Ostafrika unter Herrn von Soden.
Übernahme des Gouvernements. -- Umwandlung der Schutztruppe. --
Sodens erste Maßnahmen. -- Starkes Beamtenpersonal. -- Einteilung der
Ressorts. -- Einteilung der Küste in Bezirke. -- Bezirkshauptleute
und Stationschefs. -- Verringerung des weißen Personals der
Schutztruppe. -- Verteilung der Truppe. -- Doppelwirtschaft in der
Unterstellung der Truppen unter Reichs-Marine-Amt und Auswärtiges
Amt. -- Einfall der Wahehe in Usagara. -- Unterbrechung des
Karawanen-Verkehrs. -- Beschimpfung der deutschen Flagge im Innern.
-- Die Expedition des Kommandeurs von Zelewski und ihr Untergang.
-- Rückzug des Restes der Truppe. -- Wirkung der Expedition auf die
Wahehe; Wirkung an der Küste. -- Verhandlungen des Gouverneurs durch
Missionare mit den Wahehe gescheitert. -- Die gefallenen Europäer und
Farbigen in Uhehe noch unbeerdigt. -- Schwierigkeiten auf
afrikanischen Expeditionen; Sicherung auf denselben; afrikanisches
Terrain. -- Expedition des Verfassers durch Usegua, Nguru, Usagara
wegen Unruhen der Wakuafi; Mitwirkung Bana Heris. -- Expedition des
Verfassers ins Mafitiland. -- Rekognoszierungstour unter Lieutenant
Prince nach Mpapua. -- Erhebung der Wadigo bei Tanga. -- Kämpfe am
Kilimandscharo unter +Dr.+ Peters. -- Neuorganisation der
Schutztruppe. -- Der Gouverneur übernimmt das Kommando; der
Verfasser als militärischer Beirat. -- Ergänzung der Schutztruppe
durch Wißmann in Egypten und durch von Perbandt in Massaua. --
Korvetten-Kapitän Rüdiger wird Stellvertreter des Gouverneurs. --
Rückkehr des Verfassers nach Deutschland. -- Teilung der Schutztruppe
in die eigentliche Schutztruppe und Polizeimacht. -- Verteilung auf
die Bezirksämter. -- Beurteilung dieser Organisation. --
Wirkungskreis der Stationen im Innern. -- Prinzipien bei der
Besetzung der Bezirksämter. -- Die Bemühungen des Gouverneurs,
Bagamoyo durch Daressalam zu ersetzen. -- Die Postverbindung mit dem
Innern. -- Erlasse des Gouverneurs, Zolleinnahmen betreffend. --
Verhältnis des Gouverneurs zu den Eingeborenen. -- Berater des
Gouverneurs. -- Nachrichten vom Kilimandscharo.
Wir haben bereits erwähnt, daß während des Monats November 1890
der bisherige Gouverneur von Kamerun, Freiherr von Soden, sich
in Sansibar und Ostafrika aufhielt, um sich über die dortigen
Verhältnisse zu orientieren. Bei der Überleitung Deutsch-Ostafrikas
in eine Kronkolonie war Major von Wißmann vom Reichskanzler nicht
für den Gouverneursposten in Deutsch-Ostafrika in Aussicht genommen.
Nachdem Soden Anfang Dezember von Sansibar wieder abgereist war, um in
Deutschland die nötigen Vorbereitungen zu treffen und im Auswärtigen
Amt seine Instruktionen entgegenzunehmen, ging er im März 1891 nach
seiner Ernennung zum kaiserlichen Gouverneur (für die Dauer seiner
Amtsthätigkeit mit dem Prädikat Excellenz) wiederum aus Berlin nach
Ostafrika ab.
Nach seiner Ankunft besuchte er die Plätze Tanga, Bagamoyo und
Daressalam; zu Bagamoyo fand die Übergabe durch den bisherigen
kaiserlichen Reichskommissar statt. Bei der Neuordnung der Verhältnisse
wurde durch Gesetz vom 22. März 1891 die Wißmann'sche Schutztruppe
in eine kaiserliche umgewandelt, und zum Kommandeur derselben der
bisherige Chef in der Schutztruppe Herr von Zelewski ernannt. Bezüglich
der Verwendung der Schutztruppe in Ostafrika hatte der Gouverneur das
Erforderliche zu bestimmen. Im Übrigen, auch im Civildienst waren die
nötigen Organe ihm beigegeben worden.
Ursprünglich war beabsichtigt, für seinen Vertreter und sachkundigen
Berater die Stellung eines Gouvernementsrates zu schaffen und diese
dem früheren stellvertretenden Reichskommissar und Chef in der
Schutztruppe +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt zu übergeben. Es wäre
dies sehr praktisch gewesen; die Ruhe und Besonnenheit des älteren,
im Verwaltungsdienst des Auswärtigen Amtes erfahrenen Herrn von Soden
hätte einen Anhalt an der Praxis und Sachkunde des durchaus objektiven,
von Optimismus gänzlich freien und ebenfalls besonnenen und ruhigen
+Dr.+ Schmidt gefunden. Herr von Soden scheint sich jedoch mit
allen Kräften dagegen gesträubt zu haben, einen wirklich an Ort und
Stelle erfahrenen Herrn als Berater zu erhalten. Vielleicht besorgte
er, dieser möchte zu viel Einfluß auf seine Amtsthätigkeit erlangen und
am Ende das Heft gar selbst in die Hände bekommen. So setzte es denn
Herr von Soden durch, daß die Stelle des Gouvernementsrates durch die
eines Oberrichters ersetzt wurde, der das Richteramt zweiter Instanz
im Schutzgebiet ausüben sollte. Diese Stelle wurde zunächst garnicht
besetzt, und erst ein halbes Jahr später dem bisherigen Legationsrat
im Auswärtigen Amt, Sonnenschein, der im Ausland früher als Kommissar
der Marschalls-Inseln thätig gewesen war, übertragen. Da die Wahl wegen
der mit diesem Amte verbundenen Funktionen auf einen Juristen fallen
mußte und an Ort und Stelle erfahrene Juristen nicht vorhanden waren,
kann die Wahl dieses ruhigen und unparteiischen Herrn nur als eine
glückliche bezeichnet werden. Im Übrigen erhielt die Verwaltung der
Finanzen einen Chef in dem bisherigen Intendantur-Assessor +Dr.+
Kanzki, der zugleich Intendant der kaiserlichen Schutztruppe wurde.
Seine Hauptstütze war der ihm unterstellte Land-Rentmeister, der
ebenfalls an Ort und Stelle Erfahrungen nicht gesammelt hatte. Zu
diesem Posten wurde zuerst ein früherer Marine-Zahlmeister, dann
aber, da letzterer abgelöst werden mußte, ein früherer Post-Sekretair
ausersehen. Dem letzteren war die in Ostafrika nötige Art der
Verwaltung ebenso fremd wie dem +Dr.+ Kanzki.
Obwohl daher am 1. April 1891 und in den folgenden Monaten in allen
Zweigen der Verwaltung in Deutschland thätig gewesene Kassenbeamte
nach Ostafrika hinausgeschickt wurden, und, wie wir bereits früher
erwähnt, statt der paar Leute, die Wißmann für jene Verwaltungszwecke
sich erst selbst hatte heranbilden müssen, ein wirklich umfangreiches
Personal zur Verfügung stand, konnte doch die Verwaltung zunächst
gar nicht recht in Gang kommen. Selbst heute, wo die Zahl der reinen
Kassenbeamten und Schreiber ein viertel Hundert weit übersteigt, wird
noch immer über Mangel an Bureaupersonal geklagt.
Eine geordnete Übergabe der Kassengeschäfte war durch die Thätigkeit
der Revisions-Kommission in Ostafrika möglich gewesen. Von Seiten des
Auswärtigen Amtes hatte man im Jahre 1890 zwei Revisoren nach Ostafrika
geschickt, um sich einen genauen Einblick in die Kassenverwaltung
des Reichskommissars zu verschaffen. Die Ursache dieser Maßregel war
der Umstand, daß es dem Reichskommissar nicht gelungen war, bei den
ungeordneten Verhältnissen und der Vielseitigkeit seiner sonstigen
Thätigkeit, für alle ausgegebenen Summen die nötigen Belege der
Legationskasse des Auswärtigen Amtes zu bringen. Die beiden Revisoren
brachten nun alles ins rechte Geleis und stellten vor allen Dingen das
Faktum fest, daß eine durchaus sachgemäße, den örtlichen Verhältnissen
entsprechende Geldverwaltung vom Reichskommissar ausgeübt worden war.
Der ältere der beiden Revisoren war der bisherige Marine-Zahlmeister
Sturz, der als Geschwader-Zahlmeister eine längere Erfahrung in
Ostafrika hinter sich hatte und sich stets durch große Umsicht und
Gewandtheit wie durch seinen praktischen Sinn ausgezeichnet hatte, auch
besonders wegen der vorzüglichen ihm zur Seite stehenden Empfehlungen
seines bisherigen Chefs, des Admirals Deinhard, für jenen schwierigen
Posten als erster Revisor geeignet erschien. Er erfüllte seine
Pflichten nicht nur mit der ihm eigenen Sachkunde, sondern auch mit
großem Taktgefühl. Ihm zur Seite stand ein anderer Beamter der Marine
Namens Selle. Leider ist der Versuch entweder nicht gelungen oder
nicht gemacht worden, diese beiden Herren für den Verwaltungsdienst in
Ost-Afrika zu gewinnen. Der Marine-Zahlmeister Sturz wäre jedenfalls
eine im höchsten Grade geeignete Persönlichkeit für die Stelle des
Chefs der Verwaltung in Ostafrika gewesen.
Andere Civil-Organe für den Gouverneur bildeten die Bezirks-Hauptleute,
welche den Küstenbezirks-Ämtern vorstanden. Es wurde die Küste in
5 Bezirke, Tanga, Bagamoyo, Daressalam, Kilwa und Mgau eingeteilt.
Für jeden dieser Bezirke wurde ein Bezirks-Amt, dem der betreffende
Bezirkshauptmann vorstand, geschaffen. Diese Bezirkshauptleute hatten
alle die Verwaltungs-Funktionen, welche die Stationschefs unter dem
Reichskommissariat ausgeübt hatten. Da einige Bezirksämter mehrere
Küsten-Stationen unter sich hatten, waren die Stationschefs der
Neben-Stationen den Bezirkshauptleuten unterstellt.
Die Bezirkshauptleute wie die Stationschefs hatten auch wie früher die
Gerichtsbarkeit in den Plätzen unter sich. Bei verwickelten Sachen,
oder wo es sich um größere Objekte handelte, oder endlich wenn die
eine der streitenden Parteien aus Europäern bestand, trat der zwei
Monat vorher herausgeschickte, den ostafrikanischen Verhältnissen
fremd gegenüberstehende Kanzler Eschke als Adlat des Gouverneurs in
Thätigkeit.
Um die Verbindungen an der Küste zu unterhalten, verwandte man, wie
zu Wißmanns Zeiten, die Flottille, nunmehr Gouvernements-Flottille
genannt, die aus den kleinen Wißmann-Dampfern bestand und, wie wir
bereits erwähnten, trotz vieler Mängel in den vergangenen Jahren gute
Dienste geleistet hatte.
Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in
Deutsch-Ostafrika, insbesondere zur Bekämpfung des Sklavenhandels
diente, wie erwähnt, die kaiserliche Schutztruppe, bestehend aus 1500
farbigen Soldaten. Der Etat an für den eigentlichen Truppendienst
in Betracht kommenden Europäern wurde jedoch mit dem 1. April 1891
erheblich verringert, und bestand nunmehr nur noch aus 24 Offizieren
und 35 Unteroffizieren gegenüber 35 Offizieren, 16 Deckoffizieren
und 107 Unteroffizieren zu Wißmanns Zeiten. Dazu traten noch für die
kaiserliche Schutztruppe 10 Ärzte, gegenüber 5 unter Wißmann, ferner 15
Zahlmeister-Aspiranten, 16 Lazarettgehülfen und 2 Schreiber. Im ganzen
jetzt 102 Europäer, früher 163. Viele der Europäer der Schutztruppe,
besonders die Zahlmeister-Aspiranten und eine Reihe von Unteroffizieren
waren gänzlich zum Gouvernementsdienst abkommandiert und gingen so der
Truppe verloren.
Die Schutztruppe wurde auf Befehl von Berlin in 10 Kompagnien
formiert, von denen 4 als Besatzungs-Kompagnien der Küste dienten, 4
Expeditions-Kompagnien und 2 Ersatz-Kompagnien für die Besetzungen
des Innern und die Ablösungs-Mannschaften im Innern bildeten. Die 4
Besatzungs-Kompagnien waren auf die 5 Küsten-Bezirke derart verteilt,
daß jeder Bezirk eine Kompagnie hatte, die Bezirke Bagamoyo und
Daressalam dagegen zusammen eine Kompagnie mit dem Stabe in Bagamoyo.
Die Kompagnieführer standen zugleich als Bezirks-Hauptleute den
Bezirksämtern vor, hatten also doppelte Funktionen, und waren in
civiler Hinsicht dem Gouverneur, in militärischer dem Kommandeur
unterstellt. Es war dies ein bedeutender Mißstand, der zu Reibereien
der betreffenden Behörden Veranlassung geben und die betreffenden
Offiziere in Kollision mit den verschiedenen Pflichten bringen konnte.
In gleicher Weise war dies beim Intendanten, der, wie erwähnt,
ebenfalls den beiden Herren unterstellt war, beim Kanzler, der zugleich
Auditeur der Schutztruppe war, endlich beim Landrentmeister der Fall.
Die Schutztruppe selbst unterstand, was Personalien und die
militärische Verwaltung anlangte, jetzt dem Reichs-Marine-Amt, für
ihre Verwendung und die ökonomische Verwaltung dagegen dem Gouverneur
und der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes, an deren Spitze
der Dirigent derselben, Wirkliche Geheime Legations-Rath +Dr.+
Kayser steht. In der Kolonial-Abteilung hatten wir in der Heimat eine
Behörde, deren einzelne Beamten sich durch mehrjährige Thätigkeit in
der Verwaltung der Kolonien sowohl in Berlin, wie teils auch an Ort und
Stelle Erfahrungen erworben hatten, die, wie besonders der Dirigent
derselben, den Kolonien nicht nur ein reges Interesse, sondern auch ein
praktisches Verständnis entgegenbringen. Das Reichs-Marine-Amt dagegen
bekam eigentlich in der Verwaltung der Schutztruppe ein Anhängsel: die
Schutztruppe stand bis dahin der Marine vollkommen fremd gegenüber und
dürfte wohl auch jetzt, wie dies ja auch erklärlich ist, als Stiefkind
und unliebsames Anhängsel von der Marine angesehen werden. In keinem
Falle kann die doppelte Unterstellung der Schutztruppe unter das
Auswärtige Amt und das Reichs-Marine-Amt als vorteilhaft angesehen
werden. Eine Vereinfachung hierin erscheint als dringendes Bedürfnis
und man wird sich wohl auf die Dauer der Schaffung eines eigenen
Kolonial-Amtes, in dem die betreffenden Behörden vereinigt und dem
Leiter dieses Kolonial-Amtes unterstellt sein müßten, nicht entziehen
können.
Bei der Überleitung des Reichskommissariats in das Gouvernement wurden
die neu herausgesandten Beamten schon im Etat auffallend gut behandelt;
weit weniger kümmerte man sich um viele der älteren Wißmann-Offiziere,
für die der neue Etat geradezu eine bedeutende Verschlechterung
bedeutete; ein Teil derselben wurde im Jahresgehalt um 2400 Mark
heruntergesetzt. Junge Juristen, die Ostafrika im vorigen Jahre das
erste Mal erblickten und vorher daheim Assessoren gewesen waren,
erhielten für ihre wenig aufreibende Thätigkeit im reinen Küsten-
und Verwaltungsdienst ein Gehalt, das den Jahre lang in Afrika unter
allerlei Gefahren und Entbehrungen thätig gewesenen älteren Offizieren
genommen wurde; und wenn auch von den letzteren wohl kein einziger
allein aus materiellen Gründen draußen seine Thätigkeit fortsetzte, so
bewirkte doch diese Behandlung immerhin den Anfang einer Verstimmung.
Nachdem die Besetzung des Küstengebietes nach der erwähnten Einteilung
neu durchgeführt war, ging der Gouverneur daran, die Verwaltung in
seinem Sinne einzurichten. Es gehört nicht in den Rahmen dieses Buches,
ausführlich alles das, was nach der Uebergabe der Geschäfte durch von
Soden geschehen ist, zu beschreiben; es sollen nur in kurzen Zügen die
Ereignisse des letzten Jahres geschildert werden. Wißmanns Arbeit hatte
dem Gouverneur eine Basis geschaffen, auf welcher der letztere seine
Thätigkeit aufbauen konnte. --
Der in einem früheren Kapitel erwähnte Zug des Chefs Ramsay ins
Mukondogua-Thal und sein Abkommen mit den Wahehe hatte diese bewogen,
Gesandte nach der Küste zu schicken, die einen endgültigen Frieden
mit dem Gouverneur abschließen sollten. In Bagamoyo angekommen, wurde
den Leuten, da gerade damals das ganze Expeditionskorps in Bagamoyo
sich befand, ein Begriff von unserer Stärke beigebracht. Man gab sich
der Hoffnung hin, daß die Wahehe auf ihren Raubzügen jetzt etwas
vorsichtiger sein würden und jedenfalls die Karawanenstraße und Usagara
nicht mehr beunruhigen, sondern sich auf Kriege mit den Wagogo, Massai
und Warori beschränken würden. Die Wahehe heuchelten in jeder Beziehung
Unterwürfigkeit und versprachen alles, was von ihnen verlangt wurde.
Befremdlich war es jedoch, daß, nachdem die Gesandtschaft entlassen und
in ihr Land zurückgekehrt war, sogleich wieder ein neuer Einfall nach
Usagara gemacht und dieses wichtige Land aufs empfindlichste von den
Räuberhorden beunruhigt wurde.
Der Verkehr auf der nach Bagamoyo führenden Straße war vollständig
unterbrochen, unsere Schutzbefohlenen aus Usagara klagten ihre Not
nach Bagamoyo, sie meldeten, daß die deutsche Flagge in den Dörfern,
die sie geführt hätten, von den Wahehe herunter gerissen worden sei
und daß dieselben unsere Behörden verhöhnt hätten. Ein Eingriff der
Schutztruppe in dem bedrohten Gebiet war demnach selbstverständlich.
Der dem Gouverneur oder vielmehr, da dieser neu nach Ostafrika
gekommen war, seinen Beratern, -- und das waren diesem Falle wir, die
ältesten Offiziere, speziell der Verfasser als Bezirks-Hauptmann von
Bagamoyo, -- gemachte Vorwurf, daß die gegen die Wahehe ausgerüstete
Strafexpedition leichtsinnig und überflüssig gewesen wäre, ist durchaus
unverständlich.
Die Frechheit der Wahehe, welche über unsere Leichtgläubigkeit und
die ihnen bewiesene Nachsicht nur spotteten, mußte bestraft werden,
die Bewohner der blühenden Ortschaften im Mukondoguathal durften
nicht in ihrem Vertrauen auf uns getäuscht werden, die Ruhe an
der Karawanenstraße mußte hergestellt werden: das waren doch wohl
vollwichtige Gründe, aus denen der Verfasser beim Gouverneur die
Ausrüstung einer Expedition, die schleunigst von Bagamoyo in die
bedrohte Gegend marschieren sollte, beantragte. Die Führung derselben
wurde auf seinen Vorschlag vom Gouverneur ursprünglich dem Verfasser
zugedacht; Nachrichten indes, welche aus Kilwa nach Daressalam drangen
und besagten, daß dort die Mafiti wie alljährlich einen Einfall in
das Hinterland von Kilwa gemacht hätten und bis ganz dicht an die
Stadt vorgedrungen wären, machten zunächst ein Einschreiten um Kilwa
notwendig, da hier die Küstenbevölkerung selbst bedroht schien.
So ging denn der Kommandant der Schutztruppe von Zelewski mit dem
gesamten Expeditionskorps von 4 Kompagnien nach Kilwa, um nach
Beseitigung der Mafiti-Gefahr im Einverständnis mit dem Gouverneur
durch das Hinterland über den Rufidji nach Usagara zu marschieren. Der
Verfasser hat sich zu jener Zeit in Daressalam dahin ausgesprochen, daß
dieser Marsch ihm nicht empfehlenswert erschien. Ein Eingreifen des
Expeditionskorps war allerdings zunächst bei Kilwa absolut notwendig.
Indes nach Beseitigung der Gefahr von Kilwa wäre die Überführung
der für die Wahehe-Expedition notwendigen Truppen durch Dampfer
nach Bagamoyo richtig gewesen, von wo aus dann die Expedition in
Eilmärschen auf der Karawanenstraße nach Mpapua hätte vorgehen können.
In Mpapua lag die Möglichkeit vor, aus den Reihen der Wagogo und
Massai, den Feinden der Wahehe, für uns sehr wertvolle Bundesgenossen
zu erhalten, durch diese mehr gesichert, von Mpapua aus nach Süden
in Uhehe einzudringen und hier nach Osten auf Kondoa herumzugreifen.
Der Zweck eines Marsches durch das Hinterland von Kilwa erschien aus
militärischen und politischen Gründen verfehlt. Die Schwierigkeiten,
die sich der Verpflegung einer großen Truppe entgegenstellen mußten,
die Notwendigkeit, daß man nicht zu unterschätzende, räuberische Stämme
zu passieren hatte, die uns einerseits immer ausweichen, andererseits
aber in ungünstiger Gegend, auf Lagerplätzen und beim Marsch leicht
gefährlich werden konnten, sprachen zu laut dagegen. Im besten Falle
war dieser Marsch eine gute Sports-, vielleicht auch eine geographische
Leistung, aber einen bedeutenden Erfolg konnte er nicht haben. Die
Absicht, nach Mpapua zu gehen und von hier aus die Expedition durch
Verbündete aus den Reihen der genannten Stämme zu verstärken, hatte
der Kommandant ebenfalls, aber er wollte von Kilwa aus nach Mpapua
gelangen; der Gouverneur genehmigte trotz der zur Sprache gekommenen
Bedenken diesen Plan.
Um Zeit zu sparen, war Zelewski gezwungen, nach der Ankunft am
Jombofluss von dem Marsch nach Mpapua Abstand zu nehmen und die
Expedition von diesem Flusse aus direkt nach Uhehe zu führen. Auf
dem bisherigen Marsche waren die Mafiti nirgends angetroffen worden,
sondern überall der marschierenden Truppe ausgewichen; bei Kilwa
selbst fand man auch nur ein verlassenes Lager der Mafiti vor.
Das Land der nördlichen Mahenge wurde passiert und mit diesen ein
durchaus friedlicher Verkehr gepflogen. Aber auch da zeigte sich die
Unzuverlässigkeit gerade dieser Stämme. Nachdem das Expeditionskorps
kaum ihr Land verlassen hatte, benutzten sie die Gelegenheit zu einem
Einfall nach Usaramo, in der Annahme, daß nun an der Küste nicht mehr
genügend starke Kräfte vorhanden seien, um ihnen entgegenzutreten.
