesandte

Acht Tage nach seinem Tode wurde Herr Arne in der Kirche von Solberga

beigesetzt, und an demselben Tage wurde auf dem Thingplatze von Branehög

Untersuchung über den Mord gehalten.

Aber Herr Arne war ein wohlbekannter Mann in Bohuslän gewesen, und an

seinem Begräbnistage kamen so viele Menschen, vom Festlande wie von den

Schären, zusammen, daß es war, wie wenn ein Kriegsheer sich um seinen

Anführer sammelt. Und über die Felder zwischen der Kirche von Solberga

und Branehög wanderten so viele Leute, daß es am Abend keinen Zollbreit

Schnee gab, der nicht von Menschen niedergetreten war.

Doch spät nachts, als alle diese Leute ihrer Wege gezogen waren, kam

Torarin, der Fischkrämer, den Weg von Branehög herauf nach Solberga

gefahren.

Torarin hatte im Laufe des Tages mit vielen Menschen gesprochen. Wieder

und wieder hatte er von Herrn Arnes Tod erzählt. Er war auch auf dem

Thingplatze wohl verpflegt worden und hatte so manchen Bierkrug leeren

müssen, mit Wanderern, die von weither kamen.

Torarin fühlte sich schwer und träge, er hatte sich auf seiner Fuhre

niedergelegt. Er war betrübt, daß Herr Arne dahingegangen war, und als

er in die Nähe des Pfarrhofs kam, begannen ihn noch schwerere Gedanken

zu quälen. »Grim, mein Hund,« sagte er, »wenn ich an dieses Vorzeichen

mit den Messern geglaubt hätte, hätte ich das ganze Unheil abwehren

können. Ich denke oft daran, Grim, mein Hund. Mir ist so ängstlich

zumute, ganz, als hätte ich selbst mit dazu geholfen, Herrn Arne aus der

Welt zu schaffen. Merke nun wohl, was ich sage: wenn ich das nächste Mal

so etwas höre, werde ich es glauben und mich danach richten.«

Aber während Torarin auf dem Wagen lag und mit halbgeschlossenen Augen

vor sich hindämmerte, ging sein Pferd, wie es ihm gefiel; und als es zum

Pfarrhof von Solberga kam, da trabte es aus alter Gewohnheit in den Hof

und ging bis zur Stalltüre. Torarin wußte von nichts. Erst als das Pferd

stehen blieb, richtete er sich auf und sah sich um. Er schauderte

zusammen, als er sah, daß er sich auf dem Hofe vor einem Hause befand,

wo erst vor einer Woche so viele Menschen ermordet worden waren.

Er griff sogleich nach den Zügeln. Er wollte das Pferd umdrehen und

wieder auf den Weg hinausfahren, aber in demselben Augenblick klopfte

ihm jemand auf die Schulter, und er sah sich um. Da stand neben ihm der

alte Olof, der Pferdeknecht, der im Pfarrhofe gedient hatte, solange

Torarin überhaupt zurückdenken konnte.

»Hast du es so eilig, heute nacht vom Hofe wegzufahren, Torarin?« sagte

der Alte. »Komm doch lieber ins Haus hinein! Herr Arne sitzt da und

wartet auf dich.«

Torarin gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Er wußte nicht, ob er

träumte oder wachte. Olof, den Pferdeknecht, den er frisch und lebend

vor sich stehen sah, hatte er vor einer Woche tot neben den anderen

liegen sehen, mit einer großen Wunde im Halse.

Torarin faßte die Zügel fester. Es deuchte ihn das Beste, rasch

fortzukommen. Aber die Hand Olofs, des Pferdeknechts, lag noch auf

seiner Schulter, und der Alte fuhr fort, in ihn zu dringen.

Torarin grübelte hin und her, um eine Ausflucht zu finden. »Es lag mir

nicht im Sinn, Herrn Arne zu so später Stunde zu stören,« sagte er. »Das

Pferd ist hergetrabt, ohne daß ich davon wußte. Ich will jetzt

weiterfahren und mir eine Herberge für die Nacht suchen. Wenn Herr Arne

mich sprechen will, kann ich wohl morgen wiederkommen.«

Damit beugte Torarin sich vor und schlug mit der Peitsche nach dem

Pferde, damit es sich in Bewegung setze.

