Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich

von dem Abend her, an dem Vater vergaß, heimzukommen und Hugos

Geburtstag zu feiern. Es war, als hätte sie bis dahin doch die Hoffnung

aufrecht erhalten, daß eine baldige Änderung in ihrem Schicksal

eintreten würde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, daß

Vater ihrer bald müde werden und sie wieder heimschicken würde. Dann

hatten sie sich eingebildet, Vater würde sie liebgewinnen und um

ihretwillen zu trinken aufhören. Ja, sie hatten sich gedacht, daß Mutter

und er sich versöhnen könnten, und daß sie alle glücklich sein würden.

Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, daß dies alles unmöglich war.

Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu

einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus

ihnen.

Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich der Knaben. Nichts

könnte je anders werden. Sie würden nie von Vater loskommen. Sie hatten

das Gefühl, als wären sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem

dunkeln Gefängnis eingeschlossen zu sitzen.

Nicht einmal ihre großen Pläne konnten sie trösten. Festgekettet, wie

sie hier saßen, könnten sie die ja nie zur Ausführung bringen. Da sie ja

doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte

der großen Männer gut genug, um zu wissen, daß jeder, der etwas

Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.

Der härteste Schlag aber war gewesen, daß Mutter zu Weihnachten nicht zu

ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe

gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so daß sie während der

Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mußte und nicht nach Stockholm

reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre

Schule wieder begonnen. Überdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,

was sie zusammengespart hatte, war während ihrer Krankheit

draufgegangen.

Die Knaben fühlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,

daß es ihnen nie besser gehen würde, wie sehr sie sich auch anstrengten;

und darum hatten sie so allmählich aufgehört, sich mit dem zu plagen,

was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was

ihnen Spaß machte.

Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hörten

ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte

sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.

Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich

aufzurütteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur

ohnmächtige Anläufe. Er vergaß seine Befehle ebenso rasch, wie er sie

gegeben hatte.

Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu

vernachlässigen. Niemand hörte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja

keinen Zweck, daß sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes

Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang

es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und

sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber

Schlittschuh liefen als daheim saßen und lernten.

Heute nun ist ein so wunderschöner Tag, daß sie unmöglich im Zimmer

bleiben können. Es sind nur ein paar Grad Kälte, -- stille, hohe Luft und

klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, daß die Schulen

Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Straße ist voll von Kindern, die

daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise

zueilen.

Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr

ernst und schwermütig aus. Kein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ihr

Unglück ist so groß, daß sie es keinen Augenblick vergessen können.

Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist

von einer dichten Menschenmenge umsäumt, weiter draußen schwirren die

Schlittschuhläufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschädigt

worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in

blitzschneller Fahrt dahingleiten.

Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die

übrigen Läufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt über

das Eis schießen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch

nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.

Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie

etwas sehr Schönes. Ein großer Luftballon kommt aus der Richtung von

Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und

als die Sonne darauf fällt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel

ist mit einer Menge bunter Fähnchen geschmückt, und da der Ballon nicht

sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.

Als die Knaben den Ballon erblicken, stoßen sie einen Freudenschrei aus.

Es ist das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen großen Ballon durch

die Luft segeln sehen. Er ist viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt

haben. Alle die Träume und Pläne, die in so vielen schweren Tagen ihr

Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.

Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt

sind, sie bemerken den Anker und die Sandsäcke an der Gondelkante.

Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit über die vereiste

Bucht. Alle Schlittschuhläufer, groß und klein durcheinander, stürzen

ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann

nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungenen Linie, wie ein

ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergnügen sich damit, eine

Menge Papierchen in verschiedenen Farben auszuwerfen, die langsam durch

die blaue Luft flattern.

Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon

nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurückgeworfen, den Blick nach oben

gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,

strahlen ihre Augen von Glück. Sie sind ganz außer sich vor Entzücken

über das Luftschiff und denken an nichts anderes, als ihm solange zu

folgen wie nur möglich.

Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man muß schon ein guter Läufer

sein, um nicht zurückzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet

sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die

kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, daß man auf sie aufmerksam wird.

Später sagten die Leute, es sei etwas eignes über ihnen gewesen. Sie

lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der

Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als sähen sie eine

Vision.

Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer

Wegweiser, der käme, sie auf den rechten Pfad zurückzuführen und sie zu

lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,

schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der großen

Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewiß, daß es ihnen gelingen

wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege

durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff

besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden

sie dort oben hoch über den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird

weit vollkommener sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich

lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne

Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nächte tragen, wohin sie nur

wollen. Sie werden sich auf den höchsten Berggipfeln niederlassen, die

ödesten Wüsten durchfahren, die am schwersten zugänglichen Gegenden

erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.

»Wir dürfen es nicht aufgeben, Hugo,« sagt Lennart. »Es wird prächtig

sein, wenn wir nur fertig werden.«

Vater und sein Unglück, -- das ist etwas, was sie gar nichts mehr angeht.

Wer ein so großes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von etwas

Erbärmlichem hindern lassen.

Je weiter der Ballon kommt, desto größer wird seine Geschwindigkeit. Die

Schlittschuhläufer haben nun aufgehört, ihn zu verfolgen. Die einzigen,

die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und

leicht dahin, als hätten sie Flügel an den Füßen.

Plötzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit

über die Bucht schauen können, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.

Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem

offenen Fahrwasser zugleitet.

»Draußen ist offenes Wasser! Offenes Wasser!« So rufen die Menschen.

Die Schlittschuhläufer unten auf dem Eise hören die Rufe und wenden ihre

Blicke der Mündung der Bucht zu. Sie sehen, daß weit draußen ein

Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, daß zwei kleine

Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken, weil

sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur einen

Moment zur Erde zu wenden.

Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnelläufer eilen

dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie

sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, daß sie die einzigen

sind, die es verfolgen: sie hören keine Rufe hinter sich, sie vernehmen

nicht das Wogen und Brausen des offenen Wassers vor sich. Sie sehen nur

den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fühlt Lennart, wie sein

eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt über den

geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.

Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben

dem offenen Wasser nähern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so

atemlose Spannung, daß sie weder rufen noch ein Glied rühren können. Es

liegt wie eine Verzauberung über den beiden Kindern, die in ihrem wilden

Dahinstürmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden

Himmelserscheinung nach.

Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben

bemerkt. Sie sehen, daß sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und

machen warnende Gebärden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie

sehen, daß die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene

wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen

empor, überglücklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum

folgen zu dürfen.

In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit

emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobenen Armen

gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die

Schlittschuhläufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar

Sekunden später an der Eiskante, aber die Strömung hat die Körper unter

das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.

Herrn Arnes Schatz

Im Pfarrhofe von Solberga

1

Zur Zeit, als König Friedrich II. von Dänemark Bohuslän regierte

[1559-1588], wohnte in Marstrand ein armer Fischkrämer, der Torarin

hieß. Er war ein schwacher und geringer Mann, sein einer Arm war lahm,

so daß er weder zur Fischerei noch zum Rudern taugte. Er konnte seinen

Unterhalt nicht auf der See verdienen wie die anderen Inselbewohner,

sondern er zog umher und verkaufte eingesalzene und getrocknete Fische

an die Leute auf dem Festlande. Er war nicht viele Tage des Jahres

daheim, er zog immer von Dorf zu Dorf mit seinem Fischwagen.

An einem Februartage, als die Dämmerung hereinbrach, kam Torarin den Weg

gefahren, der von Kunghäll nach dem Kirchspiel Solberga führte. Es war

ganz einsam und menschenleer auf dem Wege, aber Torarin brauchte sich

darum nicht Schweigen aufzuerlegen. Er hatte neben sich auf der Fuhre

einen verläßlichen Freund, mit dem er Zwiesprach pflegen konnte. Das war

ein kleiner schwarzer Hund mit buschigem Fell, den Torarin Grim nannte.