Nach der Überschreitung des Rufidji war eine Zulukompagnie vom
Expeditionskorps nach Daressalam zurückgeschickt worden, um für etwa
notwendige Unterstützungen hier zur Verfügung zu stehen, und wurde der
Weitermarsch mit nur drei Kompagnien vorgenommen. Vom Jomboflusse aus
ging es mehr südlich nach Uhehe hinein. Die Wahehe, die nirgends einen
ernstlichen Widerstand leisteten, wurden überall vertrieben und ihnen,
da sie eben allerorten zurückwichen, die einzig mögliche Strafe durch
Niederbrennung ihrer Tembes (befestigte Ortschaften) und Plünderung
ihres Eigentums zu Teil.
Am 17. August ereilte die Expedition ihr unglückliches Schicksal. Als
die Kolonne in der Gegend von Lula das in Uhehe häufig sehr coupierte
und stark bewachsene Terrain passierte, wurde sie in ihrer ganzen Länge
gleichzeitig von den nach Tausenden zählenden Wahehe-Horden, die auf
dem Marsche einen Hinterhalt gelegt hatten, plötzlich überfallen, und
gleich im Anfang des sich entspinnenden Gefechtes die meisten Europäer
der Truppe, an ihrer Spitze der Kommandeur, niedergemacht. Insgesamt
bedeckten die Leichen von 10 Europäern, 250 farbigen Soldaten und etwa
100 Trägern das Schlachtfeld.
Es wurde gleich zuerst bekannt, daß auch die Wahehe ungeheure Verluste,
wie sie solche bis dahin noch nie gehabt, erlitten hätten, doch wurde
dies zuerst wenig geglaubt, weil die näheren Umstände, unter denen die
Schutztruppe überfallen war, es höchst zweifelhaft erscheinen ließen.
Indes scheint es doch nach den einstimmigen Angaben der Wahehe, als
müsse man die Zahl der auf ihrer Seite Gefallenen auf annähernd 900
annehmen; dem Verfasser will auch heute noch die angegebene Zahl ganz
unglaublich scheinen.
Die gefallenen Offiziere waren der Kommandeur von Zelewski, die
Lieutenants von Zitzewitz, von Pirch, Arzt +Dr.+ Buschow, die
Unteroffiziere Herrich, von Tiedewitz, Schmidt, Tiedemann, Hemprich
und Büchsenmacher Hengelhaupt: ein nicht nur durch die große Zahl
der Gefallenen, sondern insbesondere durch den persönlichen Wert und
die in Afrika erwiesene außerordentliche Tüchtigkeit der einzelnen
außerordentlich schmerzlicher Verlust für die Truppe.
Von den verschiedensten Seiten ist behauptet worden, Kommandeur v.
Zelewski trage die alleinige Schuld an dem Unglück, das ihn und seine
Truppe betroffen; seiner nicht zu entschuldigenden Sorglosigkeit
sei die Herbeiführung der Katastrophe zuzuschreiben. Es hat diese
Beurteilung ihres Kommandeurs die Offiziere der Schutztruppe auf das
schmerzlichste berührt, da gerade Herr v. Zelewski ein durch seine
Umsicht und Vorsicht bekannter Offizier war. Bei den schwierigen
Terrainverhältnissen der Landschaft Uhehe kann nicht der bei uns für
Marschsicherung etc. geltende Maßstab auf die Expedition angelegt
werden.
Das tiefe Eindringen der Expedition in die Landschaft Uhehe ist
aus der Absicht des Expeditions-Führers zu erklären, die vorher
auf der Expedition erlangten Vorteile über den räuberischen Stamm
militärisch gründlich auszunutzen. Ob indes das vom rein militärischen
Gesichtspunkt richtige weite Vordringen ins Innere auch politisch
zweckmäßig war, bleibe dahingestellt. Zweifellos muß zugegeben werden,
daß von Zelewski den Charakter der Mafitistämme, mit denen er früher
nicht in Berührung gekommen war, nicht ganz erkannt hat. v. Zelewski
war ausschließlich Soldat, das aber mit Leib und Seele, ebenso ein
tüchtiger Organisator, als welcher er Wißmann speziell bei der
Organisation der Truppe stets helfend zur Seite stand.
Die Reste der Expedition wurden durch den Lieutenant von Tettenborn,
der auf dem Marsche die Arrieregarde kommandierte, und der beim
Überfall selbst in das Gefecht nicht verwickelt wurde, zunächst nach
Kondoa und von dort nach der Küste zurückgeführt. An Europäern waren
der Katastrophe entgangen mit Herrn von Tettenborn Lieutenant v.
Heydebreck, der im Gefecht selbst verwundet worden war, der Feldwebel
Kay und der Unteroffizier Wutzer, dazu 64 farbige Soldaten, darunter
die Offiziere Murgan Effendi und Gaber Effendi.
Da Herr von Heydebreck gleich anfangs durch einen erhaltenen
Keulenschlag besinnungslos geworden war, fällt jenen beiden schwarzen
Offizieren, -- die übrigen Europäer hatten sich im eigentlichen Gefecht
nicht befunden, -- das Verdienst zu, mit den noch vorhandenen Truppen
einen sehr energischen Widerstand geleistet zu haben. Von den Wahehe
wird angegeben, daß gerade bei diesem Gefecht die Zulus sich ungemein
schneidig benommen haben, die Gefallenen der Zulus hätten ihr Leben
sehr teuer verkauft.
Leider verboten die Umstände dem ältesten Offizier der Expedition,
Lieutenant von Tettenborn, bis in das Terrain, wo der Überfall
stattgefunden hatte, mit dem intakten Rest der Truppe vorzudringen.
Er mußte, um nicht Alles aufs Spiel zu setzen, sich auf die Besetzung
einer Tembe vor der Unglücksstätte beschränken, wo er den angreifenden
Wahehe erfolgreich Widerstand leistete, und die aus dem Überfall
entkommenen Truppen um sich sammelte. Tettenborn übernahm alsdann
die Leitung des Rückzugs nach der Küste, nachdem die Europäer und
Soldaten hatten mitansehen müssen, wie die teuren gefallenen Kameraden
unbestattet vor ihren Augen durch Anzünden des Grases verbrannt wurden.
Die Geschütze -- 2 Maxim-Guns und 1 4,7 +cm+ Geschütz, -- wie die
Mehrzahl der Gewehre und Munition hatte man in den Händen der Gegner
zurücklassen müssen.
Nach den zu uns gelangten Berichten haben die Wahehe, wie bereits
erwähnt, bedeutende Verluste gehabt und ihre besten Krieger, auch einen
Teil der Unterhäuptlinge, im Kampfe mit der Expedition verloren; von
den letzteren soll außerdem der Oberhäuptling der Wahehe mehrere haben
hinrichten lassen. Der Oberhäuptling befand sich nach der Katastrophe
in steter Furcht vor einer Racheexpedition unsererseits und soll
überhaupt den Überfall der Expedition, von dem er selbst keine Kenntnis
gehabt haben will, nicht gebilligt haben.
Die Katastrophe wirkte auf die Soldaten der Schutztruppe ungemein
demoralisierend und machte auch die Bewohner an der Küste übermütig.
Die letzteren waren dem Gouverneur von Soden so wie so nicht
wohlgesinnt: einmal wegen seiner Steuermaßregeln und dann, weil er der
Bevölkerung, insbesondere den Großen derselben, nicht die ihnen sonst
immer zu Teil werdende Beachtung schenkte und sich über die im Orient
nun einmal üblichen Umgangsformen und Äußerlichkeiten hinwegsetzte; auf
der andern Seite lavierte der Gouverneur mit den Eingeborenen häufig
gerade an der unrechten Stelle.
Hätte nach der Katastrophe ein Rachezug mit der nötigen Macht, mit
intakten oder nicht entmutigten Truppen gemacht werden können,
wäre dies für uns außerordentlich günstig gewesen, aber leider war
dies ausgeschlossen; es mußte erst eine Rekrutierung in der Truppe
abgewartet werden.
Die Wahehe knüpften durch die Araber in Kondoa Friedensverhandlungen
mit dem Gouverneur an und boten die Auslieferung der erbeuteten
Kanonen, Gewehre und Munition an, sowie Zahlung einer Strafe in
Elephantenzähnen und Rindvieh. Es wurde von einer Strafexpedition
abgesehen; die Verhandlungen mit den Wahehe, bei welchen der Gouverneur
durch den +pater superior+ der Mission in Longa vertreten war,
kamen aber nicht recht in den Gang, sodaß inzwischen einige der
Mauser-Gewehre mit Munition von den Wahehe nach den verschiedensten
Plätzen verkauft wurden und sogar bis auf den Markt nach Tabora kamen.
Inzwischen schwoll den Arabern und Belutschen von Kondoa, die von jeher
nicht gerade von der besten Sorte waren, der Kamm.
Der in Afrika wohlbewährte Lieutenant Prince, welcher zur Unterdrückung
von etwa in Kondoa vorkommenden Unruhen daselbst mit einer Truppe
von ca. 100 Mann sich befand, hatte mit dem Geologen +Dr.+ Lieder,
den er dort getroffen, die Absicht, auf die Einleitung von
Friedensunterhandlungen von Seiten der Wahehe hin, nach dem Schauplatz
der Zelewskischen Katastrophe abzumarschieren. Lieder hatte hinreichend
Gelegenheit gehabt, die Mafitistämme im Norden wie im Süden kennen zu
lernen; er wie Prince hatten das sehr richtige Gefühl, es müßten die
Überreste der auf dem Kampfplatz gefallenen und verbrannten Europäer
und Soldaten beerdigt werden. Sie verlangten daher von den Wahehe
Stellung von Geißeln, damit sie mit ihrer Truppe die Aussicht hätten,
sicher hin- und zurückzukommen, ebenso Stellung von
Begleitmannschaften.
Die Herren wurden jedoch durch einen Befehl des Gouverneurs, der durch
die Missionare zu verhandeln wünschte, an der Ausführung ihrer Absicht
gehindert. Die Verhandlungen, welche der Gouverneur mit den Wahehe
dann durch die Missionare angeknüpft hat, sind jetzt als gescheitert
und wir als die Getäuschten zu betrachten. Es wird zwar angegeben, der
Oberhäuptling der Wahehe wünsche ehrlich Frieden mit uns Deutschen zu
halten, doch besteht das Faktum, daß er die geraubten Geschütze und
Gewehre wie Munition zur Zeit noch nicht ausgeliefert hat. Es ist bei
solchen Räuberstämmen, wie die Wahehe sind, überhaupt von vornherein
falsch, zuviel auf Besprechungen und Betheuerungen zu geben. Die
Grundlage, auf der die Herren Prince und Lieder verhandeln wollten,
nämlich nach Stellung von Geißeln, war die einzig richtige. So aber ist
unsere Würde bei den Verhandlungen nicht gewahrt worden, auch haben
unsere braven Gefallenen in Uhehe noch kein christliches Grab erhalten!
Die Massai, die Erbfeinde der Wahehe, mit denen zuletzt der
Stationschef von Mpapua, Lieutenant von Elpons, ein gutes Verhältnis
erhalten hatte, baten diesen nach der Katastrophe um die Erlaubnis, nun
ihrerseits über die Wahehe herfallen zu dürfen; von Elpons mußte ihnen
jedoch seiner dringenden Instruktion vom Gouverneur gemäß diese Bitte
abschlagen. --
Es sei gestattet, bei dieser Gelegenheit einiges über die
Schwierigkeiten, die sich auf Expeditionen häufig darbieten, zu sagen.
