Das Reichskommissariat unter Wißmanns Stellvertreter +Dr.+ Karl
Wilhelm Schmidt.
Innerer Ausbau und Organisation des Kommissariats. -- Beaufsichtigung
und Kontrolle der Karawanen. -- Verurteilung des Mörders Gieseckes,
des Arabers Mohammed ben Kassim. -- Deputationen aus dem Innern
melden die Unterwerfung der Bevölkerung. -- Einfall der Mafiti in
Usaramo. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt nach Usaramo bis an den
Rufidji-- Unterwerfung des Jumbe Pangiri. -- Expedition des Chef
von Perbandt nach Nguru zur Sicherung der katholischen Mission.
-- Verhandlungen mit der Bevölkerung im Süden. -- Ausbau der Station
Kilwa durch Zelewski. -- Anknüpfung von Beziehungen mit den
Eingeborenen um Lindi und Mikindani. -- Expeditionen zu diesem Zweck
in das Hinterland. -- Die Sklavenfrage in und um Lindi. -- Die
Wahiyao und der Häuptling Maschemba. -- Verhandlung mit letzterem.
-- Scheinbare Unterwerfung desselben. -- Pulverschmuggel im
Hinterland von Lindi. -- Unterdrückung des Pulverschmuggels durch
Benutzung der Eingeborenen und Händler. -- Die Stämme im Hinterland
des Südens. -- Beschaffenheit des Hinterlandes. -- Charakter der
Lindi-Leute. -- Expedition des Verfassers mit Chef End zu Maschemba.
-- Besuch des Makanda-Häuptlings Schikambo. -- Krieg zwischen
Schikambo und Maschemba. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt mit den
Stationschefs von Lindi und Mikindani zu den englischen
Missionsstationen und an den Rovuma. -- Gefecht bei Kisanga;
Verwundung des Verfassers. -- Der Rovuma. -- Ankunft in Mikindani.
-- Informationsreise des Herrn von Soden nach Ostafrika. -- Soden
als Ersatz für Wißmann in Aussicht genommen.
Die Hauptaufgabe des Stellvertreters des Reichskommissars, +Dr.+
Schmidt, lag auf friedlichem Gebiete. Nach der Wiedergewinnung der
ganzen Küste und nach vollkommener Pacificierung des nördlichen Teils
unseres Interessen-Gebietes konnte während der Abwesenheit Wißmanns
an dem innern Ausbau und der Organisation des Reichskommissariats
gearbeitet werden. +Dr.+ Schmidt wurde dieser Aufgabe gerecht
durch Erlaß einer Reihe von Bestimmungen über die Thätigkeit,
Diensteinteilung und Befugnis der Stationschefs und die Abgrenzung der
Stationsbereiche, welche natürlich durch die praktischen Verhältnisse
vorgezeichnet waren. Bei der Feststellung des Verhältnisses der
Stationschefs zur eingeborenen Bevölkerung und den Karawanen traf
er Anordnungen über die Beaufsichtigung und Kontrolle der Karawanen,
die Abstempelung der Schußwaffen, welche dieselben mit sich führten,
über den Verkauf von Waffen und Munition an Karawanen und über den
Kautschuckhandel, um der häufigen Verfälschung dieses wertvollen
Produktes durch die Neger vorzubeugen, endlich über die militärischen
Befugnisse der Stationschefs und Offiziere und dergleichen mehr. Im
allgemeinen wurden hierbei natürlich die von Wißmann stets gehandhabten
Grundsätze gewahrt und nur die bisher in der Praxis allgemein befolgten
Prinzipien in feste Form gelegt.
Wir haben bereits erwähnt, daß es in Sadani gelungen war, den
Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora festzunehmen, und daß der
Reichskommissar die kriegsgerichtliche Aburteilung desselben befohlen
hatte. Die vorgenommene Untersuchung ergab die volle Schuld nicht nur
in Betreff der dem Mohammed ben Kassim zur Last gelegten Ermordung
des deutschen Kaufmannes Giesecke zu Tabora, sondern es wurde auch
festgestellt, daß er im Jahre 1889 nach Begründung der Station Mpapua
mit einer größeren Masse von Arabern und Sklaven einen Angriff auf die
Station beabsichtigt und bereits im Anmarsch auf dieselbe gewesen sei.
Nur durch die ihn aus Furcht vor den Deutschen zurückhaltenden Wagogo
war er am Durchmarsch durch Ugogo behindert worden. Mohammed den Kassim
wurde infolgedessen zum Tode durch den Strang verurteilt. Später erst
sind zudem, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, seine Absichten
gegen uns im vollen Umfange bekannt geworden.
Es entwickelten sich unter der Vertretung durch +Dr.+ Schmidt
die Verhältnisse im Norden weiterhin durchaus befriedigend. Viele
Häuptlinge aus dem Innern, mit denen bereits Wißmann Beziehungen
angeknüpft hatte, kamen herunter zur Küste und legten Zeugnis von
ihrer Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft und von ihrem Gehorsam
ab. Der Karawanen-Verkehr nahm einen erfreulichen Aufschwung. Zu
Masinde, dem Sitz des Häuptlings Simbodja, ließ Schmidt, obgleich
dieser Häuptling ebenfalls Proben seiner Ergebenheit und guten
Gesinnung gezeigt hatte, doch, um ihn kontrolieren zu können, eine
befestigte Station durch Chef Ramsay anlegen.
Nur Usaramo wurde, trotz der Niederlage der Mafiti bei Jombo im Jahre
zuvor, durch einen erneuten Einfall derselben auf große Strecken
hin verwüstet und entvölkert, sodaß sich der stellvertretende
Reichskommissar genötigt sah, eine Expedition gegen die Mafiti mit zwei
Kompagnien zu unternehmen. Der Marsch wurde von Bagamoyo aus angetreten
und führte über die alten Stationen der Ostafrikanischen Gesellschaft
Dunda, Madimola und Usungula nach der französischen Missionsstation
Tununguo, welche am meisten von den Mafiti bedroht erschien. Auf der
Station wurde zur Bedeckung derselben ein weißer Unteroffizier und 20
Mann zurückgelassen. +Dr.+ Schmidt marschierte nach dem Dorfe
Zungumero, drei Tagereisen südlich von der Station, woselbst die die
Mission bedrohende Abteilung der Mafiti sich befinden sollte. Das große
und stark befestigte Dorf wurde jedoch verlassen vorgefunden. Da es
nicht gelang, die Eingeborenen zum Eingehen auf Unterhandlungen zu
bewegen, wurde der Ort niedergebrannt.
