Die wirtschaftlichen Unternehmungen vor, während
und nach dem Aufstande.
Die Ostafrikanische Gesellschaft und ihre Umwandlung. -- Sie
wird eine Erwerbsgesellschaft. -- Wirtschaftliche Aufgaben der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. -- Faktoreien. --
Karawanserei. -- Handelsbetrieb. -- Einführung
Deutsch-Ostafrikanischer Münzen. -- Anlage von Plantagen. -- Die
Plantage Derema. -- Arbeiterverhältnisse. -- Die Frage der
Verkehrswege in Ost-Afrika. -- Usambara-Eisenbahn. -- Der
Schiffsverkehr zwischen Deutschland und Ostafrika. -- Die
Ostafrikanische Plantagengesellschaft und ihre Plantage Lewa. --
Die Pflanzer-Gesellschaft. -- Emin-Plantage. -- Die Plantage des
Herrn von Saint-Paul-Illaire. -- Die Ostafrikanische Seehandlung. --
Kaufmännische Unternehmungen in Ostafrika. -- Gravenreuths Projekt
der Zentralafrikanischen Seen-Gesellschaft. -- Die Magdeburger
Faktorei. -- Apotheke in Ostafrika. -- In der Anlage begriffene
Unternehmungen. -- Der Pulverhandel. -- Anregungen.
Es scheint geeignet, an dieser Stelle einen Blick auf die
wirtschaftlichen Unternehmungen zu werfen, welche in Deutsch-Ostafrika
vor und während des Aufstandes bestanden, und deren Weiterentwickelung
kurz zu beleuchten.
Wirtschaftliche Unternehmungen bestanden vor Ausbruch des Aufstandes
in Deutsch-Ostafrika drei, nämlich die Deutsch-Ostafrikanische
Gesellschaft, die Ostafrikanische Plantagen-Gesellschaft und die
Pflanzer-Gesellschaft. Von diesen ist die Deutsch-Ostafrikanische
Gesellschaft die bei weitem wichtigste. Durch die früher erwähnten
Verträge mit dem Sultan und den vom Reich erteilten Schutzbrief war
der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft eine Stellung zugewiesen,
welche an die Charter der East-India-Company erinnert, und naturgemäß
waren die Aufgaben, welche sich der Gesellschaft zuerst darboten, mehr
administrativer als wirtschaftlicher Natur.
Die Umgestaltung des Zollwesens, die alleinige Übernahme desselben
durch die Beamten der Gesellschaft nahm an sich so viel Kräfte
in Berlin sowohl wie in Sansibar in Anspruch, daß eigentliche
wirtschaftliche Unternehmungen vor der Hand wohl ins Auge gefaßt,
aber nicht angefangen wurden. Zur Zeit, als der Aufstand ausbrach,
besaß die Gesellschaft in Sansibar selbst vier Häuser, in welchen
die Centralverwaltung untergebracht war und welche gleichzeitig zu
Wohnzwecken für die Beamten dienten. Außerdem war ihr in unmittelbarer
Nähe des Sultanpalastes eine ausgedehnte Zollstätte überwiesen, an
welcher sämtliche vom Festlande kommenden Dhaus anlegen und löschen
mußten.
Um die direkte Ausfuhr aus den Plätzen des Festlandes nach andern
Orten als Sansibar in der Hand zu behalten, waren eigene Zollstätten,
wie dies in einem früheren Kapitel bereits erwähnt ist, in Bagamoyo,
Daressalam, Lindi, Kilwa, Tanga und Pangani bereits eingerichtet
oder in der Anlage begriffen. Durch den Ausbruch des Aufstandes
wurde die Lage der Gesellschaft gänzlich verändert. Bis auf Bagamoyo
und Daressalam mußten alle Stationen aufgegeben werden, und auch in
Bagamoyo selbst war von einer Zollerhebung nicht die Rede.
Mit der Errichtung des Reichskommissariats und der Ankunft Wißmanns
verschob sich die Stellung der Ostafrikanischen Gesellschaft
vollkommen. Von einer Ausübung der von ihr erworbenen Landes-Oberhoheit
im Innern konnte ebenso wenig mehr die Rede sein, wie von der
Entfaltung eines politischen Einflusses an der Küste. Das gesamte
Ostafrikanische Gebiet unterstand allein dem Reichskommissar, welcher
der Lage der Sache nach das Standrecht über das gesamte Gebiet
verhängte. Die Rechte der Gesellschaft nach dem Vertrage vom 28. April
1888 blieben unverändert fortbestehen, aber unterlagen der durch
militärische Rücksichten bedingten Einschränkung und zeitweiligen
Suspension, bei welcher mit dem Standrecht alle Zivilbefugnisse auf das
Militär übergingen.
Eine Einmischung in die geschäftlichen Angelegenheiten der Gesellschaft
und namentlich in die Zollverwaltung sollte vermieden werden, dagegen
wurde Wißmann die Ausübung der dem Reichskanzler statutenmäßig
zustehenden Aufsicht über die Gesellschaft in Bezug auf ihre Thätigkeit
auf dem Festlande übertragen, so daß der Reichskommissar in der Lage
war, etwaige Verordnungen der Gesellschaft außer Kraft zu setzen. Es
beschränkte sich die Thätigkeit der Ostafrikanischen Gesellschaft
zu Anfang des Aufstandes lediglich auf die Zollerhebung in Sansibar
selbst. Sobald jedoch die Küstenplätze wieder in unserer Gewalt waren,
und sobald die Anlegung der befestigten Stationen eine Garantie für
Sicherung der Verhältnisse bot, wurden auch die Zollstationen daselbst
wieder errichtet, so in Bagamoyo selbst, ferner in Daressalam, in
Pangani und Tanga schon vor Ablauf des Jahres 1889. Wenn auch das
Kommissariat vorderhand als Provisorium angesehen werden mußte, so
sah die Gesellschaft doch ein, daß sie selbst nach den bis jetzt
gemachten Erfahrungen niemals in der Lage sein würde, selbständig ihr
Gebiet zu beherrschen, daß sie vielmehr hierfür der Anlehnung an das
Reich bedürfe. Die Fortdauer des Kommissariats war nach den Leistungen
Wißmanns der einhellige Wunsch der Ostafrikanischen Gesellschaft, wie
aller Kolonialfreunde Deutschlands.
So ist in der That der ostafrikanische Aufstand die Ursache gewesen,
daß das Reich thatkräftig und selbständig in die Kolonialpolitik
eintrat. Die Aufrechterhaltung des Kommissariats, an welcher niemand
zweifelte, veränderte für die Ostafrikanische Gesellschaft ihre
gesamte Lage. Auch nach Fortfall des Standrechtes mußten mannigfache
Befugnisse der Zivilverwaltung, welche eigentlich der Ostafrikanischen
Gesellschaft zugefallen wären, in der Hand des Reichskommissars
verbleiben. So kam es, daß der staatsrechtliche Charakter der
Gesellschaft immer mehr hinter den rein wirtschaftlichen zurücktrat.