Wesentlich von Belang ist der Zweck der Expedition und das Verhältnis
derselben gegenüber den Eingeborenen: ob diese die Expedition von
vornherein als feindlich ansehen oder nicht. Bei den Expeditionen der
Schutztruppe, soweit diese Straf-Expeditionen sind, oder zur Ausdehnung
der Macht an Stellen dienen sollen, wo sich die eingeborene Bevölkerung
selbständig zu halten sucht, tritt natürlich das Ziel der Expedition
den Eingeborenen selbst als ein ihnen direkt feindliches vor Augen, und
werden sie einer solchen Expedition nach Möglichkeit Schwierigkeiten im
Vordringen entgegensetzen.
Anders ist es bei Expeditionen einfacher Reisender, die blos den Zweck
haben, durch das Land zu marschieren, in demselben aber keinerlei
Hoheitsrechte auszuüben. Für solche Expeditionen kann man sagen, daß
je klarer den Eingeborenen das friedliche Ziel derselben vor Augen
tritt, desto leichter das Vorwärtskommen der Expedition sein wird. Es
kommt also oft vor, daß das Mitnehmen von einer geringen Menge von
Soldaten oder überhaupt gar keiner Soldaten die Expedition ungemein
erleichtert. So ist es auch erklärlich, daß Missions-Expeditionen und
wissenschaftliche Expeditionen mit viel geringeren Mitteln als die
Expeditionen unserer Schutztruppe ausgeführt werden können, da deren
friedliche Bestrebungen im allgemeinen bekannt sind, wenngleich auch
hier natürlich Ausnahmen von der Regel vorkommen. Denn auch solche
Expeditionen leiden zuweilen unter der Raubsucht einzelner Häuptlinge
oder deren Rachgier für irgend welche früheren Ereignisse.
Befassen wir uns hier indes nur mit den Expeditionen, wie sie von
Seiten der Schutztruppe häufig nötig werden. Die Expeditionen
richten sich zum Teil gegen Völkerstämme, die mit Gewehren, bei
Beginn der Niederwerfung des Aufstandes sogar mit allen möglichen
Hinterladergewehren und deren Munition reichlich versehen sind, zum
Teil gegen Stämme, welche nur die einheimischen Waffen führen. Diese
Waffen sind entweder Speere, nämlich ein großer Stoßspeer und mehrere
kleine Wurfspeere, oder Bogen und Pfeile nebst Keulen, zuweilen beide
Arten der Bewaffnung bei demselben Gegner, aber nie in der Hand eines
Einzelnen vereinigt.
Es wird häufig angenommen, daß allein die Bewaffnung unserer Gegner mit
Gewehren für uns nachteilig sei. Dies ist nicht immer der Fall, denn
gerade die ausschließlich mit Speeren kämpfenden Völkerstämme sind in
ganz Ostafrika unter den Eingeborenen die bei weitem gefürchtetsten.
Sie verlassen sich nicht, wie die übrigen Eingeborenen, auf die
Überlegenheit der Feuerwaffen, sondern ganz allein auf die Wucht ihres
Angriffs und die Überlegenheit ihrer im Nahkampfe hervortretenden
Persönlichkeit, wie sie auch stets durch größeren Mut vor andern
Völkerstämmen ausgezeichnet sind. Auch sind gerade diese Stämme
diejenigen, welche durch die Benutzung von Hinterhalten, durch
Überfälle jeder Art bei Tag und bei Nacht, ihrem Gegner gefährlich
zu werden suchen, und welche die größten Marsch- und sonstigen
körperlichen Leistungen verrichten.
Es soll damit nicht gesagt sein, daß es unter den Gewehrkriegern nicht
auch vorzüglich organisierte Scharen gäbe. Solche sind z. B. im Süden
die Wahiyao Maschembas und andere, die während des Aufstandes durch die
fortwährenden Kämpfe mit uns klug geworden sind und namentlich, wie
früher Bana Heri mit seinen Leuten, die Ausnutzung des Terrains uns
gegenüber gelernt haben. Sie haben mit der Zeit erfahren, daß sie auch
in gut befestigten Stellungen uns auf die Dauer nicht zu widerstehen
vermögen, sondern daß ihre Stärke uns gegenüber gerade der dichte
afrikanische Busch ist. In diesem Busch liegt für uns die Hauptgefahr,
wofern er nicht überall so undurchdringlich ist, daß auch unsern
leichter beweglichen Gegnern die Benutzung desselben zu unserm Nachteil
unmöglich gemacht wird. Auf den Märschen unserer Expeditionen können
ja bekanntlich nur die schmalen Fußstege benutzt werden, von denen die
hauptsächlichsten die Karawanenstraßen sind.
Das Terrain zu den Seiten dieser Wege ist je nach der Jahreszeit und
der Örtlichkeit mit mehr oder weniger hohem und dichtem, trocknem oder
grünem, zuweilen doppelt mannshohem Grase bewachsen, teils von dem
afrikanischen Busch durchzogen, mit Mimosen und Lianen bestanden, und
bietet so ein recht bedeutendes Bewegungshindernis wenigstens für uns
und für unsere mit Gepäck versehenen, mit Munition, Ausrüstungs- und
Montierungsstücken belasteten Soldaten.
Eine andere Art der Bewachsung, wie solche sich fast überall
im nördlichen Mahenge, in Uhehe, Ugogo und im größten Teil des
Hinterlandes unseres südlichen Küstengebietes befindet, besteht aus
völlig undurchdringlichem Dickicht. Zuweilen sind dann selbst die
schmalen Fußpfade sehr schwer, besonders von Lastträgern, zu passieren.
Man muß sich ohne Gepäck entweder bücken, oder sogar kriechen, nur
um überhaupt fortzukommen. Die Fußpfade schlängeln sich von rechts
nach links, vorwärts und wieder rückwärts, so daß es in solchem
Terrain ungeheuer schwer ist, nur die allgemeine Marschrichtung
im Auge zu behalten. Hier ist eine Sicherung natürlich gänzlich
ausgeschlossen; doch bietet uns da die Eigenart des Terrains selbst
einen natürlichen Schutz. Von speerkämpfenden Stämmen droht uns auf
dem Marsche durch solches Gebiet keine Gefahr, unter Umständen
dagegen von Büchsenkämpfern. Diesen ist natürlich immer ihr Land mit
allen seinen Seitenpfaden besser bekannt als uns, sie können etwaige
in diesem Terrain vorhandene Blößen geschickt benutzen, wie sie dies
auch thatsächlich verstanden haben. Sie setzten des öfteren durch ein
plötzliches, unerwartetes Schnellfeuer die Truppe in Verwirrung und
brachten ihr Verluste bei.
Auf solchen sich lang hinziehenden Märschen hat der Führer selbst wenig
Gelegenheit und Möglichkeit einzugreifen, es liegt dann alles in der
Hand der Unterführer, speziell der einzelnen Zugführer. Man wird dann
häufig gut thun, das Feuer, wenn es kein ernstlich anhaltendes ist,
ganz zu ignorieren, um nicht unnütz gegen einen unsichtbaren Feind
Munition zu verschwenden; ist man indes genötigt, ein anhaltendes Feuer
zu erwidern, so kann gerade in solchem Terrain auf den unregelmäßig
sich dahinziehenden Pfaden die eigene Truppe durch eine abgegebene
Salve stark gefährdet werden. Man wird, wie erwähnt, die Marschrichtung
in vielen Fällen nicht genau kennen, und unter Umständen einen davor
oder dahinter marschierenden Teil der Truppe, der sich im Holze in
einer Wegekrümmung gerade in der Schußlinie befindet, durch das
Schießen in Gefahr bringen. Im übrigen findet eine Sicherung auf dem
Marsch unserer Expeditionen stets durch die Voraussendung einer Spitze
oder mehr oder minder großen Avantgarde je nach den Verhältnissen
statt. Nach vorn ist unter allen Umständen eine Sicherung möglich.
Ein weiteres bedeutendes Sicherungsmittel erblickt der Verfasser in der
Mitnahme eines Maxim-Guns, vorausgesetzt, daß zur Bedienung desselben,
-- welches ja für Ostafrika den entschiedenen Nachteil der Komplikation
in seinem System hat, -- ein Techniker zur Verfügung steht. Wenn das
Maxim-Gun ziemlich an der Tête der Kolonne, gedeckt etwa durch einen
Trupp von 20 vor demselben marschierenden Leuten, getragen wird, so
ist es im Augenblick zusammenzusetzen, und gestattet dann eine recht
schnelle und intensive Feuerwirkung. Nach vorn hin auf dem einfachen
schmalen Fußstege, wo die Entfaltung einer breiten Front unmöglich ist,
ersetzt es reichlich die Feuerwirkung einer Kompagnie und vermag ebenso
auch nach allen Seiten ein intensives Feuer abzugeben. Bezüglich der
sonst mitzuführenden Artillerie schlägt der Verfasser 3,7 +cm+
Geschütze wegen des geringen Gewichts, der Leichtigkeit des Transportes
und der genügenden Feuerwirkung vor.
Zu bedenken ist, daß bei größeren Expeditionen der Mitnahme von
Patronen wegen der großen Zahl der erforderlichen Träger doch ein Maß
gesetzt ist, obgleich ja unsere Soldaten je nach den Verhältnissen
immerhin 100-150 Patronen, teils eingenäht in ihre Patronentaschen,
teils im Tornister oder Brotbeutel bei sich tragen. Es muß einem
leichtsinnigen Patronenverbrauch auf Expeditionen aufs entschiedenste
vorgebeugt werden und sind die Soldaten hierin aufs Strengste zu
kontrolieren. Eine Sicherung, wie sie von einer Seite vorgeschlagen
worden ist: daß man in unübersichtliches coupiertes Terrain der
Kontrolle halber Salven hereinschießen läßt, ist schon aus diesem
Grunde ausgeschlossen.
Eine weitere Sicherung wird zwar -- außer in der erwähnten dritten,
besonders coupierten und bewachsenen Art des Terrains -- möglich,
aber fast immer schwierig sein, nämlich eine Sicherung durch
Seitenpatrouillen. Abseits des Weges ergeben sich für die seitlich
detachierten Truppen oder die Seitenpatrouillen weit bedeutendere
Hindernisse, als für das den Weg benutzende Gros. Man kommt daher, wenn
die Seiten-Detachements oder -Patrouillen nicht seitlich hinter der
Truppe zurückbleiben und somit ganz ihren Zweck verfehlen sollen, in
die Notwendigkeit, das Marschtempo der Truppe bedeutend zu verkürzen.
Hierdurch verzögert sich der Marsch einer Expedition sehr erheblich,
das Seitendetachement wird stark ermüdet, der Marsch von Expeditionen,
die sonst die Dauer einiger Wochen in Anspruch nehmen, erfordert
eine unendlich längere Zeit für ihre Durchführung, und kosten die
Expeditionen demgemäß viel mehr Geld und Anstrengung. Es ergiebt
sich hieraus als praktisch, diese Seitensicherung in solchem Terrain
nur dann eintreten zu lassen, wenn sie unbedingt nötig erscheint.
Da unsere Expeditionen sich übrigens häufig durch Gegenden bewegen,
wo man absolut vor Überfällen sicher ist, wäre es eine Zeit- und
Geldvergeudung, mit solchen komplizierten Sicherheitsmaßregeln zu
marschieren.
Natürlich ist, besonders in Feindesland und in unsicheren Gegenden,
jeder sich seiner Verantwortung bewußte Führer verpflichtet, alle
möglichen Vorsichtsmaßregeln anzuwenden. Beurteilen zu können, wo und
wann diese Vorsichtsmaßregeln nötig sind, muß unbedingt vom Führer
einer Expedition verlangt werden. Er wird auch stets dazu in der Lage
sein, namentlich wenn er es versteht, sich geeignete Vertrauensleute
zu halten, welche Fühlung mit den Bewohnern der von ihm durchzogenen
Gebiete haben. Hat der Führer solche Leute zur Hand, und das muß er
haben, so hat er durch sie eine ganz wesentliche Garantie für die
Sicherheit des Marsches.