Der Weitermarsch führte nach dem Rufidji, woselbst ebenfalls noch
Mafitis versammelt sein sollten. In diese Gegend hatte sich auch der
Jumbe Pangiri, dessen Dorf Pangiri, wie wir in einem früheren Kapitel
erwähnt, vom Reichskommissar bei Antretung der Mpapua-Expedition zur
Strafe zerstört worden war, geflüchtet und hatte Unterstützung bei
der Bevölkerung jener Gegend gefunden. Er erschien jedoch bei der
Ankunft des +Dr.+ Schmidt freiwillig in dessen Lager, um sich
auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Schmidt erteilte ihm Amnestie
unter der Bedingung, daß er mit der Expedition zugleich nach der Küste
zurückkehre und sich in seinem alten Dorfe niederlasse. In der That
schloß sich Pangiri mit seinen Leuten sofort der Expedition an. Mit dem
Jumbe Pangiri war der letzte der angesehenen Rebellen-Häuptlinge des
nördlichen Teils der Küste zurückgekehrt.
Der Rückmarsch wurde zunächst längs des Rufidji angetreten. +Dr.+
Schmidt, den dringende Verwaltungs-Geschäfte nach Sansibar riefen,
marschierte in Eilmärschen von Mtansa aus mit einer kleinen Bedeckung
nach Daressalam, während Chef Ramsay den Auftrag erhielt, sich mit
dem Gros der Expedition über den Rufidji nach Kilwa zu begeben und
bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse des Hinterlandes von Kilwa
möglichst aufzuklären.
Von den Mafitis war das ganze Land zwischen dem Kingani und dem Rufidji
einerseits und der Küste und Mahenge andrerseits stark verwüstet; auch
hatten sie überall wieder die gewöhnlichen Grausamkeiten verübt. Um
diesen Einfällen der Mafiti vorzubeugen und die eingeborene Bevölkerung
vor ihnen zu sichern, schlägt +Dr.+ Schmidt die Anlage einer
Station in der Gegend der Schuguli-Fälle am Rufidji vor, durch welche,
nach Ansicht des +Dr.+ Schmidt, sowohl die südlich des Rufidji
wohnenden als auch die nördlichen Mafitistämme in Schach gehalten
werden sollten; es ist dies indes von einer einzigen Station um ein
Bedeutendes zu viel erhofft.
Einer Expedition des stellvertretenden Stationschefs von Bagamoyo,
Herrn von Perbandt, in dieser Zeit sei noch Erwähnung gethan. Sie hatte
den Zweck, kleinere nördlich der durch Nguru führenden Karawanenstraße
vorgekommene Unruhen zu beschwichtigen, wurde auf Befehl des
Reichskommissars ausgerüstet und von Herrn von Perbandt geschickt und
schneidig durchgeführt.
Die Verbindung nach den Süd-Stationen war bei den großen Entfernungen
und der während der Zeit des Südwest-Monsums herrschenden hohen See
durch die kleinen Dampfer schwer aufrecht zu erhalten und wurde, da
eine Masse Baumaterial und Proviant des öfteren nach den Stationen
geschickt werden mußte, durch den vom Sultan von Sansibar gecharterten
Dampfer »Barawa« hergestellt. Auf den Süd-Stationen selbst entwickelten
sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise.
Die Aufständischen um Kilwa hatten sich zunächst in der Absicht,
weiteren Widerstand zu leisten, etwa in 8 Stunden Entfernung
verbarrikadiert, doch gaben sie die Absicht eines Angriffs bald auf
und faßten statt dessen den weniger energischen Entschluß, wenn ihnen
von der Station Kilwa aus auf den Leib gerückt würde, Fersengeld zu
geben. Der stellvertretende Reichskommissar hatte sich aber von der
Möglichkeit überzeugt, daß die Verhältnisse um Kilwa, -- nachdem der
Ort seine verdiente Strafe durch das Bombardement und die Einnahme der
Stadt erlitten und wir unserer Macht durch Anlage einer starken Station
Ausdruck gegeben hatten, -- weiterhin im guten zu regeln seien. Er
gab deshalb die Instruktion, daß alles daran gesetzt werden sollte,
die Leute zur Rückkehr zu bewegen, damit der alte Handelsplatz Kilwa
bald wieder seine frühere Bedeutung zurückgewinne. Chef von Zelewski
pflog auch durch Unterhändler mit den Aufständischen Verhandlungen, um
dieselben zur Rückkehr in die Stadt zu bewegen, aber es dauerte trotz
der immer gegebenen Versprechungen, daß sie geschont würden, geraume
Zeit, ehe die Neger ihr Mißtrauen und ihre Furcht vor Strafe ablegten.
Zelewski gab sich in dieser Zeit mit dem größten Eifer dem Ausbau
seiner Station und der Fürsorge für die Stadt hin und er, der leider
ein Jahr darauf als Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe den
Tod für die koloniale Sache in Uhehe sterben sollte, hat sich durch
seine Thätigkeit in Kilwa ein bleibendes Denkmal gesetzt. Die äußerst
praktisch angelegte Station, die aus einigen geschickt verbundenen
arabischen Ruinen entstanden war, das in Kilwa erbaute Lazarett, die
Entwässerung der die Stadt umgebenden Sümpfe, eine Wasserleitung in
der Stadt, ein in das Meer hinausgelegter Steindamm, durch welchen
die ungemein schlechten Landungsverhältnisse für die Boote verbessert
wurden, geben das sprechendste Zeugnis von seiner Thätigkeit. Auf
keiner der andern Stationen ist auch nur annähernd dasselbe erreicht
worden, wie von ihm in Kilwa im Laufe von nur 10 Monaten.
Es gelang Zelewski endlich, die Führer der Aufständischen zur Rückkehr
nach Kilwa zu bewegen und er hatte die Freude, diesen Platz zu seiner
alten Bedeutung wieder erwachsen zu sehen. Nebenbei glückte es dem
Stationschef, die Mörder der bei Beginn des Aufstandes ermordeten
Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Krieger und
Hessel, in Kilwa festzunehmen. Sie wurden im November 1890 vom
stellvertretenden Reichskommissar zum Tode durch den Strang
verurteilt.
Die Furcht vor den Mafiti, in diesem Fall den südlichen Mahengestämmen,
veranlaßte die Leute des Hinterlandes, sich enger an die Station
anzuschließen, da sie nur von dieser Hülfe gegen ihre alljährlich
das Land nach der Regenzeit heimsuchenden Feinde erhoffen durften.