Er lag meistenteils still da, den Kopf zwischen die Beine geklemmt, und

blinzelte nur zu allem, was sein Herr sagte. Aber wenn er etwas zu hören

bekam, was ihm nicht behagte, dann stellte er sich auf der Fuhre auf,

streckte die Schnauze in die Luft und heulte ärger als ein Wolf.

»Nun will ich dir erzählen, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »daß ich

heute große Neuigkeiten gehört habe. Sowohl in Kunghäll als in Kareby

sagten sie mir, daß das Meer zugefroren sei. Es ist nun eine Zeitlang

ruhiges schönes Wetter gewesen, das weißt du ja am besten, der du alle

Tage draußen gewesen bist, und das Meer soll nicht nur in den Buchten

und Sunden zugefroren sein, sondern weit hinaus ins Kattegat. Es gibt

jetzt zwischen den Schären keinen Weg für Boote und Schiffe, da ist

überall nur starkes hartes Eis, und man kann nun mit Schlitten und Pferd

bis hinaus nach Marstrand und zur Paternosterschäre fahren.«

Alles dies hörte der Hund, und es schien ihm nicht zu mißfallen. Er lag

still da und blinzelte Torarin an.

»Wir haben nicht mehr sonderlich viel Fische hier auf der Fuhre übrig,«

sagte Torarin gleichsam überredend. »Was würdest du nun dazu sagen, wenn

wir bei der nächsten Wegscheide einbögen und nach Westen zum Meere

führen? Wir fahren an der Solberger Kirche vorbei und hinunter nach

Ödmalsskil, und dann glaube ich nicht, daß es viel mehr als fünfviertel

Meilen Wegs nach Marstrand sind. Es wäre doch eine schöne Sache, einmal

heimkommen zu können, ohne Boot oder Fähre zu benutzen.«

Sie fuhren über die lange Karebyer Heide, und obgleich den ganzen Tag

ruhiges Wetter gewesen war, kam jetzt ein kalter Lufthauch über die

Heide gestrichen und machte die Fahrt unbehaglich.

»Es mag weichlich aussehen, daß wir so mitten in der besten Arbeitszeit

heimfahren,« sagte Torarin und schlug der Kälte wegen mit den Armen um

sich. »Aber wir sind nun doch viele Wochen unterwegs gewesen, du und

ich, und können es gut brauchen, ein paar Tage daheim zu sitzen und die

Kälte aus dem Körper auszutreiben.«

Da der Hund noch immer still dalag, schien Torarin seiner Sache sicherer

zu werden, und er fuhr in zuversichtlicherem Tone fort:

»Nun hat Mutter viele, viele Tage einsam daheim in der Hütte gesessen.

Sie sehnt sich wohl danach, uns wiederzusehen. Und in Marstrand geht es

nun im Winter hoch her. Straßen und Gäßchen, Grim, sind voll von fremden

Fischern und Kaufleuten. In den Seeschuppen gibt es jeden Abend Tanz.

Und das viele Bier, das in den Schenken fließt! Das kannst du dir gar

nicht denken.«

Als Torarin dies sagte, beugte er sich zu dem Hunde hinab, um zu sehen,

ob er auf das hörte, was er zu ihm sprach.

Aber da der Hund ganz wach dalag und kein Zeichen des Mißvergnügens gab,

bog Torarin in den ersten Weg ein, der nach Westen zum Meere führte. Er

knallte mit der Peitsche und ließ das Pferd rasch traben.

»Da wir am Solberger Pfarrhof vorbeikommen,« sagte Torarin, »werde ich

wohl dort vorsprechen und fragen, ob es sicher ist, daß das Eis bis nach

Marstrand trägt. Dort müssen sie wohl darüber Bescheid wissen.«

Torarin hatte dies mit leiser Stimme gesagt, ohne daran zu denken, ob

der Hund ihn hörte oder nicht. Aber kaum waren die Worte gesprochen, als

der Hund sich auf der Fuhre aufstellte und ein entsetzliches Geheul

ausstieß.