Blieb auch die Zollverwaltung vorläufig der Gesellschaft, so
wurden doch Kapitalien und Kräfte in weitem Umfange frei für die
eigentliche Kultur-Arbeit, die Förderung der Produktion und die
eigene Plantagenthätigkeit, sowie für die Erschließung des Landes und
die Entfaltung einer Handelsthätigkeit im großen Maßstabe. Kam es
doch darauf an, an dem nicht unbedeutenden Ein- und Ausfuhr-Handel
Ostafrikas, welcher bis jetzt ausschließlich in indisch-arabischen
Händen lag, selbständigen, möglichst weiten Anteil zu bekommen.
Das Verdienst, nach der letzteren Richtung hin ungemein fördernd
und anregend gewirkt zu haben, gebührt in erster Linie dem Direktor
der Ostafrikanischen Gesellschaft, Konsul Vohsen. Derselbe begab
sich Ende des Jahres 1889 selbst nach Ostafrika, einmal um durch
den Augenschein ein klares Bild der Verwaltung zu gewinnen, und
ferner, um die Vertragsverhältnisse mit dem Sultan neu zu regeln. Die
letztere Thätigkeit zielte vor allem darauf ab, die Durchschnittssumme
festzustellen, welche von der Gesellschaft aus dem Ertrage der
Ausfuhrzölle an den Sultan zu zahlen sei, und verschaffte andrerseits
der Gesellschaft verschiedene wichtige Vorteile.
Das Abkommen kam zu stande am 13. Januar 1890. Die für die
wirtschaftlichen Unternehmungen maßgebenden Gesichtspunkte der
Gesellschaft sollten in erster Linie sein: die Hebung der allgemeinen
Landeskultur, die ausgedehnte Erschließung der natürlichen Hilfsquellen
des Landes und dadurch eine Mehrung seiner Produktion, ferner die
Einführung von Neukulturen, insbesondere Tabak, Baumwolle, Kaffee,
Indigo etc. Unterstützt werden sollten diese wirtschaftlichen
Unternehmungen durch Anlegung von Faktoreien, teils in Verbindung
mit Zollstationen, teils ohne dieselben, ferner durch die Entsendung
von Agenten, um einen Verkehr der Eingeborenen mit den Faktoreien
herbeizuführen, endlich durch die Schaffung von Verkehrswegen,
insbesondere durch den Bau einer Eisenbahn durch Usambara, welche
später bis zum Kilimandscharo verlängert werden sollte. Die
Faktoreien wurden sofort in Angriff genommen, zuerst in Pangani,
dann in Bagamoyo, Tanga und Daressalam; für die letztgenannten 3
Faktoreien wurden fertige Häuser aus Europa mittelst Segelschiffs
hinbefördert. Die wesentlichste Aufgabe fiel auch hier wieder bei dem
dortigen ungeheuren Karawanenverkehr der Faktorei in Bagamoyo zu.
Um an dieser Stelle möglichst selbständig in den Handel eingreifen
zu können und gleichzeitig die aus dem Innern kommenden Träger vor
der bisher üblichen, mitunter haarsträubenden Ausbeutung durch die
kleinen indischen Kaufleute zu schützen, ging die Ostafrikanische
Gesellschaft in Bagamoyo mit dem Bau einer großen Karawanserei vor.
Diese Karawanserei sollte der Centralpunkt werden, an welchem alle
ankommenden Karawanen ihre Lasten anhäufen, und von dem umgekehrt die
nach dem Innern ziehenden Karawanen ausgehen sollten.
Zu letzterem Zweck mußte die Karawanserei also Waarenlager enthalten,
aus denen die Karawanen sich mit den im Innern gangbaren Werten, wie
Baumwollstoffen, Drähten, Perlen u. s. w., versehen konnten; endlich
sollten die Träger hier für eine ungemein geringe Entschädigung
geschützte Wohnräume für die Dauer ihres Aufenthalts erhalten.
Früher waren die Besitzenden unter den Eingeborenen, insbesondere die
sogenannten Ndewas der Waniamuesi, bei den Indern untergebracht und
hier vielen Betrügereien derselben ausgesetzt; ihnen hierin zu helfen
und sie von der Abhängigkeit vom Inder zu befreien, war der Hauptzweck
bei Anlage der Karawanserei, der auch erreicht ist. Der Inder muß sich
jetzt in der Regel dorthin bemühen. Um die und in der Karawanserei
herrscht jetzt ein Leben wie an einer Börse.
Bereits im Anfang des Jahres 1890, noch bevor die Faktoreien und die
Karawanserei wirklich vorhanden waren, erhielten die Beamten der
Gesellschaft, so weit sie nicht lediglich den Zolldienst zu versehen
hatten, den Auftrag, von den zur Küste kommenden Karawanentransporten
alles aufzukaufen, dessen sie habhaft werden könnten. Es ist dies
bislang allerdings nicht viel gewesen. Die Waren, welche von den
Karawanen mitgeführt wurden, gehörten den indischen Kaufleuten, schon
ehe die Karawane im Innern aufgebrochen war. Die führenden Araber waren
entweder durch die Inder ausgerüstet, oder denselben von alters her
verschuldet, so daß alles, was sie aus dem Innern mitbrachten, dem
Konto ihrer indischen Gläubiger zu Gute kam.
Erst allmählich wird es sich ermöglichen lassen, in diese überaus
schwierigen Handelsverhältnisse einzudringen und deutscherseits an
dem bestehenden Handel Anteil zu nehmen. Man kann neue Handelswege
eröffnen, wir können unsererseits Karawanen ausrüsten und den direkten
Verkehr mit dem Innern beleben, aber es sind dies Fragen, welche
vorläufig in der Zukunft liegen. Jedenfalls bleibt immer festzuhalten,
daß die hauptsächlichen Träger des Handelsverkehrs die Araber sind, daß
diese aber ihrerseits, wenigstens zum großen Teil, nur als Dienstleute
der indischen Großkaufleute betrachtet werden können.
Gleichzeitig mit der Anlage der Faktoreien wurde von der Gesellschaft
einem andern Plane näher getreten, welcher mit dem eigentlichen
Handelsverkehr in engster Beziehung stand und am meisten geeignet
erschien, das deutsche Element in den Handelsverkehr hineinzubringen.
Es war dies die Schaffung eines eigenen deutschen Münzsystems. Nach
dem Vertrage mit dem Sultan stand der Gesellschaft das Recht der
Notenausgabe im gesamten Gebiet des Sultans zu. In denjenigen Teilen
des Landes, welche der Gesellschaft direkt unterstanden, mußte
selbstverständlich das Recht der Geldprägung ein unumschränktes sein,
sobald die deutsche Regierung sich damit einverstanden erklärte.