Bei seinem Marsch vom Rufidji nach Kilwa wurden dem Chef Ramsay von
keiner Seite aus auch nur die geringsten Schwierigkeiten gemacht oder
Feindseligkeiten entgegengesetzt, er konnte nur überall die große vor
den Mafitis herrschende Furcht konstatieren.
In Lindi und Mikindani war es nach dem Stationsbau und den damit
zusammenhängenden Arbeiten, als Freilegung des Terrains, Straßen-
und Gartenanlagen, Bau des Schießstandes, Strandarbeiten etc.,
ebenfalls die hauptsächlichste Aufgabe der dortigen Stationschefs,
möglichst bald gute Beziehungen mit der Bevölkerung herzustellen,
um den Karawanen-Handel, der zwischen dem Nyassa-See und unserer
Küste bestand, bald wieder dorthin zu lenken. In Mikindani waren die
Verhältnisse von vornherein friedliche, da auch der einzige anfänglich
nicht für Unterwerfung geneigte unter den Rebellen alsbald sich
eines besseren besann und zurückkehrte. Ebenso hatten wir bereits
bei der Einnahme Lindi's erwähnt, daß auch dort die Rebellen vom
Reichskommissar Amnestie erbeten hatten. Der Verfasser setzte als
Stationschef natürlich ebenfalls alles daran, die früheren Rebellen zur
Rückkehr zu bewegen, und dies gelang ihm auch gleich in der allerersten
Zeit bei fast allen. Nur einen einzigen, den Hauptbeteiligten, Raschid
Schapapa, hinderte die Furcht vor Strafe und Mißtrauen gegen uns an der
Rückkehr. Die andern Hauptagitatoren beim Aufstande, Kadi Omar, Fundi
Majaliwa, Mohammed ben Raschid, leisteten der Aufforderung zur Rückkehr
alsbald Folge.
Es sahen sowohl Chef End, der Stationschef von Mikindani, wie auch der
Verfasser in Lindi ihre Aufgabe darin, hier in diesen unsern südlichen
Plätzen, wohin Europäer bisher noch wenig gekommen waren, wo selbst der
Sultan von Sansibar außerhalb der festen Plätze eine Herrschaft nie
ausgeübt hatte, uns mehr Fühlung mit den Eingeborenen zu verschaffen
und diesen das große Mißtrauen, das uns hier anfangs entgegengebracht
wurde, allmählich zu benehmen. Im Hinterlande der beiden Plätze ist
besonders dadurch, daß die Bevölkerung nach Möglichkeit zu den großen
in der ersten Zeit natürlich notwendigen Stations-Arbeiten herangezogen
und hierdurch etwas mehr an uns gewöhnt wurde, in dieser Hinsicht ein
bedeutender Erfolg erzielt worden.
Um Lindi selbst gab es indes noch eine andere Frage, deren Lösung nicht
so leicht erschien, nämlich die Regelung des Verhältnisses der Araber
und der besitzenden Klasse überhaupt zu den Sklaven.
Lindi ist von jeher nach zwei Seiten hin bekannt: erstens als
Haupt-Sklavenplatz unserer ganzen Küste und ferner durch die häufig
dort vorkommenden Sklaven-Aufstände. Die Sklaven haben sich hier in
den letzten Jahren des öfteren gegen ihre Herren erhoben, ihnen nicht
nur den Gehorsam aufgekündigt und sind entflohen, sondern sie haben
direkt die Waffen gegen sie gekehrt. Sie hatten dabei im Hinterlande
von Lindi, in Luagalla, an dem Wahiyao-Häuptling Maschemba eine
kräftige Stütze und fanden bei ihm einen willkommenen Zufluchtsort.
Außer in Maschemba's Gebiet fanden auch noch an vielen andern Plätzen
Ansammlungen von Sklaven statt, welche dann eine Art Räuberbande
bildeten und die Gegend beunruhigten.
Die Sklaverei in und um Lindi verdiente kaum diesen Namen; die Sklaven
konnten thun und lassen, was sie wollten und wuchsen mit der dem Neger
eigenen Unverschämtheit ihren Herren über den Kopf. Im Interesse der
allgemeinen Sicherheit im Lande hätten wir eine strengere Form der
Sklaverei geradezu erwünscht und mußten auf alle Fälle versuchen,
dem bestehenden Zustande ein Ende zu machen. Diese Regelung der
Verhältnisse blieb uns Stationschefs überlassen. Nachdem unter den
Häuptlingen des Hinterlandes, die auf Aufforderung des Reichskommissars
mit dem Verfasser in Verbindung getreten waren, sich auch Maschemba
eingefunden hatte, wurde daran gegangen, bezüglich der Sklavenfrage
mit dem Häuptling ein Einverständnis zu erzielen. Ich trug ihm auf,
entweder selbst zu mir nach Lindi zu kommen, oder einen seiner Söhne zu
schicken, damit dieser meinen Willen erführe und wir ein die Interessen
des Landes sowohl, wie, soweit angängig, diejenigen Maschembas
wahrendes Abkommen treffen könnten.
Maschemba, der in jener Zeit viel mit dem Verfasser korrespondiert hat,
indem er die Briefe immer in Suaheli-Sprache in lateinischen Lettern
von einem auf der englischen Mission erzogenen Yao-Burschen schreiben
ließ, ging auf mein Verlangen ein und sandte seine beiden Söhne mit
folgendem Schreiben:
»Mein lieber Freund. Ich befinde mich wohl. Die Geschenke, die Du
mir geschickt hast, sind alle angekommen, 3 Hemden, 2 Kikois, 3
Maskattücher, 12 Ballen Zeug, 4 Lessos. Meinen Dank dafür. Du schreibst
mir, daß ich selbst komme oder mein Sohn. Ich schicke Dir heute
zunächst meinen jüngern Sohn; der große kommt nach, er bringt noch
Geschenke für Dich. Er heißt Kantande Wadi Maschemba. Damit der Brief
sehr schnell kommt, bringt ihn mein jüngerer Sohn. Viele Grüße von mir.