Eine ebenfalls große Sicherheit bieten irreguläre Truppen aus den
Eingeborenen selbst, welche die Expedition begleiten. Solche werden
bei den ostafrikanischen Verhältnissen, speziell bei der zwischen den
einzelnen Stämmen bestehenden Feindschaft, in der Regel zu haben sein.
Sie sind besonders gut am Tage zum Aufklärungs-und Patrouillendienst
jeder Art zu verwenden, auch zu detachieren, und kommen hervorragend
gegen die Mafiti in Betracht, welche besonders, wie schon erwähnt,
durch ihre ungeheure Elastizität, große Beweglichkeit und ihre
Marschleistungen uns gefährlich werden. Die Mafiti sind, soweit dem
Verfasser bekannt ist, in Ostafrika die einzigen Krieger, welche das
leicht bewachsene Terrain seitwärts der Wege ohne Rücksicht auf diese
in ~breiter~ Kolonne, häufig im Laufschritt, durchschreiten und
so in der Lage sind, plötzlich und mit großer Wucht in Frontbreite
aufzutreten. Beim Bivouak kann eine große Zahl Irregulärer dadurch
wesentlich zur Sicherung unseres kostbaren Soldatenmaterials beitragen,
daß man um das in der Regel im Kreise oder sonst in einer dem
Terrain angepaßten Form errichtete Lager der eigentlichen regulären
Expeditionstruppen in weiterem Umkreise die irregulären ein Lager
beziehen läßt, gewissermaßen als dichte nächste Postenkette; dieses
Lager wird wiederum in noch weiterem Umkreise durch mehr oder weniger
dichte Vorposten der Truppe gesichert.
Das Alarmieren bei Nacht wird selbstverständlich für solche Zwecke
besonders eingeübt. Ein Feuergefecht aus dem Lager heraus zur Nachtzeit
ist indes, soweit angängig, zu vermeiden und namentlich nicht auf
das Schießen ~einzelner~ Gegner, die keinen oder wenig Schaden
anrichten, allgemein aufzunehmen.
Für eine marschierende Truppe liegt ferner ein großer Nachteil in der
Unzuverlässigkeit der angenommenen Träger, die häufig ihre Lasten
wegwerfen und durch Flucht Unordnung und Bestürzung in die Expedition
bringen. Bei der Notwendigkeit, häufiger Expeditionen zu unternehmen,
würde die Ausbildung ordentlicher bewaffneter Trägerkolonnen, die auch
zugleich als Arbeiter auf den Stationen dienen könnten, nützlich sein.
Ein von Herrn von Zelewski gemachter Versuch, die Träger zum Teil
wenigstens durch Lasttiere zu ersetzen, nämlich für den Transport
des für Kriegszwecke notwendigsten Materiales an Geschützteilen und
Munition für die Geschütze, das Maxim-Gun und Gewehrmunition, ist als
gescheitert zu betrachten. Zwar kann man rechnen, daß ein Esel zwei
Trägerlasten bei entsprechender praktischer Verpackung auf sich nimmt,
doch erfordern, wenn die Expedition nicht gar zu sehr aufgehalten und
die Ordnung gewahrt sein soll, immerhin zwei Esel einen Treiber, und
erweist sich, wie man bei der Zelewskischen Katastrophe gesehen hat, im
kritischen Moment diese Art als unpraktisch, da die Tiere scheu werden,
durcheinander rennen und Unordnung in die Kolonne bringen. --
Es mögen nun noch die anderen unter dem Gouvernement im Jahre 1891
unternommenen Expeditionen kurz Erwähnung finden.
Im nördlichen Nguru vorgekommene Unruhen und Belästigungen der
Eingeborenen durch Wakuafi und Massai machten ein Einschreiten von
unserer Seite notwendig. Der Verfasser unternahm daher im Juni vorigen
Jahres, da das in Frage kommende Gebiet zum Hinterlande seines Bezirkes
gehörte, eine Expedition durch Usegua, Nguru und Usagara, durch welche
es gelang, ein vollkommen friedliches Verhältnis mit den Eingeborenen
herzustellen und auch die räuberischen Wakuafi zur Vernunft zu
bringen. Ebenso wurde die vorher bedroht erscheinende französische
Missionsstation in Nguru, Mhonda, vollkommen sicher gestellt.
Nicht von geringem Nutzen war bei dieser Expedition die Hülfe Bana
Heris, dessen Einfluß auf die Eingeborenen sich der Verfasser zu
nutze gemacht hatte, und dessen Sohn Abdallah ebenso wie der des
öfteren erwähnte Jumbe Makanda von Bagamoyo auf der Expedition
mitgenommen wurden. Der früher bereits öfters angeführte Jehasi war
bei den Streitigkeiten der Wanguru mit den Wakuafi bei Einnahme einer
Wakuafi-Tembe gefallen.
Bereits im Juli war der Verfasser von dieser Expedition nach Bagamoyo
zurückgekehrt und führte in dieser Zeit teils die Bezirksgeschäfte
in Bagamoyo, teils vertrat er den auf der Wahehe-Expedition sich
befindenden Kommandeur v. Zelewski in Daressalam. Da machte sich durch
inzwischen erfolgte Einfälle der nördlichen Mafiti nach Usaramo die
Unternehmung einer Expedition gegen diese zur Sicherung der gefährdeten
Wasaramo notwendig. Alle an der Küste noch disponiblen Truppen wurden
vereinigt, die vom Kommandeur zurückgeschickte Zulu-Kompagnie, sowie
aus Pangani, Bagamoyo und Daressalam herausgenommene Truppen wurden
in Bagamoyo als Expeditionskorps zusammengezogen, und der Verfasser
unternahm mit den Offizieren, Kompagnieführer End und Lieutenant
Prince, wie dem Arzt +Dr.+ Kanzki die erwähnte Expedition.
Dieselbe durchzog zunächst Usaramo in südwestlicher Richtung nach
Tununguo hin, wo fast alle Dörfer aus Furcht vor den Mafiti verlassen
waren, außerdem beredte Zeugnisse für die Grausamkeiten der Mafiti, wie
sie in diesem Buche gelegentlich der Erwähnung des Mafiti-Einfalls im
Jahre 1889 bereits geschildert sind, gefunden wurden. Sodann wurde der
Kingani bei Mafiti überschritten und nach der Missions-Station Tununguo
marschiert. Von dort aus richtete sich der Marsch direkt ins Land der
nördlichen Mahenge, welche große Komplexe von Kutu occupiert haben und
die Wakutu in großer Abhängigkeit von sich halten. Die Bestrafung der
Mafiti war für die Expedition nicht so bequem wie vor zwei Jahren, wo
das Eingreifen Gravenreuths nur 5 Stunden von Bagamoyo nothwendig war.
In ihrem Lande wurden die Mafiti nur im Dorfe Korongo angetroffen,
doch räumten sie auch diesen Ort nach dem vollständig überraschenden
Eintreffen der Expedition bald nach Eröffnung des Feuers. Im übrigen
zogen es die Mafiti vor, uns überall auszuweichen. Für die Expedition
lag die Gefahr nahe, daß das ungemein coupierte, für uns selbst auf den
schmalen Fußstegen nur schwer zu passierende Terrain von den gewandten
leichtfüßigen Mafitis zu einem Überfall gegen uns benutzt werden
könnte. Wir mußten uns daher, so gut es ging, gegen Überraschungen
sichern.
In Hongo fanden wir eine Anzahl der von den Mafiti gefangenen Wasaramo
noch vor und setzten dieselben in Freiheit. Im übrigen beschränkte sich
der Verfasser darauf, den Mahenge in ihrem Lande, wo sie ebenfalls
überall zurückwichen, die einzig mögliche Strafe zu teil werden zu
lassen, nämlich sie an ihrem Hab und Gut nach Kräften zu schädigen.
Es wurden alle Ortschaften niedergebrannt, die überaus reichlich
daselbst vorgefundenen Vorräte, soweit wir sie nicht aufbrauchen und
mit uns führen konnten, den Flammen preisgegeben, und die reichen,
wohlbestellten Felder der Eingeborenen, soweit es in der kurzen Zeit
möglich war, durch uns und die eingeborenen Hülfsvölker, -- welche
besonders der Häuptling Kingo von Morogro und einzelne andere mächtige
Häuptlinge in der Zahl von mehreren Hundert Mann der Expedition
gestellt hatten, -- verwüstet.
Diese grausame Art der Bestrafung ist bei eingeborenen Gegnern, die
man auf andere Weise nicht fassen kann, leider notwendig, und sie ist
den Eingeborenen auf die Dauer fühlbarer, als selbst erhebliche, ihnen
im offenen Kampfe beigebrachte Verluste an Menschenleben, die sie mit
der Zeit viel eher verschmerzen. Aber auch der Vermögensverlust übt
einen sehr lange anhaltenden Einfluß bei einem so gewohnheitsmäßigen
Räubergesindel, wie die Mafiti sind, nicht aus. Es wurde daher vom
Verfasser bereits als wirksames Mittel die Anlage einer Station in der
Landschaft Kisaki vorgeschlagen, die jetzt in Angriff genommen ist.
Es sei hier bemerkt, daß vielleicht in späterer Zeit gerade das
jetzt verrufene Mafitiland für unsere Kolonie eine größere Rolle
spielen wird. Wir haben im Kutuland einen der fruchtbarsten und
bestbewässertsten Distrikte unseres Gebietes, der in jeder Hinsicht
die reichsten Ernten liefert. Dann aber lehnen sich hier die
Sedimentärformationen an den Gneis der Uruguruberge an. Dort ist
nach dem Urteil des Herrn +Dr.+ Lieder, der einen großen Teil
der Gebiete Deutsch-Ostafrikas geologisch erforscht hat und den der
Verfasser damals in Uruguru (Teil von Kutu, an das Mafitiland grenzend)
traf, das Vorkommen von nutzbaren Mineralien im höchsten Grade
wahrscheinlich, deren Transport zur Küste keine Schwierigkeiten machen
würde. --
Von der Expedition nach Bagamoyo zurückgekehrt, erfuhr der Verfasser
die Trauernachricht von der Katastrophe in Uhehe. Abgesehen von einer
nach der Katastrophe abgesandten Rekognoszierungs-Expedition nach
Mpapua unter Lieutenant Prince fanden keine weiteren Expeditionen der
Schutztruppe ins Innere im Bezirk von Bagamoyo und den weiter südlichen
Bezirken statt, im Hinterland von Tanga dagegen wurde das Einschreiten
des Bezirkshauptmanns Krenzler durch eine unter den Wadigo vorgekommene
Erhebung notwendig.
Gerade der Umstand, daß unter einem bisher so wenig kriegerischen,
geradezu für erbärmlich geltenden Stamme, wie die Wadigo, eine Erhebung
gegen die deutsche Herrschaft vorgekommen war, war kein günstiges
Zeichen und machte ein schleuniges Einschreiten notwendig. Die erste
zu diesem Zweck vom Bezirkshauptmann Krenzler unternommene Expedition
verlief ungünstig, da sich die Expedition wieder nach der Station Tanga
zurückziehen mußte. Eine zweite stärkere, ebenfalls von dem bald darauf
am perniziösen Fieber verstorbenen, um die Entwickelung von Tanga
hoch verdienten Hauptmann Krenzler geführte Expedition bewirkte die
Wiederunterwerfung der Wadigo.
Andere Kämpfe hatte am Kilimandscharo der dortige Reichskommissar
zur Verfügung des Gouverneurs, +Dr.+ Karl Peters, der als
Wirkungskreis das Kilimandscharo-Gebiet erhalten hatte, zu bestehen.