Als Faktor zur Ausdehnung des deutschen Einflusses erschien diese
Geldprägung dringend geboten, zumal unser Hauptmitbewerber, nämlich die
englisch-ostafrikanische Gesellschaft, nach dieser Richtung hin bereits
im Januar 1890 vorgegangen war.
Um der Münze einen leichteren Eingang zu verschaffen, wurde von dem
Maria Theresia-Thaler, welcher allerdings bei den Arabern und Indern
noch kursierte und einen Zahlwert darstellte, nach welchem aber nur
noch selten gerechnet wurde, abgesehen und dafür die überall in
Sansibar und an der Küste gangbare indische Münze eingeführt: die
Rupie, eine Silbermünze in der Größe eines 2-Markstücks, ferner 1/2
und 1/4 Rupie in Silber, endlich für den Kleinhandel als Scheidemünze
der Pesa (64 Pesas = 1 Rupie). Die in Indien sonst noch geltende
Kupfermünze Anna (16 = 1 Rupie) hat in Ostafrika keinen Eingang
gefunden. Man hat verschiedentlich den Gedanken angeregt, an Stelle
dieser indischen Münze lieber die Reichswährung in unserm Schutzgebiet
einzuführen, zumal die Silberwährung der Rupie zu außerordentlichen
Schwankungen (bis zu 30 %) Anlaß giebt. Es ist dies jedoch, vor
der Hand wenigstens, undurchführbar. Wie oben bemerkt, liegt der
Schwerpunkt des Handels gegenwärtig immer noch in den Händen der Inder,
und es würde die Einführung einer ganz neuen, ihnen unbekannten Münze
um so schwerer sein, als sie sogar den Maria-Theresia-Thaler fast
gänzlich verdrängt haben.
Aus der Münzenprägung ergeben sich selbstverständlich für die
Gesellschaft wesentliche pekuniäre Vorteile, -- Vorteile, welche bisher
allein von den indischen Münzstätten oder aber vom Sultan, welcher in
Indien prägen ließ, gezogen wurden.
Die weitere Absicht der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, durch
die Beförderung der Landeskultur und durch Anlegung eigener Plantagen
auf die Rentabilität des Landes zu wirken, befindet sich auch heute
noch in den ersten Anfängen. Die Produktion der Eingeborenen hat eine
wesentliche Steigerung nach keiner Richtung hin erfahren. Das Vorbild
europäischer Arbeit ist dazu bis jetzt viel zu gering, die Erziehung
des Negers zu selbständiger Arbeit viel zu wenig vorgeschritten. Die
eigene Produktion seitens der Gesellschaft in Plantagenthätigkeit
hat, und das soll ja unumwunden anerkannt werden, mit sehr großen
Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Nichtsdestoweniger kann die
Gesellschaft von dem Vorwurf nicht freigesprochen werden, daß sie
gegenüber den großen Mitteln, welche ihr zu Gebote standen, viel zu
vorsichtig vorgegangen ist.
Zum Beweise muß an dieser Stelle dem Gange der Ereignisse vorgegriffen
werden. Nach dem Zustandekommen des deutsch-englischen Abkommens vom
November 1890 standen der Gesellschaft, abgesehen von ihren früheren
Mitteln, etwa 5-1/2 Million Mark zur Verfügung. Sie war außerdem aller
Verwaltungspflichten entbunden; sie hatte lediglich die Aufgabe, sich
wirtschaftlicher Thätigkeit zu widmen. Es ist aber thatsächlich ein
wesentlicher Fortschritt gegen die Zeit vor dem deutsch-englischen
Abkommen auch heute noch nicht zu bemerken. Kaum daß die bereits
Anfang 1890 bestehenden Pläne teilweise zur Ausführung gekommen
sind. Diese Pläne zielten darauf ab, einmal eine bereits früher in
Angriff genommene und während des Aufstandes wieder aufgegebene
Baumwollplantage bei Kikogwe in der Nähe von Pangani in erweitertem
Umfang wieder in Betrieb zu setzen und ferner eine Art Versuchsplantage
in großem Umfange in Usambara anzulegen. Auf der letzteren sollten
Versuche mit dem Anbau von Kaffee, Baumwolle, Thee, Vanille und Indigo
gemacht werden.
Für die Anlage und den Betrieb dieser Plantage war +Dr.+ Hindorf
ausersehen, welcher nach vollendeter wissenschaftlicher Ausbildung
2 Jahre lang für die Neu-Guinea-Gesellschaft in ihrer Kolonie
praktisch thätig gewesen war. Bei aller Tüchtigkeit Hindorfs hatte
die Gesellschaft jedoch nicht genügend berücksichtigt, daß seine im
Tropendienst angegriffene Gesundheit der Aufgabe in Ostafrika in keinem
Falle gewachsen sein konnte. Hindorf erkrankte schon auf der Ausreise
und kehrte nach kurzem Aufenthalt in Ostafrika nach Hause zurück; als
Ersatz für ihn ist Ende vorigen Jahres ein in den Tropen erfahrener
Pflanzer herausgesandt. Die von Hindorf ausgesuchte Landstrecke für die
Versuchsplantage befindet sich bei dem Orte Derema etwa 5° 8' s. Br.
und 38° 38' ö. L. in 800 +m+ Höhe.
Noch schwieriger als die Gewinnung des eigentlichen Leiters war die
Beschaffung des geeigneten Arbeitermaterials. Gegenüber dem Vorwurf,
welcher gewöhnlich dem ostafrikanischen Neger gemacht wird, daß er
zur Arbeit untauglich und unlustig sei, kann der Verfasser mit Recht
anführen, daß es auf den Militärstationen fast nie an einer genügenden
Arbeiterzahl gefehlt hat, und zwar wurden die Leute nicht etwa zum
Dienst gepreßt, sondern sie boten sich freiwillig, zuweilen in der Zahl
von mehreren Hundert Köpfen, für einen verhältnismäßig geringen Lohn
an. Allerdings handelt es sich hier um die Küstenbevölkerung, welche
mehr oder weniger mit höheren Kulturzuständen in Berührung gekommen
war und auch entwickeltere Bedürfnisse sich angewöhnt hatte, zu deren
Befriedigung ihnen der Lohn der Arbeit diente. Über den Küstenstrich
hinaus wird eine solche Heranziehung des Negers zur Arbeit, eine
Gewöhnung an höhere Kultur erst einzuführen sein. Von einer absoluten
Unlust der Leute ist aber auch hier, außer bei nomadisierenden Völkern,
nirgends die Rede. Arbeiter sind meistens zu erlangen. Ausschlaggebend
für die Stetigkeit ihrer Arbeit ist in jedem Falle die Person des
Leiters. Richtige Behandlung, große Nachsicht in einem, Strenge im
andern Fall bilden in Verbindung mit sichtbaren Erfolgen die Mittel,
eine Arbeiterbevölkerung heranzuziehen. Um von vornherein wenigstens
einigermaßen Stetigkeit in die Arbeit zu bringen und die genügende Zahl
von Arbeitern zu erlangen, ist in jedem Fall die Vermittlung der Jumbes
nützlich und sogar notwendig. Sobald es gelingt, die Dorfältesten für
die Sache zu interessieren, kann man durch dieselben in viel höherem
Grade auf die Bevölkerung wirken als durch persönlichen Einfluß oder
gar Befehle.
