Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren

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Die schönsten Geschichten

der Lagerlöf

Ausgewählt und eingeleitet

von

Walter von Molo

Albert Langen, München

Die Geschichten der Lagerlöf

in diesem Bande

sind von

Marie Franzos

übersetzt

Ein Verzeichnis

der Werke Selma Lagerlöfs

befindet sich am Schluß

dieses Buches

[Illustration: Selma Lagerlöf]

_Inhalt_

Seite

Frau Lagerlöf von Walter von Molo 7

Der Luftballon 13

Herrn Arnes Schatz 37

Reors Geschichte 110

Das Mädchen vom Moorhof 116

Das Schweißtuch der heiligen Veronika 177

Die Legende vom Vogelnest 224

Frau Lagerlöf

Die reine Frau hat das innigste Verhältnis zur Dichtkunst. Ihre

seelische Veranlagung und ihre dadurch bedingten Aufgaben erhalten sie

dem wahrhaft Realen, dem Mysterium des Fühlens, das die Wurzel der

Dichtkunst war und ist, näher als den Mann, der vor allem durch die Tat

und durch die Arbeit seines Kopfes wirkt, der sich im allgemeinen erst

zum Zentrum des Fühlens durchkämpfen muß. Wie den Mann die Bezwingung

des weiteren Weges stärkt und sichtet, hält die Nähe des Zieles die

Frau, die die treueste Gefolgschaft jeder Kunst ist, entweder vom

Selbstschaffen ab (meist zum Segen der Ihren!), oder sie wird, wenn sie

selbst schafft, zumeist, gerade durch ihre Weiblichkeit, der Kunst

verdorben: sie lernt nicht zu dem ihr Angeborenen zu, sie bleibt

seelische Molluske, weil ihrem Werk nicht die Knochen des unerbittlich

logischen Denkens, die innere und äußere Form, in voller Kraft

zuwachsen. Die schöpferische Frau hat drum hauptsächlich das Gebiet der

erzählenden Dichtung, deren Notwendigkeiten, in dieser Hinsicht,

verhältnismäßig gering sind. Die Frau fabuliert! Sie erhält den Glauben

an den unablässigen, unumstößlichen Sieg des Guten; sie ist, in ihrer

reinsten Erscheinung, Märchen und Sage! Alles, was der Kindersinn

sehnsüchtig sucht, ist den Frauen vorhanden! Ihr ragendstes Symbol ist

mir die genialste selbstschöpferische Frau: die Lagerlöf! Die Lagerlöf

schafft der Menschheit schönsten Besitz, Heimatliebe, Kinderliebe,

Elternliebe, Gattenliebe, Liebe, mit all ihren unendlichen

Schattierungen und Spiegelbildern in der menschlichen Seele, dichterisch

zu ragenden Monumenten um. Ihr ist das Wunder an sich Voraussetzung

alles Seins. Für sie gibt es keine »erkennende« Wissenschaft, keine

»unbelebte« Natur! Wort für Wort ist ihr die Bibel, das Buch der Bücher,

wahr; sie erhellt sie, sie übersetzt die Gläubigkeit aller Konfessionen

gefühlsmäßig in Kunst. Nach den großen Gesetzen des Welträtsels, des

gütigen Schicksals oder Gottes, reden und handeln ihr die Menschen und

Tiere. Die Flüsse, Pflanzen und Steine sind ihr Lebewesen mit Seelen.

Dieser begnadeten Frau ist das Übersinnliche Selbstverständlichkeit.