Ich bin hier wohl. Maschemba bin Tschapama.«
Der hier angekündigte Kantande, der älteste von Maschembas Söhnen, traf
denn auch bald nach dem jüngeren ein und brachte, nachdem mir Maschemba
schon gleich im Anfang einmal Hühner und Ziegen gesandt hatte, nun
abermals die angekündigten Geschenke, welche in Kleinvieh und Hühnern
bestanden, mit. Außerdem brachte er für mich als Geschenk ein Monstrum
von einem Weibe, die er wahrscheinlich für besonders schön gehalten
hatte. Sie besaß einen Umfang wie mindestens 3 starke Männer zusammen,
so daß sie kaum durch das Stationsthor eintreten konnte. Die Wache und
alle Neger, welche diese Schönheit sahen, konnten sich des Lachens
nicht enthalten. Die gute Absicht Maschembas wurde zwar anerkannt, das
Weib aber schleunigst in Freiheit gesetzt.
An dem Verhalten der Söhne Maschembas merkte ich bald, daß, wenngleich
sie natürlich in Lindi auf alle Vorschläge und Bedingungen eingingen,
und wenn auch Maschemba selbst ernstlich die Absicht zu haben schien,
mit mir, falls seine Interessen gewahrt würden, sich dauernd auf einen
guten Fuß zu stellen, an ein ernstliches Abkommen nicht zu denken
war: sie hätten alles zugestanden, die Sache aber wäre im großen und
ganzen doch beim Alten geblieben. Der Grund hierfür lag wohl darin,
daß es Maschemba zwar verstanden hatte, die teils ihren Besitzern
entlaufenen, teils von ihm von überall her geraubten Sklaven vorzüglich
zu organisieren und gewissermaßen als große Räuberbande auszubilden,
daß aber seine Autorität über diese Horde doch keine unbedingte war.
Ich entschloß mich deshalb, sobald meine Reisen in der Umgegend von
Lindi beendet wären, Maschemba selbst aufzusuchen und zu sehen, was mit
ihm persönlich auszurichten sei.
Meine Absicht war es, Maschemba zu verpflichten, daß er jeden
ihm zugelaufenen Sklaven an die Station in Lindi ausliefere. Der
Stationschef sollte dann den ursprünglichen Besitzer zitieren und
diesem, wenn nicht besondere Gründe dagegen sprächen, den Sklaven
zurückgeben, ihn aber zugleich verpflichten, an Maschemba für den
Transport des Sklaven und die Auslieferung pro Kopf eine bestimmte
Summe, die ich auf 5 Dollars anschlug, auszuzahlen. Ein solches
Verfahren mag vielleicht heutigen Tages den jetzt geltenden Prinzipien
bezüglich unseres Verhaltens in der Sklavenfrage entgegenstehen,
scheint mir aber doch den damaligen Zuständen des Südens angemessen
gewesen zu sein, da es vor allem darauf ankam, die Sicherheit des
Gebietes und der Karawanenstraßen herbeizuführen und von zwei Übeln das
kleinere mit in den Kauf zu nehmen.
Aber auch noch andere Umstände, als die Sklavenfrage, machten die
Verhältnisse im Hinterlande von Lindi schwierig und stellten an den
Stationschef weitgehende Ansprüche nichtmilitärischer Natur.
Daselbst bestand nämlich ein großartiger Pulverschmuggel sowohl von
unserer Küste aus, wie auch von portugiesischem Gebiet nach unserem
Hinterland. Eine Anzahl Leute im Hinterlande von Lindi selbst, unter
denen wiederum Maschemba, sowie Araber und Eingeborene, hatten es
verstanden, den Karawanenhandel, der von den Seen herunterkam, zum
großen Teil an sich zu ziehen. Sie hielten selbst größere Lager der
überall in Afrika am meisten begehrten, besonders aber im Süden
verlangten Handelsartikel, nämlich Pulver, Munition und Gewehre und
tauschten dagegen die Produkte des Innern, besonders Sklaven, ein.
Dies hatte den Nachteil, daß die Karawanen sich der Kontrolle an der
Küste entzogen und ihre Geschäfte schon im Hinterlande abmachten,
daß also an unserer Südküste eine Art Zwischenhandel bestand, der
die Zoll-Einnahme stark beeinträchtigte und uns den Einfluß auf den
wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Einfuhrartikel benahm. Die
verkaufte Munition wurde entweder nach den Plätzen unserer Küste, die
nicht besetzt waren, eingeschmuggelt oder vom portugiesischen Gebiet
über den Rovuma, wo ja auch Beobachtungsposten nicht bestanden, in das
Hinterland eingeführt.
Dem mußte natürlich nach Möglichkeit entgegengearbeitet werden. Ich
ließ durch meine Beziehungen zu den Eingeborenen und durch besoldete
Spione diejenigen Leute innerhalb des Machtbereichs der Stationen
ausfindig machen, die einen solchen verbotenen Handel betrieben und
erschwerte ihnen ihr Gewerbe nach Möglichkeit. Ferner aber verkaufte
ich, da ich diesen Zwischenhandel, namentlich die Schmuggelei über den
Rovuma zu Maschemba und jenen Häuptlingen hin nicht gänzlich verhindern
konnte, von der Station aus Gewehre und Munition an die Karawanen und
zog diese dadurch an die Küstenplätze.
Da jedoch die Abgabe von Kriegsbedarf an die Karawanen nicht
vorgesehen war, und auf den Stationen das nötige Pulver zum Verkaufe
nicht vorhanden war, benutzte ich den Umstand, daß meine strenge, in
der Umgegend von Lindi eingeführte Überwachung der den verbotenen
Handel betreibenden Leute einerseits, wie Nachsicht gegen dieselben
andrerseits einen Teil derselben bewog, mir ihre Vorräte auszuliefern.
Ich vergütete ihnen natürlich, damit sie keinen direkten Schaden
hatten, den Verlust an Waare durch Zahlung einer kleinen Summe.
Sodann wurden möglichst weit nach dem Innern hinein den vom Nyassa-See
kommenden Karawanen Vertrauenspersonen entgegengeschickt, die ihnen
mitteilten, daß sie ohne Furcht an die Küste selbst kommen, dort eine
gute Aufnahme finden und die von ihnen gewünschten Artikel kaufen
könnten.