Noch eine weitere Frage bedarf hier der Erwähnung. Von den
verschiedensten Seiten her ist der deutsch-ostafrikanischen
Gesellschaft und den andern Plantagengesellschaften empfohlen worden,
um sofort eine nutzbringende, erfolgreiche Thätigkeit entfalten zu
können, Arbeitermaterial von außen her nach Ostafrika einzuführen. Man
versprach sich davon, abgesehen von dem direkten praktischen Erfolge,
auch eine erziehliche Wirkung auf die eingeborene Bevölkerung und
brachte für diese Aufgabe die Chinesen in Vorschlag.
Wir sehen keinen Grund, eine solche Einführung von Arbeitermaterial
zu widerraten; die Befürchtung, die Chinesen möchten das eingeborene
Element überwuchern, scheint für die Verhältnisse, wie sie in Ostafrika
liegen, nicht zuzutreffen und wenn die Chinesen, wie dies ja bekannt
ist, neben ihrer Plantagenthätigkeit die verschiedensten Gewerke
betreiben, so würde uns dies nur als wesentlicher Vorzug erscheinen,
denn eingeborene Handwerker sind nicht in einer den jetzigen
Bedürfnissen entsprechenden Zahl da. Europäische Handwerker können
kaum auf die Dauer selbständig als solche arbeiten. Als Kaufleute
würden die Chinesen den Hindus der Küste gegenüber kaum in Betracht
kommen. Die Bedürfnislosigkeit der Inder ist ungefähr dieselbe wie
die der Chinesen. Sollte aus einer chinesischen Einwanderung sich ein
neues kaufmännisches Element herausbilden, so würde uns dasselbe eher
Dienste leisten als uns schädigen. Die einzige Gefahr, welche die
chinesischen Arbeiter mit sich bringen könnten, wäre ein nachteiliger
Einfluß auf die Eingeborenen, da der Chinese bei seiner ungleich
höheren Kulturstufe den Neger ohne weiteres zu unterdrücken versuchen
würde. Aber auch diese Gefahr kann nicht in Anschlag gebracht werden,
denn es liegt in der Hand der Stationsleiter, solchen Übergriffen
in geeigneter Weise vorzubeugen. Im Interesse der Sache, d. h. einer
schnellen und erfolgreichen Ausbreitung der Plantagenthätigkeit kann
daher eine solche Einfuhr von Arbeitermaterial in allen den Stellen,
wo die einheimische Bevölkerung erfahrungsgemäß sich nicht zur Arbeit
eignet, nur empfohlen werden.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Thätigkeit der ostafrikanischen
Gesellschaft umfaßt den Betrieb von Faktoreien in Bagamoyo, Pangani,
Tanga, Daressalam, Lindi, Kilwa und Mikindani, ferner den Betrieb der
Baumwollplantage Kikogwe und der Versuchsplantage Derema.
Von den weiter ins Auge gefaßten Aufgaben, welche der Erschließung
des Landes zu gute kommen sollten, ist vorläufig nur eine einzige
und auch diese nur in recht beschränktem Umfange in der Ausführung
begriffen. Die Gesellschaft hat es sich bekanntlich zur Aufgabe
gestellt, Verkehrswege zu schaffen. Welcher Art diese Verkehrswege sein
sollen, darüber herrscht in diesem Augenblick noch nicht einmal völlige
Klarheit.
Man hat von vielen Seiten her die Anlegung umfangreicher Eisenbahnnetze
in Deutsch-Ostafrika in Vorschlag gebracht. Man hat dabei vor allem
zwei große Routen im Auge gehabt, eine sogenannte Centralbahn von
Daressalam über Mpapua nach Tabora mit einer Verlängerung bis zum
Tanganjikasee und eventuell noch einer Abzweigung bis nach dem Viktoria
Nyanza. Eine zweite Bahn sollte von Tanga nach dem Kilimandscharo gehen
und auch diese sollte von dort aus nach dem Viktoriasee weitergeführt
werden. Für beide Linien sowie für eine ganze Reihe andrer sind eine
Unmenge von Projekten von berufenen und unberufenen Kräften mit und
ohne Rentabilitätsberechnung ausgeführt und befürwortet worden.
Schmalspurige und normalspurige Bahnen, Feldbahnen und Seilbahnen sind
vorgeschlagen, begutachtet und verworfen worden.
Zweifellos ist die Anlegung von Verkehrswegen eine der
allerbrennendsten Fragen, deren Lösung für die Ausnutzung unseres
Gebietes von ausschlaggebender Bedeutung ist. Vorläufig sind Straßen
nach unserem Sinne in Ostafrika überhaupt nicht vorhanden. Die einzigen
Verkehrswege, zu denen in erster Linie die sogenannten großen
Karawanenstraßen mitzurechnen sind, sind schmale Pfade von etwa 2
Fuß Breite. Zu beiden Seiten dieser Pfade befindet sich je nach der
verschiedenen Bewachsung und der Jahreszeit mehr oder minder hohes
Gras und dichter oder lichter Busch, meist mit Unterholz und Lianen
durchwachsen.
Entstanden sind diese Pfade lediglich durch den Karawanenverkehr.
Nicht die Rücksicht auf das Endziel hat ihnen ihre Richtung gegeben,
sondern lediglich die Gewohnheit der Eingeborenen oder Karawanenführer,
die Bequemlichkeit oder endlich die Rücksicht auf Wassertümpel in
der Nähe der Lagerplätze. Die Entfernung wird durch diese Art Wege
außerordentlich vergrößert.
Der Marsch auf dem Karawanenpfade ist mit großen Unzuträglichkeiten und
Beschwerden verknüpft, denn die Schmalheit des Weges bedingt es, daß
die ganze Karawane oder die Expedition sich im Gänsemarsch bewegen muß.
Sowohl in Rücksicht auf den Handelsverkehr als auch strategisch sind
diese Wege zwar nicht gänzlich unbrauchbar, aber doch eben nur ein
Notbehelf. Daß hier Wandel geschaffen werden muß und zwar so schnell
als möglich, liegt auf der Hand. Es fragt sich nur, welcher Art die
Verkehrswege sein sollen, die wir in Ostafrika anzulegen haben und wer
dieses Verkehrsnetz schaffen soll.
Wenn die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft auch in ihrem Programm
von 1890 die Schaffung von Verkehrswegen vorgesehen hat, so ist die
Sache jetzt doch nach der Übernahme des Regiments durch das Reich in
eine andere Phase gerückt worden. Eine Gesellschaft, welche gegenwärtig
lediglich Erwerbszwecke im Auge hat, wird nicht mehr die moralische
Verpflichtung fühlen, ein Verkehrsnetz, welches ihr zum geringen Teil
zu gute kommt, anzulegen. Diese Verpflichtung ist vielmehr zum Teil auf
das Gouvernement übergegangen.