Alles Schöne geht ihr in Erfüllung. Das Jenseits lebt, es greift

entscheidend ins Dasein ein! Die Trolle, Nymphen, Kobolde,

Heinzelmännchen und Riesen leben, die Engel schweben auf und nieder, die

Brücke bildend für die bedrängten, erlösten Seelen, der Gottessohn

steigt, immer wieder, zu uns herab, unter denen er ewig wandelt, damit

das Böse stetig Gutes schafft. Es gibt keine Verfemten oder Narren,

keine Toren und Krüppel oder Enterbten, es gibt bloß, im schlimmsten

Falle, ein Nichtverstehen, ein Aneinandervorbeireden. Dieses menschliche

Erbübel beseitigt und führt lächelnd zur Harmonie der Liebe der Lagerlöf

großes, unbesiegliches Herz! Überall läßt sie Verzeihung und

Gerechtigkeit triumphieren, und was das Wunderbarste ist: diese

evangelische Frau steht dabei stets auf dem Boden der höchsten

Wirklichkeit! Sie reißt dem Dasein die Maske ab, sie liebt ihm die Maske

ab und -- Gott sieht uns an! Mit tiefster Menschenkenntnis, mit

schärfster Charakterisierungsfähigkeit, mit rührendem Humor, mit

verzeihender Schalkhaftigkeit und nie verletzendem Sarkasmus sieht und

gestaltet sie die Lächerlichkeit, Nichtigkeit und Schurkenhaftigkeit

dieses Seins. Alles Böse und Harte schmilzt in der übermenschlichen

Liebe dieser genialen Puppenspielern zu Glück. Ihr hat nur das Leben des

Geistes Wert; sie nützt alle Register, sie läßt alle Weltstimmen

erbrausen, um die Symphonie der sinngemäßen Läuterung, des

Verbundenseins mit dem Himmel des Guten und Schönen, der uns väterlich

überwölbt, begnadet und erlöst, laut und sichtbar werden zu lassen. Es

liegt an der Stumpfheit, daß die Menschen nicht immer so gesehen werden,

wie sie der Lagerlöf erscheinen; sie sind edel, betrachtet man ihr

Wichtigstes, entkleidet aller Nebensächlichkeiten! Der großen Schwedin

Kraft und unwiderstehliche Beredsamkeit lassen jubelnd erkennend ins

Gefüge des Ganzen, des Letzten sehen. Sie setzt menschliche Seelen in

Handlung. Stets ist es der gleiche Geist, Gottes Geist, der ihr Geist

ist, der sich die Vielfalt der Körper baut! Sie formt nicht von außen

nach innen, nicht vom »Realen« zum »Romantischen«; sie formt von innerst

heraus. Ihre Gestalten sind Vollwesen, nicht Hirngespinste, Vollwesen,

geschaffen von subtilster Psychologie, geschaffen von höherer

Psychologie, als sie die größte Hirnarbeit jemals zutage zu fördern

vermag. Sie glaubt dem Wunder, weil das Wunder in ihr ist! Ihr Ich ist

legendäre Anschauung der Seele! Ihre Psychologie ist nicht schürfend,

sie ist da mit der Selbstverständlichkeit der Schöpfung. Untrennbar sind

ihr Erfindung und Tatsache verwoben. »Ich muß sterben« wird zum »Ich

darf sterben«, der Tauf- oder Hochzeitszug trifft den Leichenzug, der

wieder Tauf- und ewiger Hochzeitszug ist. Die Menschen sehen mit den

»Augen der Seele«, durch sie, daß das »Glück der Einbildung« ihr Bestes

ist, daß es nichts Schöneres gibt als das Leben, das nicht schwer und

traurig, sondern: »wunderschön« ist, lebt und versteht man es richtig!

Alles Häßliche wird ihr zum vergänglichen Entwicklungsstück, alles

Bittere ist überwindbar. Alle »Großen« sind Kinder, und alle Kinder sind

»groß«. Sie zwingt die Sehnsüchte, mitzudichten, und sie folgen ihr

freudig, weil sie überirdische Erfüllung durch sie finden. Zeitlos ist

die Dichtung der Lagerlöf, sie wandelt die Wege der Ewigkeit. Alles

Grenzende, Einengende fällt. Immer leidet das Hohe, immer leidet die

Liebe, immer leiden Mann und Weib und Eltern und Kinder, arm und reich,

doch es ist nur scheinbar; kaum steht die Lagerlöf neben ihnen, so sinkt

das Niedere, gleich »kriegen« sie sich, gleich ist Hilfe, sind Verzeihen

und Begreifen jedes Wollens da, gleich verschenkt der Reiche sein Gut,

um wahrhaft reich zu sein, gleich singt der Arme, weil er schon lange

wahrhaft reich ist. Mann und Weib sind der Lagerlöf immer dieselben!