Das Pferd machte einen Sprung zur Seite, und auch Torarin erschrak und

drehte sich um, um zu sehen, ob ihm Wölfe nachjagten. Aber als er

merkte, daß es Grim war, der so heulte, versuchte er ihn zu beruhigen.

»Lieber,« sagte er zu ihm, »wie viele Male sind wir, du und ich, im

Pfarrhof von Solberga eingekehrt. Ich kann ja nicht sagen, ob Herr Arne

weiß, wie es mit dem Eise steht, aber das weiß ich sicher, daß er uns

ein gutes Abendbrot vorsetzt, ehe wir unsere Seereise antreten.«

Doch seine Worte vermochten den Hund nicht zu beschwichtigen. Er

richtete die Schnauze empor und heulte immer furchtbarer.

Da fehlte nicht viel, daß es Torarin unheimlich zumute geworden wäre. Es

war nun beinahe dunkel geworden, aber Torarin konnte doch die Kirche von

Solberga sehen und die weite Ebene ringsherum, die nach der Landseite

von breiten bewaldeten Höhen geschützt dalag, und von runden nackten

Felsenklippen nach dem Meere zu. Wie er da ganz mutterseelenallein über

die weite weiße Ebene fuhr, kam er sich wie ein ganz geringes und

kleines Gewürm vor, aber von den dunklen Wäldern und den öden

Felsenklippen rückten große Ungeheuer und Trolle aller Art an, die sich

nach Anbruch der Dunkelheit hinaus ins Land wagten. Und auf der ganzen

Ebene gab es sonst niemand, auf den sie sich stürzen konnten, als den

armen Torarin.

Aber zu gleicher Zeit versuchte er den Hund zu beruhigen.

»Lieber, was hast du gegen Herrn Arne? Er ist der reichste Mann im

Lande. Er ist aus hohem Geschlecht, und wäre er nicht Geistlicher, so

würde er ein mächtiger Anführer geworden sein.«

Aber damit konnte er den Hund nicht zum Schweigen bringen. Da riß

Torarin die Geduld, so daß er den Hund beim Nackenfell packte und ihn

vom Wagen hinunterwarf.

Der Hund lief ihm nicht nach, als er weiter fuhr, sondern blieb auf dem

Wege stehen und heulte, bis Torarin durch ein dunkles Tor einfuhr und in

den Hof des Pfarrhauses kam, der von vier langen niedrigen Holzbauten

eingeschlossen wurde.

2

Im Pfarrhof von Solberga saß der Pfarrer, Herr Arne, und aß sein

Abendbrot im Kreise aller seiner Hausgenossen. Es war kein Fremder

zugegen außer Torarin.

Der Pfarrer war ein alter, weißhaariger Mann, aber er war doch noch

kräftig und hoch. Er hatte seine Gattin neben sich sitzen. Ihr hatten

die Jahre übel mitgespielt. Ihr Kopf und ihre Hände zitterten, und sie

war beinahe taub. An Herrn Arnes anderer Seite saß der Hilfspfarrer. Er

war jung und bleich und hatte ein bekümmertes Aussehen, so als ob er

alle die Gelehrsamkeit nicht tragen könnte, die er während seines

Studienjahres in Wittenberg eingesammelt hatte.

Diese drei saßen zu oberst am Tische, gleichsam ein wenig für sich. Nach

ihnen kam Torarin, und dann die Diener. Diese waren auch alte Leute. Da

waren drei Knechte, sie hatten Kahlköpfe, ihre Rücken waren gebeugt, und

die Augen zwinkerten und tränten. Der Mägde waren nicht mehr als zwei.

Sie waren etwas jünger und rüstiger als die Knechte, aber sie schienen

doch hinfällig und voller Altersgebresten.