Was die Art der Verkehrswege anlangt, so wird eine Bahn nur da in
Frage kommen können, wo dieselbe eine direkte Aussicht auf pekuniären
Nutzen in absehbarer Zeit gewährt. Vielleicht wird man sich darauf
beschränken müssen, vorläufig einmal Straßen in der Art zu schaffen,
wie sie die Engländer in mustergiltiger Weise in allen ihren Kolonien
-- und zwar als erste aller Aufgaben -- anlegen; Straßen, auf denen man
mit Wagen fahren kann. Die Herstellung solcher Straßen ist keineswegs
mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. Die wesentlichste
Arbeit dabei ist die Planierung und die gründliche Ausrodung der
Bodenbewachsung, so daß eine baldige Überwucherung, wie sie in den
Tropen schnell eintritt, verhindert wird (durch Kiesbelag, Korallensand
etc.). Durch die Anlage eines solchen Straßennetzes würde ein doppelter
Zweck erreicht werden: Einmal die Erleichterung und Beförderung des
Verkehrs, also die angestrebte Erschließung des Innern und ferner
die wirkliche Sicherung des Landes. Man kann auf die Dauer unmöglich
sich darauf beschränken, wie dies jetzt geschieht, nur an der Küste
eine Herrschaft auszuüben und durch nur in geringem Umkreis wirksame
Stationen im Inneren und gelegentliche Expeditionen den Eingeborenen
gegenüber unsere Autorität aufrecht zu erhalten.
Für die dauernde Sicherung unseres Besitzes reichen die vorhandenen
Stationen im Innern einschließlich der neu in der Anlage begriffenen
nicht aus. Es kann eine wirkliche Machtausübung nur dann erfolgen,
wenn eine Reihe von Stationen an leicht gangbaren oder zu befahrenden
Straßen das Land in seinen Hauptverkehrsadern sichert.
Das Gros dieser Stationen braucht nur sehr klein und mit geringen
Posten versehen zu sein. Der unter den einzelnen Posten leicht
herzustellende Kontakt ist vollkommen ausreichend, um auch die
kriegerischen Völker des Innern wenigstens den Verkehrswegen gegenüber
fortgesetzt in Schach und Botmäßigkeit zu halten. Diese Stationen
sind es aber gleichzeitig, welche durch ihr bloßes Vorhandensein
einen genügenden Druck auf die Häuptlinge des Innern ausüben werden,
um diese zur Instandhaltung der Straße zu zwingen. Keineswegs soll
diese Instandhaltung ohne Entgelt geschehen. und abgesehen von ihrer
militärischen Bedeutung würden die erwähnten Stationen noch einem
zweiten ebenso wichtigen Zwecke dienen können, nämlich Proviant-
und Wasserstationen für die durchziehenden Karawanen zu bilden. Die
Verpflegungs- und Wasserfrage bildet bekanntlich den bei weitem
schwierigsten Punkt des ganzen Karawanenverkehrs.
Mißernten in gewissen Teilen des Landes legen den Verkehr ohne
weiteres lahm oder erfordern riesige Opfer an Menschenleben. Die
Wasserplätze unterstehen an manchen Stellen mächtigen Häuptlingen.
Um Wasser zu erlangen, haben die Karawanen den bekannten Hongo, den
Durchgangszoll zu entrichten, häufig auch noch das Wasser zu erkaufen.
Es ist dies etwas so Gewöhnliches, daß keine Karawane sich diesem Zoll
entziehen kann. Wenn durch eine Straßenanlage der Verkehr geregelt,
die Wasserplätze in Besitz der Station gebracht werden, so ist der
Vorteil ein dreifacher. Einmal sind die Karawanen nicht mehr von
der Laune der Häuptlinge abhängig; zweitens würden die betreffenden
Völkerschaften durch die regelmäßige Lieferung von Nahrungsmitteln
gegen festzusetzenden Entgelt einen dauernden Vorteil genießen; endlich
würde das früher willkürliche Hongosystem der Häuptlinge in die Hände
deutscher Organe (und dann wird es eine dem Neger verständliche
Steuer, die kein böses Blut macht) übergehen und somit einmal einen
wesentlichen Faktor für die Ausbreitung des deutschen Einflusses
abgeben, andererseits aber auch noch pekuniäre Vorteile gewähren. Durch
die Anlage solcher Stationen wird auch einer in den letzten Jahren
vielfach vorgekommenen Vergewaltigung schwacher Eingeborener durch
stärkere Karawanen vorgebeugt.
Endlich dürfte der Umstand nicht gering anzuschlagen sein, daß durch
die vorhandenen Stationen ja von selbst gewisse Kulturfaktoren in die
Landschaft hineingetragen werden und daß daraus sich dann allerdings
für die Zukunft die Möglichkeit großer Bahnanlagen ergeben kann und
wird: dann nämlich, wenn die Eingeborenen des Exports werte Produkte
in genügender Menge produzieren. Ohne in Details hier weiter eingehen
zu wollen, ist besonders notwendig eine Straße, welche im großen und
ganzen den Karawanenweg von Bagamoyo und Mpapua bis Tabora festlegen
sollte. Wenn der Weg gleich energisch in Angriff genommen würde, so
könnte diese Straße von Daressalam aus über Kilossa gehen, dann sich
im Allgemeinen im Anschluß an den alten Weg über Mpapua nach Tabora
wenden, von wo aus dieselbe nach dem Nyanza und nach dem Tanganjika
(Udschidschi) weiter geführt werden müßte. Weiterhin eine Straße von
Tanga nach dem Kilimandscharo, ferner Verbindungen von Kilwa und Lindi
mit dem Nyassa-See.
Von den genannten Verkehrsstraßen ist die eine, nämlich die von
Tanga nach dem Kilimandscharo, bereits in den ersten Anfängen der
Anlage begriffen, indem die Vorarbeiten für die Eisenbahn der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft schon gemacht werden und zwar
besonders im Hinblick auf das üppige Hinterland von Tanga und Pangani,
wo man für tropische Pflanzungen und europäische Ansiedelungen große
Hoffnungen hegt. Die erste Strecke der Bahn soll von Tanga nach
Korogwe am Rufu (Panganifluß) in südwestlicher Richtung führen, etwa
60 Kilometer. Sie durchschneidet einen der fruchtbarsten Teile der
Landschaft Usambara; ihre Verlängerung nach dem Kilimandscharo und
weiterhin nach dem Viktoriasee ist in Aussicht genommen.