»Sie« ist die reine Magd, blond, keusch, stolz, hochgewachsen,

helläugig, zu jeder Erlöserarbeit bereit, mag sie erst auch noch so

hohl, selbstisch und kokett gewesen sein, nie ruft das Schicksal sie

vergeblich zur Ordnung! Der Lagerlöf Frauengestalten sind mit der vollen

Reinheit, mit der verschwiegensten Sehnsucht, der unberührten, ewigen

Jungfräulichkeit gebildet! »Er« ist wild, trotzig, verwegen, untreu aus

gierig suchender Treue, aufbegehrend in der Tollpatschigkeit seines

Geschlechtes gegen die letzten Fragen, die er durch die Frau, die ihn

erlöst, erkennt. »Er« ist ein Weihnachtsmann, wie die liebenswerten

Kavaliere in »Gösta Berling« wie Gösta Berling selbst, hoch, traurig und

verliebt, kindlich, schön, ritterlich, und immer hat er »Locken« über

der »bleichen« Stirn. Er ist immer ein Stück Jesus Christus in

Verkleidung; »sie« ist immer ein Stück Gottesmutter! Der Lagerlöf

Religion ist die Religion aller Religionen; sie predigt unentwegt, ohne

Predigt, des Dichtens Axiom: kein Mensch ist ganz verdorben! Sie ist die

Toleranz selbst, die auch die wütendsten Gegner versöhnt.