Durch dieses Vorgehen gelang es sowohl dem Chef End in Mikindani,
der dieselbe Taktik befolgte, wie mir in Lindi, den Karawanenverkehr
an die Küste zu ziehen. Daß dabei bisweilen Sklaven vom Nyassa her
bei den Elfenbein-Karawanen mit unterliefen, war erklärlich; ebenso
notwendig war es auch unter den beschriebenen Verhältnissen, ein
Auge zuzudrücken. Es wäre sonst der ganze Verkehr gestört oder nach
dem benachbarten portugiesischen Gebiet, wo eine Kontrolle nicht
bestand, hinübergelenkt worden. Wir beschränkten uns darauf, eine
Sklaven-Ausfuhr von der Küste nach Sansibar, soweit dies in unsrer
Macht stand, zu verhindern. -- Allerdings befanden sich unter den
ankommenden Karawanen in Lindi auch solche von den Wahiyao-Häuptlingen
Mataka aus Mwera am Nyassa-See und Makendjira von Tschusiunguli, von
denen der erstere vielleicht ein Jahr früher zwei, der letztere mit
seinen Leuten einen Engländer ermordet hatte, um sich an ihnen für zu
strenges Vorgehen der Engländer an der Küste in der Sklavenfrage zu
rächen. Die Umstände indes und die Unmöglichkeit in den Verhältnissen
am Nyassa in dieser Beziehung vorläufig Wandel zu schaffen, zwangen uns
zu mildem Verhalten.
Eine weitere Landplage im Süden bildeten die das Hinterland
beunruhigenden Mafiti-Stämme, besonders die Magwangwara, die mehr
noch als die Sklavenjagden der Araber die Gebiete der angrenzenden
friedlichen Bewohner entvölkerten und die sich immer mehr und mehr
ausdehnten. Die Magwangwara werden häufig als Zulus angesehen, und
werden auch wie diese Wangoni genannt, ohne es indes wirklich zu sein.
Es hat in früherer Zeit allerdings von Süden her eine Invasion der
Zulus stattgefunden, die weite Gebiete bis an den Tanganjika heran
entvölkerten. Die meisten Stämme konnten ihnen nicht widerstehen und
es sind hier und da Niederlassungen von Zulus entstanden. Gerade
die Magwangwara waren jedoch ein Stamm, der den Zulus erfolgreich
Widerstand leistete. Sie fanden es jedoch nützlich, die Sitten,
Tracht und Kampfesweise der Zulus anzunehmen und sich einem bequemeren
Gewerbe, dem des Raubes und der Plünderung, hinzugeben, mit dem sie im
Laufe der Zeit ihren Nachbarn ebenso gefährlich wurden, wie die Zulus
in früheren Zeiten. Eigentliche Zulu sind die Magwangwara nicht.
Der kriegerische Sinn aller am Nyassa wohnenden Stämme, so auch schon
der Wahiyao, ist die Ursache, daß sie sich auf Kosten der schwächeren,
friedlicheren Nachbarvölker weiter und weiter ausbreiten.
Das unmittelbare Hinterland von Lindi, insbesondere das Hochplateau,
welches sich hinter der sich unmittelbar an der Küste hinziehenden
Hügelkette erhebt, das sogenannte Makanda-Plateau, war ursprünglich von
den Makanda, den Makua und Wamwera bewohnt; aber auch hier sind die
Wahiyaos eingedrungen und beherrschen große Gebiete jenes fruchtbaren
Plateaus, in dem sie ihre Grenze und ihre Macht immer mehr und mehr
erweitern.
Man kann nicht sagen, daß mit dem Zunehmen der kriegerischen
Bevölkerung eine Verminderung der Bodenkultur des Landes eingetreten
sei, vielmehr wird diese auch von den kriegerischen Stämmen des Südens
in gleicher Weise wie von den Mafiti des Nordens, -- die allerdings
zumeist ihre Weiber und Sklaven arbeiten lassen, -- in der fleißigsten
Weise betrieben. Davon legen z. B. die vielen nach der Küste kommenden
Produkte Zeugnis ab.
Von der sonstigen ursprünglichen Beschaffenheit des Landes sei
noch erwähnt, daß fast überall, wo nicht schon durch Bebauung eine
regelrechte Kultur eingeführt ist, ein undurchdringlicher, stark mit
Kautschuk-Lianen durchzogener Busch, wie wir ihn im Norden nur ganz
vereinzelt finden, hier allgemein das Land bedeckt. Die Märsche unserer
Truppen, das merkten wir stets bei unsern Expeditionen im Süden, werden
dadurch ungemein erschwert, besonders Feinden gegenüber, wie wir sie
im Süden vorfanden, die sich ganz ausgezeichnet auf die Ausnutzung des
Terrains und auf die Anwendung des kleinen Krieges in Afrika verstehen.
Selbst kleine Abteilungen konnten uns zuweilen die erheblichsten
Schwierigkeiten bereiten.
In Lindi selbst stand ich vor der Aufgabe, der erhaltenen Instruktion
gemäß, immer gute Beziehungen mit den Eingeborenen und besonders mit
den Machthabern des Landes, auch wenn diese am Aufstand und selbst an
der Vertreibung der Ostafrikanischen Gesellschafts-Beamten beteiligt
waren, herbeizuführen. Dem schon erwähnten Kadi Omar und dem Nassr
Munimgando, Leuten, die in ihren persönlichen Interessen durch den
zwischen dem Sultan von Sansibar und der Ostafrikanischen Gesellschaft
geschlossenen Vertrag geschädigt und zur Teilnahme am Aufstand bewogen
waren, gab ich gewissermaßen Vertrauensstellungen. Ersterer diente mir
als Sekretär und hatte die Suaheli-Korrespondenz mit den Machthabern
der Umgegend und des Hinterlandes zu besorgen, nebenbei hatte er auch
als Kadi ab und zu mir ratend zur Seite zu stehen. Letzterer hatte
besonders nach außen hin darauf zu wirken, daß die Karawanen nach der
Küste heruntergezogen würden. Jene beiden Leute waren ja, genauer
betrachtet, ziemlich große Halunken, doch waren sie unter damaligen
Umständen mir sehr nützlich. Leute dieser Art sind besonders dann gut
zu verwerten, wenn sie in jeder Weise merken, daß man ihnen auf die
Finger sieht.
Die Erwähnung dieser Verhältnisse habe ich für notwendig gehalten,
weil sie die Grundlage der nächsten Ereignisse im Süden bilden
und veranschaulichen, warum bei der Geringfügigkeit der uns zu
Gebote stehenden Mittel in unserm südlichsten Gebiet ein wesentlich
verändertes Vorgehen im Gegensatz zum Norden notwendig war.
Nachdem sowohl Chef End in Mikindani, als auch der Verfasser in Lindi
die Arbeiten beim Aufbau der Stationen soweit geführt hatten, daß die
Umwallung der Stationen und die Fertigstellung der Bastionen und Mauern
vollendet war, gingen wir beide gemeinsam an die Ausführung der bereits
angedeuteten Expedition in unser Hinterland. Sie galt dem Besuch des
Wahiyao-Häuptlings Maschemba und der Verhandlung mit ihm, außerdem
einem Besuch des einflußreichen Oberhäuptlings der Makanda Schikambo.