Nachdem Peters zunächst die Station Moschi mit der 9. Kompagnie der
Schutztruppe unter Kompagnieführer Johannes erreicht hatte, ging er
von dort aus weiter nach Osten, um hier eine neue nach seiner Ansicht
notwendigere Stations-Anlage zu schaffen. Hierfür wurde Marangu, der
Sitz des unbedeutenden Sultans Mareale, ausgesucht und der daselbst
von Peters gegründeten Station der Name Kilimandscharo-Station
beigelegt. Bei einer von dort mit einem Teil der Besatzungs-Kompagnie
gegen die Warombo unternommenen Expedition fiel der Sergeant Schubert
von der Schutztruppe, doch gelang es Peters, den Stamm, der sich nicht
unterwerfen wollte, zu strafen und unter die deutsche Herrschaft zu
bringen. -- In späterer Zeit fand +Dr.+ Peters Verwendung als
deutscher Kommissar bei der an unserer nördlichen Grenze vorgenommenen
Grenzregulierung gegen das englische Gebiet.
Nach der Katastrophe in Uhehe und der Rückkehr der Reste der
Expedition unter Tettenborn war durch die großen Verluste der
Schutztruppe eine vorläufige Umänderung in der Organisation derselben
geboten. Auf telegraphischem Wege gelangte eine Allerhöchste
Kabinets-Ordre nach Ostafrika, nach welcher der Gouverneur zugleich
das Kommando der Schutztruppe bis auf weiteres übernehmen sollte.
Da der Gouverneur jedoch nicht selbst Offizier war und daher eines
sachkundigen Beistandes bedurfte, wählte er hierzu den Verfasser, der
als militärischer Beirat nach Daressalam überzusiedeln hatte. Die
Maßregeln, welche vom Gouverneur teils mit, teils ohne Einverständnis
mit dem militärischen Beirat getroffen wurden, sind mehr innerer Natur
und bereiteten die spätere Änderung in der Organisation der Truppe
vor. In der äußeren Organisation wurden, -- abgesehen von einer durch
den Verfasser vorbereiteten Umgestaltung der Expeditions-Artillerie,
die dann wieder fallen gelassen wurde, -- die Reste der 6., 7. und
9. Kompagnie mit denen der 5., 8. und 10. vereinigt, so daß die
Schutztruppe nur noch 7 Kompagnien aufzuweisen hatte, die durch
Rekrutierung zu ergänzen waren. Diese Ergänzung wurde noch besonders
nötig, da auch ein Teil der alten sudanesischen Soldaten sich entweder
nicht mehr als dienstfähig erwies oder die Erlaubnis zur Rückkehr nach
Egypten erbat, und da auch die Zulus erklärten, nach Ablauf ihres
dreijährigen Kontrakt-Verhältnisses nicht mehr im Dienst bleiben zu
wollen.
Die Neuergänzungen sind von Major v. Wißmann in Egypten und
Kompagnieführer von Perbandt um Massaua herum, endlich im Gebiet der
Zulus von Inhambane aus vorgenommen worden, aber man erhielt nicht die
erwünschte Zahl, da die Rekrutierung bei den Zulus, auf deren Gelingen
man bestimmt gerechnet hatte, vollkommen scheiterte. Die Zulus, wird
ferner gesagt, würden sich entschieden weigern, über ihre Verpflichtung
hinaus, in der Schutztruppe zu verbleiben; es thut daher auf das
dringendste not, sich nach anderem Material umzusehen.
Sehr zu wünschen wäre die endliche definitive Herbeiführung einer
Organisation der Artillerie, so zwar, daß unsere hiesigen Feldgeschütze
als Positionsgeschütze auf den Küstenstationen, die 4,7 +cm+
für die Stationen des Innern, und 3,7 cm und Maxim-Guns für die
Expeditions-Artillerie dienen. Vor der Hand hat man darin noch gar
keine Organisation.
Der älteste Offizier der Kaiserlichen Schutztruppe, der des
öfteren in den früheren Kapiteln erwähnt worden ist, zuletzt als
Stellvertreter des Kaiserlichen Reichskommissars, +Dr.+ Karl
Wilhelm Schmidt, hatte die Oberführerstelle in der Truppe, d. i. die
zweite Stabsoffizierstelle erhalten. Man hatte in der Truppe geglaubt,
daß entweder der Oberführer, dessen Rückkehr nach längerem Urlaub
in Deutschland im Oktober vorigen Jahres erfolgte, zum Kommandeur
der Kaiserlichen Schutztruppe ernannt werden, oder daß ein hierzu
geeigneter deutscher Stabsoffizier als Kommandeur herausgesandt
werden würde. Das letztere wäre wohl möglich gewesen, da die
Stelle des Kommandeurs der Schutztruppe eigentlich der Hauptsache
nach eine Verwaltungs-Stellung ist und ihm die Fürsorge für das
Offizier-Korps obliegt. Andererseits konnte sich ja zur Ausübung des
praktisch-afrikanischen Dienstes der Kommandeur an die erfahrenen
Wißmannschen Offiziere halten. Die Heraussendung eines Stabsoffiziers
hätte also, wenn man dem +Dr.+ Schmidt trotz seiner zweifellos
auch großen militärischen Verdienste, -- wir erwähnen bloß die
Gefangennahme Buschiris, -- das Kommando der Schutztruppe etwa
prinzipiell nicht übertragen wollte, eine Enttäuschung im Offizierkorps
nicht veranlaßt. Die Stelle des Verfassers als militärischer Beirat des
Gouverneurs war von vornherein eine durchaus unhaltbare, da derselbe
zwar mit dem Kommando der Schutztruppe im Namen des Gouverneurs
beauftragt war, er der Anciennität nach aber im Offizier-Korps der
Schutztruppe erst der viertälteste Offizier war. Dazu kam noch die
Verschiedenartigkeit der Ansichten des Gouverneurs und des Verfassers.
Der zwischen beiden hervortretende prinzipielle Gegensatz veranlaßte
denn auch bald eine Änderung, so daß nach einem zwischen Daressalam
und Berlin gepflogenen Depeschenwechsel der Kommandant des Kreuzers
»Schwalbe«, Korvettenkapitän Rüdiger von dem Kommando der »Schwalbe«
entbunden und zum Stellvertreter des Gouverneurs ernannt wurde. Von
diesem erhielt Rüdiger insbesondere auch seine, des Gouverneurs
Vertretung im Kommando der Schutztruppe, und die Geschäfte wurden vom
Verfasser dem Herrn Kapitän Rüdiger übergeben. Rüdiger war zwar in
afrikanischen Festlandsangelegenheiten gänzlich unerfahren, brachte
aber ein großes Interesse unserer Kolonie entgegen und hat sich mit
größtem Eifer seinem neuen Amt gewidmet.
Der Verfasser, der als Beirat mit dem Gouverneur nur dann ersprießlich
zusammenwirken konnte, wenn Übereinstimmung in den Ansichten herrschte,
kehrte zunächst als Bezirkshauptmann nach Bagamoyo zurück, aber
sein Gesundheits-Zustand, besonders die seit der letzten Expedition
immer wiederkehrenden heftigen Erkrankungen an Malaria boten neben
den inneren Gründen die äußere Veranlagung für eine zweimonatliche
Beurlaubung nach Egypten zur Erholung. Dort angekommen wurde dem
Verfasser nach dem Tode Gravenreuths in Kamerun die Übernahme der
Gravenreuthschen Expedition telegraphisch angeboten. Er nahm dieselbe
an und wurde telegraphisch nach Berlin befohlen. Hier machten jedoch
wiederum Gesundheitsrücksichten seine Abreise nach Kamerun unmöglich,
sodaß der ebenfalls nach Deutschland beurlaubte Kompagnie-Führer Ramsay
die Führung der Expedition erhielt, während der Verfasser im Februar
1892 nach Ablauf seines Kommandos bei der Schutztruppe auf den beim
Reichskanzler eingebrachten Antrag des Gouverneurs aus der Schutztruppe
ausschied.
Das letzte Jahr riß auch außerdem große Lücken in den Reihen der
früheren Offiziere Wißmanns; von den im Frühjahr 1889 herausgegangenen
Offizieren gehören zur Zeit nur noch folgende Herren der Schutztruppe
an:
Frhr. v. Eberstein, Leue, Johannes, von Perbandt, von Sivers (dieser
war als Fachmann unter Wißmann stets nur zur See verwandt worden);
von den später eingetretenen Offizieren der früheren Wißmannschen
Schutztruppe sind noch im Verbande der Kaiserlichen Schutztruppe die
Herren Fischer, Langheld, Herrmann, Scherner, Podlech, von Elpons,
Prince.
Von den Ressortchefs ist einer an der Spitze seines Ressorts
verblieben, Oberarzt +Dr.+ Becker, der Chef des Sanitätswesens in
Ostafrika.
Die Oberführerstelle in der Kaiserlichen Schutztruppe ist in neuerer
Zeit auf den seit einem Jahr in Ostafrika an anderer Stelle thätig
gewesenen Major Frhr. v. Manteuffel übergegangen.
Es mögen noch die Veränderungen in der Organisation der Schutztruppe
Erwähnung finden, welche innerhalb der letzten Zeit stattgefunden haben
und mit dem 1. März in Kraft traten.
Die Kaiserliche Schutztruppe wurde in die eigentliche Schutztruppe
und eine Polizeitruppe geteilt, von denen die erstere zur Besetzung
der Stationen im Innern und zur Begründung neuer Stationen, ferner zu
Expeditionszwecken, die letztere zur Besetzung und Aufrechterhaltung
der Ordnung an der Küste dient.
Der Etat für die Kaiserliche Schutztruppe bezog sich nicht auf diese
allein, sondern auch auf die Polizeitruppe, einschließlich des
europäischen Personals derselben, soweit dies aus der Kaiserlichen
Schutztruppe entnommen war. Die Stärke der Polizeitruppe, deren
Mannschaften aus der Kaiserlichen Schutztruppe entnommen wurden,
betrug 405 Mann, die sich auf die Bezirke nunmehr in folgender Weise
verteilten: Bezirksamt Tanga mit dem Bezirks-Nebenamt Pangani 100
Mann; Bagamoyo, dessen Nebenamt Sadani in gleicher Weise wie im Süden
Mikindani vom Gouverneur aufgehoben und in eine einfache Zollstation
verwandelt war, 95; Daressalam 45; Kilwa 85; Mgau 80 Mann.
Die den Bezirksämtern vorstehenden Bezirkshauptleute und der Vorsteher
des Nebenamtes Pangani sollten ursprünglich aus dem Offizierbestande
der kaiserlichen Schutztruppe entnommen werden und ebenso wie die
ihnen beigegebenen europäischen Unteroffiziere als zur Übernahme
einer Zivilstelle abkommandierte Militärpersonen gelten. Sie sollten
in disciplinarer Beziehung aus dem militärischen Befehlsbereich der
kaiserlichen Schutztruppe ausscheiden und allein dem kaiserlichen
Gouverneur unterstehen. Diese Anordnung ist zweifellos als ein
Fortschritt zu bezeichnen, da hiermit der vorher erwähnte Mißstand der
doppelten Unterordnung derselben Personen wenigstens in den meisten
Beziehungen aufhört.
Für notwendige kriegerische Operationen an der Küste, für die
die Polizeitruppe zu schwach ist, wurden Bestimmungen über das
Zusammenarbeiten der kaiserlichen Schutztruppe und der Polizeitruppe
getroffen. Aber gerade wegen der zur Zeit noch lange nicht genügenden
Stabilität in den ostafrikanischen Verhältnissen, selbst an der Küste,
erscheint dem Verfasser eine derartige Vermischung der civilen mit der
militärischen Ordnung noch verfrüht. Gewiß würde eine rein militärische
Organisation vorzuziehen sein, wie sie zu Wißmanns Zeiten bestand, wo
allerdings nicht nur gediente Militärs, sondern auch örtlich erfahrene,
brauchbare Personen als Offiziere, Unteroffiziere und Beamte in die
Schutztruppe eingestellt wurden. Letzteres mag den für eine kaiserliche
Truppe geltenden Normen widersprechen, aber es ist in Ostafrika, wo
außergewöhnliche Verhältnisse herrschen, zur Zeit angebracht.