Maßgebend für die Anlegung dieser Schienenstrecke war auch das Vorgehen
der Engländer in ihrem Gebiet. Diese sind seit dem Jahre 1890 mit dem
Bau einer Bahn beschäftigt, welche von Mombassa nach Taveta, einem
stark besuchten Karawanenplatz am Fuße des Kilimandscharo, aber in
Britisch-Ostafrika führen soll, einer Bahn, welche später ebenfalls
bis an die Ufer des Viktoria-Nyanza verlängert werden soll, und die,
wenn sie früher als die unsrige fertig wird, zweifellos unserm Handel
großen Abbruch thut, bezw. denselben am Nyanza überhaupt lahm legt.
Es ist daher der Entschluß der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft,
mit dem vorher erwähnten Schienenwege vorzugehen, dankbar zu begrüßen.
Die Ausführung geschieht durch eine aus der Deutsch-Ostafrikanischen
Gesellschaft heraus begründete Usambara-Eisenbahn-Gesellschaft.
Gegenwärtig ist +Dr.+ Oskar Baumann, welcher seit Jahren in
Diensten der Gesellschaft erfolgreich thätig ist und mustergiltige
Vermessungen der gegenwärtigen Eisenbahnlinie sowie des ferneren Weges
durch das Pare-Gebirge bis zum Kilimandscharo ausgeführt hat, damit
beschäftigt, den weiteren Handelsweg für eine Straße oder Eisenbahn vom
Kilimandscharo bis an den Viktoria festzulegen.
Es mögen an dieser Stelle gleich einige Worte über die
Verkehrsverhältnisse Platz finden, welche zwischen dem Mutterlande und
der Kolonie sich entwickelt haben. Bei der Erwerbung der Kolonie und
während des Aufstandes existierte eine deutsche Schifffahrtslinie nach
Ostafrika noch nicht. Man war gezwungen, sich entweder der Schiffe der
+Messageries maritimes+ von Marseille oder der British-India-Linie
von London über Neapel zu bedienen. Die Unzuträglichkeiten, welche
diesen Zustand zu einem unhaltbaren machten, liegen auf der Hand.
Der direkte deutsche Handel war entweder genötigt, sich zufälliger
Gelegenheiten durch deutsche Segelschiffe zu bedienen, um direkt nach
einem deutschen Hafen zu verschiffen, oder er mußte die Beförderung
über Marseille oder London mit Umladung daselbst wählen. In beiden
Fällen ergaben sich Schwierigkeiten, welche die Ausdehnung des Handels
in hohem Grade beeinträchtigten.
Mit der Errichtung des Kommissariats, mit dem Eingreifen der
Regierung in die ostafrikanischen Verhältnisse ergaben sich noch
weit größere Unzuträglichkeiten. Für die Beförderung der Truppen und
des Kriegsmaterials mußten entweder eigene Schiffe zu hohen Kosten
gechartert werden, Schiffe, welche sich dann in vielen Fällen, -- da
man nehmen mußte, was gerade vorhanden war, -- als Frachtfahrzeuge
letzten Ranges erwiesen, oder man benutzte die regelmäßigen Linien
und verschaffte denselben ganz bedeutende Mehreinnahmen auf unsere
Kosten. Da von diesen Linien jedoch kein Hafen des Festlandes in
Deutsch-Ostafrika angelaufen wurde, so mußte Kriegsbedarf und sonstiges
Gut in Sansibar aus- und auf die Dampfer der Wißmann-Flotte oder aber
auf arabische Dhaus umgeladen werden.
Um diese Mißstände aus der Welt zu schaffen, faßte die
Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, sobald das thatkräftige,
dauernde Eingreifen der Regierung gesichert war, den Plan, durch eine
direkte deutsche Dampferlinie, welche mit Staatsunterstützung fahren
sollte, die bisher fehlende Verbindung zwischen Deutschland und der
Kolonie herzustellen. Die Vorlage darüber kam Anfang 1890 vor den
Reichstag, eine jährliche Unterstützung von 900000 Mk. wurde bewilligt,
und bereits im Juli 1890 begannen die regelmäßigen Fahrten in
vierwöchentlichen Zwischenräumen von Hamburg und Rotterdam -- Neapel
-- Port Said -- Suez -- Aden nach Tanga -- Daressalam -- Sansibar
-- Lindi -- Mozambique -- Delagoabay und Natal. Im Anschluß an die
Hauptlinie wurde eine Küstendampferlinie errichtet, welche Bagamoyo,
Sadani, Pangani, Kilwa, Ibo, Quilimane, Chiloane, Inhambane und Beira
anläuft. Es ist dadurch ein Seeverkehrsnetz geschaffen, welches den
gegenwärtigen Anforderungen völlig entspricht.
Während die Hauptdampfer die drei besten Häfen an der Ostküste
Deutsch-Ostafrikas sowie den großen Handelsmittelpunkt Sansibar und
die Hauptpunkte der portugiesischen Küste sowie einen Hafen von
Natal selbst anlaufen, besorgen die Küstendampfer den Verkehr mit
allen denjenigen Stationen, deren Hafenverhältnisse das Anlaufen der
Hauptdampfer verbieten. Das Frachtgut wird in Lindi, Daressalam oder
Tanga (für unsere deutsch-ostafrikanische Küste), beziehungsweise
in Sansibar gesammelt und dort auf die Hauptdampfer übergeführt und
umgekehrt.
Die der Linie an der Küste selbst zukommenden Frachten sind bislang
sehr gering, besonders an den Plätzen, die für den Dhauverkehr
mit Sansibar geeignet sind, zum großen Teil aber auch wegen des
unpraktischen Fahrplans der Dampfer, der ihnen meist einen genügenden
Aufenthalt zum Nehmen und Löschen von Ladung nicht gestattet.
Gleichzeitig mit der Einrichtung der Dampferlinien geschah die
Errichtung deutscher Postagenturen zunächst in Sansibar selbst,
später nach Errichtung des Gouvernements in den Hauptplätzen
Deutsch-Ostafrikas.
Es mag beiläufig hier bemerkt werden, daß vor dieser Zeit, entsprechend
den bestehenden Verbindungen, alle Postsachen durch das französische
oder englische Postbureau je nach der Nationalität des abgehenden
Dampfers befördert werden mußten. Ein Postamt des Sultans von Sansibar
gab es nicht.
Es ist das im vorigen Jahre verfügte Eingehen der deutschen Postagentur
zu Sansibar, das nach der einen Angabe aus Gefälligkeit gegen unsere
englischen Freunde, -- die französische Postagentur zu Sansibar ist
nicht eingegangen, -- nach der anderen auf Antrag des Gouverneurs
erfolgt ist, sehr zu beklagen; die Postagentur hatte gerade in
Sansibar gute Einnahmen und war außerdem immerhin ein Mittel, uns der
Bevölkerung zu nähern.
Endlich ist von den geschaffenen Verkehrserleichterungen zu erwähnen
die Anlage einer Telegraphenlinie zuerst von Bagamoyo nach Daressalam
mit geplanter Verlängerung über alle Hauptpunkte der Küste. Dieselbe
ist wohl inzwischen im Norden durchgeführt. --
Nächst der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft kommt der
Ostafrikanischen Plantagengesellschaft eine wesentliche Bedeutung zu.