Am allerweitesten unten am Tische saßen zwei Kinder. Das eine war Herrn

Arnes Sohnestochter, sie zählte nicht mehr als vierzehn Jahre. Sie war

blondhaarig und zartgliedrig, das Gesicht war noch nicht recht fertig,

aber sie sah aus, als würde sie lieblich werden. Sie hatte ein anderes

kleines Jüngferchen neben sich. Das war eine arme vater- und mutterlose

Waise, die immer im Pfarrhof lebte. Die beiden saßen dicht aneinander

geschmiegt auf der Bank, und es hatte den Anschein, als ob große

Freundschaft zwischen ihnen herrschte.

Alle diese Leute saßen da und aßen im tiefsten Schweigen. Torarin sah

vom einen zum andern, aber keiner hatte Lust, während der Mahlzeit zu

sprechen. Alle die Alten dachten bei sich: Es ist eine große Sache, sein

Essen zu haben und nicht Not leiden oder hungern zu müssen, wie wir es

in unserm Leben oftmals mußten. Während wir essen, dürfen wir an nichts

anderes denken als daran, Gott für seine Güte zu danken.

Da Torarin niemand hatte, mit dem er reden konnte, wanderten seine

Blicke das Zimmer hinauf und hinab. Er ließ die Augen von dem großen

Ofen, der in vielen Geschossen unten von der Eingangstüre hinaufgemauert

war, zu dem großen Himmelbette schweifen, das in der entferntesten Ecke

des Zimmers stand. Er blickte von den wandfesten Bänken, die rings um

die Stube liefen, hinauf zum Windfang an der Decke, durch den der Rauch

hinauszog und die Winterkälte hereinströmte.

Als Torarin, der Fischkrämer, der in der kleinsten und ärmlichsten Hütte

der Schären hauste, dies alles sah, dachte er: Wenn ich ein großer Herr

wäre, wie Herr Arne, dann würde ich mich nicht damit begnügen, in einer

uralten Hütte mit einer einzigen Stube zu wohnen. Ich würde mir ein Haus

bauen mit Giebeln und vielen Gemächern, so wie der Bürgermeister und die

Ratsmänner in Marstrand es tun.

Aber am häufigsten heftete Torarin seine Blicke auf eine große

Eichentruhe, die zu Füßen des Himmelbettes stand. Er sah sie so oft an,

weil er wußte, daß Herr Arne darin all sein Silbergeld verwahrte, und er

hatte gehört, es wäre so viel, daß es die Truhe bis hinauf zum Rande

füllte.

Und Torarin, der so arm war, daß er fast nie einen Silberling in der

Tasche hatte, sagte zu sich selber: Ich möchte dieses Geld dennoch nicht

haben. Man sagt, Herr Arne hätte es aus den großen Klöstern genommen,

die früher einmal hier im Lande waren, und die alten Mönche hätten

prophezeit, daß dieses Geld ihn ins Unglück stürzen würde.

Als Torarin eben in diesen Gedanken dasaß, sah er, wie die alte

Hausmutter die Hand an das Ohr hielt, um besser zu hören. Hierauf wandte

sie sich an Herrn Arne und fragte ihn: »Warum schleifen sie Messer auf

Branehög?«

Es war eine so tiefe Stille im Zimmer, daß alle zusammenzuckten und

erschrocken aufblickten, als die alte Frau dies fragte. Als sie sahen,

daß sie dasaß und auf etwas horchte, hielten sie ihre Milchlöffel still

und strengten sich an, um zu hören.

Eine Weile war es ganz totenstill in der Stube, aber dabei wurde die

alte Frau immer unruhiger und unruhiger. Sie legte die Hand auf Herrn

Arnes Arm und fragte ihn: »Ich weiß nicht, warum sie heute abend auf

Branehög so lange Messer schleifen?«

Torarin sah, daß Herr Arne ihr über die Hand strich, um sie zu

beruhigen. Aber er dachte nicht daran, zu antworten, sondern aß ruhig

wie zuvor weiter.