Die eigentliche Schutztruppe wurde durch die erwähnte Verfügung nach
Ausscheidung der Polizeitruppe in 6 Kompagnien eingeteilt, hierunter
2 Zulukompagnien (die Entladung sämtlicher Zulus nach Ablauf ihres
Kontraktes steht wohl nahe bevor) und 4 Sudanesen-Kompagnien. In die
letzteren wurden zum Teil auch eingeborene Soldaten mit eingestellt.
Die erste dieser Sudanesen-Kompagnien dient für die Besatzung des
Kilimandscharo-Gebietes und der nördlichen Karawanenstraße bis
Masinde. Diese Kompagnie soll eine neue Station bei Gonja begründen
und das Gros derselben soll daselbst garnisoniert werden. Die zweite
Kompagnie hat ihren Stamm in Bagamoyo und giebt die Besatzung für
Tabora und die Stationen am Viktoriasee ab. Die erwähnten Stationen
des Innern sollten sich nebenbei durch Anwerbung von Eingeborenen
verstärken. Die dritte Kompagnie (Zulukompagnie) dient für die
Besatzung der neu begründeten Station Kilossa und der Station Mpapua
mit dem Stabe in Kilossa; die vierte Kompagnie (Sudanesen-Kompagnie)
besetzt die neubegründete Station Kisaki; die fünfte Kompagnie dient
als Bereitschafts-Kompagnie für den Süden mit dem Stabsquartier in
Kilwa und einem Unteroffizier-Posten in Lindi; die sechste Kompagnie
(Zulukompagnie) als Bereitschafts-Kompagnie im Norden mit dem
Stabsquartier in Daressalam.
Ferner sind noch 50 Mann der Schutztruppe unter Lieutenant Graf von
Hessenstein nach Ugogo abmarschiert, um dort am Sitz des Oberhäuptlings
eine Station zu gründen; von Kilossa und Kisaki aus will man noch
Nebenstationen begründen. Die Besetzung resp. die Neubesetzung von
Stationen im Innern ist, zunächst im allgemeinen betrachtet, sehr
erwünscht und trägt, wenn die Stationen stark besetzt sind, einem
entschiedenen Bedürfnis Rechnung. Die Stationen sind an grade für den
Verkehr höchst wichtigen Plätze angelegt und dienen, -- aber immer
unter der Voraussetzung, daß sie genügend stark sind, -- alsdann gegen
die erfahrungsgemäß fast alljährlich wiederkehrenden kriegerischen
Einfälle der Räuberstämme.
Trotzdem erscheint uns unter den bestehenden Verhältnissen diese
Verteilung der Schutztruppe und die Begründung so vieler Stationen im
Innern zur Zeit nicht angebracht; denn durch die Einrichtung eines
Stationsgürtels im Innern ist allerdings der Lieblingsgedanke des
Gouverneurs, die Schutztruppe nach Möglichkeit von sich zu entfernen,
durchgeführt worden, aber man ist nicht mehr so wie früher in der Lage,
ein starkes Expeditionskorps schnell zu formieren, um es an bedrohter
Stelle einzusetzen.
Der Gouverneur von Soden ist der Ansicht, daß 4 Kompagnien farbiger
Soldaten, die auf einzelne Plätze des Innern verteilt sind, eine
Macht darstellen, welche die über 90 deutsche Meilen lange Küste oder
wenigstens deren nördliche Hälfte sichern kann. Die älteren Offiziere
der Schutztruppe haben sich bewogen gefühlt, auf die Gefahr einer
solchen Zersplitterung der Kräfte, wie sie das neue System mit sich
brachte, hinzuweisen, doch ihre Bedenken sind ungehört geblieben; im
Gegenteil, man dürfte es ihnen zum Teil vielleicht verargt haben und
sie es haben empfinden lassen, daß sie als subalterne Offiziere ihre
Überzeugung frei ausgesprochen haben, im Interesse einer Sache, für die
sie Leben und Gesundheit einsetzten.
Bei der geringen Stärke der Besatzungen unserer neuangelegten
Stationen reicht die Macht derselben, gerade wenn man den Charakter
der Mafiti- und Massai-Stämme in Rechnung zieht, nicht weit. Wenn
wir Kisaki als Beispiel nehmen, so kann im günstigen Falle durch
diese Station die östlich gelegene Missionsstation Tununguo, auch
allenfalls die Karawanenstraße am Gerengere gesichert werden. Doch
sind immerhin noch Einfälle der Mafiti von der andern Rufidji-Seite
her ins südliche Usaramo möglich, von wo aus sie weiter nach der
Küste hin vordringen können. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den
andern Stationen in Kilossa und am Kilimandscharo, und dann ist, wenn
Beunruhigungen an der Küste durch die erwähnten Stämme in größerem
Maße stattfinden, das zur Verfügung stehende Expeditionskorps aus den
beiden Bereitschafts-Kompagnien unter Umständen viel zu schwach, um
namentlich, wenn es sich um ein Eingreifen in entferntere Gegenden
handelt, mit Nachdruck aufzutreten; auch sind ja Niederlagen im
Innern gerade bei der schwachen Besatzung der Stationen nicht
ausgeschlossen; und jede etwaige Niederlage erfordert einen ganz
bedeutenden Mehraufwand an Kräften, um sie wieder wett zu machen. Das
Zusammenbringen eines starken Expeditionskorps wird nach der jetzigen
Dislokation der Schutztruppe ohne totale Entblößung der Küste und der
erreichbaren Stationen nicht möglich sein.
Die neue Dislokation der Truppen hätte der Ansicht des Verfassers nach
zur Vorbedingung eine Vermehrung der Schutztruppe um mehrere hundert
Soldaten haben müssen; dann allerdings hätte man die Neuordnung mit
Freuden als großen Fortschritt begrüßen können, wie ja auch -- aber
immer unter dieser Voraussetzung -- von uns die Begründung mehrerer
Stationen gewünscht worden war.
In den Bestimmungen über die Polizeitruppe ist vorgesehen, daß
die Bezirks-Hauptleute dem Etat an Offizieren der Kaiserlichen
Schutztruppe entnommen werden sollen. In Wirklichkeit scheint indes
der jetzige Gouverneur danach zu streben, diese Posten allmählich
mit Juristen zu besetzen. Darauf weist die Verwendung des Kanzlers
als Bezirkshauptmann des durch seinen Handel und Verkehr wichtigsten
Küstenplatzes Bagamoyo hin, ebenso die im letzten halben Jahr nach
Ostafrika erfolgte Heraussendung von Juristen. Eine solche Maßnahme
kann dem Verfasser bei der wie gesagt noch nicht genügend erscheinenden
Stabilität der Verhältnisse nur als unzeitgemäß erscheinen. Etwas
anders ist es, wenn sich die eingeborene Bevölkerung etwas mehr an
die seit vorigem Jahre erfolgte Neuordnung der Dinge in Ostafrika
gewöhnt haben wird. Aber auch dann müssen die Juristen an Ort und
Stelle praktischer erzogen werden, wie es bis jetzt geschieht, wo
sie zum Teil mit ziemlich bedeutenden gesellschaftlichen Ansprüchen
nach Ostafrika hinkommen und dort lediglich mit ihrer Kenntnis
der Jurisprudenz und mit dem Strafgesetzbuch alle Schwierigkeiten
bewältigen zu können glauben. Giebt man ihnen Gelegenheit, unter einem
erfahrenen Stationschef in jeder Weise thätig zu sein und mit den
Eingeborenen in Fühlung zu bleiben, überträgt man ihnen z. B. auf den
großen Handelsplätzen, wie Bagamoyo, die Kontrolle bei den Karawanen,
die bisher von vielen der Herren nur zum Zweck der Bereicherung ihrer
ethnographischen Sammlungen betrachtet wurden und mit denen von
einzelnen nur ein Verkehr vom Standpunkt der vornehmen Überlegenheit
gepflogen wurde, so wird, wenn hierdurch die Neulinge Gelegenheit
haben, auch die örtlichen Verhältnisse besser kennen zu lernen, die
gewonnene Kenntnis der Volksanschauung im Verein mit ihrer Fachbildung
sie zu äußerst wertvollen Beamten machen.
Ähnliches ist, nebenbei bemerkt, über die Ausbildung der neu nach
Ostafrika gesandten Offiziere zu sagen. Je mehr diesen Gelegenheit
geboten wird, möglichst mit der Bevölkerung dienstlich in Berührung
zu kommen (Beiwohnen beim Schauri, Beaufsichtigung der Karawanen,
Überwachung des Arbeitsdienstes, wie besonders Anlage neuer Stationen,
Verkehr auf Expeditionen), besonders wenn sie selbst schaffend thätig
sein können und nicht nur schablonenmäßig die Truppe in einer fertigen
Station exerzieren, desto mehr werden sie nicht nur in militärischer
Hinsicht, sondern auch im allgemeinen brauchbare Beamte werden,
man kann sagen um so mehr, in je unfertigeren Verhältnissen sie in
Ostafrika aufgewachsen sind.
Die übrigen im Laufe des vergangenen Jahres von Herrn v. Soden
getroffenen Maßnahmen beziehen sich zunächst auf die Verlegung des
Schwerpunktes der Regierung von Bagamoyo nach Daressalam. Begründet war
dies durch die äußerst ungünstige Rhede von Bagamoyo, wo ein Anlaufen
der Hauptdampfer ausgeschlossen war.
Es war in der letzten Zeit von Wißmann das Auskunftsmittel gewählt
worden, Bagamoyo als Hauptsitz des Kommissariats zu halten, dagegen
Daressalam als Hauptdepot und als Hauptplatz für die Flottille zu
belassen. Wißmann selbst hatte deswegen den Schwerpunkt nach Bagamoyo
verlegt, weil er, nachdem wir leider auf Sansibar verzichten mußten,
von Bagamoyo aus noch am besten die Verhältnisse in der Hand behalten
konnte. Hier laufen ja von den beiden großen Seen, vom Nyanza und
dem Tanganjika, sowie aus dem Hinterlande unseres Gebietes alle Fäden
zusammen, hier stand also der Reichskommissar persönlich mitten im
gesamten afrikanischen Verkehr, wie er in gleichem Maße an keinem
andern Platze der gesamten Ostküste Afrikas stattfindet. Der Ansicht
des Verfassers nach ist es notwendig, in Bagamoyo zu residieren, wenn
man den Schwerpunkt seiner Aufgabe in der Kolonie selbst sucht.
Wenn man hingegen meint, der Verbindung nach Europa, dem Verkehr mit
der deutschen vorgesetzten Behörde die größere Rücksicht schuldig zu
sein, dann ist allerdings wegen der regen Verbindung mit der Heimat
Daressalam der rechte Platz, und liegt dann naturgemäß die Handhabung
des Verkehrs mit dem Innern in den Händen des Bezirks-Hauptmanns von
Bagamoyo. Daß nun gerade das letztere der Gouverneur nicht wünschte,
sondern daß er sich alle mögliche Mühe gab, den Verkehr nach Daressalam
zu ziehen auf Kosten von Bagamoyo, um als äußerst rühriger, thätiger
Mann, der er ist, selbst alles in die Hand zu bekommen, ist ja
begreiflich, aber unpraktisch. Der inner-afrikanische Verkehr kann
nach Daressalam nur auf zweierlei Weise gezogen werden: entweder durch
Einrichtung eines direkten Verkehrsweges von Daressalam bis weit ins
Innere hinein, wie wir in einem der früheren Kapitel erwähnten, oder
durch Gewalt. Ob letztere, selbst den Fall angenommen, daß wir immer
in der Lage wären, sie faktisch anwenden zu können, ratsam ist und
nicht vielleicht dazu dient, den Verkehr von unserer Küste überhaupt
abzulenken, erscheint zum mindesten recht zweifelhaft.