Ein jeder von uns hatte die disponiblen Truppen aus seiner Station
herausgezogen und wir vereinigten uns in Lindi, von wo aus die
Expedition angetreten wurde.
Schon am dritten Marschtage erreichten wir Dörfer der Wahiyao und
hatten mit diesen aus ganz geringfügigen Ursachen (Felddiebstahl der
Träger u. dergl.) Streitigkeiten, wobei es mit Mühe und Not gelang, ein
kriegerisches Einschreiten zu vermeiden. Am vierten Tage, an dem wir
Maschembas Dorf erreichen sollten, sandte uns dieser auf halbem Wege
seinen ältesten Sohn mit einer Begleitmannschaft von etwa 40 Leuten zu
unserer Begrüßung entgegen. Von den Wahiyaos wurden zur Feier des Tages
Kriegstänze aufgeführt, und von jetzt an auf dem ganzen Wege bis zu
Maschemba hin knallten Freudenschüsse, die Maschemba von der Annäherung
der Karawane in Kenntnis setzen sollten. Nach Passierung eines vor
dem Dorfe des Maschemba befindlichen ganz dichten Busches, der selbst
auf dem schmalen Fußpfade eine Menge ganz besonderer Hindernisse
bot, wurden wir von einer aufgeregten, total betrunkenen Bande, der
besonders die deutsche von uns selbstverständlich mitgeführte Flagge
unangenehm war, empfangen.
Die zahlreichen, zu vielen Hunderten hier versammelten Leute Maschembas
schossen ihre Gewehre immer noch unter der Firma Freudenschüsse in
die Luft ab, ein Zeichen, wie wenig es ihnen an Pulver und Munition
mangelte.
Da das Benehmen der Leute höchst auffallend und wenig Vertrauen
erweckend erscheinen mußte, ließen wir nach der Ankunft unsere Truppen
inmitten der Menge ein Carré formieren, und als dann Maschemba immer
noch nicht zur Begrüßung sich eingefunden hatte, wurde ihm ein Bote
entgegengesandt, der ihm unser kategorisches Verlangen nach seinem
Erscheinen überbrachte. Zugleich sollte er dafür sorgen, daß die Banden
ihr ungeberdiges Benehmen einstellten; andernfalls würden wir auf die
Menge Salven abgeben und das Dorf bestrafen.
Maschemba leistete der Aufforderung sofort Folge und kam
schwerbetrunken bei uns an, entschuldigte sich und seine Leute und
meinte, dieselben hätten erst am Abend des vorhergehenden Tages von
unserer Ankunft erfahren, und aus Freude über die seinem Dorfe zu Teil
werdende Ehre sich leider in Pombe betrunken.
Es war unter diesen Umständen natürlich an eine Verhandlung garnicht
zu denken. Maschemba befahl seinen Leuten auf mein Verlangen,
auseinanderzugehen und sich ruhig zu verhalten, während wir unter
Beobachtung aller nöthigen Vorsichtsmaßregeln Lager bezogen.
Um unnütze Reibereien mit den Leuten zu vermeiden, mußte Maschemba
Wasser, Brennholz und Baumaterial für den Lagerbau, sowie die nötige
Verpflegung an Feldfrüchten und Kleinvieh ins Lager schaffen. In
besonders erfreulicher Weise abstechend war das würdige Benehmen
unserer Sudanesen-Soldaten gegenüber den ungeberdigen Horden, auf die
sie mit Verachtung herabblickten.
Der Abend des Tages wurde insofern noch gemütlicher, als Maschemba
mit seiner Familie und den einflußreichsten seiner Leute zu mir ins
Lager kam und große Kalebassen Pombe mitbrachte, die dann gemeinsam
ausgetrunken wurden. Maschemba selbst war natürlich wieder sein bester
Gast. Ich benutzte die Gelegenheit, Maschemba einen vorher bereits
beschlossenen Besuch des stellvertretenden Reichskommissars +Dr+.
Schmidt für einen Monat später in Aussicht zu stellen und befahl ihm
dann für eine anständige Aufnahme Sorge zu tragen, wofern er weiterhin
darauf Wert legte, mit uns ein gutes Einvernehmen aufrecht zu erhalten.
Am nächsten Tage ging es zu dem Makandahäuptling Schikambo, der die
bittersten Klagen über die fortwährenden Beunruhigungen durch Maschemba
vorbrachte. Von Schikambos Dorf Niangamala ging der Marsch nach Ikonga,
wo die Expedition sich trennte. Chef End marschierte von hier aus nach
Mikindani, ich selbst über den Ukeredi-Fluß nach Lindi zurück.
Bald nach meiner Ankunft in Lindi empfing ich von Maschemba ein
Schreiben, worin er für das Benehmen seiner Leute um Entschuldigung
bat, und seine friedlichste Gesinnung und Unterwürfigkeit beteuerte.
Ohne viel hierauf zu geben, war es mir doch erwünscht, wenigstens
äußerlich die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten zu sehen, um den
Karawanenverkehr nicht zu sehr zu schädigen.
Bald indes drangen Nachrichten nach Lindi über ernstere Streitigkeiten,
die zwischen den Wahiyao Maschembas und den Makanda, den Leuten
Schikambos, ausgebrochen waren. Nachdem zuerst die Wahiyao einige
Verluste erlitten hatten, drangen sie im Gebiet der Makanda siegreich
vor und zerstörten einige Dörfer derselben von Grund aus. Einzelne
Makanda flüchteten bis nach Lindi, wohin Schikambo von dem Überfall
Maschembas berichtete. Maschemba seinerseits bedachte uns mit einem
Briefe, worin er angab, daß Schikambo durch Ermordung eines Verwandten
Maschembas eine Blutschuld auf sich geladen habe. Er, Maschemba, sei
dadurch zum Kriegszuge gegen die Makanda bewogen worden; nachdem er
jetzt Rache genommen, wäre für ihn der Streitfall beendet, zumal er
selbst Verluste erlitten hätte. Er wolle nur von der Sache Mitteilung
machen, um falsche Nachrichten von feindlicher Seite zu berichtigen.