Die alte Frau saß noch immer da und horchte. Vor Angst traten ihr Tränen

in die Augen, und ihre Hände und ihr Kopf zitterten immer heftiger.

Da begannen die beiden kleinen Jüngferchen, die am Tischende saßen, vor

Angst zu weinen.

»Könnt ihr nicht hören, wie es scharrt und kratzt?« fragte die Alte.

»Könnt ihr nicht hören, wie es zischt und knirscht?«

Herr Arne saß still und streichelte seiner Frau die Hand. Solange er

schwieg, wagte niemand sonst ein Wort zu äußern.

Aber alle glaubten, daß die alte Hausmutter etwas höre, was entsetzlich

und unheilbringend sei. Alle fühlten, wie das Blut in ihren Adern

erstarrte. Es saß niemand am Tische, der noch einen Bissen zum Munde

führte, außer dem alten Herrn Arne selbst.

Sie dachten daran, daß die alte Hausmutter es war, die durch viele Jahre

Sorge für das Haus getragen hatte. Sie war immer daheim auf dem Hofe

geblieben und hatte mit Klugheit und Fürsorglichkeit über Kinder und

Gesinde, über Hab und Gut und Viehstand gewacht, so daß alles gedieh.

Nun war sie abgearbeitet und steinalt, aber es war doch gewiß, daß sie

es vor allen anderen merken würde, wenn dem Hofe Gefahr drohte.

Die alte Frau wurde immer ängstlicher und ängstlicher. Sie faltete die

Hände, und in ihrer Hilflosigkeit begann sie so bitterlich zu weinen,

daß große Tränen über die verschrumpften Wangen rollten.

»Fragst du gar nicht danach, Arne Arneson, daß mir so bange ist?« klagte

sie.

Herr Arne beugte sich nun zu ihr hinab und sagte: »Ich weiß nicht, wovor

du dich fürchtest.«

»Ich fürchte mich vor den langen Messern, die sie auf Branehög

schleifen,« sagte sie.

»Wie kannst du hören, daß sie auf Branehög Messer schleifen?« sagte Herr

Arne und lachte. »Der Hof liegt ja eine Viertelmeile Wegs von hier. Nimm

nur wieder den Löffel zur Hand und laß uns unser Abendbrot beenden.«

Die Alte versuchte, ihr Entsetzen zu unterdrücken. Sie nahm den Löffel

und steckte ihn in die Milchschale, aber dabei zitterte ihre Hand so,

daß alle hörten, wie der Löffel an den Rand schlug. Sie legte ihn gleich

zurück. »Wie kann ich essen?« sagte sie. »Höre ich denn nicht, wie es

knirscht? Höre ich denn nicht, wie es feilt?«

Im selben Augenblicke schob Herr Arne den Milchnapf von sich und faltete

die Hände. Alle anderen taten ein gleiches, und der Hilfsgeistliche

begann das Tischgebet zu sprechen.

Als dieses beendet war, sah Herr Arne zu denen hinunter, die unten am

Tische saßen, und als er merkte, daß sie bleich und erschrocken

aussahen, wurde er zornig.

Er fing mit ihnen von den Zeiten zu sprechen an, als er eben nach

Bohuslän gekommen war, um die lutherische Lehre zu predigen. Da hatten

er und seine Diener vor den Päpstlichen fliehen müssen wie gehetzte

wilde Tiere. »Haben wir nicht unsere Feinde im Hinterhalt auf uns lauern

sehen, wenn wir in das Haus Gottes zogen? Waren wir nicht aus dem

Pfarrhof vertrieben, und haben wir nicht gleich Friedlosen in den Wald

ziehen müssen? Steht es uns an, eines bösen Omens wegen den Mut zu

verlieren und zu verzweifeln?«

Wie Herr Arne so sprach, sah er aus wie ein Recke, und die anderen

faßten frischen Mut, als sie ihn hörten.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 2 / 18 段