Diese Gesellschaft bildete sich bereits im Jahr 1888 zu dem Zwecke, in
Deutsch-Ostafrika den Tabaksbau zu kultivieren. Ihr Thätigkeitsfeld
befindet sich auf der Plantage Lewa, einige Kilometer von Tschogwe am
Panganifluß.
Die Arbeiten auf der Plantage Lewa hatten bereits vor dem Aufstande
einen bedeutenden Umfang angenommen. Sämtliche Gebäude für
Verwaltungszwecke, ferner die Fermentierscheune war errichtet,
die ungeheure Tabakspresse unter umständlichen Schwierigkeiten
heraufgeschafft, ein Stamm von mehreren hundert Arbeitern herangezogen
und thatsächlich zu einer dauernden Thätigkeit herangebildet worden.
Die Plantage ließ die besten Erfolge erwarten, da kam der Aufstand und
im November 1889 wurde die Plantage durch Buschiris Leute überfallen
und verwüstet.
Bereits bei Ausbruch des Aufstandes hatten die Beamten der
Plantagengesellschaft in Voraussicht des kommenden Unheils versucht,
von der Ernte zu retten, was zu retten ging. Der Tabak wurde so schnell
als möglich eingeerntet und ein Teil desselben auch, allerdings
oberflächlich, fermentiert; ja, es gelang sogar, einen Teil der
Ernte an die See zu bringen und nach Deutschland zu verschiffen.
Nichtsdestoweniger waren natürlich die Verluste für die Gesellschaft
sehr bedeutende, und sie hatte nach der Beruhigung des Nordens und
nachdem Lewa durch einen Posten von 10 Mann gesichert war, ganz
von vorn anzufangen. Die gesamte Plantage war überwuchert, die
herangebildete Arbeiterbevölkerung in alle Winde zerstreut, und erst
allmählich konnten die Arbeiten in vollem Umfange wieder aufgenommen
werden.
Ebenso wie die Plantagengesellschaft beschäftigt sich die Deutsche
Pflanzergesellschaft in der Nähe von Tanga mit Tabaksbau. Erhebliche
Erfolge sind seitens dieser Gesellschaft nicht erzielt worden, einmal
weil die Leitung zu systematisch von Berlin aus betrieben wurde,
wodurch jede freiere Entfaltung in Ostafrika lahm gelegt oder verzögert
wurde; ferner aus Kapitalsmangel und endlich weil die in Ostafrika zur
Verwendung kommenden europäischen Kräfte sich ihrer Aufgabe zum Teil
nicht gewachsen zeigten; im letzten Jahr machte noch der Aufstand unter
den Wadigo die nötigen Arbeiten größtenteils unmöglich.
Zu diesen älteren wirtschaftlichen Unternehmungen traten bald nach der
Niederschlagung des Aufstandes noch einige andere. In erster Linie ist
hier zu nennen die sogenannte Emin-Plantage. Den Grundstock derselben
bildet eine früher dem Frhrn. v. Gravenreuth gehörige Schamba bei
Bagamoyo, welche durch Ankäufe vergrößert wurde. Die Emin-Plantage
beschäftigt sich vorwiegend unter der Leitung eines bewährten Fachmanns
mit dem rationellen Anbau der Vanille.
In der Nähe von Tanga betreibt Herr von Saint-Paul-Illaire, der frühere
Generalvertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, eine eigene
Plantage, auf welcher ebenfalls Vanille und Baumwolle kultiviert
werden. In der Nähe von Tanga befindet sich ferner eine kleinere
Plantage der ostafrikanischen Seehandlung (Wilhelm Perrot, Wiesbaden).
Die ostafrikanische Seehandlung bildete sich 1890 zu dem Zwecke, in
Ostafrika Handel mit den Eingeborenen zu treiben und eventuell sich
mit selbständigem Plantagenbau zu beschäftigen. Die kleine Plantage
der Gesellschaft kultiviert Baumwolle und hat vor kurzem eine nicht
unbeträchtliche Sendung von Baumwolle in Bremen zum Verkauf gestellt.
Neben diesen wirtschaftlichen, dem Plantagenbau dienenden
Unternehmungen müssen die rein kaufmännischen Unternehmungen Erwähnung
finden.
Über die kaufmännischen Zwecke und Ziele der deutsch-ostafrikanischen
Gesellschaft ist das Wesentliche oben gesagt worden. Eine Ergänzung
zu dem Plane der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, mit ihren
Faktoreien in das Innere hinein vorzudringen, bildete ein Projekt
des leider zu früh im Dienst des Vaterlandes gefallenen Freiherrn
v. Gravenreuth, das Projekt, durch die Gründung einer deutschen
Seengesellschaft an den Ufern der großen Seen, an welche unser Gebiet
heranreicht, festen Fuß zu fassen und so dem deutschem Vorgehen von der
Küste her von innen heraus entgegen zu arbeiten. Das zunächst ins Auge
gefaßte Ziel war die Anlegung von zwei Handelsstationen am Viktoria und
zwar an dessen Süd- und Westufer. An diesen beiden Stationen sollte der
von Wißmann für den Viktoria geplante Dampfer die Produkte aus Uganda,
Unioro, Karagwe, Kavirondo und den reichen Uferstaaten des Viktoria
zusammenführen, von den Stationen aus jene Länder mit den nötigen
Ausfuhrartikeln als Gegenwert versehen. Die Großartigkeit des Planes
muß auf den ersten Blick einleuchten. Um so bedauerlicher ist es, daß
der Plan aus Mangel an Beteiligung bisher nicht zur Ausführung gekommen
ist, um so bedauerlicher deshalb, weil die beiden deutschen Stationen
Bukoba und Muanza die Vorbedingungen für eine Sicherung eines solchen
Handelsverkehrs gegeben hätten.
Als selbständige kaufmännische Unternehmung eröffnete ein Konsortium
von drei patriotischen Magdeburger Herren im April 1890 in Tanga
die kleine »Magdeburger Faktorei«. Eine wesentliche Bedeutung kann
dem Unternehmen allerdings nicht zuerkannt werden. Der Rahmen ihres
Geschäftsverkehrs -- nämlich der Verkauf von Gebrauchsartikeln an
Eingeborene und der gelegentliche Ankauf von Landesprodukten -- ist
dafür zu eng, aber immerhin bildet die Magdeburger Faktorei einen
Beweis dafür, daß solche Unternehmungen im stande sind, sich, wenn auch
zuerst vielleicht mit Opfern, allmählich zu bewähren.