Allein im selben Augenblick stand der Pfarrhofknecht vorne beim Kopfe

des Pferdes, faßte es am Zaumzeug und zwang es, still zu stehen. »Sei

nicht halsstarrig, Torarin,« sagte der Knecht. »Herr Arne ist noch nicht

zu Bett gegangen, er sitzt da und wartet auf dich. Und du mußt doch

wissen, daß du hier ein ebenso gutes Nachtquartier finden kannst wie auf

irgendeinem anderen Hofe im Kirchspiel.«

Da wollte Torarin antworten, daß er sich nicht damit begnügen könnte, in

einem Hause ohne Dach zu wohnen. Aber bevor er etwas sagte, warf er

einen Blick auf das Wohngebäude. Da sah er das alte Dach ebenso

wohlbehalten und ansehnlich wie vor dem Brande dastehen. Und doch hatte

Torarin noch an demselben Morgen den nackten Dachstuhl in die Luft ragen

sehen.

Er schaute und schaute und rieb sich die Augen, aber das Pfarrhaus stand

ganz gewiß unversehrt da, mit Stroh und Schnee auf dem Dache. Durch den

Windfang sah er Rauch und Funken aufflattern. Und durch die

wohlverschlossenen Fensterladen sah er den Lichtschein hinaus auf den

Schnee fallen.

Wer weit auf der kahlen Landstraße umherzieht, weiß sich keinen

traulicheren Anblick als den Lichtschein, der aus einer warmen Stube

dringt. Aber Torarin wurde nur noch erschrockener, als er vorher gewesen

war. Er peitschte das Pferd, so daß es sich bäumte und ausschlug. Aber

nicht um einen Schritt brachte er es von der Stalltüre fort.

»Komm du nur mit herein, Torarin,« sagte der Stallknecht. »Ich dachte,

du wolltest doch in dieser Sache nichts mehr zu bereuen haben.«

Nun kam es Torarin wieder in den Sinn, was er sich auf dem Wege gelobt

hatte. Und während er eben noch mit hocherhobener Peitsche auf dem Wagen

gestanden hatte, wurde er mit einem Male so zahm wie ein Lamm.

»Sieh her, Olof, hier bin ich also!« sagte er und sprang von der Fuhre

hinunter. »Es ist wahr, daß ich in dieser Sache nichts zu bereuen haben

will. Führe mich jetzt hinein zu Herrn Arne!«

Aber die schwersten Schritte, die Torarin noch gegangen war, waren die,

die er über den Hof zum Hause hin machte.

Als die Tür aufging, schloß Torarin die Augen, um nicht in die Stube

sehen zu müssen. Aber er suchte sich Mut zu machen, indem er an Herrn

Arne dachte. »Er hat dir so manche gute Mahlzeit gegeben. Er hat deine

Fische gekauft, wenn auch seine eigene Vorratskammer voll war. Er ist

dir immer im Leben wohlgesinnt gewesen, und sicherlich will er dir auch

nach seinem Tode nicht schaden. Vielleicht will er einen Dienst von dir

verlangen. Du darfst nicht vergessen, Torarin, daß man Dankbarkeit

zeigen muß, auch gegen die Toten.«

Torarin schlug die Augen auf und sah in die Stube. Da sah er den großen

Raum, ganz wie er ihn immer gesehen hatte. Er erkannte den hohen

gemauerten Ofen wieder und die gewebten Tücher, die die Wände

bekleideten. Aber er schaute viele Male von Wand zu Wand und vom Boden

zur Decke, bevor er sich ein Herz faßte und zu dem Tische und der Bank

hinsah, wo Herr Arne immer gesessen hatte.

Aber endlich blickte er auch dorthin, und da sah er Herrn Arne selbst

leibhaftig am Tische sitzen mit seiner Gattin und dem Hilfspastor zur

Rechten und zur Linken, so wie er ihn vor acht Tagen gesehen hatte. Er

schien eben seine Mahlzeit beendigt zu haben, er hatte den Teller

zurückgeschoben, und der Löffel lag vor ihm auf dem Tische. Alle die

alten Diener und Dienerinnen saßen am Tische, aber nur eine von den

jungen Jungfrauen.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 3 / 18 段