Kirchengläubigen und Sozialist! Die Lagerlöf kann nicht verstehen, warum

zwischen diesen, überhaupt zwischen den Gegenpolen, zugegeben, daß sie

bestehen, Feindschaft sein soll. Sie sind doch beide nötig; sie sind

doch beide nur Handwerker des Ewigen? Sie heißen einmal Christ und

Antichrist, vielleicht ist einmal der eine ein bißchen mehr weiß und der

andere ein bißchen mehr schwarz. Du lieber Gott! sie wollen aber doch,

bloß auf verschiedene Weise, das gleiche: das Glück, die Ruhe des

Herzens! Der Lagerlöf ist's kein Unterschied, ob die heidnischen Bilder,

ob die Heiligenbilder ins Leben herauf- oder hinuntersteigen; sie wirken

Gutes. Musik erklingt, das Chaos legt sich, alle, die bangten, weinten,

schluchzten und sich in Schmerzen wanden, beginnen zu lächeln! Die Welt

wird immer am Ende schön, heldenhaft, edel, und was das Schönste und

Edelste daran ist (ich verwende absichtlich die abgebrauchten

»unphilosophischen« Worte, die der Lagerlöf Echtheit so völlig der

Phrase entkleidet!): die Skeptischen werden besiegt, sie erkennen: wir

sind so, wenn auch leider nur für Augenblicke der Erhebung, wie uns die

Lagerlöf sieht oder selbstherrlich-demütig sehen will. Was in den

geheimsten Ecken des Ichs nistet, mag man's nun Sentimentalität,

Familienblattgier, Kindischkeit, Leiermannrührung, Kinoseligkeit,

Kolportagegift oder wie immer nennen, das alles und noch viel mehr

regiert diese Frau souverän, völlig unbekümmert um die Entsetzensschreie

Ängstlicher, Bedenkenüberfüllter, zum Sieg. Die große Kunst der

Lagerlöf, die Inbrunst ihrer dichterischen Überredung, vermag alle

geheimen und wilden Schößlinge des Seelenbesitzes zu einer Blüte von

berauschender Fülle und Seltenheit zu treiben und zu binden. Dieser

Zusammenraffung alles Vorhandenen im Stofflichen entspricht die

Verwendung aller Darstellungsmittel. Die Technik der Lagerlöf ist, wie

der Inhalt des Gegebenen, nie Selbstzweck; beides ist Handwerkszeug, um

immer wieder den Gralsschein der Seele leuchten zu lassen. Die Lagerlöf

ist dramatisch und episch, modern, historisch und unmodern; sie

beherrscht den Dialog gleich wie die Schilderung, sie geht, wenn's ihr

paßt, Schrittlein für Schrittlein, sie überspringt, wenn's ihr nötig

erscheint, jeden Abgrund, sie pinselt und strichelt hin und her, sie

legt mit einem oder zwei Sätzen jeden Charakter, mag er noch so

kompliziert sein, hin. Sie findet manchmal schwer den Schritt, sie

spitzt mit geistvoller Schärfe die menschliche »Tendenz« in einen Satz.

Ihr ist nichts unmöglich, weil der erlösenden Liebe alles möglich ist!

Sie hat zu viel geschrieben und doch viel zu wenig, sie malt fast immer

die Schönheiten ihrer schwedischen Heimat, doch der Polarstern ihres

Einfühlvermögens steht über der ganzen Welt; der Stern wandert mit dem

Erlöser der Schwere! Sie ist durch und durch germanisch, doch sie dankt

dem größten Slawen, Dostojewski, das meiste! Ihre Seele ist die

schwedische Volksseele in ihrer tiefgründigen Verspieltheit, doch ihr

gehört die Welt, deren gesamte Pracht sie in sich trägt. Sie ist die

liebreichste Mutter, ohne Mutter zu sein, sie bildet die Sagen und

Märchen ihrer Heimat; es sind die allgemein gültigen, auch in unseren

Tagen in jedes Menschen Leben im letzten Sinne sich stets wiederholenden

Sagen und Märchen aller Menschen, die Sehnsucht tragen und den Himmel

suchen. Sie ist naiv und aufs äußerste raffiniert; sie ist

Unterhaltungsschriftstellerin mit der Weltanschauung und dem Können der

reifsten Kunst; sie ist die reinste Seele, die seit Goethe und Hölderlin

am Werke war! Sie ist Künstlerin, weil sie ein großer Mensch ist! Sie

löst das Rätsel, das sich unablässig in ihren Werken löst, die zum

bedeutendsten Besitze dessen gehören, was das Menschengeschlecht, zu

seiner Erderlösung, hienieden aufzubauen vermag. Sie ist die lebendige,

wirkende Summe des Göttlichen, das sich zu höchst lobt, dadurch, daß es

unverlöschbar in der Menschheit, in deren Besten, brennt! Sie ist die

Lagerlöf.

_Frohnau_ i. d. Mark

_Walter von Molo_

Der Luftballon

Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem

Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner

Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt,

und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen

im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast

auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen

es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um

den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur

selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu

betrachten, die sie durchfahren.

Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe,

gleich gekleidet -- in graue Überröcke und blaue Schulmützen --, sie haben

alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie sind

immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um andre

Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten. Der

Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der ältere,

der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts, und er

kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt halten.

Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er will

Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine Flugmaschine

zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber er begreift

leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder. Auch er

interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist er ein

großer Sportsmann. Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er erwachsen

ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts Flugmaschine

fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken, was von der

Welt noch zu entdecken übrig ist.

Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem

Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine

Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die

Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er

trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch

nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.

Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem

Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen

mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und

sie trat als erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,

studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen

Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer

erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm

werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu

erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich

draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim

und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs

schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen

nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern

Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute

in Anspruch nehmen zu müssen.

Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige

Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes

kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und

er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber

dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen

schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen

und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu

bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.

Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise

abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das

erstemal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu

erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte

ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite

Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm

und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu

trösten.

Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen

pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz

herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war

nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das

größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte

und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war -- und

auch sonst.

Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre

sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für

sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen

und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese

Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,

daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts

zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie einmal ums andre, wenn

er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennenzulernen, und ob sie

sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie

antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu

vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von

seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern

wären, es zu zeigen.

»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie

sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,

wenn sie in meine Hand kommen.«

Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben,

kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie

wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre,

würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden,

mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich,

etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein

verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,

Stockholm kennenzulernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht

mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu

kränken.«

Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören.

Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so

guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint,

ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu.

Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr

lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt

dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu kreisen,

was sie um Vaters willen haben leiden müssen.

Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken

hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen

verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern

Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen

Vater hatten, der trank.

Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in

beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er

dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein

kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr

sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen,

der stärker und stärker wird.

Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht

verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das

Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte.

Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen

Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere

Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und

gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war

bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich

wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der

Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem Elend

entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.

Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu

ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs

einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht

gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr

Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen.

Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem

Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufene Ehefrau wäre. Sie

tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte,

die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.

Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte

eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor

zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr

übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch

erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und

einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so

außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und

ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da

schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und

in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett.

Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine

Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war

auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich

ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein helfen. Die

Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber,

daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu

tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein

rechter Spaß, sich das alles auszudenken.

Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er

selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er

sollten sie je betreten dürfen.

Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich

sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan

hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen

erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend

Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun

nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut,

daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu

begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der

Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm

mitnehmen wolle.

Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber

Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei,

die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen,

würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch

das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die

Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich

nicht leugnen.

Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen

und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß

Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte

sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude

hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze

war nur Rache und Bosheit.

Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf

dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich,

daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der

verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm

leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner

Gewalt? Gab es keine Rettung?

Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen

schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander

zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den

ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht, durchzubrennen.

Sie verabreden, sich auf die Plattform schleichen und aus dem Zuge zu

springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie

sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort

allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.

Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer

Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand

führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein

Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das

Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in

einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten

Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie

ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die

Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe.

Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin,

die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer

häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den

Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig

niedergeschlagen.

Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für

alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen

gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefühl,

daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände

ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich

entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie

damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram

sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn

gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn

nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug

strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit

Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr

dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das

müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen

lassen soll.«

Und die Knaben hatten es versprochen.

»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!«

hatte Mutter gesagt.

Das hatten sie auch versprochen.

Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran

denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle

Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben

geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie

wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald

aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.

* * * * *

Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde

gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon

lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen,

ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse

und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind

zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holprig

geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt,

sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehenlassen. Vater und

Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobener Axt

da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern Kiste

Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind geschickt

und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur Vorsicht zu

mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen Teller auf

einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit nicht

recht vorwärts. Seine Hände sind zittrig und kraftlos, und er ist schon

ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu

können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,

ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und

fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch

nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es

nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste

öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.

Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift

plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am

Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf

bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er

seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung

behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.

Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die

kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends.

In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der

Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts

gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten

bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine

Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,

nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich

noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten

Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit

größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft

in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit

schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel

auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit

ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,

daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn

keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der

lustigen Gesellschaft loszureißen.

Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben

kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und

als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise

mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind,

aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem

Tag.

In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt,

Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten

Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters

Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,

wie er sich's nur wünschen kann.

Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam,

war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit

davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte.

Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts

abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde

verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig.

Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie

geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber

dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und

ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man

in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was

er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe

in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört

nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste

zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte

ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen.

Er sei für sie verantwortlich.

Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der

kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den

Brettern aufgestellt.

Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterem Tadel zu finden.

Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben

und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie

sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten?

Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen?

Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er

fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich.

Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den

Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn

haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze

Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und

bettelt er.

»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles

verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die

Wahrheit sagt.«

Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen

prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er

merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und

während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem

Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb

gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.«

Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber

keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht

sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weiteres auf sein Zimmer.