Von größerer Bedeutung als dieses kleine selbständige Unternehmen ist
die Errichtung von Küstenfilialen seitens der bereits seit langer Zeit
in Sansibar bestehenden deutschen Handelshäuser Hansing & Cie. und der
Elfenbeinfirma Meyer, da man von diesen bei der großen Erfahrung der
genannten Häuser in Afrika eine weitere Ausbildung des Handelsverkehrs
erwarten darf, wozu kleinere Unternehmungen in unbedeutenden
Handelsplätzen etabliert, nicht im stande sind.
In Daressalam ist seit einem Jahre eine deutsche Apotheke im Betrieb,
welche jetzt durch den außerordentlich thätigen früheren Beamten der
deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft Richter, der Land und Leute
genau kennt, übernommen worden ist. Filialen der Apotheke in allen
Hauptplätzen sind in Aussicht genommen.
Schließlich möge hier noch ein Unternehmen Erwähnung finden, welches
zwar noch nicht in Ostafrika seine Thätigkeit aufgenommen hat, für
welches jedoch die Kapitalien vorhanden und die Rechtsformen gegeben
sind. Es ist dies eine Bremer Handelsgesellschaft, welche unter stiller
Beteiligung der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft mit einem Kapital
von 300000 Mk. Handelsunternehmungen an der Küste betreiben wird und
selbständige Karawanen nach dem Innern auszurüsten gedenkt. Auch der
in nächster Zeit zur Ausführung gelangende Versuch der Begründung
einer Ziegelei zu Tanga durch den in Ostafrika erfahrenen früheren
Proviantmeister Jahnke finde hier Erwähnung.
Es braucht kaum gesagt zu werden, daß neben den genannten großen
wirtschaftlichen Unternehmungen mit der fortschreitenden Sicherheit
an der Küste und mit der Zunahme des europäischen Elements daselbst
eine Menge kleinerer kaufmännischer Geschäfte wie Pilze aus der Erde
schossen, kaufmännische Geschäfte, welche lediglich von dem Verkehr
mit den Europäern, von dem Verkauf von Konserven und europäischen
Bedürfnissen, Spirituosen und dergleichen mehr leben. Sie sind
großenteils in Händen von Portugiesen, Griechen und allerlei
Existenzen, welche von Sansibar aus des besseren Geschäfts wegen nach
der Küste übersiedeln.
Allgemein bekannt ist ja, daß, wie seiner Zeit der Sultan von Sansibar
das Pulvermonopol in Händen hatte, jetzt dieses Monopol in den Händen
des Gouvernements und vordem in denen des Reichskommissariats sich
befand. Über diese Maßregel ist von kaufmännischer Seite des öfteren
geklagt worden, doch ist sie zweifellos notwendig, um die Einfuhr
von Waffen und Munition ins Innere jederzeit kontrolieren und selbst
in der Hand behalten zu können. Allerdings wäre es verkehrt, hier
übermäßig vorsichtig vorzugehen und zu meinen, durch Erschwerungen
der Pulver-Einfuhr könne Aufständen im Innern vorgebeugt werden, z. B.
dadurch, daß man vielleicht das Pulver blos an zuverlässige Karawanen
und Stämme abgäbe. Eine solche Maßregel wäre schon deswegen verkehrt,
weil die Munition im Innern immer der gesuchteste, wertvollste
Tauschartikel ist, für den insbesondere meist Elfenbein eingehandelt
wird.
Auch ist andrerseits hervorzuheben, daß sowohl bei der geringen
Besetzung der Küste wie bei den ausgedehnten Beziehungen, die die
Stämme des Innern überall in unsern Grenzgebieten oder jenseits des
Tanganjika anknüpfen können, eine solche Maßregel nicht absolut wirksam
sein würde, solange wir nicht ganz bestimmte Abkommen, von denen
wir überzeugt sind, daß sie auch gehalten werden, mit den andern
europäischen Völkern getroffen haben.
Der Pulverhandel muß aber in jedem Falle in unserer Hand bleiben,
da wir hierdurch in engerer Berührung mit den Karawanen und den
eingeborenen Stämmen selbst uns befinden und gegebenen Falls die
Einfuhr, wenn auch nicht ganz verhindern, so doch erschweren können.
Es sei zum Schluß ein zusammenfassendes Urteil über die Aussichten
der deutschen Plantagen-Unternehmungen gestattet. Was zunächst die
Baumwolle anlangt, so haben schon die Proben der in Deutsch-Ostafrika
wild wachsenden Baumwolle den hohen Wert derselben gezeigt. Das Urteil
der Fachleute läßt sich dahin zusammenfassen, daß bei einer rationellen
Kultur die in Ostafrika gezogene Baumwolle der auf dem Weltmarkt am
höchsten bewerteten gleichzuschätzen sein wird. Rücksichtlich des
Tabaks ist ein abschließendes Urteil gegenwärtig kaum zu fällen. Die
erste Ernte ist, wie bereits früher erwähnt, in verdorbenem Zustande
in Deutschland angekommen. Sie hat nichtsdestoweniger ein Urteil
dahin erlaubt, daß das gezogene Blatt in der Struktur dem besten
Sumatra-Tabak als ähnlich sich erweist und als Deckblatt ausgedehnteste
Verwendung finden kann, vorausgesetzt, daß durch Fachleute und vor
allem im Bau des Tropentabaks bewanderte Pflanzer der Tabak an Ort
und Stelle richtig behandelt wird. Versuche mit Kaffee sind bisher im
Wesentlichen nur von den katholischen Missionen, besonders in Morogro
und am Viktoria vorgenommen worden. Die Versuche haben ergeben, daß der
dort gezogene Kaffee dem besten Mokka gleichwertig ist.
Wir möchten jedoch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß eine
große Menge von Naturprodukten gegenwärtig noch völlig unausgebeutet
der Initiative des deutschen Kapitals harren. In allererster Linie
handelt es sich dabei um die Ausnutzung der bedeutenden Kokosbestände
der Küste, welche gegenwärtig nur in sehr geringem Maße stattfindet.
Kopra wird an der Küste nicht mehr gemacht, sondern die Nüsse gehen
in natura nach Sansibar und in großen Quantitäten von dort zur
Verarbeitung nach Indien. Bereits 1890 ist von Fachleuten auf die
Bedeutung dieser Kokosbestände und auf die leichte Möglichkeit, sie
ungemein nutzbringend an Ort und Stelle zur Fabrikation des Kokosöls
zu verwerten, aufmerksam gemacht worden. Man ist indes dem seiner
Zeit in vollkommen umfassender Form vorgelegten Plane bislang von
kapitalkräftiger Seite trotz des auf der Hand liegenden Vorteils noch
nicht näher getreten.
Aehnlich steht es mit dem Anbau oder der Gewinnung von Erdnüssen und
Sesam, Handelsartikeln, die auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen.
Selbst die gewöhnlichen Negerbedürfnisse werden an den meisten Plätzen
in lange nicht genügender Menge kultiviert und noch vielfach ist
Einfuhr von Madagaskar und Indien nötig.
Die Kultur des Bodens und des Landes kann auf die mannigfachste Weise
noch gefördert werden.