Die Entschuldigung Maschembas erschien von vornherein haltlos, und es
wurde sowohl vom Verfasser, wie vom Stationschef in Mikindani beim
stellvertretenden Reichskommissar beantragt, nunmehr ernstlich gegen
Maschemba vorgehen zu dürfen, um entweder von ihm Garantie dafür zu
erhalten, daß ein mit ihm getroffenes Abkommen auch wirklich gehalten
werde oder gegen ihn mit Waffengewalt einzuschreiten. Da schon vorher
der stellvertretende Reichskommissar eine Expedition zum Besuch der
englischen Missionsstation des Hinterlandes und an den Rovuma zum Zweck
der Untersuchung auf das Vorhandensein von Kohlen beschlossen hatte,
wurde die Expedition sofort vorbereitet.
Die außerordentliche Wichtigkeit eines Kohlenlagers in unserem
Gebiete braucht keine besondere Begründung. Verfasser hatte bereits
früher nach Sansibar über das Vorhandensein von Kohlen berichtet. Vom
Vereinigungspunkt des Rovuma und Rienda sollte ein Mann, Namens Wadi
Bakari Kohlen in einem Canoe nach der Küste gebracht haben. Der Sultan
Said Bargasch hatte davon erfahren und einen französischen Ingenieur
in diese Gegend gesandt. Außerdem wurde dem Verfasser berichtet, daß
bereits einen Tagemarsch westlich von Mschinga Leute von Raschid
Schapapa vor jetzt 7 Jahren Kohlen gefunden und nach Lindi gebracht
hätten, wovon ebenfalls an Said Bargasch berichtet worden sei. Der
Sultan habe den Ort des Vorkommens wissen wollen, jedoch hätten Raschid
Schapapa und seine Leute das Vorhandensein von Kohlen bestritten und
überhaupt nichts von Kohlen wissen wollen, in der Absicht natürlich,
den Sultan oder gar die Europäer von weiterem Vordringen ins Innere
abzuhalten.
Die erwähnte Expedition des +Dr.+ Schmidt, zu welcher 2 Kompagnien
Sudanesen, eine Kompagnie Zulu, ein 4,7 +cm+ Geschütz, ein
Maxim-Gun und die nötigen Träger mitgenommen wurden, setzte sich am 6.
Oktober von Lindi aus ins Hinterland in Bewegung. Es nahmen daran Teil
von den Offizieren außer +Dr.+ Schmidt die beiden Stationschefs
von Mikindani und Lindi (End und der Verfasser), Chefarzt Gärtner,
die Lieutenants Scherner, Heymons, von Zitzewitz und Proviantmeister
Jancke. Vor dem Antritt der Expedition war Maschemba von den
freundlichen Absichten des stellvertretenden Reichskommissars brieflich
benachrichtigt und ihm nochmals anbefohlen worden, die Expedition, wenn
sie in sein Gebiet komme, gut aufzunehmen und Exzesse seiner Leute zu
verhüten. Obgleich Maschemba bis zuletzt den Schein der Unterwürfigkeit
bewahrt hatte, drangen doch schon bei Antritt der Expedition Gerüchte
zu uns, daß Maschemba alle Anstalten getroffen hätte, diesmal dem
Vorrücken in sein Gebiet bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.
Der Plan des +Dr.+ Schmidt war, wie erwähnt, die Stationen der
englischen Universitäts-Mission, Masasi und Nevala, zu besuchen, dann
südlich nach dem Rovuma abzubiegen und von dort aus auf dem Rückwege
Maschembas Gebiet zu durchziehen, um mit diesem, wenn möglich, auf
friedliche Weise ein Abkommen zu treffen, andernfalls ihn anzugreifen.
Nachdem die ersten Tage unseres Marsches zurückgelegt waren und wir
den Wamwera-Ort Mtua bereits östlich von uns hatten, wurden wir am 4.
und 5. Marschtage von Wahiyao-Horden Maschembas auf dem Marsche durch
das Dickicht in höchst ungünstigem Terrain angegriffen und wurden uns
zwei eingeborene Führer weggeschossen. Es gelang, die angreifenden
Horden zurückzuschlagen und die Führer durch andere zu ersetzen. Als
wir Maschembas Gebiet hinter uns hatten, wurde der Marsch nach Masasi
ohne Störung fortgesetzt. Die Missionsstationen der Engländer waren,
da sie stets dem Überfalle der Wahiyao- und Mafiti-Stämme ausgesetzt
waren, nur provisorisch aus Bambus hergestellt, damit die Missionare
in der Lage waren, sie bei drohender Gefahr abzubrechen und sofort zu
verlassen.
Von Masasi wandte sich die Expedition nach der Haupt-Missionsstation
Nevala. Am 20. Oktober wurde in Kisanga das Lager bezogen. In der
Umgegend waren in derselben Weise wie unmittelbar hinter Lindi Wahiyao
und Makanda angesiedelt. Kisanga selbst ist ein starkes, auf einer
steilen Höhe gelegenes, recht ausgedehntes Dorf. Wir lagerten an einem
Bache am Fuße der Höhe und glaubten besondere Besorgnis hier nicht
hegen zu müssen, als plötzlich ein Träger auf uns zugelaufen kam und
berichtete, daß einige Boys und Träger in Kisanga, wo sie Streit
bekommen hätten, von Wahiyao festgenommen, gebunden und durchgeprügelt
worden seien. Da zweifellos eine gewisse Schuld auf Seiten der Träger
und Boys lag, welche in dem fremden Dorfe nichts zu suchen hatten,
außerdem die Bewohner des Dorfes gerade ein Pombefest feierten und
sich dabei total betrunken hatten, erschien es erwünscht, im guten die
festgenommenen Leute von den Wahiyao herauszubekommen.
Chef End wurde mit seiner aus Mikindani mitgenommenen Kompagnie zur
Unterhandlung resp. zur Bestrafung der Leute von +Dr.+ Schmidt
abgesandt. Der Verfasser erbot sich dem +Dr.+ Schmidt, als Chef
End diesen Befehl erhalten hatte, mit Chef End zusammen abzumarschieren
und, wenn möglich, die Sache zu einem guten Abschluß zu bringen.
Aber schon als wir die steile Höhe, da es das Terrain nicht anders
gestattete, in Kolonnen zu einem emporklommen, merkten wir, daß hier
im guten nichts auszurichten sei. Der Schall der Kriegsgoma tönte uns
entgegen. Es blieb also nichts übrig, als die Stellung der zum Kampfe
fertigen Wahiyao zu erstürmen und einzunehmen.