Solche kleinen Abstecher, wie sie der Gouverneur z. B. voriges Jahr in
das für den Verkehr höchst unbedeutende Usaramo mit seinen geradezu
erbärmlichen Bewohnern, den Wasaramo, gemacht hat, einige Meilen weit
bis an den Kingani, können hierfür nicht das geringste zu Wege bringen.
Sie geben nur falsche Vorstellungen in Europa, besonders wenn lange, im
Mißverhältnis zur Wichtigkeit stehende Berichte darüber veröffentlicht
werden, fördern den Verkehr jedoch nicht im mindesten. So lange die
Inder entweder in Bagamoyo, oder wie es meistens der Fall ist, in
Sansibar selbst den Handel mit den Karawanen in der Hand haben, sind
die Leute auf Bagamoyo angewiesen, von wo aus die Verschiffung ihrer
Waren auf der allerdings miserablen, aber für den Dhau-Verkehr wegen
der geringen Entfernung von Sansibar höchst bequemen Rhede vorteilhaft
ist.
Auch die in den letzten Monaten viel erwähnte, angeblich vom Gouverneur
erst geschaffene Postverbindung von Daressalam nach dem Innern erweckt
hier in der Heimat falsche Vorstellungen. Eine Postverbindung hat auch
früher meistens, in den letzten Jahren immer, bestanden. Entweder die
französische Mission zu Bagamoyo oder der Inder Sewa Hadji beförderten
die Postsachen in regelmäßigen Zeiträumen nach dem Innern, oder es war
wie in den letzten Jahren Aufgabe des Bezirkshauptmanns von Bagamoyo,
einen regelmäßigen Postverkehr aufrecht zu erhalten. Der letztere hatte
hierzu in Bagamoyo die beste Gelegenheit, da eben hier, wie erwähnt,
alle Karawanen hinkamen und so wie so ein lebhafter Verkehr zwischen
diesem Küstenplatz und dem Innern bestand. Jetzt ist die Besorgung der
Posten einer ziemlich neuen Firma in Daressalam übertragen. Aber die
Angestellten dieser Firma haben nicht die Beziehungen zu den Leuten,
wie sie z. B. die französische Mission und die dortigen Inder, oder wie
sie in erster Linie der Bezirkshauptmann von Bagamoyo hat. Es sind also
in die Zuverlässigkeit dieser Art der Postverbindung starke Zweifel zu
setzen. Der Umstand, daß die Briefträger uniformiert und so äußerlich
kenntlich sein sollen, thut wenig zur Sache, ist unter Umständen sogar,
wenn, wie häufig, im Innern nicht überall völlige Ruhe herrscht,
nachteilig.
Besondere Erwähnung mag noch die rege, in Daressalam seit Einrichtung
des Gouvernements naturgemäß entfaltete Bauthätigkeit finden, durch
die, wie durch eine für diesen Platz vom Gouverneur vorgeschriebene
Bauordnung Daressalam auch äußerlich ein gutes Aussehen erlangt
hat. Man kann sagen, der Ort macht heute den Eindruck einer kleinen
europäischen Villenstadt.
Auf eine Reihe von Erlassen des Kaiserlichen Gouverneurs muß fernerhin
an dieser Stelle hingedeutet werden, welche den löblichen Zweck
hatten, die Einnahmen der Kolonie zu vermehren. Neben der Übernahme
des Zolles, der aus den Händen der ostafrikanischen Gesellschaft an
das Gouvernement überging, und der natürlich nach wie vor, da ja die
Inder, Araber und Eingeborenen daran gewöhnt sind, willig bezahlt
wurde, den man sogar leicht, ohne auf großen Widerstand zu stoßen,
zum Zwecke der Vermehrung der Einnahmen hätte erhöhen können, waren
es Steuer-Verordnungen, die der Gouverneur im vorigen Jahre erließ.
Diese Verordnungen, die in großer Eile den Organen des Gouverneurs an
den verschiedenen Küstenplätzen zu publizieren befohlen wurde, zeigten
sich als durchaus unangebracht. Sie riefen eine große Mißstimmung unter
der davon betroffenen Bevölkerung hervor, weil sie neben einer zu
großen, sehr in die Augen fallenden Belastung einzelner Personen den
bestehenden Verkehr in manchen Beziehungen bedeutend erschwerten.
Die Verordnungen bezogen sich auf die Ausschreibung einer Hafengebühr
für Dhaus, auf Einführung einer nach dem Umsatz, nicht nach dem Ertrag
berechneten Handelssteuer, einer Schankgebühr, welche letztere wir
allerdings als vollkommen berechtigt anerkennen möchten und einer
Gebühr für das Schlagen von Bauhölzern. Da indes zum großen Teil diese
Projekte als undurchführbar wieder fallen gelassen sind, so sei nicht
weiter hierauf eingegangen. Bezüglich des Handels suchte uns der
Kongostaat dadurch Konkurrenz zu machen, daß von seinen Beamten an
unserer Westgrenze, Zölle für die in unser Gebiet eingeführten Waaren,
besonders das Elfenbein, erhoben wurden. Dies machte sehr viel böses
Blut bei den Arabern gegen den Kongostaat; die Araber zu Bagamoyo
trugen ihre Beschwerden dem Verfasser vor, der, da dieselben ihm gegen
internationale Abmachungen zu verstoßen schienen, sie weitergab; doch
scheint darauf hin nichts weiter von unserer Seite erfolgt zu sein.
Die Bestrebungen des Gouverneurs zielen natürlich nur auf das Beste
der Kolonie ab, es fehlt ihm aber nach der Ansicht des Verfassers die
nötige Vorkenntnis der speziellen ostafrikanischen Verhältnisse.
Eine größere Rücksichtnahme auf die mächtigen, einflußreichen Faktoren
in der Bevölkerung, wie die Araber, würden wir dringend wünschen, denn
man kann sich, namentlich wenn man nicht über einen großen Geldsack
und über große Kräfte zu verfügen hat, nicht so ohne weiteres über
sie hinwegsetzen, sondern muß mit ihnen, die Einfluß im Lande haben,
wie mit den größeren mächtigen Häuptlingen und mit den kommerziellen
Regenten, den Indern, rechnen. Der Handel ist ihnen nicht mit
Redensarten zu entziehen, (außer wenn man ihn überhaupt zurückbringen
will,) und man kann sich gerade, wie uns dies Wißmann gezeigt hat,
durch solche Rücksichtnahme manche Opfer ersparen und viele Erfolge
erringen. Daß der Gouverneur selbst bei den Machthabern des Landes, den
Arabern und den Häuptlingen, gar nicht beliebt ist, muß sehr bedauert
werden, denn nirgends kommt es so sehr wie in Afrika auf das Renommee
der Persönlichkeit an.
Der Gouverneur selbst arbeitet mit ungeheurer Rührigkeit, aber
allein, und weist jede Hülfe erfahrener Leute von der Hand, hält jede
Beeinflussung durch solche mißtrauisch fern und von den an Ort und
Stelle erfahrenen Beamten holt Herr von Soden nur dann Rat ein, wenn
er annimmt, daß die Ratschläge in seinem Sinne ausfallen; auch weiß
er die wirklichen Kenner des Landes von den partiellen Kennern nicht
zu unterscheiden; er, wie auch in Deutschland die Leute, scheeren
so oft alle, die längere Zeit in Ostafrika waren, betreffs ihrer
Urteilsfähigkeit über einen Kamm. Es kann jedoch jemand lange Jahre
an einem toten, vom großartigen afrikanischen Handel abgeschlossenen
Küstenplatz oder an einem fern den Hauptkarawanenstraßen gelegenen
Platz im Lande gesessen haben, ohne in den Besitz einer Kenntnis der
allgemeinen afrikanischen Verhältnisse gelangt zu sein. Solche Leute
gehören zu den Theoretikern, die in ihrem Urteil erfahrungsmäßig fast
stets von den Praktikern abweichen. --
Schon hatte der Verfasser das Manuskript zu diesem Buche abgeschlossen,
da trafen so wichtige Nachrichten aus unserem ostafrikanischen
Schutzgebiet ein, daß er Veranlassung nimmt, die Vorgänge noch mit
wenigen Zeilen zu streifen.
Am Kilimandscharo sind die Herren Kompagnieführer Freiherr von Bülow
und Lieutenant Wolfrum den Heldentod gestorben. Der erstere war ein
wegen seiner Tapferkeit, Pflichttreue und siebenjähriger afrikanischer
Erfahrung hochgeschätzter, an den verschiedensten Plätzen bewährter
Offizier, der letztere wurde, zwar bedeutend jünger im afrikanischen
Dienst, von allen gleichgeschätzt, als Offizier, Kamerad und Mensch;
beider Tod ist ein empfindlicher Verlust für die Schutztruppe. Leider
fielen beide in einem für uns recht unglücklichen Gefecht bei Moschi
am 10. Juni: Wolfrum während desselben, Bülow erlag den im Gefecht
erhaltenen Verwundungen am Tage darauf.
Zu Moschi war im November v. J. Meli seinem Vater Mandara nach dessen
Tode in der Herrschaft gefolgt. Während Mandara stets ein zuverlässiger
Freund der Deutschen gewesen war, der fremden Einfluß nicht aufkommen
ließ, scheint sich sein Sohn ganz in die Hände der englischen
Missionare gegeben zu haben; nach der Gründung der Station Marangu
lebte Meli auch nicht mehr derartig unter den Augen der Deutschen,
daß einer Schwenkung in seiner politischen Haltung hätte rechtzeitig
vorgebeugt werden können.
Aus Gründen, welche zur Zeit hier noch nicht genügend aufgeklärt sind,
sah sich Herr von Bülow veranlaßt, gegen Meli vorzugehen. Da seine
Kompagnie aber sehr verteilt war und da er wohl keine Aussicht hatte,
vom Gouverneur von der Küste Verstärkungen zu erhalten, wagte er das
Vorgehen gegen die kriegerischen Wadschagga zu Moschi anscheinend
mit etwas geringen Mitteln. Auch scheint es, daß den Wadschagga
Hinterladergewehre mit Munition durch die Engländer, vielleicht gar
durch Vermittlung der englischen Mission, geliefert sind. Jedenfalls
war das Gefecht bei Moschi ein für uns unglückliches; nach harten
Verlusten mußten sich die Unsrigen zurückziehen, selbst die von Peters
begründete Kilimandscharo-Station mußte aufgegeben werden; unsere
Position am Kilimandscharo ist damit zur Zeit verloren. Man hat alles
an Kräften, was man an der Küste noch zusammenbringen konnte, vereint,
wie es scheint, ist die Küste sogar sehr von Truppen entblößt worden.
-- Es sind zwei Expeditionen, die eine unter dem an Ort und Stelle sehr
erfahrenen, in Afrika wohl bewährten Kompagnieführer Johannes voran,
die zweite unter dem neuen Oberführer der Schutztruppe, von Manteuffel,
nachfolgend, von Tanga abgesandt, um den unzuverlässigen Häuptlingen
die Lust zu weiteren Ausschreitungen zu benehmen und unsere Position im
Innern wieder zu befestigen. Hoffentlich reichen die zusammengebrachten
Kräfte dazu aus, den Kampf gegen Meli mit begründeter Aussicht auf
Erfolg aufzunehmen und unser Ansehen wiederherzustellen.