* * * * *

Vater hatte jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er

benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er

Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den

Frühstückstisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt

Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten

machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich

Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine

Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und

bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer

benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend

allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht

sei, wenn er heimkommt.

Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich

beschäftigen, womit sie wollen.

Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.

Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier

und Marken, damit sie ihr antworten können.

Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu

sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn

kennenlernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er

im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und

liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er

wäre.

»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid

mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt

Mutter.

Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei,

um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen.

Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben

müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm

übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber

alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie

glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder

heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.

Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne

irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:

wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie

nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu

Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach

ihnen sehen.

Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde

für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und

ihm das Bett machen. Sie begreift, daß sie sich bemühen, ihr zuliebe gut

gegen ihn zu sein, aber sie merkt, daß sie ihn nicht besser leiden

können als früher.

Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer

großen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,

niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer weiß,

in was sie hineingeraten könnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften

machten!

Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie

würden sich schon durchschlagen. Sie erzählen, daß sie sich die Strümpfe

stopfen und die Knöpfe annähen. Sie deuten auch an, daß Lennart mit

seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, daß alles gut sein

werde, sowie die fertig wäre.

Aber Mutter lebt in beständiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken

bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er möge über ihre

kleinen Söhne wachen, die einsam in einer großen Stadt leben, ohne

irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schützt

und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bösen bewahrt.

* * * * *

Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von

Vaters früheren Kollegen, der der Hofkapelle angehört, hat ihn

eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater

hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von

den Tonwellen erfüllt wird, gerät Vater in so heftige Bewegung, daß er

sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfängt. Er schluchzt,

schneuzt sich geräuschvoll und stöhnt einmal um das andere auf. Er legt

sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, daß die Spielenden

gestört werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater

die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des

Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hören seine Tränen nicht auf

zu fließen.

Vater hat die Hände der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem

Jungen an jeder Seite einher. Ganz plötzlich fangen auch die Knaben zu

weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst

geliebt hat. Es war entsetzlich für ihn gewesen, versoffen und verkommen

dazusitzen und andre spielen zu hören. Es war ein Jammer, daß er nicht

das geworden war, was er hätte werden sollen. Es war für Vater so, wie

es für Lennart wäre, wenn er seine Flugmaschine nie fertig brächte, oder

für Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen dürfte. Zu denken, daß

sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Häupten prächtige

Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden hätten

noch lenken dürften!

* * * * *

Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bücher vor

sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist

ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, daß er eine Musiklektion zu

geben hätte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden

lassen, daß dies die Wahrheit sei.

Vater ist schlechter Laune, wie er so über die Straße geht. Er hat den

Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, daß er zu einer

Musiklektion ginge. »Sie werfen sich zum Richter auf über ihren Vater,«

denkt er.

»Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich hätte jedem eine Ohrfeige geben

sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.«

»Wie wäre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umsähe?« fährt

er fort. »Es könnte gewiß nichts schaden, sich zu überzeugen, wie sie

ihren Studien obliegen.«

Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, öffnet ganz leise die Türe und

steht in dem Zimmer der Knaben, ohne daß einer von ihnen ihn hätte

kommen hören. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Köpfen auf,

und Lennart reißt ängstlich ein Bündel Papiere an sich, das er in die

Schreibtischlade wirft.

Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,

in welche Schule sie gehen würden, und Vater hatte geantwortet, mit

ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er würde versuchen, einen Meister zu

finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins

Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem

Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer

der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbücher wurden

hervorgesucht, und jeden Vormittag saßen die Knaben an einem alten

Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen

Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu

arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt hätten.

Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin

und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.

Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch heran.

»Hättet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie?« fragt er. --

»Ja,« antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. -- »Aber wo habt ihr

das Geographiebuch und den Atlas?« -- Die Knaben werfen einen Blick auf

das Bücherbrett und sehen tödlich verlegen aus. »Wir haben noch nicht

angefangen,« sagt Lennart. -- »So, so,« sagt Vater. »Ihr habt wohl etwas

andres vor.« Und er richtet sich ganz vergnügt auf. Er hat jetzt die

Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben gründlich an die

Wand gedrückt hat.

Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper

gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel

Überwindung gekostet wie früher, artig gegen ihn zu sein. Aber natürlich

haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu

ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid

tut.

»Habt ihr einen Brief geschrieben?« fragt Vater mit seiner strengsten

Stimme. -- »Nein,« rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. -- »Was

habt ihr denn getan?« -- »Wir haben nur geplaudert.« -- »Das ist nicht

wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade

gesteckt hat.« -- Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. -- »Nehmt es

heraus!« ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, daß die Söhne an seine

Frau geschrieben hätten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,

stünde natürlich etwas Häßliches über ihn darin. Die Knaben rühren sich

nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der

Schublade sitzt. -- »Rühr' ihn nicht an!« ruft Hugo. »Wir haben nur über

etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.«

Hugo schiebt Lennart weg, reißt die Lade auf und zieht einen Bogen

Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen

vollgekleckst ist. »Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel für

sein Luftschiff ausgedacht. Und darüber haben wir gesprochen.«

Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die

Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit

Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre

vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehört.

Zum größten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich

fort, er lacht auch nicht über ihre Versuche, sondern er betrachtet

Blatt für Blatt genau. Vater hat nämlich auch ein wenig Anlage zur

Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,

für solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von

diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, daß er großen

Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekämpft Lennart seine

Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zögernd, doch allmählich mit immer

größerer Bereitwilligkeit.

Bald sind Vater und die Kinder in eine tiefsinnige Diskussion über

Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug

gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre

Pläne und Träume mit. Und wenn Vater auch begreift, daß die Knaben mit

den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen können,

imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Söhne sprechen von

Aluminiummotoren, Äroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den

selbstverständlichsten Dingen. Er hat sie für rechte Dummköpfe gehalten,

weil sie in der Schule nicht gut vorwärts kamen. Jetzt scheint es ihm

mit einem Male, daß sie ein paar kleine Gelehrte seien.

Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, -- das versteht Vater besser

als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so geträumt und

hat durchaus keine Lust, über solche Träume zu lachen.

An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und

plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen

und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer

großen Überraschung richtig gute Freunde.

* * * * *

Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straßen. Die kleinen

Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben

sich dicht an die Tür gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater saß allein

an einem Tisch, einen großen dunkeln Toddy vor sich, und hörte einer

Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem

Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.

»Was soll das heißen?« hatte er gefragt. »Warum kommt ihr hierher?« --

»Du solltest doch nach Hause kommen, Vater,« sagten die Knaben. »Es ist

doch der fünfte Dezember. Du hast ja versprochen -- -- --«

Da hat sich Vater erinnert, daß Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei

Hugos Geburtstag, und daß er versprochen hätte, beizeiten nach Hause zu

kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein

Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu

besorgen.

Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,

unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Straße entlang. Als er

heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es

festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar

Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein

bißchen Geld bekommen, und dafür haben sie Nüsse, Mandeln und eine

Flasche Himbeersaft gekauft.

Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genießen wollen,

sondern haben gewartet, daß Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.

Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, können sie ein so

großes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es

schmeichelt ihm, daß sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich

guter Laune läßt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie

er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hält sich an der

Tischdecke fest, fällt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als

er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft über den Boden strömt

und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas

verstreut liegen.

Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, läuft zur

Türe hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.

* * * * *

An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen über

der Schulter durch die Straße. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind

mager und blaß geworden und sehen ungepflegt und nachlässig aus. Ihr

Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und

Strümpfe und Schuhe zeigen Löcher. Wenn sie miteinander sprechen,

brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrücke, und es kommt auch vor,

daß ein Fluch über ihre Lippen gleitet.

Die schönsten Geschichten der Lagerlöf · 第 1 / 18 段