Die Wahiyao hatten sich hinter hohen Felsen an dem von uns erklommenen
Fußpfade gut gedeckt und feuerten auf die von unten heranrückenden
Truppen. Gleich bei den ersten Schüssen erhielt der Verfasser eine
Kugel in die linke Brust, die an der Rippe entlang ging, den linken
Oberarm durchdrang und dann noch den direkt hinter dem Verfasser
gehenden Chef End traf, dem sie jedoch nur eine leichte Kontusion
beibrachte. Ich erhielt vom Chefarzt Gärtner auf der Stelle im
feindlichen Feuer den ersten Verband angelegt. Die Truppen wurden indes
nicht aufgehalten und drangen unter Chef End unerschrocken die steile,
schwer zu erklimmende Höhe empor. Von dem in brillanter Stellung
befindlichen Gegner wurde unglaublich schlecht geschossen: nur drei von
den farbigen Soldaten erhielten noch Verwundungen.
Der Gegner wurde aus seiner Deckung, in der er sich bei einigermaßen
gutem Schießen gegen jeden Feind hätte halten können, geworfen, die
zerstreut auf der Anhöhe liegenden Dörfer zerstört, der Feind weiterhin
verfolgt und demselben bedeutende Verluste, deren Höhe jedoch nicht
genau zu konstatieren war, beigebracht. Die gefangenen Träger und Boys
wurden teils an demselben Tage befreit, teils am nächstfolgenden Tage
durch Vermittlung der Station Nevala ausgeliefert. Das Verhalten der
Wahiyao von Kisanga, die allerdings von Maschemba aufgereizt waren,
war eigentlich nur auf die Trunkenheit derselben und auf den mit den
Trägern und Boys gelegentlich des Pombefestes entstandenen Streit
zurückzuführen. Den Tag nach dem Gefecht haben jedenfalls die Wahiyao
von Kisanga einen ebenso moralischen wie physischen Katzenjammer
gehabt.
Am 21. Oktober wurde Nevala erreicht und dort ein Rasttag gemacht,
dann aber wegen der Wasserarmut des Gebietes zwischen dem Rovuma und
Maschembas Land und wegen der Verwundeten in der Expedition, welche
die Marschfähigkeit derselben beeinträchtigten, das Vorgehen gegen
Maschemba für jetzt aufgegeben und für den nächsten Monat in Aussicht
genommen. Wir zogen von hier unmittelbar am Rovuma, den wir südlich
von Nevala erreichten, einige Tage ostwärts entlang und traten dann
den Rückmarsch nach Mikindani an. Der Rovuma als Fluß enttäuschte uns
gründlich, da derselbe bequem an allen Stellen zu Fuß zu durchwaten
war. Das Wasser reichte uns zu jener Zeit nicht einmal bis an den Leib,
aber auch in der Regenzeit dehnt sich der Fluß nur in die Breite aus
und zeigt ein ganz flaches Bett; nirgends besteht eine größere Tiefe.
Am 31. Oktober traf die Expedition wieder in Mikindani ein; es wurde
daselbst außer der nach Mikindani gehörenden Kompagnie, auch die
von Kilwa zur Expedition zugezogene Kompagnie zurückgelassen. Die
Expeditions-Kompagnie von Lindi wurde am selbigen Tage eingeschifft
und von +Dr+. Schmidt nach Lindi gebracht. Daselbst übernahm
Lieutenant von Zitzewitz in Vertretung des Verfassers vom Lieutenant
Wolfrum, der während der Expedition die Vertretung gehabt hatte,
die Stationsgeschäfte von Lindi. Der Verfasser mußte nach Sansibar
überführt werden, wo sich dann wegen seiner Verwundung das Antreten
eines Urlaubs nach Deutschland als notwendig herausstellte: durch die
Verwundung der Nerven des linken Oberarms war der ganze linke Arm
gelähmt.
In Sansibar angekommen, fanden wir daselbst den zu seiner Orientierung
über die Verhältnisse der Kolonie von Deutschland nach Sansibar
gesandten, bisherigen Gouverneur von Kamerun, Freiherrn von Soden
vor, während Wißmanns Ankunft und Wiederaufnahme der Geschäfte
des Reichskommissariats für den 1. Dezember angekündigt war. Die
Heraussendung des Herrn von Soden hatte allerdings zunächst den Zweck
seiner persönlichen Informierung, es war aber bereits damals Herr von
Soden als Ersatz für Wißmann bestimmt. Ein solcher Ersatz des allseitig
verehrten Kommandanten, dessen afrikanischer Erfahrung sich jeder ohne
weiteres beugen konnte und mußte, unter Verhältnissen, welche für
den Augenblick zwar friedlich erschienen, aber von niemandem damals
schon als dauernd betrachtet werden konnten, durch einen Civilbeamten,
welcher von Ostafrika nicht viel wußte, konnte keinem der Beamten und
Offiziere, ja nicht einmal den Kaufleuten sympathisch sein.
Das allgemeine, einstimmige Urteil ging dahin, daß an leitender
Stelle die wahren Verdienste Wißmanns weder erkannt, noch gewürdigt
wurden. Wir haben an den verschiedensten Stellen dieses Buches
darauf hingewiesen, daß nicht die militärische Thätigkeit allein
es war, welche jedem die höchste Achtung vor Wißmanns Blick und
Fähigkeiten abnötigte, sondern ganz besonders sein überaus großes,
organisatorisches Talent. Wenn man ihm die mangelhafte Rechnungsführung
nicht verzeihen konnte, so konnte dem durch die Einstellung geeigneter
Rechnungsbeamten besser abgeholfen werden, als durch eine vollkommene
Umgestaltung der Verhältnisse, die uns draußen des Führers beraubte.
Niemand weder in Deutschland, noch in Ostafrika konnte und wollte
glauben, daß eine solche aus der Natur der Dinge sich ergebende
Kleinigkeit, wie das Rechnungswesen zur Abdankung Wißmanns die
Ursache habe geben können, und noch heute sucht man vergeblich nach
innern stichhaltigeren Gründen für die Ernennung Sodens. Die äußere
Anerkennung der Verdienste Wißmanns in Deutschland konnte, so glauben
wir wenigstens behaupten zu können, ihn nicht dafür entschädigen, daß
das Hauptwerk seines Lebens fast vollendet einem andern übergeben
wurde.
Die Thätigkeit Wißmanns nach seiner Wiederankunft in Sansibar im
Anfang Dezember 1890 konnte nach der Lage der Verhältnisse nur noch
als provisorische betrachtet werden, als eine Art Überleitung zum
Civil-Gouvernement des Herrn von Soden, dessen Ernennung bald in Berlin
vollzogen wurde.